19. Die Kreuzigung
Es kann ein Wissen vom Teuflischen geben,
aber keinen Glauben daran, denn mehr
Teuflisches als da ist, gibt es nicht.
Franz Kafka
Auf der ganzen Welt rannten Reporter den Museumskuratoren die Türen ein.
Mücke und Huber wurden regelrecht belagert, aber schwiegen beharrlich.
In Stockholm musste das Museum zeitweilig geschlossen werden, ebenso das Brücke-Museum in Berlin.
Selbst das Börsenfernsehen berichtete in halbstündigen Intervallen über gefälschte und gestohlene Kunst. Die Nachrichtensender boten Experten aller Richtungen auf, die sich nicht nur gegenseitig widersprachen, sondern sogar noch auf die Distanz in die Haare gerieten. Extraausgaben von Zeitschriften wurden gedruckt, die Buchhandlungen hatten Probleme, dem Bedürfnis nach Büchern über Kunst und Fälschung nachzukommen. Zwei Auktionshäuser erklärten sich ausdrücklich für nicht betroffen, was selbstverständlich eine Welle von Nachfragen auslöste.
Besonders verwegen agierte ein italienisches Blatt, das sowohl in seiner Printausgabe als auch in der TV-Version behauptete, dass die meisten Werke im Vatikan bereits ausgetauscht wären, sowie die Mona Lisa im Louvre. Wie eine Bombe schlug diese Nachricht ein.
Das Sammeln von gestohlener Kunst war überall Tagesthema. Ein reicher Japaner, der verdächtigt wurde, lud einen Fernsehsender ein, um zu beweisen, dass er nur Kopien der von ihm so geliebten Bilder besitze.
Das veranlasste die Polizei, die Sammlung unter die Lupe zu nehmen. Dabei wurden neben einigen Kopien drei Originale gefunden. Die Entlarvung trieb den Japaner dazu, Seppuku, den rituellen Selbstmord der Samurai zu begehen. Ein Bediensteter fand ihn am nächsten Morgen ausgestreckt zwischen den Gemälden in seinem weißen Seidenkimono, das Schwert in der Brust.
13. März 2006 Rio Galleg 14 Uhr 30
Der raue Wind Patagoniens strich über das Bett, in dem sich zwei schweißbedeckte Körper wälzten.
Baron Ferdinand von Schulenburg-Schwarzenstein genoss das Liebesspiel mit seinem jungen, schwarzen Gespielen. Gerade, als er sich laut stöhnend in ihn entlud, wurde die Tür mit Karacho aufgerissen und seine Schwester stürzte zum Fernseher, ohne die Bettszene eines Blickes zu würdigen. Atemlos schaltete sie ein.
In einer Sekunde erfasste der Baron die Situation, stieß den Lustknaben beiseite und sprang auf. Atemlos wie seine Schwester verfolgte er das Geschehen.
Berühmte, gestohlene Gemälde flimmerten in schneller Folge über die Mattscheibe. Berichtet wurde über Fälschungen dieser und anderer Werke. Ihm war klar, dass seine Kunden in ganz Südamerika das Gleiche sahen. Besonders die Kolumbianer würden ihre gnadenlosen Schlüsse ziehen. Es war sein Prinzip, nie zwei Fälschungen des gleichen Bildes in einem Land anzubieten, jedoch den Renoir, dessen Kopie ein Experte gerade beschrieb, hatte er ausgerechnet dem Chef des größten Koka-Kartells verkauft.
Er musste auf schnellstem Wege aus Argentinien flüchten.
Wo auf dieser Welt konnte er vor solchen Kunden sicher sein?
13.März 2006 New York 14 Uhr 45
Theresa Madles wurde in ihrer Wohnung im Trump Tower von einem kalifornischen Kunden angerufen. Er hatte insgesamt vierzehn Bilder bei ihr gekauft. Sie hatte keine Ahnung, ob eines davon echt war. Dennoch versicherte sie ihm, dass der Renoir in Stockholm natürlich eine Fälschung sei, weil er ja das Original besitze.
Der Schweiß brach ihr aus, während sie fieberhaft darüber nachdachte, wie sie die schwierigen Zeiten überleben könnte, die jetzt auf sie zukommen würden. Theresa wählte die Nummer einer Bodyguardagentur, dann gab sie dem Hausservice die Anweisung, keine Besucher zu ihr vorzulassen. Mit einem weiteren Telefonat informierte sie ihren Ex-Mann, der schon von wütenden kanadischen Kunden und einem Renoirbesitzer aus Mittelamerika angerufen worden war. Wahrscheinlich würden sie den Deckel auf dem Topf halten können, sofern der Israeli mit Geld aushalf, um einige Bilder zurückzukaufen.
