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22. Tschikowski ist fleißig
Es gibt Menschen, die durch ihre bloße
Existenz die Menschheit verleumden.
Peter Sirius
16. März 2006 Wien 8 Uhr 00
Kommissar Hubers Telefon klingelte einsam in seinem Büro. Tschikowski saß im Nebenraum und hätte bis vor kurzem das Ding bis zum Sankt Nimmerleinstag klingeln lassen, aber jetzt holte er den Ruf mit einem Tastendruck auf seinen Apparat. „Tschikowski hier.“
„Äh. Patricia Lamm. Ich wollte Kommissar Huber sprechen.“
„Der ist leider außer Haus. Ich bin sein Mitarbeiter, kann ich ihm etwas ausrichten?“
„Sagen Sie ihm einfach, dass ich heute Abend wieder in Wien lande und ihn morgen früh um zehn gerne im Kommissariat aufsuchen möchte. Falls ihm der Termin nicht passt, soll er mir doch bitte einen anderen auf meinen Anrufbeantworter in Furth sprechen. Die Nummer hat er ja.“
„Selbstverständlich. Ich werde es gerne ausrichten und guten Flug.“
Kaum hatte Patricia Lamm aufgelegt griff er zu dem neuen Spezialhandy. In seiner Wohnung in Stockerau, am Rande des Tullner Beckens, seufzte ein Rechtsanwalt bekümmert auf. „Ja bitte?“, sagte er ergeben.
Tschikowski ratterte die Neuigkeiten herunter.
„Das ist ja mal eine gute Nachricht, Herr Tschikowski! Nun kommt endlich Bewegung in die Sache. Vielleicht wissen wir in wenigen Tagen mehr. Ich danke Ihnen sehr.“
Sofort wählte er auf seinem normalen Handy die Nummer Salvatore Bruscinis.
„Hallo, Jean. Sag nicht, schon wieder Quatsch von unserer Intelligenzbestie von Bullen.“
„Doch, mein Lieber. Ich krieg bald Schreikrämpfe. Wenn wir den nicht mehr brauchen, möchte ich dabei sein, wenn deine Männer ihn zerlegen. Aber diesmal hatte er wenigstens etwas Neues. Die Lamm hat sich für morgen früh mit Huber verabredet. Steht euer Zeitplan?“
„Meine Leute stehen heute Abend bereit und werden die Dame auf dem Flughafen in Empfang nehmen.“
„Mal sehen, ob die Dame dich weiterbringt. Vielleicht kannst du eine Kerze anzünden, damit Tschikowski mich heute und morgen nicht mehr anruft. Sonst garantiere ich für nichts.“
Lachend legte Bruscini auf. Den Gedanken mit den Kerzen würde er seinen Männern weitergeben.
Mittlerweile war Huber im Morddezernat Leopoldstadt eingetroffen. Er trug den Termin mit der Lamm in sein neues Handy ein und brummte zustimmend. Tschikowski hätte zu gern einmal den Inhalt dieses Wunderkastens untersucht, aber Huber ließ ihn nicht aus den Augen. Wahrscheinlich enthielt er Wissen, das für den Rechtsanwalt wichtig gewesen wäre, doch es gab kein Rankommen für den Spion.
16. März 2006 Greifenstein 8 Uhr 30
In Greifenstein an der Donau wandte sich eine Mutter an den Sicherheitsdienst. Ihr Sohn hatte mit seinen Freunden an der Donau ein Handy und eine Handtasche mit Geld nebst einem Ausweis, ausgestellt auf Elisabeth von Marai gefunden. Dazu Frauenkleidung. Die Sachen hatten sie in einem Baumhaus auf dem elterlichen Grundstück versteckt. Augenblicklich wurde der Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes hellwach. Er informierte Kommissar Huber, der seinerseits die Störchin zu den Kindern schickte, die ihr den Fundort zeigten und beichteten, dass sie einige Anrufe auf dem Handy entgegengenommen hatten, bis der Akku leer war. Telefoniert hatten sie nicht, weil ihnen der Pin-Code unbekannt war.
