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9b. Das Netz - Haifa, Oevelgönne, Lobe of Sund
21. Februar 2006 Haifa 10 Uhr 00
Chaim Averbuch, genannt „Der Patron“, saß in seinem Büro in Haifa und lachte innerlich über einen Treppenwitz der Geschichte. Den Beinamen hatte ihm sein Großvater vererbt, der zu Beginn der neuen deutschen Republik zunächst ein windiger Geschäftsmann ebenda gewesen war. Seine Wirkung auf Frauen erlaubte es ihm, selten schlechte Teppiche mit kleinem, aber achtbaren Profit in die neugebauten Bürgerhäuser zu tragen und vor allem auch dort zu lassen. Das Zusammenspiel von persönlichem Charme, Mut und einer gehörigen Portion Unverfrorenheit macht ihn schnell zu einem der Anführer jener durchs Land reisenden Truppen, die ihren Anteil am Wirtschaftswunder leisteten.
Der Patron war ein ungekrönter König, der zudem die Schwächen des verarmten Adels nützte und deren großartige, aber unbezahlbare Kulisse zu seinem Showraum machte.
Fast echte Bilder wurden in Schlössern aufgehängt und als angeblicher alter Familienbesitz von dubiosen Experten für echt befunden. Sie landeten in Industriellenfamilien, den Gerüchten nach auch beim ehemaligen Kanzler Adenauer. Betrogene Betrüger, falsche Bilder und Teppiche, Schmuck von zweifelhaftem Wert, alles kreiste in einem eigenen Universum um den Patron. Als weiteres Geschäft kamen die illegalen Pferdewetten hinzu, bei denen es nie Gewinne geben konnte.
Lange Zeit war es gut gegangen. Dann hatten gute Freunde dafür gesorgt, dass sich der Patron an seine jüdische Vergangenheit erinnerte und nach Israel auswanderte.
Der Spott der Zeitungen über sein Entkommen, der skandalöse Roman über die dubiosen Geschäfte der sogenannten Haute volé von Carl Schmidt-Polex, alles war leichter zu ertragen, als ein Patron, der vor den Schranken des Gerichtes stünde und erzählten, wie Deutschlands Vorbilder wirklich waren.
Chaims Vater schlug sich als Kaufmann nur mühsam im nahen Osten durch, er selbst erbte die Begabung seines Großvaters. Er setzte sie jedoch nicht für solche Geschäfte ein, sondern hatte sich an den Mossad und an die CIA verkauft. Ein ähnliches Prinzip, aber ohne jedes Risiko und die Nebeneinnahmen waren bei weitem höher. Als Führer von Doppel- und Dreifachagenten spezialisierte sich der Patron auf die illegale Kunstszene. Durch seine Dienste verhalf er manchem Prachtstück von gestohlenem Bild zu einem neuen Besitzer. Während seine Dienstherrn sich für den Verrat interessierten, der mit diesen Werken bezahlt werden sollte, nahm der Patron gerne zusätzlich Bares in größeren Summen.
Leider schien die schöne Zeit vorbei zu sein. Nach dem Zerfall des, real nicht existierenden, Sozialismus gingen die Dienste zur Bekämpfung von Terroristen über, weil ihnen die Gegner ausgegangen waren. Dabei kam gerade mal ein Taschengeld an Nebeneinnahmen herein, und diese Fanatiker waren gefährlicher, als dem Patron lieb war. Vorsichtig begann er sich aus dem Geschäft zurückzuziehen. Man kann als Agent so schlecht kündigen, dachte er oft.
Genau zu diesem Zeitpunkt traf er den verrückten Rechtsanwalt aus Hamburg wieder, der damals für einen Mandanten, einen in Japan gestohlenen van Dyck entgegennahm. Roger Harry Schillke hatte den durchgeknalltesten Plan aller Zeiten entwickelt. Nicht, dass der Patron glaubte, die Idee könnte wirklich von dem Rechtsverdreher stammte. Dafür war sie viel zu gut. Der Patron musste nur die Arbeit anderer vermitteln und sein Geld floss ohne Risiko.
