Du bist verrückt, mein Kind,
du musst nach Berlin
Franz von Suppé
23. Februar 2006 10 Uhr 25 Berlin
Während Michael Mücke wartete, dass der Learjet landete, erging er sich in Betrachtungen. Obwohl der Flieger die Schweizer Kennung HB-IKZ trug, war er aus Liechtenstein. Deshalb hatte er auch nicht das weiße Kreuz auf schwarzem Grund am Heckflügel, sondern Blau und Rot mit der Krone des Fürstentum Lichtensteins.
Der Berliner Kommissar musste lächeln. So ein reicher Versicherungskonzern aus der Schweiz nahm selbst die paar Franken mit, weil eine Registrierung für Lichtenstein billiger kam als eine in der Schweiz. Auch mit dem Schweizer Nationalstolz war es nicht mehr so weit her, resümierte er.
Die Maschine kurvte aus Wien kommend auf dem Runway in Richtung des ehemals französischen Teils auf dem Flughafen Tegel, der heute als Regierungsflughafen genutzt wurde.
Mücke winkte dem Fahrer eines von den Berlinern liebevoll Wanne genannten vergitterten Einsatzfahrzeuges, dass ursprünglich für Straßenkämpfe in wilden Zeiten gedacht war. Auf seltsamen Wegen hatte der Wagen seine geplante Verschrottung bei der Mordkommission überlebt.
„Arthur“, sagte Mücke, „bring bitte das Gepäck in die Mordkommission und dann hol uns später in Tempelhof ab.“
„Mordkommission“, Arthur schnaubte angewidert. „MM, da gehst du doch nur hin, wenn dich Innensenator und Polizeipräsident zwingen oder du einen Verdächtigen mit mieser Atmosphäre beeindrucken willst. Du meinst zum Sauerländer.“
Michael Mücke, allgemein als MM bekannt, nickte schmunzelnd.
„Ist schon klar“, sagte Arthur froh, „und das des Reichsgrafen bring ich eh gleich zu ihm nach Hause. Der Hubschrauberpilot ruft mich an, wenn ihr vom Sightseeing die Schnauze voll habt und nicht mehr Politiker spielt.“
„Arthur, bist du neidisch? Das letzte Mal, als du in so einer Kaffeemühle von Hubschrauber warst, haben die hinterher vier Stunden lang das Ding säubern müssen. Möchtest du mit mir tauschen?“ Er wartete die Antwort nicht ab, sondern strebte dem Flugzeug zu, das mittlerweile auf seiner Parkposition angekommen war.
Das obligatorische Händeschütteln fiel wegen des kalten Ostwindes und vereinzelter großer Regentropfen kurz aus. Außerdem kannten sich alle schon seit langem. Nur Homer, dem FBI-Bevollmächtigten für den europäischen Raum, klopfte MM begeistert auf die Schulter. Die Freude war beidseitig, sie hatten sich lange nicht mehr gesehen.
Die Gruppe hastete zu dem in der Nähe mit laufenden Rotoren geparkten Militärhubschrauber. Schnell wurden Kopfhörer-Mikrophon-Garnituren verteilt; die einzige Möglichkeit, um sich in dem Höllenkrach zu verständigen.
Kaum waren sie angeschnallt, wurde die Maschine nach oben gerissen und ein leitender Beamter der brandenburgischen Bereitschaftspolizei stellte sich grinsend als offizieller Reiseleiter vor, da in der deutschen Kleinstaaterei, Polizeiaufgaben immer Ländersache seien. Er wusste, dass MM das Sagen hatte und verteilte daher entspannt die in Laminat eingeschweißte Karten. Darauf sah man zum einen ein Gesamtüberblick über das große Havelländische Luch und zum anderen die genaue Detailkarte der Gegend um Lobeofsund. Dazu gab es alles noch einmal als Hybridkarten, auf der außer der Karteninformation und den Satellitenbildern auch die nicht vorhandene Topographie ablesbar war. Die Landschaft glich eher dem Boden einer flachen Pfanne. Der Beamte lehnte sich nach getaner Arbeit zurück, während MM brüllend – sein Mikrofon krachte und rauschte – erklärte, dass nur wenige Straßen durch das überaus weitläufige Luch führten.
