18. Waidmannsheil
Je geschickter die Falle, desto leichter
fängt man sich selbst darin.
Chinesisches Sprichwort
Während Tschikowski an einem neuen Höhepunkt der Geschichte des Kopierens arbeitete, chauffierte die Störchin ihren Chef über Bad Völsau nach Furth an der Triesting. Sie klingelte bei der Nachbarin Frau Feger an, doch nichts rührte sich hinter den rosengemusterten Spitzenvorhängen der Fenster.
Im Garten der Marai liefen zwei große gefleckte Doggenrüden auf und ab. Als die beiden Beamten sich dem Tor näherten, stürzten die Tiere in ihre Richtung, blieben aber ruhig. Dafür fegte ein braunweißes Etwas schrill kläffend aus dem Gebüsch. Der Jack-Russel-Terrier überschlug sich fast vor rasender Wut. Die Störchin lachte kehlig in ihrem tiefen Alt, als die beiden Doggen mit gelassenem Blick zu dem Winzling hinuntersahen. Es hätte nur noch gefehlt, dass sie dazu den Kopf schüttelten.
Eine kleine, rundliche Mittfünfzigerin wuselte über den Rasen zum Tor. „Warten’S, ich komm schon. Ich bin die Frau Feger. Ich hab schnell noch geputzt. Es muss ja ordentlich sein, wenn die Polizei kommt.“ Sie öffnete Lob heischend das Tor.
„Damit brauchen wir dann auch keine Spurensicherung mehr. Vermutlich finden wir hier nicht mal mehr die Fingerabdrücke der Bewohner“, röchelte Huber.
„Ja, wir sind eben ein sauberes Volk, wenn man nicht so genau hinsieht“, erwiderte die Störchin. „Aber den Täter, der zwischen diesen Doggen durch ist, möchte ich sehen. Und der Winzling würde sowieso Tote aufwecken.“ Mit einem Blick auf das große und gut abgeschirmte Grundstück hier am Ende des Nichts und die Rüden fuhr sie fort: „Zwanzig Euronen darauf, dass die Marai und die Lamm noch weitere Leidenschaften als die füreinander g’habt haben.“
Während sie von Frau Feger ins Haus geführt wurden, interessierten die Doggen sich nur für die Störchin, was bei ihr ein Grinsen auslöste.
Huber erfuhr in einem Schnelldurchgang alles wesentliche über das Paar Lamm/Marai und dass das nicht schicklich sei, was die machten und dass der Frau Feger ihr Mann nicht auf das Grundstück durfte und sie ihn immer vom Dachfenster vertrieb. So ermüdend der Redeschwall war, er enthielt genug Wissenswertes, dass es sich lohnte, zuzuhören. Als die Spurensicherung eintraf, übernahm die Störchin Frau Feger, hakte sorgfältig die bereits erwähnten Punkte ab und machte sich gewissenhaft Notizen in ihrem Notebook.
Während einige eindeutige Bilder und Heftchen gefunden wurden, hatte die Störchin ihren Bericht fertig und bereits per Mail an Huber geschickt, als dieser mit zwei der Bildchen ankam: „Wie kamst du darauf, Störchin?“
„Zwei so große Rüden dienen nicht dem Schutz. Nicht bei Frauen. Rüden bekommen sich leicht an die Köpfe und sind im Duo schwer zu bändigen. Männer halten sich mehrere, um zu beweisen, was sie doch für Alphatiere sind. Frauen nur, wenn sie züchten oder ein anderes Hobby haben. Scheint sich übrigens immer mehr zu verbreiten. Liegt wohl daran, dass Hunde den Befehl ‚Aus!’ verstehen.“
Huber grinste errötend: „Ok. Hier ist kein Tatort, also zurück nach Wien.“
Am nächsten Tag flog der Reichsgraf sehr früh nach Bern, um sich dort mit dem Polizeipräsidenten zu treffen.
Aufgrund des großen Gepäcks wurde er von diesem mit „is den schon Weihnachten?“ begrüßt.
