6. Lady in Red
Eine Frau kann jederzeit hundert Männer
täuschen, aber nicht eine einzige Frau.
Michele Morgan
16. Februar 2006 Wien 11 Uhr
Tschikowski sah Huber anklagend an. „Normal dauert es wochenlang bei uns, bevor so ein Gerichtsbeschluss durch ist. Wie macht das der Reichsgraf nur?“
„Er hat den Richter in der Hand.“ Versonnen trank Huber seinen Morgenkaffee im Büro.
Nach dieser Botschaft litt Tschikowski stumm weiter, während Huber mit Dr. Pollak ein Treffen arrangierte. Genaugenommen ging ihn der Diebstahl nichts an, er war ja die Mord. Aber nachdem die Marai sein Fall war, wie er seinem Chef erklärte, drückte der ein Auge zu und ließ ihn gewähren.
Die Idee, sich im Café Hawelka in der Dorotheergasse zu verabreden, war ihm gestern bei den Trzesniewski-Brötchen gekommen.
Das Café, in dem seinerzeit sämtliche bildenden Künstler verkehrten, als sie noch verkannt waren, dort von Frau Hawelka mitternächtlich mit frischen Buchteln, gefüllt mit Powidl geatzt wurden, um nicht dem Hungertod zu erliegen, empfand Huber als passendes Ambiente für ein Gespräch über den Renoir. Für Dr. Pollanz war es ein Katzensprung von der Albertina hierher und Helga traf sich hier oft mit Huber auf eine Melange und Würstel mit Kren.
16.Februar 2006 Wien 20 Uhr 30
Pollanz und Helga saßen schon an einem der runden Tische mit Eisenfuß. Auf der Marmorplatte standen zwei leere und zwei volle Cognacgläser.
„Hallo, Hubsi“, sagte Helga mit leicht glasigen Augen, sie vertrug keinen Alkohol.
Huber warf Pollanz einen giftigen Blick zu. Wollte er Helga gefügig machen? Der junge Hawelka eilte an ihren Tisch. „Kaffee wie immer, Herr Hauptkommissar?“
Huber nickte. Als die Frau Hawelka noch lebte, bekam er seinen Kaffee automatisch hingestellt, sobald er seine Nase durch die Tür steckte. Ganz zusammengeschrumpft hockte der neunzigjährige Papa Hawelka auf einem Sofa, aber er lächelte Huber zu, ein Zeichen, dass sein Langzeitgedächtnis intakt war.
„So, jetzt wird die Tatijana gleich hier sein, dann möchte ich ein gescheites Gespräch haben, ja?“, sagte er zu den Cognactrinkern. Sie nickten und schauten ernst drein.
Kaum hatte Huber nach dem knappen Befehl den Mund geschlossen, ging die Türe auf und die Augen sämtlicher Anwesender im Café ruhten auf der kleinen, zierlichen Frau, die im Eingangsbereich stand. Ein dicker, blonder Zopf reichte bis über die Hüften, die in roten, ledernen Hot Pants steckten.
Tatijana kam nicht einfach nur irgendwo herein – sie erschien königinnengleich. Nachdem sie Helga entdeckt hatte, marschierte sie, ein breites Grinsen auf dem Gesicht mit einem harten Stakkato ihrer roten Lacklederstiefel auf die Gruppe zu. Sollte sie irgendjemand im Lokal bisher nicht bemerkt haben, so war das nun endgültig vorbei.
Sie küsste Helga auf die Wange, reichte Huber die Hand und schenkte Pollanz, der sie mit einem Handkuss begrüßte, ein Lächeln, das alles versprach.
Wie immer quetschten sich die Gäste im Hawelka auf die harten Holzstühle und ließen die gestreiften Sofas als die besten Plätze für die noch Kommenden frei. Tatijana zögerte keine Sekunde und drapierte sich auf der gepolsterten Sitzbank. Sofort wandten sich ihr die beiden Männer zu, während Helga ein Schmunzeln runterschluckte.
