< Clement: "Ich bin nicht für 20.000 Euro käuflich" | Der Spiegel beisst die Hand von Mohn/Bertelsmann >
3. Kunst kommt von Können
Geschrieben von Jochen Hoff / Elsa Rieger
Donnerstag, 24. Januar 2008
Die Kunst ist eine Lüge, die uns
die Wahrheit erkennen lässt.
Pablo Picasso
6 Februar 2006 Wien 14 Uhr 30
Tschikowski bog missmutig vom Schottenring über die Börsegasse in die Werdertorgasse ein und hielt brummelnt vor dem Haus Nr. 12.
„Enrico Corleone. Enrico Corleone! So ein Dreck! Die Alte verarscht dich bestimmt.“ Er brummelte weiter in sich hinein, während er versuchte, den Klingelknopf mit der Aufschrift Marai bis in den Sandstein der Türverkleidung zu drücken.
„Hmm. Die Dame liegt in der Pathologie auf Eis, glaubst, die kann unser Klingeln da hören?“ Huber drückte den Knopf, auf dem sich der Hausbesorger Bruck selbst als Concierge adelte.
Tschikowski inspizierte den Klingelknopf: „Was willst denn vom Konserge Bruck? Der kommt in dem Fall gar nicht vor.“
Huber wurde einer Antwort durch eine Folge von völlig unverständlichen Krächzlauten aus einem Lautsprecher entbunden.
Am Ende der Lautfolge antwortete er mit einem lauten „Huber, Sicherheitsbüro! Sofort öffnen!“
Wieder das Gekrächze. Dann Stille. Nun reichte es Huber. Er hasste diese Billiglautsprecher hinter teurem Messing wie die Pest und konnte nie verstehen, warum viel Geld für das Klingelschild aber nichts für gescheite Lautsprecher und Mikrophone ausgegeben wurde. Er legte den Finger dauerhaft auf die Klingel.
Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, Tschikowski schob sofort den Fuß in die Tür, was ihm nicht nur einen Tritt einbrachte, sondern auch die volle Aufmerksamkeit der hageren, offensichtlich in vielen Treppenhauskämpfen siegreich erprobten Frau Bruck einbrachte, die ihn zeternd niederbrüllte. Huber, der den Typus kannte – er hatte selbst einmal über eine Schwiegermutter verfügt, angelte seinen Ausweis aus der Tasche und hielt ihn der Dame unter die Nase. Lesen konnte sie.
„Entschudigen'S, aber an der Lautsprechanlage versteht man nix. Was ist los? Ist schon wieder im Keller eingebrochen worden? Bestimmt der junge Scheidt aus dem Vierten. Ein ganz schlimmer Rotzbub.“
Mittlerweile hatte Tschikowski seine Sprache wiedergefunden und sorgte dafür, dass sie endlich in die Wohnung kamen. Kurze Zeit später traf die Spurensicherung ein.
„Die war eine Kosmopolitin“, sagte Huber.
Das Schlafzimmer, die Nachahmung eines arabischen Zeltes in Teakholz gehalten mit orangeroten Stoffmassen. Im Wohnzimmer Griechisch-Blau und Weiß, die Küche aus chinesischem Bambus. Arm konnte die Marai wohl nicht gewesen sein, konstatierte Huber.
„Was? Eine Politikerin war die?“ Tschikowski machte große Augen.
Huber schüttelte müde den Kopf. „Jedenfalls scheint sie nicht hier getötet worden sein. Keinerlei Blut- oder Kampfspuren.“ Er kniete sich auf den griechisch-blauen Teppich, legte den Kopf auf den Boden, um unter die Möbel zu schauen. Nichts, außer ein Paar lederbehosten Beinen, die in sein Blickfeld traten. „Servus, Hubsi.“
Der Kommissar kam mühsam auf die Knie. Einmal mehr spürt er, dass seine Pensionierung mit großen Schritten herankam. Helga half ihm hoch.
„Wenn das Kunst ist, werde ich mit meinen Tatortskizzen garantiert berühmt. Was soll das denn sein?“ Tschikowski konnte sich nicht beruhigen, er kam so richtig in Fahrt. „Was will denn die hier? Das ist ein Tatort.“ Er warf Helga einen bösen Blick zu. Diese Blonde mit dem Pagenkopf war noch nie sein Fall gewesen. Spielte sich irgendwie als Rockerbraut auf, schwarzes Leder und graue Rollkragenpullover. Für ihn hat sie auch zu wenig Holz vor der Hütte, außerdem war sie einen Kopf größer, was er nicht vertragen konnte. Eben schaute sie auf ihn herunter und sagte: „Hubsi, du solltest ihn an die Leine legen und ihm einen Maulkorb verpassen. Tschikowski, du Komiker, ich bin zurzeit die einzige, die diese Wohnung bereits kennt und der eventuell irgendwas auffallen könnte. Du solltest mir dankbar sein, dass ich mich als Zeugin zur Verfügung stelle. Capito.“ Sie wanderte zu dem kleinen Aquarell, das an sehr prominenter Stelle hing und für diesen Ort eigentlich zu klein war. „Das ist neu und das auf der anderen Seite auch. Hier hing etwas großes Buntes.“
Der Mitarbeiter der Spurensicherung, der gerade Fingerabdrücke vom Bilderrahmen abnahm, mischte sich ein: „Wenn es echt wäre, sollte es gar nicht hier sein. Ihr seht hier ein Bild von Emy Roeder. Eine Studie zu ihrer Statue die Badende. Das Original wurde vor einiger Zeit im Brücke-Museum in Berlin gestohlen. Aber das hier ist eine sehr überzeugende Kopie und das andere eine Kopie von einem Bild des französischen Malers Auguste Renoir, das in Stockholm gestohlen wurde.“
Tschikowski baute sich in voller Höhe vor dem Kriminaltechniker auf, womit er ihm glatt bis zur Brust reichte. „Aha. Heutzutage sind die Herrschaften Spurensicherer auch Kunstexperten. Verstreu dein Fingerabdruckpulver und halte dich aus den Ermittlungen raus. Mit deinen Kalenderblattkunstkenntnissen kannst du die Mädchen an der Tankstelle beeindrucken.“
Bevor er aber so richtig in Fahrt kommen konnte, hatte Huber ihn abgebremst, indem er ihm die Hand in den Nacken legte und zudrückte.