„Nein“, kam prompt Johanns Antwort, „ich will dir bloß die nächsten Tage versauen. Hast du meine Mail gekriegt?“
„Ja. Die Trommeln wurden in der Schweiz vor zwei Jahren durch elektrische Drähte ersetzt. Aber so richtig schlau bin ich daraus nicht geworden. Du behauptest also, du kannst beweisen, dass der Berner Bürger Bent Rittig ein Sexualverbrecher ist?“
„Falsch, ich fahre nicht zu dir, um Thesen aufzustellen. Ich beweise es dir einfach.“
Er brauchte ungefähr eine Stunde, dann war der Polizeichef ins Bild gesetzt.
„Du hast also einen Haufen illegaler Beweise und möchtest nun, dass wir so tun, als wären die legal. Aber selbst die Kreditkartendaten können wir nicht verwenden, weil wir sie nicht kriegen. Die Auslandsdaten des Handys auch nicht. Ich bin gerne bereit dir beizupflichten, dass er höchstwahrscheinlich der Täter ist. Was also erwartest du?“
„Ganz wenig. Ich brauch einen Abzug seines Originalpassbildes in elektronischer Form. Dann hänge ich einen von den Pinkerton Detektiven an seinen Hintern. Das sind r die besten Beschatter. Die sollen mir gleich noch mal DNA-Material besorgen. Das ist hier ja legal. Der Mann ist Raucher und wenn er Kippen wegwirft, darf der Finder damit machen, was er will.“ Johann nahm den angebotenen Whisky gerne an, er hatte sich gerade den Mund fusselig geredet.
„Soweit okay. Aber dafür kommst du nicht extra her. Du bist doch sonst so ein fauler Hund?“
„Ich möchte, dass du den Diplomatenpass ausschaltest.“
Der Polizeichef verschluckte sich, hustete ausgiebig, Johann klopfte ihm auf den Rücken.
„Wie soll ich das denn machen? Ich werde nur nach seiner Akte gefragt, wenn da was aus dem Ausland kommt, bevor unser Außenamt anfängt zu agieren. Da kann ich nichts verhindern, wenn der nicht hier ist, müssen die einschreiten.“
„Ich weiß. Aber wenn du meldest, dass Rittig deines Wissens nach auf einem Kletterurlaub in Tibet ist oder zum Radwandern am Niederrhein, werden die den österreichischen Behörden glauben, dass der Mann, den sie haben, ein Betrüger ist, was wiederum die Zeit verschafft, Anklage zu erheben. Danach werden die Diplomaten sich schon einigen, zumal auch Deutschland die Auslieferung verlangen wird.“
„Das ist richtig. Sein Diplomatenpass dient ja nur zum Geldeinsammeln. Den werden die schnell aufheben. Vor allem, wenn er so dumm war, hier zuzuschlagen. Hast du was gefunden?“
„Zwei Fälle sind aufgeführt. Ähnlicher Tatvorgang und ungeklärt, ein weiterer angeblich geklärt. Aber das ist euer Problem. Lasst ihn ruhig über die österreichische Grenze. Da pflücken wir ihn uns dann.“
Am Abend des gleichen Tages war Johann wieder in Wien. Mit Helga, die kaum aus Petersburg zurück gekommen, sofort wieder von ihm mit Beschlag belegt wurde, trieb er sich die nächsten Tage bei den Wiener Fälschern herum, auf den Standplätzen des fahrenden Volkes und bei zwei kleinen Zirkussen. Seine Scharade war fast fertig. Als Huber ihm eine Goldpfeil Brieftasche aus schwarzem Ziegenleder vorbeibrachte, wie sie Bent Rittig besaß und ständig benutzte, waren die Vorbereitungen abgeschlossen. Mit knapp 19 mal 10 Zentimetern war sie ungewöhnlich groß.
Die Pinkerton Leute hatten fleißig Bilder geschossen und waren mittlerweile über die Reisepläne von Rittig informiert. Alles war vorbereitet, als er am Montag im Hotel Jesuitenmühle in Schwechat eincheckte. Er war sogar so freundlich, für den nächsten Morgen um acht Uhr ein Taxi zu bestellen, das die Pinkerton-Mitarbeiter dann wieder abbestellten.
Nach einem ruhigen Abend im Hotel mit Sauna und Essen wartete er am nächsten Morgen auf den Wagen. Das Taxi war ein getarntes Fahrzeug der Polizei, für Laien nicht zu erkennen. Es hielt am Flughafen an der vorbestimmten Stelle, weil das eigentliche Ziel des Passagiers im Augenblick wegen Staatsbesuch nicht erreichbar sei, wie der Chauffeur Rittig sagte. Er schöpfte keinen Verdacht. Beim Aussteigen erblickte er eine Frau, die sich nach einem Papierfetzen bückte, als scheinbar der Wind ihren Rock anhob und einen schönen nackten Hintern zeigte.