Da gab es nicht viel zu überlegen, und Chaim baute sein neues Geschäft halbwegs plausibel in seine Geheimdiensttätigkeit ein.
Er hatte Grund zum Lächeln. Sein Großvater hätte auch gelächelt und wäre stolz auf ihn gewesen. Es war immer noch die gleiche dumme Gier von der auch sein Großvater schon profitiert hatte.
21.Februar 2006 Oevelgönne 15 Uhr 19
Benno von der Lohe saß auf einem kleinen ungepolsterten Holzhocker vor einem Entwurf der Badenden von Emy Roeder.
Die Statue, die danach entstanden war, hatte ihm Fräulein Simone Mungenast, seine damalige Kunstlehrerin, gezeigt auf einer Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg. Ein halbes Leben war das her, dachte er wehmütig.
Er verliebte sich damals sofort in den Entwurf. Wie stolz war er gewesen, als ihm Fräulein Mungenast damals einen Katalog zur Ausstellung geschenkt hatte, weil er die beste Zusammenfassung über den Besuch lieferte. Sie war die einzige Lehrerin, die ihn in seiner gesamten Schulzeit auf der Volksschule Oevelgönne überhaupt erreicht hatte. Mit ihren glühenden Augen, dem schwarzen Haar verzauberte und entführte sie die Jungen in eine völlig andere Welt. Wie Benno heute wusste, unterrichtete sie in München und Berlin als angesehene Professorin für Kunst, ehe sie in jenem tausendjährigen Taumel aus ihrer Existenz gerissen wurde, nur weil sie eine Jennische, eine Zigeunerin war. Sie überlebte die abweisende Kälte ihrer professoralen Kollegen genauso wie das KZ und den Todesmarsch nach Neuengamme. Simone war schließlich in Hamburg hängen geblieben. Sie, die ehemals Arrivierte, nun eine displaced Person, namen- und rechtlos. Den Namen mussten sie ihr widerwillig wiedergeben und der Lehrerjob an einer unbedeutenden Volksschule war auch nicht als Lob oder Wiedergutmachung gedacht. Aber sie stand über all diesen Dingen, begegnete ihren Schülern ruhig, freundlich und schrecklich kompetent.
Bennos Hand fuhr zärtlich über den alten Ausstellungskatalog, als ob er die Wärme Simones noch in ihm fühlen könnte. Er selbst hatte für ihre Beerdigung gesorgt und bewahrte eifersüchtig ihren Nachlass.
Ein schnarrendes Geräusch riss ihn aus den Gedanken. Er schaute auf den Monitor, der an einem Pfeiler des Kellergewölbes montiert war und den Eingangsbereich der Neidmühle zeigte. Ergeben lugte Roger Harry Schillke in das Kameraauge. Benno verließ ungern seine einzigen Freunde, die Bildersammlung, und bewegte sich dann trotz der massigen Gestalt sehr zügig auf den Ausgang zu.
Hinter der ersten Geheimtür griff er zum Telefon und betätigte den Türlautsprecher: „Ja bitte?“
„Benno, ich bin’s, Roger Harry Schillke“, klang es wie eine Rechtfertigung durch den Hörer.
Benno lachte in sich hinein. Wenn der könnte, würde er mit dem Schwanz wedeln. Ekelhaft. Erst als Benno hinter seinem Schreibtisch Platz genommen hatte, betätigte er den Türöffner. Damit der Schleimer kapierte, dass er die ganze Zeit überwacht worden war, ließ Benno ihn zusehen, wie die Monitore einfuhren.
Schillke ärgerte sich jedes Mal über diese Machtspielchen, leider blieb ihm nichts, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen: „Hallo, Benno, ich bin zurück aus Singapur ...“
„Aber nein? Ich dachte schon, du wärst ein Klon.“ Er feixte. „Willst du ein Lob, weil du den Weg gefunden hast oder kannst du zur Sache kommen?“
„Entschuldige, Benno sofort. Der Überfall in Rio klappte hervorragend, du hast es sicher in den Zeitungen gelesen. Die Bilder sind bereits auf dem Weg nach Russland. Spätestens morgen Mittag bekommst du die beiden Originale, deren Kopien fertig sind.“
„Hast du dich bei dem Japsen versichert, das die Russen nur das Material bekommen, das sie für unsere Kopien benötigen? Ich habe keine Lust, dass diese Idioten den Markt mit eigener Ware überschwemmen. Ach ja, du kannst dich ruhig setzen.“ Benno genoss die Angst seines Gegenübers.
