5. Der Reichsgraf
Geschrieben von Jochen Hoff / Elsa Rieger
Donnerstag, 31. Januar 2008
Nur eines beglückt zu jeder Frist:
Schaffen, wofür man geschaffen ist.
Paul Heyes
16.Februar 2006 Berlin 2 Uhr 15
„Aqui se queda la clara, la entranable transparencia, de tu querida presenzia Comandante Che Guevara.”
Im Aufwachen hörte Tatijana jemanden, der sich auf Spanisch darüber freute, das man bei Che Guevara immer durchblickte. Sie hingegen sah nichts, was daran lag, dass es finstere Nacht war. Sie tastete nach dem Lichtschalter und fluchte über diese Scheißtelefone, die sich offenbar als Musikautomaten verstanden, ehe sie den Knopf für die Gesprächsannahme drückte. Wäre es ihr Telefon gewesen, hätte sie dem Gegenüber den Marsch geblasen, aber das war die Leitung von Johann Laurenzio Reichsgraf zu Wernicke-Biesendorf, ihrem Chef.
Aus dem Telefon ergoss sich ein Schwall von spanischen oder portugiesischen Worten, die eher an Maschinengewehrfeuer als an Sprache erinnert. Sie verstand ein paar Worte wie Conde Laurenzio, Pablo Picasso, Henri Matisse, Salvador Dali und Claude Monet.
Mehrfach versuchte sie mit einem „Hey“ den Redestrom zu stoppen. Den Conde Laurenzio hatte sie sich schon mit ihrem gräflichen Chef übersetzt. Um diese Zeit störte man Johann besser nicht. Er liebte nämlich das geregelte Leben und in seinem Inneren tickte eine Schweizer Präzisionsuhr.
Endlich versiegte der Wortwasserfall.
Tatijana probierte es auf Englisch: „Hello?“ Treffer.
Die Sekretärin eines Mitarbeiters des Justizminister Marcio Thomas Bastos aus Brasilia wünschte energisch ihren Chef mit wem auch immer zu verbinden. Tatijana bat um einen Augenblick Geduld.
Als sie aus dem Bett stieg, hatte sie Gelegenheit, ihren nackten Körper im Spiegel zu betrachten. Sie war gerade Mal ein Meter sechzig klein und ihre Brüste hätten ihrer Meinung nach größer sein können, etwas Fett auf den Muskeln wäre ihr ebenfalls lieber gewesen, dennoch mochte sie sich und grinste. Dann ging sie zu ihrem Boss. Das einzig Gute an nächtlichen Anrufen war, sie konnte sich nackt ihrem Chef als Köder anbieten. Er sah sie an, freute sich darüber, biss jedoch leider nie an. Ein schwieriger Fisch.
Als gebürtige Russin war Tatijana eine Anglerin mit Geduld. Sie klopfte an Johanns Zimmertür, öffnete sie im gleichen Moment und schaltete das Licht ein. Der große Leonberger am Fußende hob nur den Kopf. Er hatte sie ja schon auf dem Gang gewittert.
Am Tage hätte die Störung ein Donnerwetter ausgelöst, aber nachts sind nicht nur alle Katzen grau, selbst Reichsgrafen werden dann langsamer in ihren Reaktionen.
Sie sah ihm so gerne beim Aufwachen zu. Es ähnelte dem Einschalten eines Roboters, wie man es aus Filmen kennt. Zuerst öffneten sich seine Augen, huschten durch den Raum. Danach folgte die Frage, die er immer stellte: „Hätte das nicht bis morgen zur Bürozeit warten können?“
Sie antwortete: „Guten Morgen, Johann. Das kann ich nicht beurteilen. Ein Mitarbeiter des brasilianischen Justizministeriums ist nicht ganz meine Kategorie.“
Er warf die Decke weg, stand auf und nahm das Telefon entgegen. Auch das war ein Moment, den Tatijana liebte. Johann hätte nie im Bett liegend telefoniert. Selbst am Schreibtisch stand er meist auf. Nur das er dann nicht nackt war. Er begann sofort zu sprechen, was bedeutete, dass sie im Raum bleiben sollte, um eventuelle Anweisungen entgegen zu nehmen.
