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7. Skol!
Geschrieben von Jochen Hoff / Elsa Rieger
Donnerstag, 7. Februar 2008
Viele Frauen sind nur auf ihren guten Ruf bedacht;
aber die anderen werden glücklich.
Josephine Baker
17.02.2006 Stockholm 11 Uhr 50
„Ach, wie süß!“ Tatijana schritt mit laszivem Grinsen durch den Check Out und winkte einem blonden Hünen zu, der zart errötete.
Helga, die hinter der Russin die Sperre passierte, grunzte leise vor Vergnügen. „Wer ist das denn?“
„Keine Ahnung. Ein hübscher Schwede jedenfalls.“
„Tati!“
Achselzuckend antwortete Tatijana: „Wir sind im Land der Mitternachtssonne, hab dich nicht so!“
In der Ankunftshalle fiel ihr Blick auf drei Männer, die seltsam unauffällig herumstanden.
„Das ist unser Empfangskomitee.“ Tatijana strebte auf die Gruppe zu.
Helga, auf ihren Spuren, fragte: „Woher weißt du ...?
„Bullen sehen auf der ganze Welt wie Bullen aus, Helgalein.“
„Ich kann mich nicht erinnern, irgendwo anders so blonde und kernige Polizisten ...“
„Skol!“, unterbrach Tatijanas Schlachtruf Helgas Ausführungen.
„Goddag“, erklang der Männerchor, schoss nach: „Hur går det?“
„Wie bitte?“ Helga konnte außer Skol kein Wort schwedisch.
„Nein, sie meinen nicht, dass wir Huren sind, meine Liebe. Das heißt bloß: Wie geht es Ihnen. –Tack, god“, wandte sie sich an die Herren.
Helga murmelte: „God, tack.“
Eskortiert, die Renoir-Kiste zwischen sich, verließen sie die Halle. Helga fror erbärmlich. War Wien schon bitterkalt gewesen; im Vergleich zu den Minusgraden in Stockholm wehte daheim ein mildes Frühlingslüftchen. Sie klapperte noch mit den Zähnen, als sie im wohltemperierten Volvo Richtung Stadt schaukelten. Zunächst hielt der Wagen vor dem Versicherungsgebäude. Das Gemälde verließ den Volvo und landete im Labor des hiesigen Experten. Danach gab es einen Zwischenstopp im Polizeipräsidium, wo zwei der Begleiter aus dem Wagen sprangen.
Hannu Sjogren, ein weißblonder Wikinger, blieb den Damen erhalten; er chauffierte sie zu ihrem Hotel in der Kungsgatan 47.
„Und jetzt lassen Sie uns ganz allein?“, schnurrte Tatijana kehlig.
„Ich habe Dienst“, stotterte Hannu, sichtlich überwältigt. „Aber Morgen vielleicht?“
„Junge, dann ist es zu spät.“ Helga lachte mehrdeutig und konstatierte, dass sie jedes Mal, wenn sie mit Tati zusammen war, ihren Umgangsstil mit dem anderen Geschlecht sofort übernahm.
Das Zimmer war überheizt. Nach einer Dusche überlegten sie, wie sie die Tage bis zu dem Ergebnis der Expertise herumbringen wollten.
„Der Museumsdirektor ist erst Übermorgen von seiner Dienstreise zurück, bis dahin ...“
Immer wieder war Helga von Tatijanas Lässigkeit bezaubert. Dabei hatte sie einen schrecklichen Schlag erlebt, Mann und die kleine Tochter bei einem Bombenattentat der russischen Mafia in Berlin verloren. Direkt vor ihrem Wohnblock ging der Wagen hoch, als Vladi das Kind zum Kindergarten fahren wollte. Tatiana stand winkend auf dem Balkon und musste es mit ansehen. Die Täter waren nie gefasst worden.
„Wir suchen mal die Hotelbar heim, essen eine Kleinigkeit und gießen uns einen hinter dieBinde“, sagte die Russin und cremte die wohlgeformten Waden ein.
„In Stockholm? Bist du Millionärin?“ Helga kramte in der Geldbörse.
„Johann, mein Reichsgraf ist es. Geht alles auf Spesen.“ Tati setzte einen schwungvollen Lidstrich aufs rechte Augenlid, trat einen Schritt vom Spiegel zurück, kontrollierte das Ergebnis und widmete sich dem linke Auge. Dann warf sie Helga, die auf dem Bett saß, den Lippenstift in den Schoß.
„Tati, du weißt, ich male mich nicht an.“
„Wenn du mit mir ausgehst, machst du es.“ Ihr Tonfall war derart bestimmend, dass Helga der Aufforderung nachkam. Drago würde mich umbringen, wüsste er, was ich da treibe, dachte sie.