Rittig war so fasziniert, dass er in einen anderen Passagier hineinlief. Einen Ausländer, irgendetwas südländisches, der sich in gebrochenem Deutsch mehrfach entschuldigte. Rittig fasste vorsichtshalber an seine Brieftasche. Aber die war an Ort und Stelle. Solch eine Monsterbrieftasche konnte eben niemand stehlen. Den Koffer mit dem Geld für den deutschen Industriellen hatte er an der Hand. Es war alles in Ordnung. Mit einem letzten Blick auf die junge Frau mit dem dicken blonden Zopf, die sich mittlerweile wieder restauriert hatte, ging er in die Halle, um auf das Flugzeug aus Hamburg zu warten. Ziemlich erstaunt schnappte er nach Luft, als er von zwei freundlichen Polizisten angesprochen wurde, die wissen wollten, was er in seinem Koffer habe.
„Ich bin Diplomat, meine Herren!“ Er griff nach seiner Brieftasche, was sofort unterbunden wurde. „Kommen’S einmal mit, ohne Aufsehen und lassen’S die Hände sichtbar“, sagte der eine Uniformierte, während der andere seine Finger diskret, aber deutlich auf den Pistolengriff am Gürtel legte. In der Kammer, in die sie Rittig bugsierten, war es mit der Freundlichkeit schnell vorbei. Die Leibesvisitation ergab, dass sich in der Brieftasche Blüten befanden, gefälschte österreichische Papiere und ebensolche Führer- und Waffenscheine. Die echten zwei Millionen Euro in seinem Koffer halfen auch nicht wirklich. Auf die anschließend beginnende Odyssee war Bent Rittig in keiner Weise vorbereitet.
In der Wachstube auf dem Flughafen wurde er fotografiert. Danach nahm man seine Fingerabdrücke und ein Arzt zapfte ihm eine Blutprobe ab. Rittigs Behauptung, Schweizer zu sein, wurde mit Hinweis auf seinen falschen, aber dennoch österreichischen Ausweis mit einem Lächeln zurückgewiesen. Das Gebrüll, mit dem er betonte: „Ich bin Diplomat, ihr stupiden Amtsorgane!“, brachte ihm eine Beamtenbeleidigungsstrafe ein und ein phlegmatischer Polizist erklärte ihm freundlich, dass kein Schweizer so blöd wäre, mit einem falschen österreichischen Ausweis in Österreich zu agieren. So schiach seien nur die eigenen Deppen.
Wohl hatte er mal etwas davon gehört, wie mit Verdächtigen umgesprungen würde, bekam aber nun einen netten Lehrgang über den genauen Hergang des Verfahrens, dass landläufig „Verdächtigenschubsen“ genannt wurde.
Nach einer Nacht am Flughafen ging es mit dem Gefangenentransporter über Linz nach Graz, wo er laut Ausweis herstammte. Dann nach Kärnten und wieder zurück über Wels nach Wien. Die Tage in ständig wechselnden Zellen oder auf dem Transport, seit langem ohne Zigaretten, hatten Rittigs Selbstbewusstsein schwer demoliert.
In Wien erwartete ihn Kommissar Huber mit den Beweisen und den Ergebnissen seiner DNA-Analyse. Der ihm zugeteilte Pflichtverteidiger versuchte noch einmal die Schweizer Karte zu spielen, aber Rittigs Heimat reagierte ablehnend. Der echte Bent Rittig sei zum Bergsteigen im Himalaja und werde erst in einigen Monaten zurück erwartet, war die einzige Antwort. Er brach letztendlich zusammen und gestand sechzehn Morde, darunter drei in der Schweiz. Seltsamerweise wurde zu diesem Zeitpunkt seine echte Brieftasche im Berner Hauptbahnhof gefunden.
