13. Dumm gelaufen
Mach nur einen Plan,
sei ein großes Licht,
mach noch einen zweiten,
gehen tun sie beide nicht.
Bertolt Brecht
27. Februar 2006 Wulkow 10 Uhr 21 JVA Wulkow
Olav Geiger, Hauptmann der Wehrsportgruppe „Reichsfürst“, kämpfte wütend gegen die Kabelbinder, die ihm als billiger Handschellenersatz die Hände auf den Rücken fesselten, obwohl ihn zwei baumlange Polizisten fest auf seinen Stuhl drückten. Frech spuckte er und traf einen von ihnen unters Auge.
Sein Kopf flog zur Seite.
„Wenn Sie noch einmal ...“
„Droh nicht, sonst lässt er es ja vielleicht wirklich bleiben“, unterbrach der Kollege des Bespuckten und grinste. „Solche Neonazis verdienen es, geprügelt zu werden, bis der Dreck aus ihnen draußen ist “, setzte er hinzu.
Olav biss die Lippen aufeinander, sammelte die grauen Zellen wieder zusammen, die der Schlag auseinandergespritzt hatte.
Was hatte ihm diese blödsinnige Ermittlungsrichterin gerade vorgelesen? Verhaftet wegen illegalem Waffenbesitz – schön, kriminelle Vereinigung – er sah sich mit Recht als Führer und Hauptmann der Wehrsportgruppe „Reichsfürst international“, Anmaßung von militärischen Rängen – war ihm doch egal, Beihilfe zum Mord und versuchten Mord in Nauen – das mussten sie erst einmal beweisen, Beihilfe zum Mord, versuchter Mord und Mord in Wien – verflucht, woher wussten die das? Widerstand gegen die Staatsgewalt.
Geiger begann erneut zu toben: „Welcher Widerstand bitte schön! Uns hat eine ganze feige Armee überfallen. Unfair ist das! Im Schlaf! Wir konnten gar keinen Widerstand mehr leisten ...“ Er brach ab, als er ihr Grinsen bemerkte.
Der Überraschungsangriff saß ihm immer noch in den Knochen. Nie hätte er geglaubt, dass Deutschland fähig wäre, ihn frontal anzugreifen. Als er aus dem Raum geführt wurde, hörte er, wie einem seiner Leute angeboten wurde, eine baldige Aussage würde strafmildernd wirken. Auf dem Weg in die Zelle begegnete er seinem Adjutanten Rieß, der dem Blick seines Führers auszuweichen versuchte und sich in Richtung Richterin bewegte. Schlagartig wusste Olav, dass Rieß ihn verraten würde.
Da half nur Flucht nach vorn, wollte er nicht die nächsten fünf Jahre im Knast verrotten. Er blieb stehen und wandte sich an seine Wachen: „Ich möchte eine Aussage machen. Bringt mich zurück.“
Der ältere Justizbeamte lächelte ihn mitleidig an. „Ja, ist schon klar. Will jeder aus eurer Bande.“
„Bitte“, knirschte Olav und wollte sich am liebsten selbst dafür steinigen. Im Lager hatten sie trainiert, selbst unter Folter am Marterpfahl zu schweigen. Sogar mit Lügendetektor lernten sie das Leugnen perfekt; keine Pupillenveränderung oder Hautreaktion war aus Olav rauszukriegen. Und jetzt bettelte er mit vollen Tarnhosen um Gnade.
„So viele Vernehmungsbeamte haben wir gar nicht“, sagte der Beamte, „aber jeder bekommt Papier und Bleistift und kann seine Aussage niederschreiben. Irgendwann wird jemand entscheiden, wer von euch mit Strafminderung belohnt wird. Die anderen sind dann eben im Arsch. Hoffentlich kommt ihr im Knast in eine Abteilung mit vielen Ausländern. Die werden euch und euren widerlichen Rassismus sicherlich begeistert begrüßen.“
„Knast als nachgeordnete Erziehungshilfe für Faschisten. Da macht einem der Beruf doch mal so richtig Spaß“, streute der zweite Beamte Salz in Geigers Wunden.
Olav sah seine Felle davonschwimmen. Jetzt konnte es für ihn nur darum gehen, mit möglichst viel Belastungsmaterial gegen andere die eigene Freiheit zu erkaufen. Er war bereit, sein kleines Leben zu retten.