13. März 2006 London 14 Uhr 50
In England versuchte Lord Brigham seit vielen Stunden seinen Lieferanten in Haifa zu erreichen.
Endlich bekam er ein Hausmädchen zu fassen. Es sagte, dass Purim sei und ihre Chefs bis übermorgen in Jerusalem blieben.
Lord Brigham beruhigte sich. Wenn der Jude den Dingen sowenig Bedeutung beimaß, waren sie unter Umständen gar nicht betroffen? Er goss sich einen Whisky hinter die Binde und machte den Fernseher an. Die BBC kündigte eine Sondersendung für den Abend an.
13. März 2006 Kairo 15 Uhr 06
Oreste Crispi beschäftigte sich gerade mit einer Auswahl seiner Ware. Sein Haus in Kairo war zumindest für die jüngeren und hübscheren Sklavinnen ein Übergangslagerplatz, bis er ihrer überdrüssig wurde und sie den Weg der anderen beschritten.
Der Ägypter war Händler in der achten Generation. Ging es im Sklavenhandel früher um Arbeitssklaven, die nur zusätzlich dem Vergnügen ihrer Besitzer dienten, handelte er heute vor allem mit Lustsklaven, obwohl neuerdings immer häufiger das Thema Organspenden im Vordergrund stand.
In Indien und einige Republiken der ehemaligen Sowjetunion gab es Kliniken für die Reichen der Welt, die ständig nach Organnachschub schrieen.
So war Oreste zum Wohltäter geworden. Seine Ärzte untersuchten die Menschen in den ärmsten Ländern der Welt. Gaben den Kranken Befundberichte und standardisierte Behandlungspläne, mit denen diese bei anderen Organisationen zumindest zielgerichtet um Behandlung
betteln konnten. In Wirklichkeit erstellten sie jedoch eine Gendatenbank, um für fast jeden denkbaren Bedarf einen Organspender irgendwo bereit zu haben. Trat der Bedarf auf musste nur noch der Betreffende eingefangen werden.
Daneben verkaufte Oreste Waffen, geschützte Tiere, Drogen und alles, was Geld bringen konnte. Je nach Bedarf spielte er die arabische oder italienische Karte. Als er von Gabriel Tavares Bocarro, seinem Mann aus Macao, angerufen wurde, der von der Aufregung unter seinen Klienten wegen der Medienberichte erzählte, blieb Oreste ruhig. Solche Stürme waren das Salz in der Suppe. Wie immer, handelte er schnell und eiskalt, indem er befahl, alle Kunden, die reklamierten, zu töten.
Nachdem die Anweisungen raus waren, gönnte er sich eine weitere Freude. Er rief seinen alten Rivalen Salvatore Bruscini an, der zwar nie Bilder bei ihm gekauft hatte, sich seine Schätze jedoch von einem italienischen Adeligen im Auftrag einer Österreicherin hatte andrehen lassen.
Bruscini jetzt ein Weilchen gegen den Strich zu bürsten, war ein ähnlicher Genuss, wie das Verfügen von Abschlachtungen der betrogenen Betrüger, die meckerten, anstatt sich an ihren Kunstwerken zu delektieren.
13. März 2006 Caneve 15 Uhr 34
In Italien war Graf Pietro Caloprini auf der Flucht. Richtig nervös machte ihn, dass er Elisabeth von Marai nicht erreichen konnte. Durch die Nachrichten in allen Medien war klar geworden, dass ihm wenig Zeit blieb. Sein Haus gehörte seit langem der Bank, seine Schulden in diversen Geschäften und Bars würden ihn genauso wenig vermissen wie er sie, daher war es nicht der Abschied, der ihm den Schweiß ins Gesicht trieb. Vielmehr hoffte er, die Schweiz zu erreichen, ehe ein paar seiner Kunden ihm ihre Aufwartung machen konnten. Immerhin hatte er einiges an Schmuck von Mutter und rund zweihundertfünfzigtausend Euro gerettet. Das musste für einen Neuanfang reichen.
Ihm schwebte das schwarze Meer, die Ukraine oder Georgien vor. Vielleicht würde er Haselnüsse züchten. Sein goldfarbener Lamborghini fuhr zügig in Richtung Bozen, als er vor sich eine Verkehrskontrolle entdeckte. Rasch schob er den Koffer unter den Beifahrersitz und folgte den Anweisungen des energisch winkenden Polizisten. Weitere Beamte leiteten ihn von der Autobahn herunter auf einen dicht umwachsenen Parkplatz. Pietro stellte den Motor ab.
