Die große Schlacht ist geschlagen
Nein nicht die Schlacht am kalten Büffet. Die kommt erst Silvester und ist harmlos im Vergleich zu der allweihnachtlichen Schlacht an der toten Gans. Dabei ist es nicht nur die Schlacht selbst, sondern schon ihre Vorbereitungen, die alljährlich meine Haare noch weiter ergrauen lassen. Zum Glück vor allem an den Schläfen, ganz oben geht ja auch nicht, da beginnen sie auszugehen. Haarausfall ist bei vielen Männern eine typische Folge von Weihnachten. Die raufen sich die Haare aus, oder bekommen Sehnenscheidenentzündungen vom Ringen der Hände.
Selbst ich als schlachterprobtes Weihnachtsroß, zucke immer noch zusammen, wenn die beste aller Lebensgefährtinnen so mitten im August fragt, was es denn dieses Jahr zu Weihnachten geben soll. Die Frage ist natürlich rhetorisch gemeint, aber ich schlage tapfer Krustentiere, Steaks, gebackene Ameisen und sonstige Köstlichkeiten vor, aber das Urteil ist gefallen. Gans. Kein Mitleid liegt im Auge jener Dame. Die niedlichen kleinen, aber wachsamen Tiere, die bei unseren Freunden im Luch, so fröhlich über die Wiese toben, die müssen es sein.
Natürlich ist das längst keine Überraschung mehr. Die Gänse sind längst geordert. Wie immer. Meinetwegen könnten sie leben, bis sie am Gras ersticken. Ich mag Gans nicht. Weder ganz noch in Teilen. Der besten aller Lebensabschnittsgefährtinnen geht es genau so. Aber trotzdem muss es Gans sein. Wir haben schließlichlich Gäste und Verpflichtungen. Die erwarten von uns die Weihnachtsgans. Natürlich müssen es mehrere von den Viechern sein, wir haben viele Gäste.
Gänse sind übrigens eine Fehlkonstruktion der Natur. Die Mistviecher haben nur zwei Keulen und die Flügel verabscheut selbst der Dackel. Den Rücken will auch keiner. Theoretisch müsste so ein Vieh mindestens 8 Keulen und vier Brüste haben. Natürlich könnten wir weniger Gäste einladen. Aber tatsächlich laden wir nicht unsere Gäste ein, sondern die Gäste sich.
Am heiligen Abend taucht wie selbstverständlich die vergammelte Verwandtschaft auf. Einige fahren sogar weite Strecken, um bei uns Gänse mit Klößen und Rotkohl zu vernichten und mit der sonstigen Sippschaft zu streiten. Nur das mit dem Übernachten haben wir abgestellt. Der Dackel lässt keine Fremden über Nacht zu und außerdem haben wir soviel Kinder, das kein Platz bleibt. Aber die Gänse haben wir zu braten.
Wer jemals mit einer ganzen Gans und ihren Geschwistern vor dem heimischen Einbaubackofen stand, war sicherlich überrascht. Im Gegensatz zu Hühnchen, passen eben nicht mehrere Gänse in diesen Backofen. Das liegt nicht so sehr daran, das an den Gänsen so viel Fleisch ist, sondern daran, das die Viecher in der Mitte ein relativ großes Loch haben. Mag ja sein, das da früher der Magen und andere Innereien drin waren. Ist das meine Schuld. Wenn ich aus einem Fußball die Luft rauslasse wird er auch klein und handlich.
Apropo Fußball. Wenn man bei diesen Biogänsen nicht aufpasst, können sie leicht zäh wie Leder werden. Anders als ihre Verwandten aus der konventionellen Landwirtschaft, wurde ihr Gewicht nämlich nicht mit der doppelten Menge an Wasser verbessert. Das rächt sich. Während man die konventionellen problemlos braten kann, weil es Tage dauern würde, das Wasser wieder heraus zu kriegen, müssen die biologischen betreut, also begossen werden. Wer den Job als Chefgänsebegießer bekommt, dürfte auch klar sein.
