< Tatsächliche Anhaltspunkte einer konkreten Gefahr für ein überragend wichtiges Rechtsgut | Helmut Kohl gestürzt >
12. Zugriff!
Spiel nicht mit dem Schießgewehr,
denn es könnt’ geladen sein.
Volksweisheit
Am Donnerstag Abend waren der Reichsgraf, MM, Huber und Homer gerade mal wieder in einer dieser ewigen Sitzungen, als ein Major der Luftwaffe endlich mit den erlösenden Bildern kam. Die Reisenden waren in Lobeofsund eingetroffen.
Dann zeigte sich, was es bedeutet, wenn ein Nationalstaat wirklich ernst damit macht, seine Interessen durchzusetzen. Alle Teilnehmer der Sitzung wurden in ein unterirdisches Lagezentrum gebracht, das jeden Vergleich mit dem aushalten konnte, was in futuristischen Filmen gezeigt wurde. Cap Canaveral war nichts dagegen.
Auf diversen Bildschirmen konnte man unzählige, unterschiedliche Liveaufnahmen des fraglichen Gebietes betrachten. Auf Hubers Frage, wo die Bilder herkämen, antwortete ein weiblicher Leutnant: „Wir haben eine Awacs oben und zwei Satelliten. Das ist eine nette Übung für den Ernstfall.“
„Mit einer Awacs gegen ein paar Irre? Das nenne ich mit Kanonen auf Spatzen schießen“, wandte Huber ein.
„Wieso? Wir haben die Dinger doch ständig oben. Warum sollten wir sie nicht benutzen. Bezahlen müssen wir sie auf jeden Fall. Das nenne ich einen sinnvollen Bundeswehreinsatz im Inneren. Wir machen die Aufklärung und stellen die Kommandostrukturen. Noch dazu gibt es aus dem Material einen Lehrfilm, an dem hinterher festgestellt werden kann, wo Mist gebaut wurde. Lehnen Sie sich zurück und genießen Sie die Show“, bat der Leutnant und nahm selbst Platz.
Homer schenkte sich Kaffee ein: „Also, da habt ihr mal was Gutes von uns gelernt. Allerdings schaffen wir es auch, mit all dieser Technik ein grandioses Desaster anzurichten. Ich denke da nur an Waco. Okay, genießen wir die Show.“
Erklärungen waren überflüssig. Auf Infrarotaufnahmen aus der Luft sahen sie, wie die Hundertschaften in Stellung gebracht wurden. Plötzlich kamen die Bilder von mehreren Kameras dazu, die auf dem Boden standen und aus verschiedenen Richtungen auf das Gehöft zeigten. Vermutlich hatte man ein paar Fallschirmjäger als Kameraleute abgesetzt, was zwar nicht ganz den Regeln entsprach, aber gute Bilder brachte.
Am Kommandostand diskutierte eine Gruppe noch kurz und dann kam der Befehl zuzuschlagen. Das Spektakel war gigantisch. Es gab sogar Ton. Mindestens zwanzig Hubschrauber nebst einer Reihe von Einsatzfahrzeugen stürmten schlagartig, mit allem Lärm, der möglich war und schirmten die Ortschaft vom Gehöft ab. Leuchtraketen tauchten den Himmel in gleißendes Licht. Die Kameras lieferten teilweise sogar Farbbilder.
Die meisten Täter rannten genau in die geplante Richtung auf die Entwässerungsgräben zu. Lediglich zwei, die zu langsam waren, versuchten sich im Haus zu verschanzen, kamen aber nicht über ein paar Schüsse hinaus. Einige gaben einfach mit erhobenen Händen und vollen Hosen auf. Die Flüchtenden wurden in einer Gruppe an der Verbindung zweier Wassergräben eingekesselt. Von jenseits der Gräben drohten den Waffen der Bereitschaftspolizei, von hinten die Hubschrauber. Nach wenigen Minuten war es vorbei. Ein paar, die versuchten hatten, sich wie die Hasen in Bodenrinnen zu drücken, wurden leicht an ihrer Wärmesignatur erkannt und wie reife Tomaten gepflückt.
Man beglückwünschte sich und die Ermittler gaben zu, beeindruckt zu sein. Erfolg ist eine schöne Sache.
Bevor es zu Vernehmungen kommen konnte und Ergebnisse vorlagen, würden sicher noch einige Tage vergehen.