Während er nervös damit beschäftigt war, die Papiere zusammenzusuchen, fuhren die Polizeiwagen plötzlich ab. Vielleicht ein Einsatz, dachte er, und wollte starten, als er einfror, weil er das Klicken einer Waffe neben seinem Ohr vernahm.
„Pietro, mein Bruder. Es ist doch ein wunderbarer Tag heute, wenn auch noch ein wenig zu kühl. Aber ich ahne schon den Duft des Frühlings.“
Er hörte, wie tief eingeatmet wurde, wagte sich jedoch nicht zu rühren, weil das kalte Eisen an seine Schläfe gedrückt wurde. Der Bewaffnete sprach mit einem süffisanten Unterton weiter: „Wohin bist du denn so eilig unterwegs, Graf? Mein Chef, der ehrenwerte Salvatore, will sich mit dir unterhalten. Kann sein, er möchte noch ein paar Bilder von dir kaufen.“ Die Stimme lachte.
Pietro hatte sie erkannt. Sie gehörte dem verfluchten Zwerg, der vor keiner Grausamkeit zurückschreckte! Er hatte einfach Spaß am Töten.
Pietro standen Schweißperlen auf der Stirn, jetzt ja keinen Fehler machen, beschwor er sich selbst und antwortete möglichst ruhig: „Ich hab einen Termin in Salzburg. es geht um Schmuck und Bilder. Morgen früh bin ich wieder zurück. Wo finde ich deinen Chef dann?“ Er hoffte, dass seine Worte beiläufig und aufrichtig klangen.
Der Zwerg ließ sich offensichtlich nicht übertölpeln. „Steig schön langsam aus“, sagte er, „Ich hätte gern einen Grund, um auf dich zu schießen. Wenn Salvatore dich treffen möchte, wird er dich dort finden, wo er dich sehen will. Notfalls nagle ich dich an.“ Grinsend drehte er sich zu seinen Begleitern um, die eine Mauer hinter ihm bildeten.
An einen Fluchtversuch war nicht zu denken, wusste Pietro Caloprini, als er die anderen sah. Er drückte seine manikürten Fingernägel in die Handteller, um nicht vor Angst ohnmächtig zu werden.
Der Zwerg nahm die Waffe von der Schläfe, legte ihm den Lauf unters Kinn, drehte damit Caloprinis Kopf zu sich und sagte, während er ihm in die Augen starrte: „Festnageln wäre tatsächlich eine nette Sache. Weiß einer von euch, wo es hier Hammer und Nägel zu kaufen gibt?“
In der nächsten Sekunde rissen die Kerle die Tür des Lamborghini auf. Sie schleppten Pietro zu einem Transporter, warfen ihn hinein. Zuerst wurde er an Händen und Füßen gefesselt, dann Mund und Augen mit Paketband verklebt. Sie rollten ihn in irgendetwas ein, er vermutete einen Teppich. Panik überfiel ihn, er rang nach Luft, die ihm die verstopfte Nase in Verbindung mit Klaustrophobie immer wieder verweigerte.
Als das Fahrzeug anhielt, hatte er keine Idee, wie lange sie gefahren waren. Er hoffte nur, bald besser atmen zu können. Die Ladetür wurde aufgerissen und etwas neben ihn geworfen.
„Hammer und Nägel. Du kannst dich schon freuen.“
Das Gelächter dröhnte in Pietros Ohren lange weiter, nachdem die Tür zugeschlagen war und die Fahrt fortgesetzt wurde.
Er konnte nicht denken. Seine Kraft reichte gerade, um Luft zu schnappen. Er glaubte nicht, dass er noch mehr leiden konnte. Egal, was sie ihm antaten.
Darin aber hatte Pietro sich gewaltig getäuscht. Als das Auto wieder anhielt, wurde er in seinem Teppich herausgezerrt. Nicht der Aufschlag von der Ladekante auf den Boden war das Problem, sondern die Tatsache, dass dabei der Staub von Jahrzehnten in dem Teppich aufgewirbelt wurde.
