4. Der Experte
Die letzte Stimme, die man hört, bevor die Welt
explodiert, wird die Stimme eines Experten sein,
der sagt: 'Das ist technisch unmöglich!'
Sir Peter Ustinov
9.Februar 2003 Wien 10 Uhr 15
Rokitansky fuchtelte mit dem Skalpell herum, wischte es dann an der blutverschmierten Schürze ab. Tschikowski hielt ein Tempotaschentuch vor sein fahlgrünes Gesicht.
Der Gerichtsmediziner dozierte: „Die Tote ist eindeutig vergewaltigt und während der Ejakulation erdrosselt worden.“ Er stellte seine Kaffeetasse neben den Leichnam der Marai, „Und jetzt werde ich die Spermareste herausholen für die DNA ...“
Tschikowski rannte würgend hinaus.
„Was hat er denn?“ Rokitansky streifte den Spatel in ein Glasröhrchen.
„Wann gibt’s das Ergebnis?“, fragte Huber und wich einen unmerklichen Schritt zurück, als der Professor die geöffnete Bauchdecke auseinanderklappte.
„In anderen Umständen war sie jedenfalls nicht ... achso, das kannst morgen Abend haben, Huber.“
Draußen kam eben Tschikowski aus dem Klo, als der Hauptkommissar auf den Gang der Gerichtsmedizin trat. „Was du in letzter Zeit zusammenspeibst. Bist schwanger?“, sagte er, verkniff sich ein Grinsen, der Kerl sah zum Fürchten schlecht aus. Hubers Handy klingelte.
„Pass auf Hubsi, ich lauf jetzt schnell zur Albertina, weil ich eh auf der Kärntnerstraße bin, vielleicht wissen die ja schon was wegen dem Renoir.“
„Was keuchst denn so, Helga?“
„Na, ich laufe zwischen Touristenhorden durch. Furchtbar, lauter Italiener, als ob der Fasching in Wien so toll wär ...“
„Ruf mich an, wenn du die Expertise hast.“
„Hubsi, du musst dort anrufen, damit die mir überhaupt eine Auskunft geben, verstehst? Ich bin nicht mehr bei der Polizei, vergessen?“
Helga bog in die Quergasse zwischen der Staatsoper und dem Hotel Sacher ein, froh, dem Trubel der Kärntner Straße zu entkommen. Immer noch erschrak sie, wenn sie die Blechkonstruktion des Architekten Hollein über der altehrwürdigen Albertina betrachtet, in der eine der weltweit größten Graphiksammlungen und das Filmmuseum untergebracht waren. „Wie kann man nur“, murmelte sie ob der Geschmacklosigkeit. Während sie den Albertinaplatz überquerte, fiel ihr Blick auf das Mahnmahl gegen Faschismus.
„Raue Kunst von Alfred Hrdlitzka, er drückt aus, was ich fühle“, sagte Drago einmal zu ihr. Helga wusste, nach dem Geigenunterricht, der in der Nähe stattfand, kam er oft hierher und betete.
„Ausweis“, sagte der Portier.
„Ich bin angemeldet. Vom Hauptkommissar Franz Huber.“
„Das kann jeder sagen. Beweise?“ Der ältliche Mann beugte sich ein Stück über die Glaswand, hinter der er thronte. „Sind Sie von der Polizei?“
Helga zückte das Handy und löste damit den weltweit bekannten Portiersreflex aus.
„Man wird doch noch mal fragen dürfen! Da könnte ja jeder kommen. Und überhaupt. Zweites Untergeschoss Raum U2-314. Nehmen’S die Treppe, für die Fahrstühle brauchen Sie einen Schlüssel.“
Helga kümmerte sich nicht weiter um den begnadeten Wächter und stürmte durch die Tür, bevor der hinterhältige Summer wieder erlosch.
Dahinter im Treppenhaus umfing sie Düsternis einer mittelalterlichen Gruft und ein Geruch, als ob Desinfektionsmittel den Gestank der Kadaver in den Kerkern zu übertönen versuchten. Tapfer hielt sie bis zur Tür vom zweiten Untergeschoss durch. Sie war versperrt. Eine genaue Analyse des Bereiches um den Türrahmen ergab dort einen Schalter, der früher geleuchtet hatte und damals den Begriff Türöffner verkündete. Sie drückte darauf. Es ertönte ein Summen, das endete, als sie den Türgriff erreichte. Es folgte eine Reihe von Versuchen, mit der einen Hand den Knopf und der anderen den Türgriff zu bedienen. Zum Schluss trat sie mit dem Fuß auf den Öffner und riss gleichzeitig die Tür auf. Nun verstand sie auch, weshalb das Licht an dem Schalter aus war.