Der Pilot brachte eine Warnung an, dass er keinem empfehlen würde, es zu Fuß abseits der Wege zu versuchen. Er hatte nämlich schon mal an einer Rettungsübung teilgenommen und steckte dabei stundenlang bis zur Brust im Morast. Helga schüttelte sich. Der Gedanke an eventuelle Blutegel im Sumpf war schlimmer als die Aussicht auf Mann gegen Mann Kämpfe mit den Neonazis. Homer sah sie von der Seite an, sie flüsterte in sein Ohr, welche ekeligen Gedanken durch ihren Kopf schwirrten und nun hatte sie ihn damit angesteckt, er wurde blass. Wenn er etwas auf seinen Tod nicht aushielt, dann waren das Blutegel. Das resultierte aus einer traumatischen Erfahrung. Als kleiner Junge war er quietschfidel in einem schlammigen Tümpel geschwommen und übersät mit diesen Ekelviechern an Land gekommen. Er und Helga ernteten erstaunte Blicke, wie sie konsulvisch zuckend dasaßen.
„Auch wenn die Entwässerung des Luchs schon 1716 unter Friedrich Wilhelm I begonnen hat, ist es immer noch ein Sumpfgebiet, das lediglich durch die Wasserbaukunst des Menschen im Sommer nutzbar gehalten werden kann. Überall gibt es Morast und bis zu sechs Meter breite Entwässerungsgräben, die nur schwer zu überwindende Hindernisse sind. Weidende Rinder oder Pferde, die in diese Gräben stürzen und sich nicht mehr aus dem Schlamm befreien können, sind begehrtes Futter der Aale.“ Das alles brüllte MM seiner Mannschaft in die Ohren. Was er nicht wusste war, dass die Kopfhörer einwandfrei funktionierten im Gegensatz zu seinem Mikro.
Der Hubschrauberpilot blieb im Tiefflug über einigen Gräben stehen. Der Beamte kam nun doch noch ins Spiel und erklärte, wie seine Leute ähnliche Stellen als Grenze zum Einkesseln der Wehrsportgruppe nutzen wollten. „Das ist deshalb wichtig“, sagte er, „weil ein Einsatz auf dem flachen Land auch in der Nacht nicht unbemerkt bleiben kann und deshalb zuerst die Bewohner der Ortschaft dadurch geschützt werden müssen, dass man die Gegner aus dem Ort treibt. Um sie dann aufzuhalten, treiben wir sie genau auf die Stelle zu, wo zwei breite Gräben zusammenstoßen.“
„Was?“, brüllte Johann den Beamten an; er hatte bei MMs Vortrag die Garnitur abgelegt.
Tatijana reichte ihm nur wortlos seine Kopfhörer. Der Polizist wiederholte seine Ausführung.
Zum Abschluss wurde einmal Lobeofsund überflogen, damit sich alle einen Überblick verschaffen konnten, ohne Argwohn zu erregen. Dann drehte der Hubschrauber nach Berlin ab.
Alle atmeten auf, als sie in Tempelhof landeten. Selbst die Winterluft draußen kam ihnen warm vor im Gegensatz zu den polaren Temperaturen, denen sie im Hubschrauber ausgesetzt gewesen waren. Huber fragte sich, warum noch keiner eine vernünftige Heizung für Militärhubschrauber erfunden hatte. Aber wahrscheinlich ging es darum, Härte zu zeigen. Er lechzte nach einem wärmenden Schnaps.
In einen Konferenzraum erklärte ein wichtiger Mann namens Dr. Rohrdörfer aus irgendeinem Innenministerium ihnen nochmals, was der Bereitschaftspolizist ihnen in Natura gezeigt hatte. Neu war lediglich die Information eines Aufklärers der Luftwaffe, der mit ein paar Infrarotaufnahmen von Flügen zeigte, wie viele Personen sich normalerweise auf dem Anwesen aufhielten und wie viele aktuell anwesend waren. Die Aufnahmen stammten aus alten Stapeln ihrer Übungsaufnahmen, die aktuellen aus dem Morgengrauen des heutigen Tages.
Der Plan war einfach. Dr. Rohrdörfer sagte: „In den folgenden Nächten finden Aufklärungsflüge in großer Höhe statt. Sobald die Österreichreisenden eintreffen, lässt sich das leicht erkennen.“
„Und dann Zugriff“, strahlte der Bereitschaftspolizist. Er untermauerte das Wort mit einem Schlag auf den Tisch, der durch das Mikrophon vielfach verstärkt wurde. Tatijana und Helga fuhren erschrocken aus dem gnädigen Schlummer hoch, der sie für ein paar Minuten vergessen hatte lassen, wie durchfroren sie waren.