Trotzdem passen die Gänse nicht auf einmal in den Backofen. Selbst der alte, der im Keller nur zum Zwecke der Gänsebratenherstellung noch ein verschlafenes Dasein fristet, hilft nur bedingt. Er erhöht die Zahl der gleichzeitig fertigstellbaren Gänse auf zwei. Zwei von fünf ist trotzdem ein Problem.
Unsere Verwandtschaft ist nicht nur verfressen sondern auch zahlreich. Also beginnt die Gänsebraterei bereits zwei Tage vor dem großen Fressen. Nur werden die Gänse nicht fertiggestellt, sondern quasi nur nahe an ihr endgültiges Ziel gebracht. Ein Jahr haben wir versucht, die Viecher bereits zerlegt aus der Küche zu bringen. Die Kritik war vernichtend.
Heute sind wir gewitzter und spielen den ganzen heiligen Abend über Gänsejonglieren. Mal ist die eine im Ofen, dann wieder die andere. Dazwischen Zeiten in einem Wärmeschrank den Klaus gebaut hat. Ich warte jedes Jahr darauf, das dieser Schrank in Flammen aufgeht. Unnötig zu sagen, das auch der Baum geschmückt werden muss. Aber da rase ich zwischen Keller und Küche hin und her und begieße die Gänse.
Außerdem habe ich einen Tannenbaumallergie. Meine Mutter meckerte schon immer wegen dieser Scheiß-Jahresend-Krüppelfichte. Dabei konnte sie sich bereits im Sommer in einem ganzen Wald von Weihnachtsbäumen ihren aussuchen. Aber der, der kam, war immer der Falsche. So entwickelte ich früh eine Tannenbaumallergie. Es ist mir egal ob das Ding schief ist, oder Äste fehlen. Manchmal sind sogar welche zu viel.
Die Kerzen sind entweder zu kurz an den Drähten oder sich gegenseitig im Wege und es ist mir auch egal ob die Kugeln, rot, blau oder gelb sind. Wenn man mich fragen würde, wären sie silbern und es gäbe nur Engelshaar, Lametta und Holzfiguren aus dem Erzgebirge am Baum. Aber mich fragt keiner und mir ist es recht. Irgendwie kriegen die unter tätiger Mithilfe der Kinder den Baum immer aufgerichtet und geschmückt. Ich komme dann loben.
Natürlich helfen die Kinder mit. Wir unterstützen den Weihnachtsmann. Eltern die so doof sind den ganzen Nachmittag im streng verschlossenen Wohnzimmer zu verbringen und ihren Kindern dann verkaufen wollen, den Baum habe der Weihnachtsmann oder wer auch immer geschmückt, gehören verhauen. Kinder sind nicht doof.
Bei uns schmücken die Kinder den Weihnachtsbaum, weil sie zählen können. Sie wissen wie lange das dauert, und das der arme Weihnachtsmann schon am 1. Januar losfahren müsste um alle Weihnachtsbäume dieser Welt zu schmücken. Bescherung ist bei uns auch nicht am Weihnachtsabend sondern am ersten Weihnachtstag. Wenn wir schon Gänse dressieren will ich auch in Ruhe essen. Nichts ist schlimmer als Kinder die auf Geschenke warten müssen. Da ist Ärger vorprogrammiert.
Im Oktober geht es bei uns um die Tischordnung. Wer ist gerade mit wem tödlich verfeindet, Tante Martha darf keinesfalls neben Tante Hilde sitzen weil die seit Omas Tod immer noch über die Ohrringe streiten. Ich finde es gut, so hat jede einen. Mich stört die beschlossene Tischordnung nicht, weil sie sich noch ungerfähr dreißig mal ändert. Aber wehe ich zeige kein Interesse. Schließlich ist es zum Teil ja auch meine Familie. Ich darf auch nicht sagen, wohin ich meine Familie schießen würde.