Der Schnee hatte alle Spuren verwischt. Da der Täter gefasst war und gestanden hatte, machten weitere Ermittlungen keinen Sinn. Wegen des Diebstahls las die Störchin den Kindern kräftig die Leviten. Sie sollten die Summe ihres Taschengeldes verdoppeln und den Betrag in den Opferstock der Kirche stecken.
Wichtiger war das Handy. Die Störchin brachte es auf schnellstem Wege ins Labor, um es wieder laden zu lassen und mit dem Generalcode des Herstellers den Zugang zu öffnen. Sie war gespannt, mit wem die Marai telefoniert hatte.
16. März 2006 Anflug auf Schwechat 22 Uhr 30
Die Abrechnung des Bord Getränke-Verkaufes und Duty Free-Geschäftes waren längst erledigt. Das war das Schöne auf Langenstreckenflügen. Eine Stunde vor der Landung konzentrierten sich die Passagiere auf den Ankunftsort und was sie dort zu tun hatten.
Die Stewardessen hatten dadurch reichlich Zeit, alle Vorbereitungen so zu treffen, dass sie das Flugzeug sofort nach den Passagieren verlassen konnten, sobald sie die restlichen Waren an den für das Catering zuständigen Ramp-Agent übergeben hatten und dieser die Vollständigkeit bestätigte.
Heute wäre es Patricia Lamm lieber gewesen, ein nörgelnder Passagier hätte sie bis zur letzten Minute auf Trab gehalten, doch in der First-Class war alles ruhig gewesen. Sie freute sich wie immer auf ihre geliebten Hunde, gleichzeitig fürchtete sie sich vor dem leeren Haus ohne Elisabeth von Marai.
Nein. Sie durfte jetzt nicht über ihre Geliebte nachdenken. Ihr Beruf war das Lächeln. Sie hatte unterwegs häppchenweise Zeit für ihre Trauer gefunden und würde nun vierzehn Tage haben, sich dem Schmerz pur hinzugeben. Ihre Kollegen hatten nichts von ihrem Verlust mitbekommen. Eine Crew war eine Gemeinschaft auf kurze Zeit. Die Fluggesellschaften wollten Vertraulichkeit, aber auch Solidarität vermeiden. Es gab sogar Computerprogramme, die dafür sorgten, dass die gleichen Leute möglichst selten zusammen eingesetzt wurden. Offiziell diente das der Sicherheit.
So war der Abschied am Boden schnell erledigt. Anders als Patricia, die in Wien ihren Heimatflughafen hatte, wollte der Rest der Truppe ins Crew-Hotel. Patricia hasste es, in der Uniform im Zivilleben gesehen zu werden, zumal das genau die falschen Männer zu Annäherungsversuchen ermutigte.
Deshalb und weil sie ihrer geliebten Elisabeth frisch geduscht gegenüber treten wollte, hatte sie sich seit Jahren angewöhnt, erst zu duschen, bevor sie nach Furth fuhr. So hielt sie es auch heute.
Der Personalbereich ihrer Fluggesellschaft war wie gewöhnlich ausgestorben. Diese Räume waren überall sehr klein und in den hintersten Winkeln der Flughäfen angelegt, um die teure Fläche nicht für Personal zu verbrauchen.
Als das Wasser an ihr herabrauschte, ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Deswegen hörte sie nicht, wie vier Männer den Raum betraten.
Bevor sie reagieren konnte, wurde sie von kräftigen Armen unter der Dusche hervor gerissen. Noch ehe sie schreien konnte, presste sich ein mit Chloroform getränktes Tuch auf Patricias Mund und Nase.
Die Männer in den Arbeitsanzügen des Flughafens arbeiteten schnell und konzentriert. Patricia wurde geknebelt und in fötaler Haltung gefesselt, damit sie leichter in den Wäschewagen passte. Ein Sicherheitsbeamter auf einem der endlosen Flure wunderte sich zwar darüber, dass vier Männer einen Wäschewagen begleiteten, hatte aber keine Lust, einzuschreiten. Für Schmuggel war er nicht zuständig und außerdem fühlte er sich hier ziemlich alleine.
