Stanislav und die Ökostalinisten
Stanislav hat es nicht leicht. Er sollte erst am Freitag geboren werden, weil seine Mutter am Dienstag zur Hochzeit ihrer Schwester wollte. Stanislav kam am Montag und versaute seiner Mutter die Woche. Diese Fähigkeiten anderen den Tag zu versauen entwickelte er dann sehr erfolgreich zur Kunstform. Soweit ich weiß ist das übrigens die einzige Kunst, die er wirklich beherrscht. Dann gehört Stanislav auch noch zu den zu kurz gekommenen. Er ist klein, nicht winzig, sondern einfach nur nicht groß. Kein Makel, würde ihm jeder Lange jederzeit gerne bestätigen. Leichte Schläge auf den Hinterkopf sollen zwar das Denkvermögen erhöhen, aber ständig gegen Deckenbalken zu rennen kann nicht gesund sein. Man merkt das an mir.
Aber Stanislav nimmt übel. Er nimmt eigentlich alles Übel, den Sonnenschein wie den Regen, geregeltes und ungeregeltes. Einfach alle. Klar das wir schon früh ein Pärchen wurden. Stanislav ist Apotheker und hatte damals schon die Angewohnheit, die Altmedikamente die er zurücknehmen musste, auf die Mülltonnen der umliegenden Häuser zu verteilen. Irgendwann hatte ich die Nase davon voll und hab ihm in betont freundlicher Form, von dieser Vorgehensweise abgeraten. In Wirklichkeit habe ich ihm natürlich was aufs Maul angedroht, wenn er nicht sofort mit der Scheiße aufhört. Er nahm übel, aber er hörte auf. Ich weiß ich bin gemein. Es ist nicht nett jemandem Schläge anzudrohen der einem bestenfalls den Bauchnabel beatmen kann.
Seit jener Zeit nimmt er mich also übel. Das ist mir Ansporn. Selbst wenn ich nicht gegenteiliger Meinung zu ihm sein sollte, würde ich erst einmal widersprechen. War ich schon mal mit ihm einer Meinung. Ich kann mich nicht erinnern. In letzter Zeit regt er sich ständig über die Ökostalinisten auf, die ihm sein Leben versauern. Er möchte seine Heizung solange betreiben, wie es ihm gefällt, egal was da oben rauskommt. Er will seine Altmedikamente einfach verbrennen, wenn er sie schon nicht strategisch auf den Hausmüll verteilen kann. Und da lassen ihn diese Ökostalinisten nicht.
Selbst draussen in Brandenburg durfte er nicht, wie er gewollt hätte. Er meinte er hätte ja nur ein wenig Laub verbrannt. Das da der eine oder andere Autoreifen, einige Farbreste und rund fünf Kilo Altmedikamente in ihren Blisterpackungen dabei waren, war sicher nur Zufall. Genau wie die große schwarze Rauchwolke nur Zufall war. Feuerwehr und Ordnungsamt haben aber geschaltet und die Erde bis auf die Lehmschicht in drei Meter Tiefe ausheben lassen. Die Erde war auf jeden Fall gesund. Die muss gesund gewesen sein, bei sovielen gesunden Medikamenten die dort wohl schon verbrannt wurden.
Stanislav hat für einen Apotheker wenig Ahnung von Chemie, sonst würder er diesen Dreck nicht auch noch selbst verbrennen. Aber auch seine apothekernde Frau mit Fachausbildung hat wohl dümmlich grinsend daneben gestanden. Das war im vorigen Herbst, im Winter wurde Stanislav verurteilt die Kosten zu tragen und Strafe zu bezahlen. Nun nimmt er übel. Mir nimmt er vor allem übel, das ich die Story kannte und in der Kneipe erzählt habe.
Nun entsorgt er auf eine neue Art. Die Packungen landen im Hausmüll. Wieder überall verteilt, weil Müll ja Geld kostet und nicht seins kosten soll. Die Pillen sammelt er angeblich in gebrauchten Plastetüten und verteilt sie von Zeit zu Zeit auf die öffentlichen Mülltonnen in der Stadt. Hier ein Tütchen und da ein Tütchen. Er ist ein echtes Herzchen. Sollte ich ihn erwischen, kriegt er einen kräftigen Tritt.
Gestern kam er nun stolz wie Oscar in die Kneipe. Den Grund kannte ich schon. Er hat ein neues Auto. Einen Audi Q7, so eine Riesenschüssel. Dabei sind er und seine Frau alleine. Ich kenne auch niemanden der mit ihnen fahren würde. Das einzige Gelände das die kennen ist die Landstraße in Brandenburg. Selbst der Weg auf ihrem Grundstück dort, ist mit Beton ausgegossen. Ich mag das Auto und für meine Großfamilie mit Hund wäre die Möhre ganz in Ordnung, man könnte auch zwei Pferde damit zum Tunier fahren. Aber was will Stanislav damit.
Grinsend knallte er seinen Autoschlüssel neben mich und meinte dann so von unten nach oben herablassend: "Ich hab nen Q7." Ich grinste ihn freundlich und fragte: "Was sagt der Arzt? Ist das auch in deinem Alter noch heilbar?" Ich glaube wir sind ein Alter, mag sein er ist ein paar Tage älter. Er wurde noch herablassender, was witzig ist, denn nebeneinander sehen wir aus wie eine fette Dogge und ein halb verhungerter Rehpinscher. "Das ist mein neues Auto. Ein Audio Q7. 4,2 Liter Quattro, 350 PS. Eine Wucht!"