Ganz zum Schluß stelle ich zu meinem privaten Vergnügen immer noch mal die Tischordnung um. Die größten Säufer und Säuferinnen zusammen. Je schneller die anfangen zu singen, desto eher werden sie von ihren ehelichen oder außerehelichen Vorgesetzten ins Bett gebracht. Auch ruhig ein paar streitende Weiber nebeneinander. Das lenkt von den angebrannten Keulen bei der einen Gans ab und auch die Klöße sind nicht ganz so wie ich sie gerne hätte.
Die beste aller Lebensgefährtinnen hat noch nie mitbekommen, das ich die Gästeliste umwürfle. Sie glaubt immer die Gäste machen das. Ich kaufe auch immer rechtzeitig Sprit ein. Süß und hochprozentig für die Frauen, für die Kerle reicht hochprozentig. An solchen Tagen haben wir zum Glück artige Kinder. Die sind eben schlau. Sie wissen genau, wenn sie sich da zurück halten, können sie es die nächsten Tage um so ärger treiben.
Aber als Weihnachtsfeierzwangsveranstalter ist man ja schon freudig erregt, wenn überhaupt irgendwas klappt. Wenn Tante Cäcila und Onkel Arthur endlich eingetroffen sind, kann das Essen losgehen. Die beiden kommen immer etwas später, um zu zeigen, das sie es nicht nötig haben woanders als zu Hause zu essen. Dafür nehmen sie dann auch immer die dicksten Pakete mit Restessen, mit nach Hause. Aber eigentlich fehlt ihnen immer etwas Trüffel an der Gans.
Sobald alle am Essen sind kann man zwischendurch auch mal die beste aller Lebensabschnittsgefährtinnen küssen. Das kam die letzten Tage doch etwas kurz. Dann schnell ein Glas Selter und nachschenken bei den Gästen. Jede neue Gans wird mit einem Ausruf der Freude begrüßt und dann gnadenlos gefressen. Im Ofen sind schon die für morgen, wenn die Freunde kommen. Freunde kann man sich aussuchen. Verwandte nicht.
Wenn die Schlacht ihren Höhepunkt erreicht, die fettglänzenden verschwitzten Gesichter strahlen dann hat sich die Sache gelohnt. Man hat seine weihnachtlichen Pflichten, Folge eins, erfüllt. Die Teller wandern in die Küche, der Cheftellerwäscher tritt in Aktion. Reste in den Müll oder das magere für den Köter retten. Teller heiß abspülen und dann in den Geschirrspüler. Ohne Abspülen schafft er das Fett nicht. Hatten wir schon.
Wenn der Geschirrspüler rumpelt, die Gänseknochen und sonstigen Reste bereits draußen in der Mülltonne sind, dann komme ich auch langsam zur Ruhe. Ich genieße die ersten Betrunkenen. Das macht Spaß vor allem seit ich selber nicht mehr trinke. Ich hatte meine Anteil für dieses Leben schon. Genau wie beim Rauchen. Die Streihähne hängen auch programmgemäß aneinander. Ich frage zur Vorsicht noch mal nach der genauen Lage der Dinge bei den Ohrringen. ein Vetter der mit 40 noch bei seiner Mutter wohnt, macht eine komische Geste der Verzweifelung.
Dann lichten sich die Reihen. Einige lassen Geschenke für die Kinder da, andere nur ihren Müll. Mir ist es gleich, der Geschirrspüler ruft und die Kinder bekommen eh zu viel. Ich stehe zwar eigentlich über den Weihnachtsdingen, kaufe und schenke lieber dann, wenn ich etwas finde, das mich überzeugt, aber dann verfalle ich doch auch oft in den weihnachtlichen Kaufrausch. Was solls. Das Geld ist eh immer weg.
Die Kinder müssen ins Bett. Eine Geschichte wird vorgelesen. Heute ist es das letzte Kapitel aus der Weihnachtsgeschichte von Janosch. Oberförster Pribam hat zwar die Krippe nicht gebaut, aber der Weihnachtsbär hat alles richtig verstanden und alles wird gut. Ich mag es wenn alles gut ausgeht. Aber die Geschichte ist zu kurz, also muss Harry Potter noch ein Kapitel abliefern und dann gibt es noch eines aus Peterchens Mondfahrt. Alles schläft was Kind ist und der Vater muss wieder zum Geschirrspüler.