Der Rest war für die Männer Routine. Bei den Unmengen an Lieferverkehr eines Flughafens sind Zollkontrollen wie die Suche nach einer Nadel in vielen Heuhaufen. Wenn nicht gerade aus aktuellem Anlass höhere Aktivität herrschte, meist weil sich ein neuer Vorgesetzter beweisen wollte, fuhren die bekannten Transporte ohne jedes Problem nach draußen.
Patricia hätten die besten Kontrollen nichts genützt. Das Fahrzeug der Wäscherei hätte geröntgt werden müssen, um sie in ihrem Sack unten an der Ladewand schlafend zu finden.
Selbst der Fahrer des Wagens hatte keine Ahnung, ob er etwas Illegales transportierte. Er bekam viel Geld dafür, dass er seinen Wagen regelmäßig auf einem Parkplatz abstellte und sich rund zwei Stunden nicht um ihn kümmerte. Er vermutete, dass sein Chef Bescheid wusste, denn er fragte nie nach der verbrauchten Zeit. Bezahlt wurde er von Außenstehenden und das so gut, dass ihm die Hintergründe egal waren.
Der Wäschereiwagen fuhr vom Parkplatz in ein Industriegebiet. Dort wurde Patricia nebst fast zwanzig Kilo Kokain umgeladen. Die Ziele waren unterschiedlich und bevor der Wäschewagen an seinem Parkplatz ankam, war Patricia schon wieder in einem anderen neutralen Transporter unterwegs.
Als man Patricia das Klebeband von Mund und Augen riss, erwachte sie durch den Schmerz. Übelkeit überkam sie, grüne Räder drehten sich in ihrem Gehirn. Unwillkürlich wollte sie ihre Hand auf die Stirn legen und fand sich an die Metallstäbe eines Bettes gekettet. Das linke Bein konnte sie bewegen, das rechte war fixiert. Sie schien in einem Keller mit Steinmauern gelandet zu sein, oben an einer Wand entdeckte sie kleine Lichtluken aus Milchglas. Neben dem ihren stand ein weiteres Bett in dem Verlies, eine nackte Glühbirne hing von der Decke und es roch nach Schimmel.
Nun erst bemerkte sie die Männer, die völlig unbekümmert ihre Visagen präsentierten. Ein schlechtes Zeichen, dachte sie, während allmählich die grünen Kreise abklangen. Dafür hob es ihr den Magen aus, als einer der Kidnapper – soweit hatte sie kapiert, was vorgegangen war – seine Hand dreist zwischen ihre Beine schob. Sie schluckte und sagte mit zitternder Stimme: „Hören Sie, ich bin nicht ganz arm, ich kann Lösegeld bezahlen und meine Fluggesellschaft würde ...“
Einen Moment hoffte sie, damit etwas bewirkt zu haben, da zuckte der Kerl zurück und räumte den Platz.
„Schätzchen, Schätzchen“, sagte derjenige, der an seine Stelle trat, „Wir sind doch nicht geldgierig, wir wollen nur mal so eine tolle Saftschubse aus der Oberklasse genießen. Vor allem stehen wir darauf, Lesben einzureiten. Wir hätten dich gerne zusammen mit der Marai vorgenommen, aber die hat ja leider schon ein anderer ausgeknipst.“ Der Mann verfügte über einen fürchterlich gemeinen Gesichtsausdruck und Augen, die ihr Todesangst machten. Er zwickte sie in die linke Brustwarze.
Dann wurde sie allein gelassen. Sie hörte, wie die Tür von außen verriegelt wurde.
Patricia Lamm befahl sich streng, die Furcht, die sie durchflutete, zu ignorieren. Sie musste nachdenken. Sie kann zu dem Ergebnis, dass diese Leute Elisabeth kannten, aber nicht umgebracht hatten.
Was wollte man bloß von ihr?