So sehr sich Huber auch über die Aufklärung des Mordes an der Marai und den anderen Mädchen freute, in Sachen Kunstdiebstahl waren sie keinen Millimeter weitergekommen. Die Ermittlungen in Deutschland hatten ebenso nicht viel gebracht. Auftraggeber für den Raub in Wien war angeblich Luigi Verano, ein Mann aus dem Val di Zoldo bei Cortina d’Ampezzo, dem Tal der Eismacher. Österreichische Mitglieder der Wehrsportgruppe hatten ihn auf der Eismesse in Longarone getroffen. Er plauderte mit rheinischem Dialekt, was bei den Gelatieri nicht ungewöhnlich ist. Die meisten sind zweisprachig und haben ihre Eisdielen überall in Deutschland und Österreich.
Die Bilder hatten sie in einer Tiefgarage in einen Transporter umgeladen. Obwohl sie videoüberwacht wurde, war weder die Einfahrt noch die Ausfahrt des Transporters gefilmt wurden. Dafür aber ausführlich der Umladevorgang. Eine Manipulation an den Bändern war nicht nachzuweisen. Die Nummernschilder des Transporters waren als gestohlen gemeldet.
Huber und Johann fassten einen letzten verzweifelten Plan. Wie verzweifelt sie waren, sah man schon daran, dass Tschikowski gebraucht wurde, um ihn zu verwirklichen. Im Wesentlichen ging es darum, die Presse über die gefälschten Bilder zu informieren und sie in wildeste Spekulationen zu jagen. Dass sie nichts Wichtiges hatten, machte die Sache nur unwesentlich leichter.
„Tschikowski!“, rief Huber entnervt.
„Was?“, kam mürrisch vom Schreibtisch im Nebenraum.
„Schwing deinen Hintern herüber.“
Huber hörte den Stuhl über den Boden scharren, dann stand Tschikowski mit saurer Miene in der Tür. Sein Gesicht entwölkte sich zusehends, als Huber sagte: „Bist du bereit, eine wichtige und sehr gefährliche Aufgabe wahrzunehmen?“
„Na sicher, Chef!“ Lehnte Tschikowski bisher wie ein Fragezeichen an Hubers Schreibtisch, so straffte er nun seine Schultern.
Dass kleine Männer extrem abhängig von Anerkennung waren, wusste Huber nur zu gut, deswegen rang er die Hände, als wäre Tschikowski der Schlüssel zu allem und sagte dramatisch: „Nur du kannst das perfekt über die Bühne bringen. Führe die Presse an der Nase herum.“
„Super, diese Trottel hab ich schon lang auf meiner schwarzen Liste“, antwortete Tschikowski begeistert; er hatte den Medien noch nicht verziehen, dass Huber und Rokitansky anlässlich des Leichfundes an der Donau in der Kronenzeitung gestanden haben, er selbst nicht mit einem einzigen Wort erwähnt wurde.
Am selben Abend trafen sie sich in aller Freundschaft in einem Konferenzraum des Hotel Sacher, wo nur von Zeit zu Zeit der schweigsame Kommissar Mücke in der Maskerade eines Kellners die drei mit Speisen und Getränken versorgte, die der Hausservice bis zur Tür lieferte.
Zunächst zweifelte der Reichsgraf an den Fähigkeiten des komplexbehafteten und dummen Jungkommissars, ließ sich dann von seinem Engagement überzeugen, denn Tschikowski blätterte seine guten Verbindungen zur Kronenzeitung und anderen Printmedien auf, wie ein Angeber seine paar Geldscheine so geschickt vorzählt, dass es nach deutlich mehr aussieht als an realem Wert vorhanden ist.
Huber verkniff sich, die Pleite von der Wasserleiche zu erwähnen und hoffte, Tschikowski würde sich auf die seriösen Tageszeitungen konzentrieren, wie Presse und Standard.
Es wurde eine genaue Liste erstellt, was er sagen und was er verschweigen sollte. Als immer noch Zweifel in den Augen des Reichsgrafen zu sehen waren, unterzeichnete Tschikowski die Listen sogar mit Datum und reichte sie an Huber weiter.
Danach beendete der Reichsgraf erschöpft das Meeting und erlaubte mit letzter Kraft Tschikowski, die nicht angebrochenen Flaschen mitzunehmen. Durchdrungen von der hehren Aufgabe verließ dieser das Sacher.