Tatijana, die stets mit großem Gepäck reiste, durchwühlte ihre Garderobe. Ein schwarzer Minilederrock, eine spitzendurchbrochene Bluse in maisgelb und Netzstrümpfe flogen Helga um die Ohren.
„Anziehen“, forderte Tatijana sie auf. Sie selbst zwängte sich in einen schwarzen Satinoverall mit Stehkragen; sie löste den Zopf und ihr dichtes Blond umgab sie wie ein Cape.
„Du bist eine Königin, Tati.“ Helgas Bewunderung war bar jeden Neids.
„Wodka!“
Eilfertig servierte der Barkeeper.
„Sind hier alle blond?“, fragte Helga.
Sie knabberten Lachsbrote.
„Die schönen Schweden ja. Skol!“ Tatijana kippte den Wodka mit einem Schluck.
Helga schüttelte es, sie war keine Schnapstrinkerin, aber sie hielt bis zum dritten Glas mit. Dann bekam sie einen Lachanfall. Konnte nicht mehr aufhören, als Tatijana das Handy zückte und hineinflötete: „Hannu Sjorgen, hören Sie, wir brauchen Sie. Dienstlich, Sie verstehen? Bewegen Sie Ihren nordischen Körper in die Hotelbar.“
Helga blieb in der Lobby und las schwedische Zeitschriften.
„Skol!“, prostete sie sich zu und formte die fremden Worte mit stummen Lippen. Tatijana musste ihr vor dem Abgang mit Hannu versprechen, nur ihr eigene Betthälfte zu benutzen.
Irgendwann weckte Helga ein zartes Wangenstreicheln. Sie rappelte sich aus dem Lehnstuhl heraus und tappte betrunken und verschlafen an Tatijanas Seite in den Lift. Natürlich waren beide Betten ein Schlachtfeld. Tatijana war ein wildes Tier, konsumierte Sex wie Lachsbrote oder Wodka. Vor allem aber mit wilder Begeisterung.
Am nächsten Morgen wachte Helga alleine auf. Auf dem Nebenbett lag ein Zettel. „Bin mit Hannu beim Frühstück! Beeil dich!“
Helga verkroch sich unter der Daunendecke. In ihrer Höhle roch es nach Liebe! Da war sie hellwach, saß kerzengerade im Bett. „Wir brauchen neue Laken!!!“, schrie sie die Wände an. Sie hörte innerlich, wie Tatijana sie als Zimperliese bezeichnen würde und wählte die Nummer des Roomservice. Man versprach frisches Bettzeug.
Die heiße Dusche beruhigte sie.
Tati wollte heute shoppen. Sie selbst würde sich ein paar Sehenswürdigkeiten reinziehen, das kam billiger, beschloss Helga und zog ihren Norwegerpullover an. Mutter hatte ihn selbst gestrickt. Er war ihr wärmstes Kleidungsstück. Vorne grinste ein Elchkopf, dessen Hals ein roter Schal schmückte, die Rückseite zierte der Hintern des Viehs. Im Ohr ertönte der Lachanfall Tatijanas.
Mit verschränkten Armen stand Helga trotzig am Fenster und blickte auf das eisige Stockholm hinaus. Das Kungsgatan war mit Abstand das teuerste Hotel, mitten im Zentrum. Gegenüber erkannte sie das Konserthuset.
Alkohol ist nichts für Zwerge, dachte Helga bei sich, warf den Norweger in die Ecke und legte ihr schärfstes Outfit an. Bei einem letzten prüfenden Blick in den Spiegel seufzte sie. Gegen Tatijana würde sie aussehen wie eine Stiftsdame. Egal. Sie hatte Hunger.
Mitten in dem gut gefüllten Speisesaal an einem viel zu großen Tisch, der aber trotzdem überladenen aussah, saßen Tatijana und Hannu eifrig ins Gespräch vertieft. Während Helga Platz nahm, verfolgte sie ebenso fasziniert wie Hannu, dass Tatijana sich so ganz nebenbei ordentliche Scheiben von einem riesigen, blutigen Steak abschnitt und mit Behagen und Weißbrot verzehrte. Etwas hilflos betrachtete Helga die Speiseauswahl. Ihr blieb nicht viel Wahl, denn Tatijana griff zu einer gefährlich aussehenden kleinen Flasche, goss zuerst Helga ein großes Schnapsglas voll ein, dann für sich und Hannu, der begeistert nickte.
„Oh Gott, so früh Alkohol? Bin ja noch von gestern abgefüllt. Bitte nicht für mich. Ich will den Tag durchstehen“, wehrte Helga ab.