Die beste aller Lebensabschnittsgefährtinnen hat sich den Gästen gewidmet und sie auch teilweise verabschiedet. Ich frage obligatorisch ob wir noch einen trinken wollen. Die meisten verstehen das Signal "Schleicht euch!". Der Rest geht einfach mit. Den Qualm rauslüften und die schlechte Laune. Die beste aller Lebensabschnittsgefährtinnen braucht meine Hilfe um Pakete aus ihren Verstecken zu holen. Natürlich sind alle Verstecke oben und sie ist klein. Zwischendurch will mich der Geschirrspüler noch einmal sehen. Dann sind wir fertig. Fix und Fertig.
Aber es wird eine kurze Nacht. Um drei will der mittlere nachsehen ob der Weihnachtsmann schon da war. Ich rate ab, weil er den Weihnachstmann stören könnte. Um halb vier kommt der Kleine. Er redet zwar nicht mit uns, will aber das ich "Komm" und "An" mache, was bedeutet, das der junge Herr Licht wünscht und ich ihn doch lieber begleiten soll, falls der Weihnachtsmann beißt. Auch er landet bei uns im Bett. Es wird langsam eng. Dann kommt die Große, die mit ihren fünf eben doch nicht so groß ist, wie sie immer gerne tut.
Die bester aller Lebensabschnittsgefährtinnen schläft bereits auf der Bettkante. Ich stehe auf um Kaffee zu machen. Die Kinder müssen im Bett bleiben. Der Weihnachtsmann darf nicht gestört werden. Um sechs haben sie auch die Mama hellwach. Nun gibt es kein Halten mehr. Der Weihnachtsmann war tatsächlich da. Eine Werkbank für den kleinsten, eine Ritterburg für den Mittleren und einen CD-Player für die Große. Peter und Wolf dazu. Viele Kleinigkeiten. Ein Zelt von der Nennoma, die besser als jede Oma ist.
Jubel Trubel Heiterkeit. Ich ziehe mich ein wenig zurück und schimpfe in meinem Blog darüber, das die Welt auch am ersten Weihnachtstag noch so ist, wie sie ist. Revolution ist ein mühsames Geschäft. Aber dann geht es wieder in die Weihnachtsschlacht. Diesmal kleiner mit ausgewählten Freunden. Arbeit macht es trotzdem. Ist aber netter. Wieder die Gänse, der Rotkohl und die Knödel, die heute viel besser sind.
Der Geschirrspüler rumpelt, es gibt kleine Gesprächsgrüppchen. Natürlich ist die Politik ein Thema, wann wäre sie das nicht. Streit gibt es nur um Details. Selbst die Kinder zanken leise. Es ist Weihnachten. Der Abend ist früh zu Ende. Heute liest Mama vor. Es gibt nur Harry Potter. Sie mag den Herrn Sumsemann und Peterchens Mondfahrt nicht.
Es ist vorbei. Die Schlacht um Weihnachten ist wieder einmal geschlagen. Ich frage die beste aller Lebensgefährtinnen ob wir nicht nächstes Jahr in Felix Austria sein sollten. Sie lächelt und sagt vielleicht. Aber irgendwo dahinten, tief in ihr drin, sehe ich schon eine Gästeliste für Österreich, Zimmerreservierungen und Gänse die meinen Berg emporklettern, um gebraten zu werden.
Vielleicht machen wir doch lieber die Weltrevolution und sagen Weihnachten einfach ab.























Einen Grund sollte man haben, die Wintersonnenwende zu feiern - und da das heidnische Fest out ist... feiert man halt die amerikanische Konsumversion davon... oder diesmal garnicht.
Kommt mir alle gut ins neue Jahr