MM legte die Tarnkleidung ab und gemeinsam gingen sie an die Hotelbar. Eigentlich war Mücke in Wien, um sich mit den Kollegen vom Raub und Huber abzustimmen. Er sah die anderen an und seufzte: „Einen Fairnesspokal werden wir dafür nicht bekommen. Aber was soll’s. So ein Riesenrindviech wie der Tschikowski ist genau die richtige Vorlage für die Presse, der verrät denen auch noch die Geliebte deines Polizeipräsidenten.“ Er wärmte in seinen Händen das Glas mit einem alten Remis Martin.
„Wenn ich richtig informiert bin, hat der eher einen Geliebten. Egal. Wir müssen Unruhe schaffen, um den Fall in Bewegung zu bekommen. Würde sich Tschikowski an seine Anweisungen halten, könnte ihm nichts passieren, aber da er Mist baut wie immer, riskiert er eine Abmahnung in seiner Akte. Die hätte er schon tausendmal aus wichtigeren Gründen verdient. Was soll’s also“, pflichtete Huber bei.
Der Reichsgraf nickte und meinte nach einer Weile: „Wir haben keine andere Wahl. Keinem von uns würden die Pressefuzzis ein Wort glauben. Dafür haben wir sie schon viel zu oft veralbert. Wenn wir nicht auf Kommissar Zufall warten wollen, müssen wir das Wild hochscheuchen.“
Huber kam mit der fadenscheinigen Ausrede, Migräne zu haben, nicht ins Büro. Er wollte sich einfach selbst nicht die Gelegenheit geben, Tschikowski vor Dummheiten zu bewahren in seiner Gutmütigkeit. Die Angelegenheit war einfach zu wichtig. Morgen konnte überall auf der Welt der nächste Überfall stattfinden. Statt dem Hauptkommissar hatte sich Tschikowski in Hubers Büro einquartiert und protzte gegenüber der Störchin mit einem Geheimauftrag, über den er aber nichts sagen könne. Dazu führte er mysteriöse Telefongespräche und verschwand vor der Mittagspause.
Tschikowski überbot die von ihm erwartete Dämlichkeit um einiges. Hatte er den Journalisten von Kurier, Presse und Standard im wesentlichen das Abgesprochene berichtet und saftige Belohnungen dafür erhalten, war der Reporter der Kronenzeitung ein anderes Kaliber. Er setzte Tschikowski derbe unter Strom und landete mit ihm in der Sonnenfelsgasse bei Josefine. Dort war Tschikowski im siebten Himmel, weswegen er in seinem Dusel dem Reporter die Liste dessen gab, was er nicht sagen sollte. Selbst bei den Mädchen kam er nicht so richtig zum Zuge, weil der Alkohol seiner kleinen Männlichkeit nicht zuträglich war.
Am nächsten Tag flog Michael Mücke wieder nach Berlin, Huber war in seinem Büro und Tschikowski kämpfte zuhause mit einem fürchterlichen Kater. Tatijana war, nachdem sie Rittig mit ihrem nackten Hinterteil auf dem Flughafen irritiert hatte, in die russische Gemeinde abgetaucht, während sich Nixon mit einem Informanten in Rom traf. Der Reichsgraf telefonierte mit seiner belgischen Eroberung, konnte ihr jedoch keinen Termin nennen.
Helga hatte endlich Zeit, sich ihrem Drago zu widmen und badete zum Auftakt, um warm zu werden. Drago saß wie üblich am Wannenrand und geigte ihr etwas vor. Helga bemerkte, dass er nur melancholische Melodien spielte. Als er „Otshi tshornýe“ anstimmte, ein todtrauriges, russisches Lied, das übersetzt, „Schwarze Augen“ heißt, runzelte sie die Stirn. Schließlich reichte es Helga, denn Drago intonierte den Song „Trauriger Sonntag“, der als Selbstmörderlied in die Geschichte einging. Hunderte Menschen hatten sich zu diesen Klängen während und nach dem zweiten Weltkrieg von Brücken gestürzt. Helga wohnte im dritten Stock und wurde nervös.
„Was ist los, Drago?“ Sie stieg aus der Wanne, er nahm die Geige vom Kinn und blickte leidend ihren tropfendnassen Körper an. Unwillkürlich hüllte sie sich ins Handtuch, obwohl sie sonst dem Mann ihrer Liebe gegenüber nicht prüde war. Neuerdings wusste sie, dass sie überhaupt nicht prüde sein dürfte, wenn sie genug Wodka im Blut hatte.