Tatijana lachte: „Nö, da kann man gefährlichen Aufgesetzten draus machen, aber das ist nur Saft. Aronia. Apfelbeere oder Edeleberesche heißt das bei euch, glaube ich. Ist gut für die Leber, die Galle und gegen Krebs. Den kriegste in Wien bestimmt bei Böhle in der Wollzeile. Da hat schon meine Babuschka drauf geschworen.“
„Babuschka? Du hattest in Russland ein Kindermädchen?“ Hannu war sichtlich erstaunt.
„Nur kein Neid. Meine Mutter ist bei meiner Geburt gestorben und mein Vater war damals so etwas wie ein roter Zar. Heute ist er das, was wir in Russland internationaler Geschäftsmann nennen.“
„Das mit der Mutter tut mir leid, aber was ist ein roter Zar?“
„Ich habe meine Mutter nie kennengelernt. Wie könnte ich vermissen, was ich nicht kenne? Rote Zaren wurden die Funktionäre der kommunistischen Partei genannt, wenn sie genügend Macht hatten. Wer eine Oblast in Russland regierte, das ist so etwa ähnliches wie ein schwedisches Lån oder ein österreichisches Bundesland, der hatte mehr Macht als für einen Menschen gut ist. In St. Petersburg oder damals Leningrad schadete da auch der Name Kropotkin nicht. Im Gegenteil, der war noch mit alter Furcht verbunden. Naja, lassen wir das. Bestell dir ein Steak, Helga.“
Sie lehnte ab und klinkte sich ins Gespräch ein, ehe ihr übel wurde. „Worüber hattet ihr beide euch den gerade so intensiv unterhalten? Habt ihr die Auswertung der Nacht gemacht, oder ging es um unser Thema?“
„Vergangenes wird nicht diskutiert, wir arbeiten zukunftsorientiert“, antwortete Tatijana lachend, “aber Hannu will uns gleich ins Bild setzen, wie seiner Meinung nach die Diebstähle organisiert sind. Er hat da wohl eine eigene Theorie. Also, was denkst du, Hannu?“
Hannu setzte sich in vortragsgerechte Positur, was Tatijana und Helga ein Lächeln entlockte. Helga dachte sehnsüchtig an ihren Drago, der es auch schaffte, nachts im Bett Haltung anzunehmen, wenn er ihr etwas wichtiges erklären wollte.
„Das muss unter uns bleiben“, sagte Hannu, „es ist meine persönliche Meinung, die nicht in meinen Berichten steht. In Schweden ist die Polizei ziemlich politisch. Was nicht bewiesen werden kann, gibt es nicht. Organisierte Kriminalität außerhalb des Drogen- und Prostitutionsbereiches kommt bei uns offiziell nicht vor und die Russenmafia sowie alle anderen derartigen Organisationen haben uns nicht auf der Landkarte gefunden, was natürlich Quatsch ist.“
Helga griff versuchsweise nach dem Räucherfisch und den Hähnchenteilen: „Also habt ihr Kriminalität wie überall woanders auch.“ Es schmeckte.
„Selbstverständlich. Wir geben es nur einfach nicht zu. Das ist die schwedische Art der Problembewältigung. Das machen wir beim Alkohol und bei sozialen Problemen genauso. Lässt sich nicht ändern." Hannu zuckte mit den Schultern.
Tatijana grinste. „Ist doch überall so. Während die Bevölkerung der Politik nicht glaubt, glauben die Politiker ihre eigenen Lügen. Das war schon in der Sowjetunion so. Wenn mein Vater richtig betrunken war, haben er und seine Freunde über diese Idioten getobt und am nächsten Morgen doch wieder fröhlich ins gleiche Horn geblasen. Darüber ist bis heute nicht mit ihm zu reden. Mach weiter, Hannu!“
„Die Täter haben an allen Tatorten bestimmte Bilder gestohlen und andere, wertvollere einfach hängen lassen, auch wenn sie vom gleichen Maler, ja sogar vom gleichen Sujet waren. Ganz klar Auftragsdiebstähle. Als zweites Indiz habe ich dafür die Tatsache, dass sogar Museumsbesucher beklaut und die Kassen ausgeräumt wurden. Wer Bilder klaut, die über 50 Millionen Euro wert sind und dann die Portokasse mitnimmt, ist entweder geizig, völlig bescheuert oder verdient sich einfach ein Zubrot zu dem, was er für den Diebstahl bekommt ...“
„Letzteres klingt logisch“, warf Helga ein, „aber wieso lässt sich jemand dafür engagieren und wie kommen die in all den fremden Städten zurecht?“