Tatijana hatte schon bei ihrem Vater gelernt, das Beste ist, die Ohren auf Durchzug zu stellen, wenn andere telefonieren. Zu bestimmten Zeiten der Sowjetunion hätte sie auch nicht wirklich hören wollen, was ihr Funktionärsvater besprach. Sie glitt auf den Teppich neben den Hund, der sich leise brummend für ihre Streicheleinheiten bedankte. Sie mochte das langhaarige Fell des mächtigen Rüden, das weich wie Seide war.
Johann marschierte in ziemlichem Tempo im Zimmer auf und ab. Er unterhielt sich dreisprachig.
Nachdem er aufgelegt hatte, sagte er: „In Rio sind heute Abend vier berühmte Bilder gestohlen worden. Die Namen der Maler und die Titel bekommen wir gleich per Mail. Falls da keine Fotos dabei sind, such mir bitte welche im Netz und ich brauche die Telefonnummer von Luiz Camillo Osorio. Das ist ein bekannter brasilianischer Kunstkenner, der sicher etwas mehr als der Minister weiß.“ Er ging in sein Badezimmer. Tatijana folgte ihm. Während er unter der Dusche stand, erweiterte er seine Anweisungen: „Die vier Täter haben ohne jede Intelligenz, aber mit großer Härte gehandelt. Bewaffnung vermutlich Maschinenpistolen, wahrscheinlich Uzis und Handgranaten. Sie schlugen die Wächter nieder und raubten die dumm rumstehenden Touristen zusätzlich aus. Prüf bitte nach, ob wir irgendwas über solche Haudraufs in der Gegend haben.“
Tatijana nickte und verschwand in Richtung Büro, nicht ohne noch einmal ihre Blicke über Johann wandern zu lassen, der lächelte und ihr mit der Hand die Tür wies.
Eine halbe Stunde später beschäftigte sich ein hellwacher und angezogener Johann damit, den Kaffeeautomaten zur Auslieferung von Kaffee zu überreden, was dieser wie üblich mit der Abgabe einer leeren Tasse quittierte. Die Aufforderung, eine gefüllte rauszurücken, beantwortete er mit der doppelten Ration plätschernden Kaffees. Das Ergebnis war die übliche Schweinerei.
Aber Johann grinste nur, begoss damit die nächststehende Pflanze und ging an seinen Schreibtisch.
Tatijana fragte: „Osorio? Die sind vier Stunden zurück, das müsste noch gehen.“
Johann nickte und betrachtete die ausgedruckten Informationen.
Das beraubte Museum Chacara do Ceu befindet sich im früheren Haus des Unternehmers und Mäzens Raymundo Ottoni de Castro Maya und ist nach internationalem Standard nicht besonders gut gesichert. Menschliche Wachen anstatt Elektronik. Das war eine Erklärung für das gewalttätige Vorgehen. Menschen lassen sich von direkter Gewalt am leichtesten beeindrucken.
Johanns Telefon klingelte. Osorio hatte bereits einen Überblick. Den Wert der Bilder schätzte er auf über vierzig Millionen Euro. „Reichsgraf, es ist sonnenklar, dass es sich um internationale Täter handelt. Entweder sie haben das Beste des Museums auf Bestellung oder zur Lösegelderpressung geklaut.“
Johann konnte ihn direkt denken hören, nach einer Weile sprach er weiter: „Ich halte die Sache mit Lösegeld für fraglich, auch wenn das die aktuelle, offizielle Lesart in Brasilien ist. Der Raub des einzigen Dali, der in ganz Lateinamerika in einer öffentlichen Sammlung ist, schaut mir nach Auftrag eines durchgeknallten Sammlers aus. Und zwar in Europa.“
Der Reichsgraf schnippte mit zwei Fingern Taijana zu und deutete auf den leeren Becher. Hüftschwingend strich sie an ihm vorbei, berührte ganz zufällig seinen Ellenbogen mit der Brust, als sie ihm den Kaffee hinstellte.
„Während die Behörden die Bilder noch im Land vermuten, gehe ich davon aus, dass sie bereits draußen sind.“ Osorio verstummte.
„Dann wollen wir es mal angehen“, meinte Johann.
„Keine üble Idee, Reichsgraf. Ich wundere mich schon lange, das nicht mal einer was unternimmt. In letzter Zeit verschwinden ja ständig berühmte Bilder aus Museen und tauchen nicht mehr auf. Haltet mich auf dem Laufenden – Berufsinteresse“, sagte er noch und legte auf.