„Ach ...“, seufzte Drago herzzerreißend.
„Was? Sag schon?“ Seine südländische Seele brachte Helga manchmal an den Rand des Durchdrehens; alles musste man ihm aus der Nase ziehen. Lieber litt er stumm, als sich klar und deutlich zu deklarieren.
„Das ist unmännlich“, sagte er.
Meist setzte er das tragische Gesicht auf, wenn er mit anderen Serben über seine Heimat redete. Das konnte Helga gut verstehen. Aber im Moment konnte sie keinen ernsthaften Anlass für sein Leid entdecken.
„Ach“, sagte er zum zweiten Mal.
„Spuck’s schon aus!“ Sie schlüpfte in den Froteebademantel. „Du sprichst in Rätseln, das vertrage ich nicht.“
Drago wischte den Wasserdampf von der Geige und verließ das Bad. Helga rannte ihm nach. Er schlurfte zum Fenster, wollte es öffnen.
„Nein! Das machst du nicht!“ Sie riss ihn zurück.
Drago drehte sich erstaunt um. „Alles ist so feucht“, sagte er.
„Ach, und ich hab’ schon geglaubt ...“ Sie fiel überreizt auf das Sofa. Die letzten Wochen waren einfach zuviel gewesen für sie, dabei war ein Ende noch nicht abzusehen.
„Wo schläfst du, wenn du verreist bist?“
„Im Hotel.“
„Mit wem?“
Helga sprang auf. „Misstraust du mir vielleicht?“
„Ich frage doch nur.“ Drago hob abwehrend die Hände, aber sein Blick sprach Bände.
Natürlich verdächtigt er mich, dachte Helga und zerbrach sich das Hirn. Sie war eine verdammt ehrliche Haut, deshalb sagte sie: „Mit Tati.“
Da atmete Drago tief durch und die Schatten verließen sein Gesicht. Er stürzte zu Helga, warf sie aufs Sofa und schon bald lauschte die ganze 3. Etage verzückt dem Lustkonzert aus Helga Brenners Wohnung.
Während der Zeit recherchierten die Reporter, und der Chefredakteur der Kronenzeitung telefonierte mit seinem Kollegen bei der Bildzeitung in Deutschland.
MM hatte als erster ein Exemplar, weil einer seiner Informanten in der Druckerei arbeitete und ihn immer dann, wenn über Mücke geschrieben wurde, anrief. Die Schlagzeile war ein Hammer „Neonazis als Kunstdiebe im Luch gestellt!“
Im Text wurden nicht nur alle den Ermittlern bekannten Fakten genannt, sondern auch noch süffisant darauf hingewiesen, das Kommissar Mücke, der ja schon öfter durch eigenwillige Methoden aufgefallen sei, den Einsatz geleitet habe. Die WAZ-Gruppe, der die Kronenzeitung teilweise gehörte, stieß am nächsten Morgen in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, der Neue Ruhr Zeitung / Neue Rhein Zeitung, Westfälische Rundschau und der Westfalenpost mit dem gleichen falschen Tenor nach.
Der Kurier sah neben der Kronenzeitung recht blass aus, die sich nicht um die deutschen Probleme gekümmert, sondern intensiv damit beschäftigt hatte, weshalb gestohlene Bilder kopiert werden. Sie kam zu den gleichen Antworten wie die Ermittler, was nicht weiter verwunderlich war, hatte sie doch die Liste dessen, was Tschikowski nicht preisgeben durfte, fast wörtlich gedruckt.
Als er in Katerstimmung am nächsten Morgen beim Trafikanten vorbeikam, las er die Schlagzeile der Kronenzeitung. Es reichte ihm ein Blick darauf, um sich für einen Besuch beim Arzt und eine Krankschreibung zu entscheiden. Huber war froh, dass sich das Problem erst einmal so gelöst hatte, als ihn die Störchin über die Krankheit informierte.
Überall auf der Welt waren die Seismographen der Polizei in Stellung gebracht. Jetzt blieb das Warten.
Worum es geht
Vorheriges Kapitel
Nächstes Kapitel am 25.03.2008
Trackbacks
Trackback-URL für diesen Eintrag
Keine Trackbacks



















