Am 1. Mai haben viele frei. Was also tun mit der geschenkten Zeit? Demonstrieren in Berlin ist in der Regel öde oder gefährlich. Beim DGB mischen sich Bier- und Gewerkschaftsfahnen mit Rostbratwurstgestank und allerlei langweiligen Reden. In Kreuzberg gibt’s meistens zunächst Multikultifood auf dem Mariannenplatz und zum Nachtisch Haue und Tränengas.
In den vergangenen Jahren pflegten sich manchmal auch revolutionäre Mitbürger verschiedenster Herkunft aufgrund gewisser Meinungsverschiedenheiten über die Rolle Stalins oder ähnlichem gut auf die Glocke zu geben. Bleibt, schönes Wetter vorausgesetzt, eine ausgedehnte Fahrradtour in das Umland, was aber aufgrund des an diesem Tag in der Regel vatertagsreifen Alkoholpegels der meisten Ausflügler auch kein reines Vergnügen ist.
Schluss mit dem Unfug und den ganzen Ritualen. Balkon oder Terrasse ist angesagt! Immerhin liegt der 1. Mai ja mitten in der Spargelzeit. Deswegen bei einem der unzähligen Brandenburger Direktvermarkter ein paar Kilo des herrlichen Wurzelgemüses besorgen. Den Vorabend verbringt man dann mal nicht bei irgendwelchen Walpurgisnacht-Gelagen mit anschließendem Spießrutenlaufen durch Spaliere erlebnishungriger junger Beamter, sondern mit einem Spargelschäler in der heimischen Küche. Wem das nicht revolutionär genug ist, der kann bei der nun folgenden gleichermaßen notwendigen wie nervigen Tätigkeit des Schälens ja dröhnend laut »Der Kampf geht weiter« von Ton Steine Scherben, »Bandera Rossa« vom Arbeiterkulturensemble des Chemiekombinats Guben und »Bullenschweine« von den Drecksäcken als Endlosschleife aufdrehen.
Alle Spargelschalen wandern schließlich in einen großen Topf und werden mindestens eine halbe Stunde lang ausgekocht. Den geschälten Spargel wickelt man in ein nasses Handtuch und packt ihn in den Kühlschrank. Danach hat man genug Muße, bei einem guten Glas Wein die Planung für den nächsten Tag zu präzisieren. Eines ist jedenfalls klar: Man wird am 1. Mai nicht demonstrieren gehen und ein paar Freunde dazu überreden, es einem gleich zu tun.
Am Vormittag beginnt man dann mit den konkreten Vorbereitungen des Kampftages der Spargelschälers. Auf dem Terrassentisch wird eine alte rote Fahne ausgebreitet, und größere Mengen Weißwein der Kühlung zugeführt. Wenn die Kumpels kommen, werden die Kartoffeln (am besten Linda) gegart oder gedämpft, es wird ein wenig Petersilie gezupft, etwas Butter zerlassen und schließlich der Spargel in dem Schalensud erhitzt. Hollandaise oder ähnliche Pampe ist ebenso verboten wie Schnitzel oder Schinken. Es gibt Spargel satt! Dazu trinken wir auch diesmal wieder (hatte sich in den vergangenen Jahren bewährt) einen jungen Weißburgunder von der südlichen Mosel. Was Stephan Steinmetz da aus den Muschelkalkböden holt, ist Sommer pur. Wiesenduft in der Nase bildet den Opener für einen klarer, erfrischenden Tropfen mit ein bisschen Steinobst und angemessener Säure. Passt!
Nach dem Spargelgelage beginnt der gemütliche Teil. Beliebt sind der Austausch alter Kampferlebnisse vom brennenden
Bolle-Supermarkt am Görlitzer Bahnhof in Kreuzberg (1987) und bei älteren Semestern von der Besetzung des AKW-Bauplatzes in
Brokdorf (1977). Falls man doch noch Bock auf Randale bekommt, kann man seine Anlage so laut aufdrehen, bis die Bullen kommen und sie beschlagnahmen wollen. Was auf den Straßen passiert ist, läßt sich, Interesse vorausgesetzt, in Nachrichtensendern wie N-TV oder Inforadio eruieren. Irgendwann geht man dann schlafen. Und ab dem 2. Mai steht man der Revolution wieder voll und ganz zur Verfügung.
Den Weißburgunder 2011 von
Stephan Steinmetz gibt es für 6,40 ab Hof.
Rainer Balcerowiak lebt und arbeitet als freier Publizist in Berlin und Wandlitz.
Zuletzt erschien von ihm „Das demokratische Weinbuch“ (
Mondo Verlag Heidelberg) 14,95 Euro. Im Herbst 2012 erscheint im selben Verlag sein nächstes Weinbuch.
Ferner schreibt er regelmäßig Beiträge bei
Captain Cork.
Aber zum Glück marschiert die 18 Uhr Demo ja dieses Jahr Richtung Mitte. Die Nachbarn dort sollen sich auch mal "beschützt" fühlen durch die lärmende Staatsmacht über ihren Köpfen. Das prägt ;-)