Im gleichen Moment schob Tatijana neue Ausdrucke über den Schreibtisch. Bei den geraubten Bildern handelte es sich um Picassos „Der Tanz“, „Le Jardin du Luxembourg“ von Matisse, „Die zwei Balkone“ Dalis und ein Seestück von Monet, das dieser selbst einmal im Schaufenster des Farbenhändlers Latouche ausgestellt hatte; Monets Zeitgenossen diskutierten das Werk damals heftig.
Johann fasste für seine Mitarbeiterin die Meinung des brasilianischen Kunstexperten zusammen und bat sie, nach ähnlichen Fällen zu suchen.
Tatijana stand auf. „Soll ich mir nicht doch lieber erst mal etwas anziehen?“
„Wozu?“ fragte Johann, „Es ist gut geheizt und so hässlich bist du ja nicht.“
Ehe sie die Konzentration auf die Arbeit lenkte, stellte sie sich vor, wie sie den Reichsgrafen für die Bemerkung an die Wand nagelte. Hatte er nun Spaß an ihrer Nacktheit, störte sie ihn oder war sie ihm schlichtweg egal? Sie wurde nicht schlau aus diesem Mann. Sehnsüchtige Augen, aber keinerlei Aktivitäten in die von ihr ersehnte Richtung. Sie machte sich an die Arbeit.
Neben dem schon bekannten Fall in Stockholm, bei dem zwei Renoirs und Rembrandts „Verschwörung des Claudius Civilis“ mit der gleichen Masche entwendet wurden, entdeckte sie eine ähnliche Vorgangsweise beim Museum Moderner Kunst in Rom. Dort fand man die Aufseher gefesselt und eingesperrt vor. Die Täter hatten zwei Gemälde von van Gogh, unter anderem die Madame Ginoux, und einen Cezanne geraubt. Auffällig war auch hier, dass die Räuber die Museumskasse mitgehen ließen und andere Bilder, wie zum Beispiel einen Monet und einen Degas, hängen ließen. In Stockholm hatten sie sogar mit Autobomben gearbeitet, um die Einsatzkräfte der Polizei lange genug zu beschäftigen. Immerhin konnte das FBI den Rembrandt, der achtundzwanzig Millionen Euro wert war, bei einem illegalen Sammler in St. Louis, Missouri, sicherstellen und zurückgeben. Die beiden Renoirs, die junge Pariserin und ein Frühlingsstrauß in einer Jadevase, tauchten nicht wieder auf.
Für Johann ergab sich schnell ein ziemlich klares Gesamtbild. „Das hast du fein gemacht“, murmelte er, „nun werden wir was für die Brötchen tun. Zuerst versauen wir einen Versicherungsvorstand den Morgen.“
Tatijana freute sich. Ihr Chef und Lob kamen selten zusammen. Das Telefon war auf Mithören gestellt, daher kontrollierte sie, ob der digitale Mitschnitt lief.
„Das Haus von Präsident Horzinger, Swabov am Apparat. Was kann ich für Sie tun?“, klang es wohlerzogen aus dem Lautsprecher. Der Mann schien die frühe Stunde gar nicht zu bemerken.
„Hier Johann Laurenzio Reichsgraf zu Wernicke-Biesendorf, bitte verbinden Sie mich umgehend mit dem Präsidenten. Die Sache eilt.“ Johann nickte fröhlich in den Raum.
Am anderen Ende kam ein zustimmendes: „Jawohl, Herr Graf“, und diverse Vermittlungsgeräusche einer wohl schon betagteren analogen Telefonanlage. Dann folgte ein verschlafenes: „Mensch, Graf Johann, wissen Sie eigentlich wie spät es ist?“, das Johann diabolisch grinsend mit der genauen Uhrzeit und dem Zusatz Central Europe Time beantwortete.
Auf der anderen Seite seufzte der Präsident der großen Schweizer Versicherung, sagte: „Momentchen“ und schlich sich aus dem ehelichen Schlafzimmer, bevor seine Frau ihn erschlagen konnte. Zumindest stellte Johann sich das so vor bei dem Hasenfuß.