Als sie das Gebäude nach einer abschließenden Besprechung am frühen Morgen verließen, waren sie der Überzeugung, dass dies ein Sieg wäre, der sich zu feiern lohnte. Also ging es geschlossen zur Mordkommission beim Sauerländer.
Taijana und Helga, die gerade mit Drago hereinkamen, staunten nicht schlecht, als sie die Truppe um den Sauerländer und den hünenhaften Agenten Nixon schon um elf Uhr beim fröhlichen Zechen entdeckten.
“Aber Hubsi, Alkohol in the morning time. Du verrohst mir in Berlin total. Wenn das dein Polizeichef oder noch viel schlimmer, Tschikowski wüsste“, flachste Helga, während alles in Abscheu den Gedanken an Tschikowski abwehrte.
„Wisst ihr noch damals bei der Juwelensache, da hätten wir ihn brauchen können, als Kugelfang“, begann MM mit dem Aufwärmen alter Kamellen.
„Yepp!“, warf Tatijana ein, „Dann hättet ihr den mit nacktem Hintern aufs Deck stellen können anstatt meiner Person. Das hätte die noch viel mehr verwirrt.“
„Was du immer hast, es war doch kaum Schneetreiben und du sahst gut aus. Mir wird heute noch ganz warm bei dem Gedanken.“ MM schaute verträumt ins Leere.
„Ja. Und es hat gewirkt wie geplant. Während die zu verstehen versuchten, warum da urplötzlich eine nackte Frau breitbeinig auf ihrer Ladeluke rumstand, haben wir sie in aller Ruhe aufgemischt. Auch ohne Waffen“, ergänzte Johann.
Franz seufzte: „Leider habe ich mich zu sehr auf deinen Anblick konzentriert, Tatijana. Deshalb konnte ich zwar meinen Vogel greifen, aber der Aluminiumkoffer mit der Beute versank in den Fluten.“
„Ach“, sagte Johann, „erzählst du die Geschichte immer noch so? Unsere Vorgesetzten und sämtliche Versicherungen sind bis heute davon überzeugt, dass du den Koffer beiseite geschafft hast, um deinen Lebensabend zu versüßen.“
Helga beugte sich über den Tisch und packte Huber an der Nase. „Du, mein Hubsilein, verschweigst du mir etwas? Sei ein artiger Junge, sag der Mama, wo du die Klunkern versteckt hast.“
„Leider nein, Helga. Du musst dich weiter an Drago halten. Ich hab alle Kraft gebraucht, um den Fremdenlegionär überhaupt festzuhalten. Der war wie eine Ölsardine. Kaum zu greifen. Entweder hat den Koffer ein Fischer donauabwärts oder es finden irgendwann Archäologen in ein paar tausend Jahren in einer Sedimentschicht geschliffene und gefasste Klunker und versuchen dann eine Erklärung dafür zu finden, wie ein Vulkan die formen konnte.“
Das Telefon des FBI Agenten unterbrach das Schwelgen in Erinnerungen. Nach ein paar Worten reichte Homer das Telefon dem Sauerländer, der Verbindungsdaten weitergab. Gleich darauf kam eine uniformierte Beamtin aus dem Bereich, in dem der alte Verbindungsknoten stand.
Der Raum wurde abgedunkelt, eine Leinwand fuhr herab und ein Mitarbeiter des Lawrence Livermoore Instituts in Kalifornien kam ziemlich müde über die Videokonferenzleitung. Er grüßte in gutem Deutsch und begann sogleich mit seinem Vortrag, dessen Resümee ergab, dass der in Wien gefundene Renoir tatsächlich eine Fälschung war. Zu beweisen war dies aber nur dadurch, dass ein Leistenteil, auf den das Bild gespannt war, nicht aus der Gegend um Limoges stammte, sondern aus Flandern. Renoir hatte seine Leisten und Rahmen ausnahmslos bei einem Hersteller aus seiner Heimat bezogen.
Zudem gab es ein in der Grundierung klebendes Pinselhaar, das von einem russischen Iltis mit sehr feinen Spitzen stammte, während für das Original Haare vom Rotmarder verwendet worden waren.
Der müde Experte sagte abschließen: „Sie können davon ausgehen, dass bei diesem Aufwand mehr als eine Kopie angefertigt wurde. Alles andere hätte keinen Sinn.“
Die Übertragung erlosch, das Licht ging an.
Die Polizistin verteilte die gefaxten Blätter mit der Expertise und jeder vertiefte sich erst einmal, um den Schock zu überwinden.