28.Februar 2006 Berlin 6 Uhr 15
Helga erwachte von einem keuchenden Geräusch.
Neben ihr schreckte Drago hoch: „Schon wieder?“ Er war sichtlich beeindruckt und begann ein wenig an sich zu zweifeln.
„Nein, das klingt anders. Dieser MM muss ja irgendwann einmal fertig sein. Aber die Geräuschkulisse gestern Abend war recht spektakulär.“ Helga war selbst verwundert über die Dauer dessen, was nebenan vorgegangen sein musste, untermalt von Klängen weiblicher Leidenschaft.
Sie warf sich den Bademantel über und Drago folgte ihr mutig. Auf Zehenspitzen schlichen sie aus dem Schlafzimmer, und ein Blick ins Wohnzimmer erklärte das Keuchen.
Die nackte Tatijana benutzte das große und ziemlich leere Zimmer als Übungsraum und absolvierte eine sehr schnelle Abfolge von harten Übungen, unterbrochen durch tänzerische Einlagen. Zum Abschluss kam ein Handstand, bei dem Tatijana ihre Beine zuerst wie die Klingen einer Schere schnell gegeneinander laufen ließ, gefolgt von einer Szene, in der sie die Beine spreizte, um die Fersen dann kraftvoll zusammenschlagen zu lassen. Es klatschte.
Helga konnte direkt spüren, dass Drago neben ihr rote Ohrläppchen bekam. Sie brauchte ihn nicht anzusehen, sie hörte an seinem Atmen, dass ihn Tatijanas Tun gefangen nahm.
Tatijana sprang elegant wieder auf die Füße. „Guten Morgen ihr beiden. Kaffee ist in der Küche. Es gibt frische Brötchen. Drago aufwachen! Seid leise, MM und Charlotte schlafen noch.“
„Äh. Warst du heute Nacht hier mit MM und der Pathologin?“ Helga hätte Drago für diese dumme Frage erschlagen können. Der Arme legte seine Stirn in Dackelfalten und stieg von einem Fuß auf den anderen.
„Nein, Drago. Ich bin um sieben Uhr mal eben nackt durch Berlin gelaufen und hab Brötchen mitgebracht. Das siehst du gleich in den acht Uhr Nachrichten. Macht es euch gemütlich. Ich geh schnell duschen.“
Drago schüttelte hilflos den Kopf.
Kurze Zeit später saß Tatijana mit nassem Haar und angezogen am Frühstückstisch. Sie reichte Helga ein Visum für Russland. Helga fragte sich gar nicht erst, wie sie so schnell zu einem Visum kommen konnte und auch nicht, wo ihr Foto herstammen könnte, das das Papier zierte. Beziehungen schaden halt nur dem, der keine hat.
„Drago, Liebling. Hast du dich wieder erholt? Mein Reichsgraf möchte dich nachher in seinem Büro sehen. Keine Ahnung, worum es geht, wahrscheinlich um die Rückreise nach Wien. Seine Gräflichkeit ist momentan wieder recht sparsam mit den Informationen, die er verteilt. Entweder hat ihm die Zeit in Belgien nicht gereicht, um sich auszuvögeln oder er brütet eine Idee aus. Wie auch immer, er ist ätzend.“ Zur Unterstreichung zerbröselte Tatijana ein Brötchen zu Atomen.
Lachend sagte Helga: „Och Tati, ist er vielleicht nur ätzend, weil er sich dir verweigert?“
Ein leicht giftiger Blick traf sie. „Nö“, gab Tatijana errötend zurück, „daran bin ich doch gewöhnt. Männer halt. Wir fliegen übrigens heute Nachmittag. Freunde meines Vaters nehmen uns in ihrer Maschine mit. Ich hol dich gegen Mittag ab.“ Schon war sie mit einem Brötchen im Mund, die Jacke unter dem Arm, aus der Tür und dem Haus verschwunden. Draußen heulte ein Automotor auf und Reifen quietschten, während Helga und Drago schmunzelten.
„Alles würde sie für eine Nacht mit Johann geben, selbst ihr Leben.“ Nur zugeben, nein, das war nichts für Tati, wie Helga wusste.
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