„Weil Gewaltkriminelle zumeist dumm sind. Sie sind allesamt Vollidioten und Haudraufs. Was glaubst du, weshalb wir in Russland Auftragsmörder für ein Butterbrot kriegen? Nicht weil sie arm sind, sondern Spaß dran haben, gemein zu sein. Bloß fällt ihnen selbst wenig ein, mit Kreativität sind sie nicht gesegnet, außer vielleicht Asylantenheime anzuzünden, deswegen brauchen sie Chefs und freuen sich, wenn ihnen jemand sagt, was sie tun sollen.“
„Genau. Tatijana hat recht. Es sind die Dummen, die für solche Aufgaben bereit stehen und das überall auf der Welt. Was sie nicht gesagt hatte ist, dass sich vor allem die Geheimdienste häufig solche Kameraden für ihre Geschäfte kaufen, weil die über ihre nationalen Polizeibehörden an die entsprechenden Europol oder Interpol Daten kommen. Der Rest ist ein Kinderspiel. Ich gehe also davon aus, Helga, das in jeder Stadt lokale Kräfte angeworben wurden, die ihren Auftraggeber wohl kaum kennen dürften und deshalb nicht verraten können.“
„Aber Geheimdienst, welcher Geheimdienst sollte ein Interesse daran haben, kriminelle Geschäfte zu machen, das sind doch Staatsinstrumente? Die brauchen das Geld gar nicht.“ Helga zweifelte, aber nicht am Käse, der ihr mundete. Ihre Lebensgeister kehrten zurück, der Saft tat Wunder.
Hannus Handy spielte den Radetzkymarsch, was Tatijana zu einer schmerzlichen Grimasse bewegte. Hannu wechselte in rasendem Schwedisch ein paar Sätze und sprang dann auf: „Entschuldigung, ein Mord draußen auf den Schären. Ich muss los. Die Rechnung bitte an mich. Ich melde mich.“
„Du bist zum Frühstück eingeladen. Ich kann mir meine Männer gerade noch leisten und will sie bei Kräften halten.“
Hannu verschwand grinsend und mit einem schrecklich obszönen Pfiff, der die anderen Gäste hochschreckte, was ihn aber nur zu einem leutseligen Winken bewegte.
Tatijana wandte sich Helga zu: „Na, noch Hunger, oder kaufen wir endlich Stockholm leer?“
Hunger hatte sie keinen mehr und shoppen konnte sie sich nicht leisten. „Ich werde den Königspalast ansehen gehen“, sagte sie.
„Fein! Da flanieren wir danach die Drottninggatan runter nach Observatorielunden. Selbst du wirst in dieser Strasse was kaufen können, falls die Straßenhändler um die Jahreszeit ...“
„Willst du mich provozieren, Tati?“, unterbrach Helga und schnellte angriffslustig auf ihrem Stuhl herum.
Tatijana machte ein trauriges Gesicht. „Ich hatte mich so gefreut, wieder einmal mit dir zusammen Spaß zu haben“, sagte sie leise.
Betroffen öffnete Helga die Arme und Tatijana schmiegte sich hinein. „Tati, liebe Freundin, machen wir es so. Erst der Königspalast und danach von mir aus, wohin du magst.“
„Fein! Dann gehen wir nachher in die Biblioteksgatan“, schon hatte sie wieder das Ruder an sich gerissen.
Helga grinste. Ein raffiniertes Luder war Tati! Die genannte Straße war die Shoppingmeile Stockholms, vergleichbar mit der Fifth’s in New York. „Ja, Süße, lass uns losziehen. Aber ich habe einfach kein Geld als arme Privatdetektivin, verstehst du?“
„Ach, Helga. Ich schreibe einen Obsverationsbericht über einen mysteriösen Franzosen mit seiner Freundin und schon sind das Spesen. Besser, wir kaufen uns was, als das der Versicherungschef seiner Sekretärin den dritten Nerz umhängt. Außerdem hast du von Johann einen offiziellen Unterauftrag gekriegt, dass bedeutet du verdienst hier richtiges Geld. Unsere Sätze sind ja gerade deshalb so wahnsinnig hoch, damit die Kunden uns unsere Qualität glauben."
Lachend verschwanden die beiden Frauen in Stockholm.
Als sie gegen Abend ins Hotel zurückkehrten, äußerlich vollbepackt mit Einkaufstüten, innerlich angefüllt mit Schwedens Historie, wollte Helga nur noch schlafen. Sie fiel auf das frisch bezogene Bett und schlief augenblicklich ein.
Tatijana, die härter im Nehmen war, wählte Hannus Handynummer. Sie plauderten ein wenig über den Eifersuchtsmord, den die Polizei gleich aufklären konnte, weil die Ehefrau mit dem Fleischmesser in der Hand neben dem Toten zusammen gebrochen war.
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