Helga wandte sich dem Kunstkenner zu: „Woher weißt du das alles?“
„Ich wollte eigentlich Kunstgeschichte studieren. Dann kam das erste Kind und nun bin ich hier. Aber ich beschäftige mich in der Freizeit immer noch mit Kunst. Vor allem mit gestohlener. Die beiden Bilder passen hier nicht rein. Alles andere ist wirklich eher Kalenderware. Für die beiden gibt es sogar klimatisierte Transportkisten. Außerdem stehen im Schlafzimmer zwei andere Bilder an der Wand, die genau da her passen würden. Ich schätze, hier hat jemand versucht, Fälschungen an den Mann zu bringen.“
Helga sagte mit ihrem strahlendsten Lächeln zu Huber. „Hubsi, weißt du, woran ich gerade denke?“
„Vergiss es. Wenn ich auch nur auf die Idee komm, einen Antrag auf Untersuchung eines dieser Gemälde zu stellen, werde ich öffentlich vom Landespolizeikommando in Anwesenheit unseres Innenministers gehängt. Bei unseren finanziellen Mitteln fangen wir schon an, Drogen im Selbsttest zu analysieren.“
„Aber Hubsi, denk einmal scharf nach, wir haben den Reichsgrafen in Berlin, der mit jeder Versicherung dieser Erde Kontakt hat. Die zahlen solche Untersuchungen mit links und ziehen die Kosten dann eh von der Steuer ab. Ich muss ihn bloß anrufen.“
Tschikowski war nicht mehr zu bremsen: „Johann Laurenzio Reichsgraf zu Wernicke-Biesendorf, den möchte ich nie wieder in Wien sehen. Sechs Stunden bin ich in der vollgeschissenen Dixi-Toilette gehockt ...“
„... weil du ihn mit deinem ewigen Herumnörgeln genervt hast. Die Kranfahrer haben am nächsten Morgen übrigens viel Freude gehabt und du müsstest jetzt wissen, dass man ein volles Klo nicht schaukelt. Wenn du jetzt nicht ruhig bist, kannst die Erfahrung gerne wiederholen“, sagte Huber zu ihm, ehe er sich an Helga wandte: „Ruf ihn sofort an. Die Bilder sind sichergestellt und schaden kann es nicht.“
Helga hatte sich schon zur Seite gedreht und führte ein schnelles Gespräch mit Tatijana Iwanowna Kropotkin, der Zuschlägerin des Reichgrafen, die sein Telefon bewachte wie eine Tigerin ihr Junges. Bereits nach wenigen Sätzen war das Gespräch beendet.
„Hubsi, da kommt gleich eine Kunstspedition, die hat eigene Kisten für den Transport, soll aber auch die hier vorhandenen mitnehmen, wenn die auf Spuren untersucht worden sind. Johann hat Versicherungsaufträge für die Bilder, das ist kein Problem. Zumindest das Aquarell von Emy Roeder muss wahrscheinlich nach Berlin oder Würzburg, um untersucht zu werden. Der Renoir geht in die Albertina. Die Bilder werden für die Zeit über die Münchner Rück versichert. Entschuldige mich jetzt bitte. Ich muss wenigstens das, was wir wissen, an ihn mailen. Über einen Bericht von euch würde er sich sicher auch freuen. Tschikowski? Soll ich ihn grüßen lassen?“
Huber grinste breit, während Tschikowski erstickte Geräusche von sich gab und Helga davon eilte.
„So, dann packen wir den Renoir ein und schaffen ihn zum Experten.“ Tschikowski schickte sich an, das Gemälde abzuhängen. „Sei nicht so deppert! Den Transport macht die Kunstspedition und die fertigen die Kriminaltechniker ab. Herrgott, Tschikowski!“
Worum es geht
Vorheriges Kapitel
Nächstes Kapitel am 29.01.2008
Trackbacks
Trackback-URL für diesen Eintrag
Keine Trackbacks



