Johann hatte sich als erster gefasst: „Da hilft ja nun alles nichts. Das müssen wir zunächst mal als Arbeitshypothese so stehen lassen. Irgendjemand beauftragt international lokale Räuberbanden, bestimmte Bilder zu stehlen und sie in Serie zu kopieren, um sie zu verkaufen. Durch einen für uns glücklichen und für die Marai unglücklichen Zufall sind wir in Wien auf zwei solcher Kopien gestoßen, die gerade an Sammler verkauft werden sollten, die allerdings glaubten, sie hätten die geklauten Originale erworben. Nun brauche ich erst mal einen großen Wodka.“
Agent Nixon dachte laut nach: „Yeah. Dazu besorgen die sich Hölzer, Leinwand und Farben aus der jeweiligen Zeit und sind so gut, wie es überhaupt nur möglich ist. Marder, Iltis. Holz aus Flandern statt aus Limoges. Ich kenne da nur die robusten, rotbraunen Rinder, für die die Gegend berühmt ist. Eine Delikatesse. Ich erinnere mich auch an ein saftiges Limousinrind-Steak in Rotweinsoße. Aber Kunstfälscher auf dem Niveau ...“
Helga trank einen großen Schluck aus Tatijanas Wodkaglas, was ihr einen missbilligenden Blick Dragos einbrachte, der sie jedoch weiter nicht störte. Langsam und deutlich sagte sie: „Habt ihr mal überlegt, dass ein sehr reicher, aber auch sehr geiziger Sammler auf die Idee kommen könnte, echte Kunst für sich selbst rauben zu lassen? Gleichzeitig die Kosten dafür und einen tüchtigen Gewinn dadurch zu erwirtschaften, das er die Kopien als echte Bilder an andere verrückte Sammler verhökern lässt?“ Vorsichtshalber nahm Helga noch einen Schluck. Auf einmal fand sie ihre Theorie doch selbst sehr gewagt.
Mücke war der erste der Runde, der die Erstarrung abschüttelte. Er beugte sich über den Tisch, hob Helga mühelos über den Tisch, knutschte sie und setzte sie wieder hin, bevor Drago überhaupt reagieren konnte: „Helgaschatz du hast recht. Das ist die Lösung!“, brüllte er begeistert. „Ein illegaler Sammler kennt andere illegale Sammler oder hat zumindest von ihnen gehört. An Holz und Leinwand ist auf verschiedenen Wegen heranzukommen, an die Farben auch. Eure Marai war die Händlerin in Wien. Es muss also andere Bilder, andere Händler und natürlich auch Kunden geben.“
Als nächste fing sich Tatijana und krallte ihre Nägel aufgeregt in den Schenkel des FBI-Agenten: „Homer, Hannu Sjogren hat mir in Stockholm erzählt, er geht davon aus, dass vermutlich ein Geheimdienstler am leichtesten an Diebesbanden in unterschiedlichen Ländern rankommt. Könnte es dann nicht auch sein, das die Geheimdienste am ehesten auch über kriminelle Kunstfetischisten Bescheid wissen? Die sind ja erpressbar und vermutlich auch reich und mächtig in ihren Ländern, sonst wäre ihr Risiko zu groß.“
Nixon befreite sich aus ihrem Griff, überlegte nicht lange, sondern griff zum Handy und führte ein kurzes Gespräch. Dann sagte er: „Ok. Heute geht da nichts mehr, aber ich habe morgen früh einen Termin in unserer Botschaft, da treffe ich einen, der einen kennt, der einen kennt, der vielleicht wirklich einen kennt. Mal sehen was dabei rauskommt.“
Johann begann so gleich zu organisieren: „Gut, dann muss Tatijana nur noch einen Termin mit ihrem Vater ausmachen, damit wir mit der anderen Abteilung Geheimdienst auch reden können. Ich möchte, dass Helga und Homer mitfahren. Drago lassen wir lieber hier. Da trau ich auch der Macht von Tatijanas Vaters nicht. Ein Serbe im heutigen Russland geht mir zu leicht als Zigeuner unter.“
Drago winkte ab: „Ich muss auf jeden Fall zurück nach Wien. Meine Schüler wollen zwar nichts lernen, aber ich bekomme Geld dafür.“
Franz Huber orderte die nächste Runde und alle stürzten sich heißhungrig auf die bleistiftdünnen, aber einen halben Meter langen Knacker, die wie überdimensionale Spaghetti auf einer langen Platte serviert wurden.
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