Er begann mir Spaß zu machen: "Wieso kaufste dir denn einen Quattro, bei euch beiden hätten doch zwei Sitze auch gereicht. Vielleicht hättest du sogar mal einen Parkplatz gefunden, in den selbst du einparken kannst."
"Du hast aber auch gar keine Ahnung von Autos. Quattro heißt das alle vier Reifen angetrieben sind. Damit kann ich unser Rennpferd auch alleine transportieren."
"Hmm. Meinst du wirklich, das sich das Pferd im Kofferraum oder auf der Rückbank wohlfühlt. Ich hab meine immer in Anhängern gefahren."
"Du willst mich wohl verarschen. Natürlich im Anhänger. Aber wenn wir demnächst an den großen Rennen teilnehmen, dann entfallen die Transportkosten."
"Ja klar ist ja auch billiger dein viertel Pferd bei dir auf den Hänger zu laden, und extra zu fahren, während die anderen mit dem Transporter gebracht werden. Sag mal welches Teil von dem Gaul, gehört denn noch mal dir? War das nicht der Arsch..."
"Du kannst auch nur lästern. Sieh ihn dir lieber mal an. Das ist was anderes als dein Gebrauchtschrott. Das ist richtig edel."
Das richtig edle Teil sah zweifelsohne nicht schlecht aus. Dummerweise war es nur quer über den gesamten Gehsteig geparkt. Kinder, Kinderwagen, alte Leute, alle mussten auf den Radfahrweg oder die Straße ausweichen, damit Stanislav sein edles Teil parken konnte. Ich sah die Straße auf und ab, während jemand Stanislav fragte ob das Ding keine Einparkhilfe habe. "Ja. natürlich hat es. Aber ich habe diese ganzen Hilfen erst mal abschalten lassen bis ich die Bedienungsanleitung gelesen habe. Hoff was suchst du eigentlich dauernd auf der Straße?"
"Och nichts. Ich frage mich nur wo du den Tankwagen geparkt hast, den du für das Möbel da brauchst. Was nimmt der? Über 30 Liter pro 50 Kilometer oder mehr?"
"Du Spinner keine sieben Liter. Was suchst du jetzt da hinten."
"Nichts, gar nichts. Ich überlege nur wie du ein Pferd ohne Anhängerkupplung mit einem Anhänger transportieren willst."
Er hastete zu mir. Am Arsch des Autos war nichts. Unser syrischer Autohändler schüttelte sich vor Lachen: "Da ist nix. Nicht mal eine Vorbereitung. Wahrscheinlich will er den Hänger anbinden oder mit Superkleber befestigen." Lachend ging die Truppe zurück ins Warme. Hier überschlug sich Stanislav fast. Er könne jederzeit alles nachrüsten lassen und selbst wenn er Benzin ohne Ende verbrauche, das sie doch egal. Wir hätten doch alle einen Ökospleen. Er glaube übrigens auch gar nicht, das die Menschen etwar mit er Erwärmung der Erde zu tun hätten. Das sei alles nur Erfindung und kluge Wissenschaftler hätten längst bewiesen, das alles rein natürlich sei.
"Klar!" grinste ich ihn an: "Alles reine Natur. Auch wenn wir Kohle, Öl und Gas die sich in Jahrmillionen gesammelt haben, in knapp 150 Jahren verbrauchen, dann ist das völlig natürlich. Ungefähr so natürlich wie deine Medikamente. Unsere Eltern haben noch aus Unwissenheit Scheiße gebaut. Wir wissen Bescheid. Wenn wir heute solch einen Blödsinn erzählen wie du, dann ist das entweder Dummheit, wie bei dir, oder die Leute sind einfach gekauft, wie deine Experten und ihre Propagandisten.".
Irgendwer gab Szenenapplaus und ein anderer meinte, das er doch sein Viertel von dem Gaul vor seinen neuen Wagen spannen solle, dann sei selbst die Karre umweltgerecht. Stanislav stand beleidigt auf, zahlte und ging zur Tür. Dort drehte er sich um, sah zu uns auf und quetschte sein letztes Wort an uns zwischen seinen Zähnen hindurch: "Ihr seid alles Ökostalinisten!. Dann verschwand er. Draussen kurvte er noch ein Weilchen mit seinem Auto auf dem Gehweg rum, um Riesenschiff wieder auf die Straße zu kriegen. Jeder vernünftige Mensch, hätte auf so ein Fahrzeug zumindest in der Stadt verzichtet. Auch auf dem Land gibt es sparsameres und sinnvolleres.
Wenigstens wissen wir jetzt das wir alle Stalinisten sind. Selbst der CDU-Mann, dem das nach den Wahlergebnissen nun doch wieder ein Lächeln entlocken konnte. Stanislav wird nur ein paar Tage brauchen bis er wieder kommt und uns neuen Spaß bereitet. Er ist unverwüstlich in seiner Gier nach Niederlagen.
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