Vielleicht gab es eine Chance, wenn sie mitspielte. Je länger sie durchhielt, desto eher würde der Kommissar Huber sie vermissen. Schließlich hatte sie einen Termin mit ihm.
Stewardess zu werden bedeutete, auch gegen sich selbst Härte zu zeigen. Sie versprach sich, nicht aufzugeben, egal, was ihr bevorstehen würde.
Die nächste Zeit war kein Osterspaziergang, doch Patricia hielt eisern durch, obwohl alle sechs Männer sie auf das Hässlichste missbrauchten und ihr unnötige Schmerzen zufügten. Den ersten Tag, den zweiten Tag. Duschen war ihr nicht erlaubt. Sie bekam zu trinken, aber nichts zu essen und musste ihre Notdurft vor den hämisch Grinsenden auf einem Eimer erledigen. Sie hielt durch.
17 März 2006 Wien 11 Uhr 30
Kommissar Huber hatte eine Stunde auf Patricia Lamm gewartet und begann langsam sauer zu werden. In Furth ging niemand ans Telefon, also rief er die Nachbarin an. Nein, sie war nicht zu Hause angekommen. Dann die Fluglinie. Ja, Frau Lamm war gelandet. Am Flughafen wurde er das erste Mal fündig. Die Stewardess hatte nicht am Crew-Ausgang ausgecheckt. Sie musste auf dem Flughafen sein.
Zusammen mit der Störchin fuhr er nach Schwechat. Es hatte keinen Sinn, mit einem unbekannten Kollegen vom Flughafen zu telefonieren. Zum Glück hatten sie sich wenigstens angemeldet. So bekamen sie einen Parkplatz im Abschiebebereich und einen Führer.
In dem unterirdischen Gewirr von Gängen hätten sie innerhalb kürzester Frist die Orientierung verloren und wie ihnen ihr Scout lachend erzählte, kam es immer wieder vor, dass sich neue Mitarbeiter hoffnungslos verliefen. Einige mit grundsätzlich schlechtem Orientierungssinn mussten sogar die Stelle aufgeben.
Nach einem langen, schnellen Fußmarsch kamen sie endlich in die Büros der Hauptwache. Auch hier gab es keine Fenster, dafür aber Bildschirme, die fast jeden Fleck des öffentlichen Bereiches darstellen konnten. Ihr Kollege erwartete sie mit zwei Mitarbeitern.
“Patricia Lamm, 28, aus Furth. Gelandet um 22 Uhr 46 aus Rio de Janeiro, Chefstewardess. Hat ordnungsgemäß abgerechnet. Die Kollegen ihrer letzten Crew wurden befragt. Keine Auffälligkeiten. Sie hatte auch nicht erzählt, dass ihre Geliebte ermordet wurde. Vermutlich suchte sie die Duschen in den Personalräumen auf. Die sind aber bereits dreimal seither gereinigt worden. Wir haben nichts“, fasste einer der Anwesenden die Situation zusammen.
Die Störchin hakte nach: „Also könnte sie noch auf dem Flughafen sein. Wie lange dauert es, den zu durchsuchen?“
Der Chef der Flughafenpolizei winkte ab: „Vergessen Sie es. Das machen wir ab und an für die Politiker, ist aber Unsinn. Um einen Flughafen zu durchsuchen, müssten Sie ihn für zwei Tage still legen und keinen Personen- und Fahrzeugverkehr zulassen. Alles andere ist ein Witz. In Frankfurt hat sich mal einer, der abgeschoben werden sollte, fast drei Wochen versteckt.“
„Könnte sie einfach weiter geflogen sein?“, fragte Huber.
