14. Nackte Tatsachen
Die nacktesten Stellen
eines Menschen sind in
die Innenseiten der Handgelenke.
Damaris Wieser
28. Februar 2006 Leningrad 19 Uhr
Die Ermittlerinnen teilten sich ein Zimmer. Agent Nixon hatte seines ebenfalls im achten Stockwerk, aber am anderen Ende des Flurs.
Bei einem gemeinsamen Abendessen im Atriumcafé des Grandhotels Europe im Zentrum, das aus Borschtsch und Plinis von der Kaviarbar bestand, besprachen sie die Details ihrer Aufgaben.
„Morgen früh treffen wir uns zum Frühstück mit meinem Vater“, sagte Tatijana, „Ich liebe ihn, obwohl er wie alle Väter ist: Er hat recht. Dummerweise hat er das tatsächlich oft und selbst wenn mal nicht, stört ihn das nicht, weil keiner wagen würde, ihn darauf hinzuweisen. Wie alle Väter missbilligt er den Lebenswandel seiner Tochter zutiefst und hätte sie am liebsten als seine Prinzessin zuhause. Da darf sie ihm Enkelkinder schenken, aber durch unbefleckte Empfängnis, bitte schön! Kindsväter und Schwiegersöhne kommen in seinem Universum nicht vor. Wenn man diese Regeln und ein paar tausend weitere beachtet, liegt man bei ihm richtig.“
Homer lachte laut. „Das kenne ich von meinem Vater und meiner Schwester. Obwohl sie schon vier Kinder und zwei Ehemänner hat, weigert er sich, seine Tochter und Männer überhaupt miteinander in Verbindung zu bringen. Wie steht er zu uns Amerikanern?“
„Ihr ward für ihn immer Gegner, aber in seinem Denken nie Feinde. Außerdem mag er Leute mit anderer Hautfarbe und Herkunft. Er ist nämlich neugierig auf Menschen. Bei Frauen mag er das Schwarz sogar sehr. Woran das wohl liegen mag ... wahrscheinlich am Kontrast der Farben zueinander.“
Plötzlich war Helga so auffallend still geworden, dass Tatijana und Homer ebenfalls verstummten.
„Helgalein?“ Die Russin drückte ihre Hand.
„Es ist nichts.“ Helga schüttelte stur den Kopf, doch ihr Seufzen trieb den beiden anderen die Tränen in die Augen. Als Tatijana zart ihre Wange streichelte, stieß Helga hervor: „Das stimmt einfach nicht, Tati! Nicht alle Väter sind so. Meiner lebt in Hamburg und ich bin ihm komplett wurscht.“
„Das finde ich sehr traurig.“ Homers Stimme klang noch dunkler als sonst. Er streichelte Helgas andere Wange. Nun ließ sie den Tränen freien Lauf. Schweigend wischten die beiden Tröstenden ab und zu die Tränen von Helgas traurigem Gesicht. Irgendwann atmete sie tief ein, zog geräuschvoll mit der Nase hoch und sagte mit fester Stimme: „Aus! Schluss mit den Sentimentalitäten.“
Sie lief davon, sagte, sie müsse unbedingt den Koch begrüßen, der ein Österreicher war.
Nachdem in diesem Hotel Sicherheitsstufe 1
herrschte, dauerte es eine Weile, bis sie es schaffte in die Küche vorzudringen.
„Servus Engelbert, ich wollt schnell Grüß Gott sagen, wenn ich schon einmal in so einer Luxushütte auf Spesen absteige.“
„Na so was, die Brennerin! Was treibst du denn in Petersburg?“ Engelbert umarmte sie herzlich. Sie kannten sich aus der Zeit, als er noch in Wien im Bristol gekocht hatte. Damals half Helga ihm in einer Verleumdungssache, die ein Konkurrent angezettelt hatte.
„Toller Laden hier“, meinte Helga.
„Ja eh“, sagte der Koch. „Sonst wär ich ja net hier, gell?“
„Wie lang bleibst denn?“
„Bloß ein paar Tage, Recherchen, du weißt schon.“
„Nix weiß ich, aber es geht mich auch einen Dreck an.“
Sie plauderten eine Weile, dann kehrte Helga, wieder unter Sicherheitsstufe 1, an den Tisch zurück. Sie war froh, Engelbert besucht zu haben, es hatte ihre trüben Gedanken vertrieben.
Homer und Tatijana waren sich in den paar Minuten ihrer Abwesenheit recht nahe gekommen.