Hinter der Tür stand ein sehr erstaunt blickender weißbekittelter Jüngling: „Wie haben Sie das denn geschafft? Bisher ist noch niemand allein aus dem Treppenhaus herausgekommen. Die meisten sind aufgefallen, weil sie nach Stunden die Fluchttür zum Dach öffneten. Die hängt an der Alarmanlage. Sie sind bestimmt Frau Huber wegen dem Renoir? Ich bin Dr. Pollanz, folgen Sie mir einfach.“
Er eilte mit Riesenschritten vor ihr her, sein Kittel stand nach hinten ab zeigte einen knackigen Hintern in engen Jeans. Sie stürmten in ein Labor, an dessen Breitseite der Renoir im Licht vieler Lampen hing.
Helga, die noch geblendet von der Helligkeit an der Tür verharrte, wurde vom Jüngling umfasst, der sie vorwärts zog, um mit ihr im Arm eine Art Kratzfuß vor dem Bild machte: „Darf ich vorstellen, der Stockholmer Renoir, Frau Huber. Frau Huber, der Stockholmer Renoir.“ Dann grinste er Helga breit an und ergriff ihre Hände. „Mensch, das ist mal eine Klasse Ermittlungsleistung. Das Bild hatten wir alle längst verloren gegeben. Denn immer, wenn es keine Lösegeldforderungen gibt, wird das Bild im Auftrag eines Sammlers gestohlen und verschwindet in dessen Sammlung. Wir sehen das Diebsgut höchstens wieder, wenn dumme Erben es versteigern wollen. Ich bin so glücklich.“
Helga entzog ihm ihre Hände nicht, sein Griff war fest und trocken. Die Euphorie des Experten begann auf sie einzuwirken: „Sie sind ganz sicher, dass, das Bild echt ist?“
„Aber ja. Wir haben alle Tests gemacht, die möglich sind, ohne Zerstörungen anzurichten. Farbe, Leinwand, Holz des Rahmens, Maltechnik, Art der Bespannung, alles stimmt. Selbst die kleinen Ungereimtheiten, die sonst immer übrig bleiben fehlen.“
„Welche Ungereimtheiten?“ Helga vergrößerte ein wenig die Distanz, die sich unmerklich verringert hatte.
„Nun ja, Ausbesserungen und zu alte Leinwand, weil der Künstler aus Geldmangel eine gebrauchte übermalte, starke Übermalungen an sich. Alles Dinge, die eine Expertise in Frage stellen können. Aber ich kann Sie beruhigen, hier ist nichts. Alles stimmt. Sobald der entsprechende Gerichtsbeschluss erwirkt worden ist, kann das Bild wieder zurück nach Stockholm. Vielleicht mache ich ja mal da Urlaub und besuche es.“
Helga ertappte sich erst beim Flirten als sie sich sagen hört: „Ich bringe das Bild persönlich nach Stockholm ...“ Ihre Wimpern klimperten. Sogleich schlug sie die Augen nieder. Zu spät, denn Dr. Pollanz ergriff ihre Hand und gurgelte: „Da muss ich gleich meinen Urlaub in der Verwaltung bekannt geben ...“
Gerade überlegte Helga, wie sie die Hand zurückbekommen könnte – Pollanz schickte sich an, einen Kuss darauf zu drücken, da ertönte ein Kampfschrei und die Tür wurde mit einem Tritt geöffnet.
„Hubsi!“ Helga errötete.
Als sie am Mahnmal Richtung Kapuzinergruft vorbeigingen, fing Helga Drago auf, der versunken davor stand, den Geigenkasten an die Brust gepresst. Zu Dritt passierten sie den Graben bis zur Pestsäule. Dort blieb Huber abrupt stehen. „Wenn Tatijana Iwanowna Kroptkin Morgen nach Wien kommt, müssen wir sie mit Dr. Pollanz kurzschließen, er kann ihr am Besten den Renoir aushändigen.“
Drago bemerkte, dass Helga bei der Erwähnung des jungen Experten rot anlief. Ernst musterte er sie. Schnell hängte sie sich bei ihm ein. „Komm, mein Schatz, machen wir Feierabend, ich brauche ein Bad.“
Drago schien die Starre aus dem Blick zu verlieren und drückte Helga an sich.
„Bis Morgen, Hubsi“, sagte das Paar im Duett und trollte sich.
Huber ging in die Dorotheergasse und kehrte bei Trzesniewski ein, um ein paar der „Beliebtesten Brötchen seit 100 Jahren in Wien“, wie über der schmalen Tür stand, zu genießen, kombiniert mit einem Pfiff Bier.
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