Schillke rutschte auf die Kante eines Stuhls, seine Knie vibrierten. „Der Japaner bekommt ja selbst nur das, was er weitergeben muss. Das habe ich alles hervorragend geregelt ...“
„Du geregelt. Du kriegst alleine ja noch nicht einmal den Schwanz aus der Hose. Aber egal. Hast du den Juden instruiert, welcher Auftrag als nächstes folgen soll und wie sehen wir denn finanziell aus?“
„Der nächste Auftrag ist klar. Er hat in Wien eine Bande aufgetan, die die Drecksarbeit macht. Keine Gefahr für uns.“ Schillke versuchte ein tapferes Grinsen in sein Gesicht zu quälen.
Benno von der Lohe schaute ihm dabei zu und erfreute sich an den Windungen, die er auf dem Stuhl unter seinem Blick veranstaltete.
„Was verheimlichst du mir, Roger? Du weißt, es ist sinnlos. Was ist schief gegangen? Vergiss nie, du bist jederzeit mit einem Lächeln leicht und besser zu ersetzen. In meiner Galvanik sind rund 10.000 Liter hochkonzentrierte Schwefelsäure, das reicht locker für eine Schillke-Lösung, ohne das es auffällt.“
Roger erstarrte. Bleich um die Nase stammelte er: „Benno, du musst mir nicht drohen. Alles läuft bestens.“
„So siehst du aber nicht aus.“
Mit etwas festerer Stimme fuhr Schillke fort: „Nur die Marai, die von Wien aus die Kopien an bestimmte Kunden verkauft, meldete sich nicht turnusgemäß und ist auch nicht über ihr Handy zu erreichen. Da geht nur eine Kinderstimme ran. Wenn sie uns bestohlen hat, werde ich sie persönlich ausschalten, das schwöre ich dir.“ Schillke wischte sich den Schweiß aus der Stirn.
„Ach Roger, dafür kann es tausend Gründe geben. Konstruiere einfach eine Mahnung von meinem Buchversand und ruf sie deshalb in ihrer Wohnung an. Dann weißt du, was los ist. Das ist das Problem mit den Handys, man verliert sie so leicht. Und nun geh. Wir sehen uns heute Abend auf dem Empfang.“
Schillke verließ Benno von der Lohe gerne. Im Gegensatz zu ihm war er überzeugt, dass die Marai ihre eigenen Fische drillte.
Er fuhr auf der Elbchaussee zu seiner Villa. Früher erfüllte ihn der Besitz des Anwesens mit Freude und Stolz. Es bildete so vollständig ab, was er erreicht hatte. Mittlerweile empfand er es als Last, zumal seine Frau und seine Kinder alles taten, um ihm aus dem Weg zu gehen. Zwar hätte seine Frau eine Scheidung finanziell nicht überlebt, aber was nützte ihm das. Sie lebten nebeneinander her wie Geschiedene im gleichen Haus und jeder in seinem gesamten Bekanntenkreis wusste Bescheid.
Auf der einen Seite tyrannisierte ihn von der Lohe, auf der anderen die Familie. Wut und Verzweiflung überkamen ihn bei diesen Gedanken. Und die Lust, sein Mütchen auf der Stelle zu kühlen, wuchs ins Unermessliche. Inzwischen war er in der Einfahrt angelangt, wendete und fuhr wieder los in Richtung Nikolaifleet.
Er hatte sich dort den sechsten und siebten Stock eines alten Speichers mit schönen, gotischen Backsteinzierrat reserviert, in dem er eine kleine, gemütliche Wohnung und ein Studio für seine besonderen sexuellen Wünsche eingerichtet hatte, die ihm jetzt helfen würden, den Frust loszuwerden.
