Zuwachs im Prekariat
Gestern Morgen hat mich Pitterken angerufen und gefragt ob wir nicht mal wieder ein Bier trinken gehen wollen. In unserer alten Stammkneipe und wie es mit gestern Abend sei. Ich sagte zu und war verdutzt. Vom Pitterken habe ich schon lange nichts mehr gehört. Er heißt auch eigentlich nicht Pitterken. Den Spitznamen verpasste ihm ein kölsches Mädel, Lotte das Zotteltier, in der Zeit, als noch jeder mit jeder ins Bett ging und Aids nicht einmal eine Drohung am Horizont war.
Sie war ein hübsches, williges und sehr bewegliches Mädchen, aber absolut ermüdend, weil sie den Mund nicht zubekam, beim vögeln und auch sonst. Sie blieb bis heute die einzige Frau, die einem selbst beim blasen noch was erzählen wollte. Damals hieß Pitterken noch Hans-Peter und sexuelles Versagen, war genau so ein Thema, wie meine mangelnden Fähigkeiten mit Werkzeug umzugehen.
Als ihr nun schon zum zweitenmal in dieser Woche der Trostpreis Hans-Peter zufallen sollte, baute sie ihre vollen 1,55 Meter vor uns auf, stützte die Arme in die Seite und schüttelte ihr Löwenmähnenhaupt: "Nicht mit mir. Dat Pitterken, steckt ihn zweimal rein, grunzt einmal und schläft auf mir ein. Ich darf mich dann zwei Stunden unter ihm hervorgraben und das wars für mich. Nicht mit mir." Ich sehe heute noch ihre wutfunkelnden Augen und Pitterken hatte seinen Namen weg und die kölsche Lotte teilte sich lieber mit einer anderen Frau einen Kerl, als sich unter dem Pitterken freizugraben.
Lotte hat damals irgendwann den Mann fürs Leben gefunden. Ihr Studium lief auch irgendwie nicht so. Wir wurden freundlich gebeten ihrer Hochzeit nicht beizuwohnen und ich hoffe das sie ihr Glück gefunden hat. Das Pitterken hat noch jahrelang versucht, den Spitznamen abzustreifen, aber wir waren grausam, gemein und haben uns noch nach zehn Jahren vor Lachen geschüttelt.
Pitterken wollte Architekt werden und sah sich als Künstler. Ein Schal, im Sommer aus Seide im Winter aus Wolle war sein Markenzeichen. Wie wir alle musste er sein Studium selbst verdienen. Keine Ahnung was bei ihm der Grund war, Unbotmäßigkeit gegen den Vater oder fehlende Kohle zu Hause. Aber der Grund war auch egal.
Er machte in Immobilien, ich Kalkulation im Schraubengroßhandel und dann Kneipe. Er wandelte Mietwohnungen in Eigentumswohnungen um, investierte ein wenig Farbe und ließ sonst eigentlich alles so wie es war und der Gewinn war riesig. Er fuhr Porsche, ich 2CV. Er wohnte ständig in seinen gerade fertig gestellten Objekten, ich kaufte eine Eigentumswohnung auf halbem Abbruch im Wedding.
Wir machten alle irgendwie Karriere. Auch Pitterken. Neben dem Porsche hatte er immer die teuren blonden Mädchen. Meist größer als er. Die sagten Schatzi und er zahlte. Wir lächelten, gönnten ihm aber sein Glück. Irgendwann waren wir etabliert. Er schob Immobilien in großem Stil, so wie das wohl nur in Westberlin ging. So schnell das Geld reinkam, ging es bei ihm auch wieder raus. Ich hatte da mehr Angst.
Pitterken setzte auf Wachstum, vor allem nach der Wende. Er war überall. So müssen die Augen der Goldgräber ausgesehen haben, wenn sie in wildem Wahn über ihre Funde berichteten, wie seine Augen wenn er mir erzählte, was er in Leipzig, Sömmerda oder auf Rügen verdienen würde. Er kaufte alles, billig mit viel Kredit. Ich kaufte auch einiges von ihm, aber nur für meine fixe Idee eines Reiterhofs.
Wir beide verloren. Ich das, was ich kalkuliert hatte und auch das nur zum Teil. Ihn muss es hart getroffen haben. Ich hörte das er nur knapp am Knast vorbeikam. Wenn wir uns trafen, ging es ihm bestens. Er hat in dieser Zeit eine blonde Frau aus der Ukraine geheiratet, die war sein Glück. Er kam wieder auf die Füße. Er wurde ruhiger. Das wurden wir aber wohl alle.