Dr. Pollanz hatte sich als erster gefangen: „Sie sind die berühmte Berliner Privatdetektivin, die uns den Renoir wieder entführen will?“ Er musterte sie hypnotisiert.
„Oh nein. Ich habe zwar aus technischen Gründen eine Lizenz, aber in Wahrheit bin ich Biene und Botenmädchen. Ich sammle Informationen für meinen Herrn und Gebieter, erledige seine Aufträge möglichst wortgetreu. Damit hat es sich.“
Helga und Huber husteten los, um nicht zu prusten, angesichts Tatijanas Wimperngeklimper und der unschuldig geweiteten Augen, die Pollanz fixierten. „Und Sie haben die Echtheit des Bildes festgestellt?“
„Naja, nicht so ganz alleine, sondern unser Team zusammen mit der Uni Wien. Wir sind eben alle nur Teil eines größeren Ganzen.“ Er schüttelte mit einer Kopfbewegung eine nicht vorhandene Künstlertolle aus der Stirn und versuchte, die Hände seiner Gesprächspartnerin zu ergreifen.
Aber zu Hubers großem Vergnügen hatte Tatijana sich ihm entzogen, ohne eine sichtbare Bewegung zu vollziehen. Er bezeichnete das als "im Sitzen tanzen" und kannte diese Kunst nur von großen Tänzern oder von Kampfsportlern. Bei Tatijana wusste er, es kam vom Muay-Thai, jener thailändischen Kampfform, die mit Thaiboxen nur äußerst unzulänglich zu beschreiben war, da Hände, Füße und Knie eingesetzt wurden, wobei Handschuhe den Einsatz von Karateschlägen abdämpften.
Helga störte Huber aus der Versunkenheit auf: „Hubsi, lass uns an deinen Gedanken teilhaben.“
„Herr Huber, jetzt ist alles geregelt. Der Fall ist gelöst“, sagte Dr. Pollanz mit wichtiger Miene.
„Ich habe immer noch eine Leiche in der Pathologie liegen, und Tatijana wäre sicher nicht hier, wenn der Reichsgraf die Sache für erledigt hielte ...“, sagte der Kommissar.
„Das ist richtig.“ Tatijana wandte ihm ihre volle Aufmerksamkeit zu und sog seinen Blick praktisch ein: „Seine Reichsgräflichkeit machte mir keinen sehr glücklichen Eindruck. Wenn die Marai wegen der Bilder getötet wurde, warum sind die Bilder dann noch in der Wohnung? Wenn es nicht darum ging, weshalb waren sie nicht in den Transportkisten? Und ...“
Der junge Hawelka brachte Tatijanas Drink. Sie rührte den Campari-Soda mit der roten Kralle an ihrem Zeigefinger um.
„... wenn die Marai die Bilder gerade jemandem gezeigt hatte, wieso ließ sie sie hängen? Ein unnötiges Risiko, zumal die Bilder ja wohl eine bestimmte Temperatur und Luftfeuchte brauchen“, griff Huber das Thema auf.
Für Dr. Pollanz war es unerträglich, nicht im Mittelpunkt zu stehen: „Das mit der Temperatur und Luftfeuchte ist auch viel Theater. In Museen, in denen eine Menschenmenge feuchte Luft ausatmet und regenfeuchte Kleidung trägt, kann dies von Bedeutung sein, in einer normalen Wohnung nicht.“
Helga schenkte dem Experten ihre volle Aufmerksamkeit: „Kann denn jemand, der solche Bilder kaufen will, sie unter derartigen Lichtverhältnissen überhaupt begutachten und wie weiß der Kunde, dass die Bilder echt sind? Er kann ja schlecht einen Gutachter mitbringen.“
Pollanz blühte wieder auf: „Die Angst vor Fälschungen weltbekannter Werke ist gering. Der Aufwand für eine wirklich gute Kopie wäre nämlich höher als der mögliche Ertrag. Zu Lebzeiten des Malers war es oft so, dass Schüler in seinem Stil Auftragsarbeiten in seinem Namen gemalt haben, die der Künstler selbst signierte. Einige Schüler malten damals für private Zwecke ähnliche Bilder und fälschten die Signatur. Diese Werke werden dann der Schule des Meisters zugerechnet. Aber heute kann niemand ohne riesigen Aufwand derartige Kopien machen. Es sind ja Einzelstücke und keine Kleinserienproduktion wie damals.“
„Bei uns in Russland lernen die klassischen Maler und Restaurateure ihr Handwerk durch das Kopieren. Ich dachte, es wäre überall so. Jeder ausgebildete Maler müsste in der Lage sein, die alten Techniken täuschend echt einzusetzen, oder?“, fragte Tatijana, die nun fast in ihren Gegenüber hinein gekrochen war, ohne sich zu bewegen.