Da ihm das ganze Haus gehörte, konnte er hier tun und lassen, was er für richtig hielt. Das Schönste aber war, dass weder das offizielle Hamburg noch seine Familie oder gar von der Lohe diese Fluchtburg kannten.
21.Februar 2006 Lobeofsund 18 Uhr 30
Am Rande von Lobeofsund in Richtung Jahnberge tobte mal wieder der Bär.
Zum Entsetzen der übrigen Bewohner der kleinen Luchdorfgemeinde, hatte eine Gruppe aus Berlin den Hof des alten Grauel nach dessen Tod billig erstanden, weil der Sohn keinen Wert auf die Einsamkeit im Luches legte.
Viele Fremde kauften sich im Luch nach der Wende ein. Reiterhöfe, Golfplätze, Westernstädte und Ziegenkäsereien entstanden, meist harmlos, bunt, und mit wenig Sachverstand. Esoteriker suchten die Mystik dieses Sumpfgebietes, Naturfreunde die Vögel, die hier ihre Rast- und Brutplätze hatten.
Bei der Truppe in Lobeofsund war das anders. Sie bezeichnete sich als internationale Wehrsportgruppe „Reichsfürst“.
Normalerweise hatten die Menschen im Luch keine Probleme, mit Spinnern umzugehen, aber die Bande hier besaß einen fatalen Hang zur Gewalttätigkeit. So warfen nach und nach Bürgermeister, Förster und die umliegenden Landwirte das Handtuch, sie gaben auf, sich gegen Diebstähle, Wilderei und Zerstörungen zu wehren. Polizisten waren im Luch seit eh und je höchstens als schnell durchreisende Gäste zu finden. Daran hatte sich auch unter dem General als Innenminister nicht das Geringste geändert. Abgesehen davon war das Luch mit seinen spärlichen Bewohnern, den wenigen Straßen, Wegen und seiner großen Fläche nie wirklich zu kontrollieren gewesen.
Heute Abend gab es eine große Feier. Mit loderndem Lagerfeuer, halbnackten Frauen trotz der Kälte, viel Alkohol und Krach wie auf einem Flughafen.
Der Boss der Truppe, ein großer Ungewaschener mit Igelfrisur wälzte sich mit zwei Frauen auf dem Boden, als sein Handy klingelte. Er schob die Frauen von sich und nahm das Gespräch an. „Reichsfürst, Hauptmann Geiger, wer da.“
„Hi Olav, hier ist Achim. Reichsfürst Wien meine ich. Wir haben für Ende des Monats einen Auftrag hier und brauchen Leute. Gibt reichlich Kohle. Könnt ihr kommen?“
„Komm zum Thema.“
„Bilder aus einem Aktionshaus abräumen. Ist eh nur jüdisches Gesindel und Ausländer. Aber wir müssen uns wahrscheinlich den Rückweg freischießen. Ihr müsst Waffen mitbringen, seitdem die unser Lager in Kärnten entdeckt haben, sind wir ziemlich knapp.“
„Kein Problem. Ich melde mich morgen und sage dir, wann wir ankommen. Es tut den Leuten mal wieder ganz gut, Pulverdampf zu riechen.“ Olav legte auf und informierte die Leute, die sich seine Adjutanten nannten. Sie produzierten so etwas wie eine militärische Ehrenbezeigung, als sie die Befehle entgegennahmen.
Danach widmete er sich wieder den Frauen und seiner Flasche, während andere dafür sorgten, dass Waffen aus ihren Verstecken geholt wurden.
Olav erfüllte ein Glücksgefühl. Fast ein halbes Jahr war vergangen, seit sie das letzte Mal richtig Rabatz machen durften. Damals hatten sie die Imbissbude in Nauen abgefackelt und den Textilladen dieses Vietnamesen. Dazwischen gab es nur das übliche Verprügeln von Kanaken, ein paar Vergewaltigungen kreischender Hausfrauen und Langeweile.
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