Nein. Es gab keine Fragen mehr. Danke. Nichts wie raus hier.
Die Wanne wartete am Ausgang und kam der Gruppe vor wie ein überheiztes Tropenhaus. Das weckte ihre Lebensgeister.
Johann teilte die Schlafplätze ein: „Hubsi, du bleibst bei mir, Helga und Drago schlafen bei MM. Ich besorge euch schöne Spesenrechnungen, denn so gut sind unsere Hotels nun auch wieder nicht, das man sie zu diesen Preisen benutzen müsste.“
„Ich dachte, Hubsi schläft bei mir“, murmelte Tatijana. Sie zog einen Flunsch.
„Nein du schnarchst“, kam prompt Johanns Antwort.
Tatijana zog eine Augenbraue hoch. „Püh, woher willst du das denn wissen?“
„Du hast bei der Überwachung in Dover die ganze Nacht im Auto geschnarcht. Ich konnte kein Auge zumachen.“
„Solltest du ja auch nicht, du solltest überwachen! – Gibt es jetzt eigentlich was zu trinken?“
„Ja, wir fahren in die Mordkommission. Ich brauche auch dringend einen Wodka, bevor ich die Grippe von der Saukälte bekomme“, sagte MM.
„Whisky wäre auch nicht schlecht! Ich hasse Hubschrauber, Blutegel und Kälte“, bemerkte Homer, dessen Haut langsam die Blässe verlor und das gesunde Schwarz wiedergewann.
„In der Mordkommission werden die wohl kaum große Auswahl haben. Bei uns gibt es nur was Lauwarmes in der Abstellkammer“, merkte Huber an, der sich ebenfalls sichtlich wohler fühlte ohne Rotoren und in der Wärme.
MM grinste breit: „Alles was das Herz begehrt. Zwanzig Sorten Bier vom Fass, knapp hundert unterschiedliche Schnäpse und eine gute Berliner Küche. Jemand wie ich braucht eine angenehme Arbeitsatmosphäre.“
Homer und Huber sahen sich zweifelnd an, als der Wagen auch schon in einer Nebenstraße vor einer Kneipe mit dem schönen Namen „Zum Sauerländer“ hielt.
Beide Straßenseiten waren befremdlicherweise mit absolutem Halteverbot belegt und mit einem Schild „Frei nur für Dienstfahrzeuge“ versehen. Verschiedene Zivil- und Dienstfahrzeuge parkten aber wie selbstverständlich. Die fragenden Blicke von Homer und Franz wurden nur mit einem Grinsen quittiert.
In der dämmrigen Kneipe sang Degenhardt von den „Reitern wieder an der schwarzen Mauer“ und als sich die Augen der Besucher an das Licht gewöhnt hatten, erkannten sie einen schnauzbärtigen Wirt, der ihnen fröhlich zunickte und in die Tiefe des Raumes wies. Sie gingen an dem langen Tresen vorbei, weiter zu einem Durchgang, über dem zwei Tafeln leuchteten: „Privat“ und „Durchgang verboten“.
Feixend zeigte MM auf ein Schild in einem kleinen Zwischengang.
„Polizeidirektion 5, Delikte am Menschen, Mordkommission“ prangte dort hochoffiziell mit dem Berliner Bären.
Durch eine Tür kamen sie in einen weiteren Raum, in dem Polizisten zum Teil bei der Arbeit waren, andere beim Bier saßen. Hinter einer halb geöffneten Jalousie konnte man einen Computerraum sehen.
An einem großen runden Tisch nahm die Gruppe Platz. Der Wirt kam mit Bier und Wodka auf Verdacht hinter dem Tresen hervor. Auch Homers Wunsch nach Whisky wurde erfüllt. Er hatte nur die Qual der Wahl bei der Sorte.