Dann verschwand er im wesentlichen aus meinem Blickwinkel. Telefonate zu Weihnachten und Geburtstagen. Mal schnell irgendwo eine gemeinsame Tasse Kaffee. Er wohnte draußen am Stadtrand. Herrschaftliche Villa. Ich immer noch in meiner billigen Bürgerablage. Wir sprachen sogar mal über gemeinsame Geschäfte. Eigentlich sprach er.
Und nun dieser Anruf. Ich telefonierte mal die anderen Freunde aus dieser Zeit ab. Brachte das Gespräch auf Pitterken. Nur einer aus Frankfurt hatte etwas handfestes. Pitterken war pleite. Er hatte seinen letzten Immobilienladen dicht machen müssen. Das Haus würde wahrscheinlich das einzige sein was ihm bliebe. Aber bei Hartz IV, die Strafe der SPD für gefallene Selbstständige, dürfe er das natürlich nicht behalten.
Gestern Abend waren noch ein paar von den anderen in unserer Stammkneipe versammelt. Die war schon alt, als wir sie das erste mal kauften und es hat sich bis heute nichts geändert. Nur der Teppich wird alle paar Jahre erneuert. Pitterken kam und bestellte Mineralwasser. Er erzählte uns wie gut es ihm ging.
Es wurden Zukunftspläne geschmiedet, als seien wir Zwanzig und nicht Fünfzig. Er trank auch für Mineralwasser eine Spur zu langsam. Seine Schuhe waren einmal teuer gewesen, aber jetzt mit billigen geklebten Sohlen versehen. Die abgestoßenen Enden sprachen für sich. Auch der Schal war nur noch ein trauriger Fetzen.
Pitterken erzählte uns, das er und seine Frau wieder in die Stadt wollten. Sich vom ganzen Aufwand mit Haus und Garten befreien. Ins Theater, was trinken gehen, einfach wieder mal Leben um die Ohren haben. Er fragte ob ich nicht. In meiner Bürgerablage. Da sei doch so ein Penthouse. Nicht sofort. Nur so für die Zukunft. Er würde auch erstmal mit zwei Zimmern und so.
Ich machte es ihm einfach, weil es mir das Herz zerriß. Natürlich ist er ein Idiot. Er ist im Prekariat gelandet. Damit wird er leben müssen, um auch nur den Hauch einer Chance zu haben, dort wieder weg zu kommen. Wenn er vor sich selbst und seinen Freunden nicht zugeben kann, das es ihm schlecht geht, dann bekommen wir das, was nur den Falschen nutzt.
Nachdem er gegangen war. Irgendwer übernahm seine Rechnung, sprachen wir sehr bedrückt darüber was abläuft. Immer mehr unserer Freunde und Bekannte laufen in diese Falle. Wir sind zu alt, als das man uns Zukunft zutrauen würde, zu jung um in Rente zu gehen. Politisch sind wir machtlos, weil keiner dem anderen die Wahrheit gesteht.
Das du heute noch einen Job hast, bedeutet doch nicht, das du den morgen auch noch hast. Mediziner und Juristen sagen offen, das sie häufig nicht wissen, ob sie über den nächsten Monat kommen. Es gibt sogar schon einen Arzt der mit seiner Praxis als Mietnomade durch die Stadt zieht. Überall ein paar Monate und dann geht es weiter. Wieviel Verzweifelung liegt darin.
Das Prekariat ist von jedem von uns, nur genau einen Fehler weit entfernt. Gut bei dir mögen es zwei sein.




















Anmerkung: die ein, zwei Fehler müssen noch nicht mal bei einem selbst liegen...
Erstklassiger Beitrag!!!
http://www.duckhome.de/tb/pages/traum.html
Mfg
Otaku
Manchmal muß man noch nicht mal einen Fehler machen, um unter dem Keller zu landen. Es sei denn, man sieht seine Träumerei, nicht im Prekariat zu landen als DEN Fehler schlechthin an.
Sollte sich für all die in den Arsch getretenen jemals ihre Lebenslage marginal ändern, fällt mir der Kalauer ein:
"Hurrah, ich bin umgezogen, über mir ist eine Kellerwohnung frei geworden".
P.S.: Darf ich Ihren herrlichen Text meinen Kumpanen von der Sozialschmarotzer-Gang zusenden?