„Nein, nein“, wehrte der sichtlich geschmeichelte Dr. Pollanz ab, „die Techniken, selbst die Farbmischungen werden natürlich gelehrt. Bei bestimmten Farben ist der Einsatz aus gesundheitlichen Gründen allerdings verboten, wie bei bestimmten Rottönen, die auf Kadmium und Bleibasis gemischt werden.“ Großspurig schnippte er mit den Fingern, „Herr Ober, einen Campari!“
„Das ist der Chef, Dr. Pollanz. Herr Hawelka, geh bringen’S dem jungen Mann einen Campari“, glich Huber den Fauxpas des Jungspunds aus, der sich ungerührt weiterhin wichtig machte. „An die alten Leinwände, Rahmen und Farbpigmente ist normalerweise nicht mehr heranzukommen. Bei den Farben gibt es noch Quellen, aber die sind nur wenigen Restaurateuren bekannt, ohne zum Einsatz zu kommen. Heutzutage soll die Restaurierungsarbeit sichtbar bleiben, um nachfolgenden Generationen die Chance zu geben, es besser zu machen.“
Tatijana, die sich wieder auf sich selbst zurückgezogen hatte, nuckelte nachdenklich an ihrem Drink: „Das bedeutet, bei gestohlenen Bildern kann der Käufer sicher sein, wirklich das Original zu bekommen. Er muss nur dafür sorgen, vom Verkäufer später nicht verraten zu werden. Ist es möglich, dass die Marei jede Menge gestohlene Kunst verkaufte und nun wegen eines der anderen Bilder ermordet wurde, damit sie sich nie mehr verplappern kann?“
„Die Käufer sind im Grunde alle mehr oder weniger bekannt“, sagte Helga, „Ich hab ein bisserl rumgehorcht und da sagte mir eine alter Hehlerfreund ...“
„Brillianten-Hugo. Den hab ich auch gefragt“, warf Huber ein.
„Ja genau.“ Helga nickte, „er ist eigentlich schon aus dem Geschäft, aber sein Sohn ist ein Trottel. Deshalb macht er immer noch die besseren Sachen. Also der hat mir gleich fünf oder zehn Leute aufgezählt, die für unsere beiden Bilder in Frage kommen. Er meint, in der Qualität kann er jeden Tag fünf bis sechs verkaufen. Nur sind die Diebe heute deppert und spielen auf minimales Lösegeld, das sich zum Großteil dann noch die Versicherungsdetektive greifen. Brillianten-Hugo bezeichnete das als Trauerspiel.“
Pollanz sah seine Chance über den internationalen Kunsthandel und das Leben an sich zu referieren, bis die beiden Damen unter Hinweis auf ihre morgige Reise, das Lokal verließen. An Huber war Pollanz weniger interessiert und verschwand. Tatijana hatte die Zeche bereits beglichen, und Huber bekam noch einen sehr guten Marillenschnaps und eine erstklassige kubanische Zigarre, was ihn mit dem Rest des Abends versöhnte.
Am nächsten Vormittag trafen sich Helga und Tatijana am Flughafen mit einem aufgeregten Mitarbeiter der Kunstspedition, der ein Drama um die Verladung des Bildes machte. Aber irgendwann war auch der zufrieden und die beiden konnten an Bord der Maschine gehen.
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