Helga hüstelte, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen.
„Huch!“, sagte Tatijana, spielte augenzwinkernd die Prüde und nahm ihre Hand von Homers Zentrum.
„Aber, aber!“ Helga rümpfte die Nase, „Hier hat Tschaikowski diniert, Herrschaften!“
„Der hätte das sicherlich verstanden, Helgalein“, konterte Tatijana, während Homer sich redlich bemühte zu erröten.
Anschließend suchten sie ihre Zimmer auf, die in edlem Jugendstil eingerichtet waren, wie das ganze Hotel.
Nach einem ausgiebigen Aufenthalt in ihrem Badezimmer, das die Dimension von Helgas gesamter Wohnfläche in Wien besaß, lümmelten die beiden Frauen auf dem Doppelbett herum. Sogar die temperamentvolle Tatijana schien ausnahmsweise müde zu sein. Das Zimmer war nicht so geheizt wie jenes im Kungsgatan, obwohl in Leningrad dieselbe klirrende Kälte vorherrschte, die sie in Stockholm erlebt hatten.
Sie kuschelten sich träge unter die Decken. Tatijana legte den Arm um die Freundin, Helga kroch in ihre Achselhöhle.
„Was ist mit deinem Vater?“, fragte Tatijana behutsam, „Möchtest du darüber sprechen?“
Helga schnaufte ein bisschen, dann erzählte sie: „Peter Brenner, mein Vater, war als junger Mann in Wien auf Urlaub. Beim Heurigen lernte er meine Mutter kennen. Sie verliebten sich, heirateten schnell und sie zog nach Hamburg. Blankenese. Ich kam auf die Welt. Als ich sechs war, übersiedelte Mama mit mir nach Wien.“
„Warum denn?“
„Er schrieb Heftromane, vielleicht tut er das ja immer noch ...“
Tatijana strich über Helgas Haar. „Aber das ist doch nicht so schlimm, Heftromane schreiben. Ist einträglich.“
„Oft hörte ich, wie meine Eltern sich anbrüllten. Es ging immer ums Trinken. Er sagte, er würde das brauchen, damit er Einfälle bekäme. Mein Papa war für mich Gott, Tati. Ich liebte ihn so sehr ...“
Tatijana unterbrach ihre Wehmut mit einem Kuss in die Halsgrube. Dann kitzelte sie Helga, sie schrie vor Lachen.
Es klopfte. Ohne ein „Herein“ abzuwarten, öffnete sich die Tür. Homer kam geschmeidig wie ein Panther herein, lockerte seinen Krawattenknopf, warf das Armanisakko auf einen der goldlackierten Stühle. „Hi“, erklang es heiser, „bei euch ist es ja auch so kalt.“ Er ging zielstrebig zum Kleiderschrank, griff hinein und öffnete dort einen Metallkasten: „Das machen die gerne. Wenn die Zimmer nicht belegt sind, wird die Klimaanlage an der Sicherung ausgeschaltet. Da könnt ihr drehen, was ihr wollt. Aber ich habe noch weiter vorgesorgt.“
Im gleichen Moment klopfte es wieder und der Roomservice brachte zwei Literflaschen Wodka auf Eis und drei russische Wodkagläser. Dick und groß.
Homer setzte sich neben Tatijana aufs Bett und schenkte Wodka ein.
Helga nahm einen großen Schluck aus ihrem Glas. Wegen der Kälte, wie sie sagte. Schon spürte sie, wie sich warme Leichtigkeit in ihrem Körper ausbreitete.
Mittlerweile jaulte die Klimaanlage in höchsten Tönen und über ihre nackte Schulter zog nun ein warmer Wind anstatt nasser Kälte.
„Wenn du die Schuhe ausziehst, darfst du dich auch ins Bett setzen“, bot Tatijana Homer großzügig an, stand dann auf, um aus der Minibar Erdnüsse und andere Knabbereien zu holen, die sie in der Bettmitte drapierte.
Drago hätte bestimmt wieder über Tatijanas Schamlosigkeit gestaunt, die sich nackt und natürlich bewegte, als ob es die brennenden Augen Homers nicht geben würde. Plötzlich war Helga sicher, dass es nicht Schamlosigkeit im Sinne des Wortes war. Es gab keinen einfach keinen Grund, warum sich Tatijana ihrer selbst schämen sollte. Nicht etwa, weil sie perfekt gewesen wäre, sondern weil sie im Gleichklang war. Auf diese Erkenntnis hin genehmigte sich Helga den Rest ihres Glases. Sofort füllte Homer höflich nach.