Als er im Haus herausgerollt wurde, war er blau angelaufen und krampfte. Man riss das Pflaster von seinen Lippen und schütte ihm Wasser ins Gesicht: „Du sollst uns nicht einfach so abkratzen, Graf. Das würde uns ja den ganzen Spaß versauen.“
Sie rissen ihm die Kleidung vom Leib und brachten ihn zu einer Holzwand. Der Zwerg kam mit einer Trittleiter, bewaffnet mit Hammer und großen Nägeln.
„Nehmt den Wahnsinnigen von mir weg. Ich sage euch alles, was ihr wissen wollt“, tobte Pietro, wurde aber mühelos festgehalten.
Einer griff ihm zwischen die Beine und quetschte seine Hoden.
Fröhlich pfeifend schlug ihm der Zwerg Nägel, deren Ende große Unterlegscheiben bildeten, erst durch beide Hände, dann durch die weit gespreizten Füße.
Grinsend stand er vor seinem Werk: „Ich wollte lange schon mal testen, ob die Kreuzigungsbilder richtig sind. Wenn die Nägel jetzt ausreißen, schlagen wir sie beim nächsten Mal durch die Gelenke.“
Ehe er und seine Helfer den Raum verließen, krachte er ihm den Hammer auf das rechte Knie. Pietro spürte den Schmerz im gesamten Körper.
Zwei Bodyguards betraten den Raum, gefolgt von Salvatore Bruscini, der ihn anlächelte, was ihm neuen Mut gab. „Der Graf Caloprini als der Gekreuzigte. Bemüh dich nicht, bleib ruhig hängen, mach es dir bequem. Ich habe nur ein ganz kleines Anliegen an dich. Ich möchte die 140 Millionen Euro wiederhaben, die ich dir für Kunstwerke bezahlt habe, die leider nur Fälschungen sind“, sagte er und zündete sich eine Zigarette an.
„Salvatore, ich hatte keine Ahnung. Ich bin selber ein Opfer, ich ...“
„Schon gut.“, unterbrach Salvatore, „Vergeude nicht meine Zeit. Gib mir einfach das Geld und wir bleiben gute Freunde. Es ist ganz einfach. Ich nehme auch gerne einen gedeckten Scheck. Das Geld aus deinem Köfferchen und den Wagen behalte ich als Anzahlung auf die Zinsen.“
Nun flehte Pietro mit zittriger Stimme: „Ich habe doch das Geld gar nicht, das hat die Österreicherin, die Marai. Ich war nur ihr Verkäufer in Frankreich, Italien an der Adria und in der italienischen Schweiz. Sie hat das Geld. Sie wohnt in Wien. Ich gebe dir gerne ihre Adresse. Ich ahhhhhh ...“
Wieder wurde seine Männlichkeit gequetscht.
Bruscini betrachtete seine Leute und ging zur Tür. Pietro versagte die Stimme, als er hinter ihm herrufen wollte. Erneut war er allein. Er weinte.
Draußen versammelten sich die Männer um Salvatore: „Ich möchte, dass ihr herausfindet, was er weiß. Jede geringste Kleinigkeit. Ich erwarte einen klaren Bericht und Vorschläge. Eines möchte ich auf keinen Fall: Den Grafen Pietro Caloprini lebend wieder sehen. Die Sache mit der Kreuzigung gefällt mir. Ihr solltet die Angelegenheit einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen, wenn er tot ist.“
Bruscini stieg ins Auto, fuhr ab und telefonierte mit seinem Rechtsanwalt in Wien. Glücklicherweise kannte der nicht nur den Journalisten, der die Story in der Krone gebracht hatte, sondern auch den Polizisten, der sie getratscht hatte. Beide würden mit Geld zu haben sein, sagte der Jurist. Bruscini erteilte ihm die entsprechenden Aufträge.
Am nächsten Tag besuchte Maria Volocia die Bergkapelle der heiligen Jungfrau, um sie zu säubern und den Blumenschmuck zu erneuern. Sie überquerte den Vorplatz, auf dem ein großes Kreuz stand, das als Wahrzeichen weithin sichtbar war und erschrak zutiefst.
Statt Jesus hing dort ein nackter mit Goldfarbe bemalter Mann, dessen Körper unzählige Wunden aufwies.
Die Fotos des ermordeten Pietro Caloprini gingen um die Welt. Abgesehen vom sprachlosen Entsetzen, das sie auslösten, verwirrte die große Zahl von Pinseln, die im Anus des Toten steckten, die Kunst- und Verbrecherszene.
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Wie viele von diesen Büchern habt ihr überhaupt gschrieben?
Wir haben zur Zeit insgesamt drei Bücher quasi fertig. Aber noch Themen für unendlich viele.