Da sagte Horzinger auch schon: „Bin rausgegangen, meine Frau ...“
Den Geräuschen nach richtete er sich auf einem bequemen Sessel vor dem Zimmer ein, Johann hörte das Aufschütteln eines Kissens und das völlig erschöpfte Seufzen des Gesprächspartners, der nun wartete. Warten konnte Johann auch. Der Präsident gab nach. Er fror wahrscheinlich in seinem Flur und wollte zurück ins Bett: „Also was gibt es so wichtiges?“
„Eigentlich gar nichts. Nur dass ihr vor ein paar Stunden in Rio mal eben vierzig Millionen Euro verloren habt. Scheint euch wirklich gut zu gehen. Dass Sie dabei ruhig schlafen können?“
„Wieso? Davon weiß ich nichts. Erzählen Sie bitte.“
„Gestern Abend Ortszeit, wurde in Rio das bei Ihrer Gesellschaft versicherte Museum Chacara do Ceu überfallen. Vier Gemälde von Picasso, Matisse, Dali und Monet wurden gestohlen. Die Wertangabe habe ich von Luiz Camillo Osorio, dem wohl besten Spezialisten vor Ort.“
„Mhm. Das ist nicht gut, da werden wir wohl ein wenig Geld zahlen müssen, um die Bilder wieder frei zu kaufen. Aber doch sicher keine vierzig Millionen?“
„Das glaubte der Justizminister offiziell auch, als er mich anrief. Die Pressemitteilungen lauten ebenfalls so. Wir kennen uns, seit die Neonazis sich damals mit geklauter und illegal ausgeführter indianischer Kunst finanzieren wollten. Allerdings würde er mich für ein rein innerbrasilianisches Problem wohl kaum anrufen. Osorio sieht das ähnlich. Meine Kommunikationsassistentin hat in knapp einer Stunde zwei gleiche Fälle gefunden. Stockholm und Rom. Dazu das Brücke-Museum hier in Berlin. Das waren klare Auftragsdiebstähle für heimliche Kunstsammler. Der Rembrandt aus Stockholm wurde ja bei so einem Vogel sichergestellt und den Renoir haben wir vielleicht auch.“
„Meinen Sie wirklich, Graf ...“
„Ich meine nicht, ich bin mir sicher. Aber das ist nicht mein, sondern Ihr Problem. Ich wollte Sie nur rechtzeitig informieren. Ich würde ungern einen Auftrag der Brasilianer annehmen, da es mit Sicherheit zu Überschneidungen mit meinen Tätigkeiten für Ihr Haus käme. Man kann eben nicht zwei Herren dienen.“
„Johann, Sie fischen doch nicht etwa nach einem Auftrag?“
„Nur Idioten suchen sich Arbeit. Ich bin keiner. Ich will einfach nur das Geld, das man für die prompte und gute Erledigung von Aufträgen bekommt. Das Geld nehme ich natürlich gerne als Almosen, ohne Leistung zu erbringen.“ Er feixte.
„Schon gut. Schon gut, Graf. Um diese Uhrzeit bitte keine Spitzfindigkeiten. Schicken Sie den Text des Vertrages mitsamt Ihren unverschämten Forderungen an Marks. Ich jage ihn gleich ins Büro. Er wird das Ding unterschreiben und den Vorschuss anweisen. Ich bin zu müde, um zu streiten. Das gilt allerdings nur für heute.“
Ein Klicken in der Leitung und das Gespräch war beendet. Tatijana hatte schon angefangen, in den Standardvertrag das Ermittlungsziel und die Teilschritte einzutragen. Die Formulierungen waren so Wischiwaschi wie möglich, dafür die Tagessätze und die Spesenforderungen umso deutlicher. Während Johann wieder den Kampf mit dem Kaffeeautomaten aufnahm und nicht nur für sich, sondern auch für sie einen Becher ergatterte, druckte sie den Kram aus, um ihn Johann gegenlesen zu lassen. Als der nickte, packte sie das ganze in ein PDF-File und schickte es als Mailanhang in die Schweiz.
Johann atmete durch und streckte sich. „Nun kannst du dich anziehen, wenn du mitlaufen willst. Der Hund muss raus, und uns schadet Frischluft auch nicht. Lass uns zum Grunewaldsee fahren. Marks braucht mindestens zwei Stunden“, sagte er.
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