Franz Huber lehnte sich gemütlich in seinem Stuhl zurück. So eine Mordkommission machte was her. MM erzählte der Runde, wie es dazu gekommen war: „Nachdem zum siebten Mal die Renovierung der Büroräume der Berliner Mordkommission begonnen und mittendrin im Chaos versickerte, habe ich kurzerhand einen Raum in der Kneipe "Zum Sauerländer" zur meinem Arbeitsplatz umgewidmet. Technisch gab es keine Probleme, denn aus den Anfängen polizeilicher Datenverarbeitung lag ein Verstärkerknoten des internen Netzes im Gebäude, das schon damals dem Sauerländer gehörte, der zu der Zeit auch Polizist gewesen war. Mordkommission mit Service.“ Mücke lachte. „Selbst der Kaffee war um Lichtjahre besser als der in meinem Büro, vom Bier gar nicht zu reden.“ MM wandte sich an Huber. „Na Franz, willste dich nach Berlin versetzen lassen?“
„Schön wär’ das schon, MM, aber ich glaub, so weit reicht Europa doch noch nicht. Außerdem tät ich mein Wien vermissen. Andere Idee: Der Sauerländer soll eine Filiale bei uns aufmachen. Ich verleg mein Kommissariat gern.“
Johann schüttelte den Kopf. „Das würde in Wien nicht funktionieren. Es ist halt eine typisch Berliner Kneipe. Ein Heuriger in Berlin geht ja auch nicht, oder nur als billiger Abklatsch. Aber ehrlich, wenn wir das hier schon zu meiner Zeit bei der Polizei gehabt hätten, wäre ich auch im Dienst geblieben. So haben wir immer einen Grund, uns überall in Europa auf etwas anderes zu freuen.“
Es wurden noch ein paar Gläser getrunken, doch alle waren mit ihren Gedanken bei den kommenden Aufgaben. Als die Berliner Pathologin Vonderkrone, die sich mit jemandem am Nebentisch unterhalten hatte, aufbrach, nützte Helga die Gelegenheit, um gleich mitzufahren, da auch sie bei MM im Haus wohnte.
Die nächsten Tage bestanden aus dem, was Ermittlungsarbeit meist ist. Die Akten durchgehen, Expertenmeinungen für Neonazis und ihre Gewohnheiten einholen, Papierkram.
Für den Reichsgrafen, MM, Huber und Nixon waren sie zusätzlich mit dem fragwürdigen Vergnügen verbunden, alle naselang an wichtigen Sitzungen teilnehmen zu dürfen, auf denen der längst besprochene Zugriff wieder und wieder zerkaut wurde.
Huber führte zähe Telefongespräche mit seinen politischen Leitwölfen, die das Ergebnis brachten, dass sich die österreichischen Anhänger der Wehrsportgruppe nach der Tat in Wien komplett nach Deutschland abgesetzt hatten. Die Auswertung von Kameraaufnahmen an Autobahnbrücken bestätigte das. Vermutlich reisten die Herrschaften mit ihren deutschen Kameraden im Konvoi. Diese Information wurde auch an die deutschen Sicherheitskräfte weitergegeben, die zwei Übernachtungen der Truppe im Thüringischen aufdecken konnten und sich ansonsten bereithielten.
Wirklich glücklich war eigentlich nur Drago. Er hatte auf der Fahrt nach Berlin bei Freunden in Naila übernachtet. Der zweite Reisetag bescherte ihm strahlenden Sonnenschein, er hatte die Fahrt und die bewundernden Blicke der anderen Autofahrer genossen.
Hier in Berlin fühlte er sich sofort heimisch. Egal, wie viele Probleme interessierte Kreise in die Beziehung zwischen Deutschen und Migranten oder der Migranten untereinander hineindiskutieren wollten, es funktionierte trotzdem. Hier konnten Serbe und Albaner noch miteinander reden und trinken, frei von den Zwängen der Heimat. Einen Wermutstropfen gab es dennoch für Drago. Helga fand kaum Zeit für ihn und sauste wie ein Irrlicht mit oder ohne Tatijana durch die Stadt. So blieb ihm nichts übrig, als sich weiterhin mit den Unterschieden der Migrationspolitik Berlins und Wiens zu beschäftigen. Kurz überlegte er sogar, hierher zu übersiedeln, doch dann musste er plötzlich an Helga denken und dass sie Wien niemals verlassen würde, so verwarf er den Gedanken wieder. Zudem erwartete er täglich seine Österreichische Einbürgerung, in Deutschland müsste er neuerlich eine Ewigkeit warten.
Als Helga an diesem Abend im gemütlichen Gästezimmer MMs ins Bett huschte und unter Dragos Decke kroch, verschwanden all diese Überlegungen aus seinem Hirn, denn es gab nur noch Leidenschaft und Liebe.
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