Sie lächelte ihn an: „Hast du etwas besonderes vor, Homer? Zwei Flaschen Wodka für drei Leute. Ich muss dich enttäuschen, bei dem Tempo liege ich in einer halben Stunde flach.“
„Flach ist ja grundsätzlich nicht immer schlecht“, meinte Homer grinsend, „aber meine Absichten sind ehrenhaft. Es war mein Versäumnis, euch auf den Trick mit den Klimaanlagen hinzuweisen. Deshalb der Wodka. Auf Rechnung der amerikanischen Steuerzahler.“
„Man kann übrigens nie zu viel Wodka haben, nur zu viel davon trinken“, warf Tatijana ein, die die Gelegenheit nutzte, ein Stück näher an Homer heranzurücken. Sie legte ihm die Hand auf den Oberschenkel.
„Das kann man erst am nächsten Tag beurteilen.“ Homer setzte sich bequemer und gleichzeitig erreichbarer hin. „Außerdem, liebe Helga, braucht man dich und Drago nur anzusehen, um zu wissen, was los ist. Ich überlege allerdings, ob ein Leben so ganz ohne Versuchung nicht langweilig sein könnte.“
„Das Schöne an der Versuchung ist, ihr zu widerstehen“, gab Helga zurück. „Den Schmerz, sich selbst etwas zu versagen.“
„Meine Süße, du könntest gut eine geborene Russin sein. Besser als ich. Wesentlich leidensfähiger. Ich passe da irgendwie nicht richtig. Ich gebe mich lieber mit Genuss hin als die Befriedigung in meinem Widerstand zu suchen.“
Sie tranken und redeten über Lust und Versagung. Die Klimaanlage heizte jetzt richtig durch. Anstatt sie runterzustellen, zog Tatijana dem Agenten ein Kleidungsstück nach dem anderen aus. „Aus alter Gewohnheit“, wie sie augenzwinkernd sagte.
Helga trank ihr zweites Glas und saß mittlerweile auch unbekümmert nackt auf dem Bett und genoss das intelligente Gespräch, die feinen Nadelstiche und die erotische Atmosphäre.
Helga konnte nicht wirklich sagen, dass sich Tatijana und Homer gesittet benahmen, denn sie schmusten inniglich, aber es störte sie nicht. Schläfrig fiel ihr das Wort „erotisch“ als Beschreibung der Situation ein.
Sie rollte sich in fötaler Haltung auf ihrer Bettseite zusammen und döste ein.
Homer und Tatijana beachteten die schlafende Helga nur in soweit, dass sie erfreut waren, wie gemütlich und locker Helga mit der Situation umging. Homer warf ihr eine Kusshand zu, die sie zwar nicht sehen konnte, ihr aber sicherlich trotzdem gut tat, denn ihre Lippen öffneten sich zu einem weichen Lächeln.
Das Liebesspiel der beiden schritt voran. Sie fanden kaum noch Zeit zum trinken, jedoch umso mehr für Küsse und Liebkosungen.
Irgendwann erwachte Helga wieder, weil die Matratze bebte. Scheinbar baute Tatijana Homer gerade wieder nach einem wilden Ritt auf, zumindest verriet das ihr Kopf, der sich auf und ab bewegte.
Helga lag Voyeurismus fern, dennoch blickte sie fasziniert auf die beiden prachtvollen Körper. Die beiden waren so in ihr Tun vertieft, dass sie nichts registrierten. Sie glitten von Stellung zu Stellung, während Helga spürte, wie sie feucht wurde. Unwillkürlich begann sie sich selbst zu streicheln. Jetzt war Tatijana auf Homer, Helga beobachtete wie sie rauf und runter tanzte und passte unbewusst ihr eigenes Tempo dem des Paares an. Die Russin drehte den Kopf und blickte sie aufmunternd an. Bald begann sie Helga zu streicheln und Homer liebkoste ihre Brust, während er sich in Tatijana befand. Helga versuchte Homers Hand abzustreifen und sagte: „Drago.“
„Keine Sorge, ich habe verstanden, alles bleibt hier in diesem Zimmer.“ Er lächelte beruhigend. Da gab Helga sich den beiden hin und genoss.
Der Reigen endete in einem gemeinsamen Taumel der Lust.
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