„Natürlich. Sie hätte kein Ticket gebraucht, um mit einer Maschine ihrer Airline weiterzukommen. Wozu wäre das gut gewesen? Da hätte sie gleich in Brasilien bleiben können.“
Die Störchin nickte. „Der einzige Grund dafür hätte sein können, dass sie hier irgendwo Geld gebunkert hat und es abholen wollte, bevor sie verschwindet.“
„Dann wäre sie durchs Crew-Gate geschleust worden, anders kann sie nicht raus. Selbst wenn sie nicht ausgecheckt hätte, müsste sie auf den Bändern sein. Nachdem sie sechs Stunden überfällig war, sind die alle kontrolliert worden. Ohne Ergebnis bis jetzt.“
„Wieso sechs Stunden?“
„Nun, auch Aircrews sind Menschen. Es kommt schon mal vor, dass die am Flughafen ein stilles Eckchen finden. Sicher vor eifersüchtigen Ehepartnern und neugierigen Privatschnüfflern.“
„Warum wird dann überhaupt geprüft?“
„Weil der Zoll wissen will, ob er alle Crewmitglieder erwischt hat. Die haben die besten Möglichkeiten zum Schmuggeln neben den Ramp-Agents und den Ladeleuten.“
„Also ist sie doch hier?“, bohrte die Störchin weiter.
„Jein. Wenn, dann sicher nicht freiwillig. Das würde sie ihren Job kosten. Ich tippe darauf, dass sie tot oder lebendig nicht mehr auf dem Gelände ist. Wir haben hier ein paar Spezialisten, die könnten problemlos einen Elefanten nebst Familie verschwinden lassen.“
Huber legte die Stirn in Falten. „Was ist mit dem Zoll?“
„Der ist da. 14.000 Bodenbewegungen am Tag plus Frachtverkehr und Passagiere. Bis auf Stichproben sind die chancenlos. Mein Tipp ist eine Entführung und eine lebende Verbringung nach draußen. Frau Lamm wurde nie verdächtig, geschmuggelt zu haben. Sagen die Akten. Wir werden hier natürlich die Augen aufhalten. Aber Sie sollten draußen suchen.“
Als Huber und die Störchin wieder auf dem Weg nach Wien waren, rief er kurzerhand die Bank an, bei der Patricia Lamm ihr gut gefülltes Konto hatte. Keine Bewegung. Wäre sie auf der Flucht, würde sie das Geld abgehoben haben.
Im Büro entwarf Tschikowski die unterschiedlichen Szenarien, was die Lamm bewogen haben könnte, zu verschwinden. Die meisten davon stammten im Grunde vom Rechtsanwalt, der ihn an die Hand genommen hatte.
18. März 2006 Mödling 23 Uhr 30
Wieder einmal wurde Patricia Lamm von ihrem Bett losgekettet. Sie verfiel erneut in Panik und schluchzte verzweifelt. Diesmal wurde sie aus dem Keller in einen Wohnraum mit einer grandiosen Aussicht auf den Wienerwald geführt.
Hinter einem Schreibtisch saß ein Mann. Sie konnte durch ihre jahrelange Erfahrung mit sitzenden Menschen sofort erkennen, dass es ein sehr kleiner Mann war. Der Zwerg, der sie die ganzen Tage bewacht hatte, stellte sie theatralisch dem kleinen Mann vor: „Patricia Lamm, Stewardess, Lesbe und Hundeliebhaberin. Nur leicht gebraucht. Salvatore Bruscini, eines der Opfer deiner geliebten und leider toten Mitmuschi.“
Bruscini stand auf. Ging prüfend um Patricia herum und blieb dicht vor ihr stehen: „Hm. Eine Stewardess habe ich anders in Erinnerung, besser gestylt und vor allem nicht so nach Sperma stinkend. Wahrscheinlich mochten deine Hunde das. Die haben sich bestimmt auch in toten Fischen gewälzt.“
„Was haben Sie ihnen angetan, Sie Schwein?“
Bruscini lachte. „Das ist wahre Liebe. Ich habe sie schlachten lassen und nun fressen die Schweizer sie. Die mögen aktive Hoden und Hunde im allgemeinen. Du brauchst sie eh nicht mehr.“
Patricia spürte, wie ihre Verteidigung Risse bekam. Die Qualen der letzten Tage brandeten als Welle der Wut in ihr hoch. „Was wollen Sie von mir?“, schrie sie.
„Kleinigkeiten, Schätzchen, Kleinigkeiten. Um genau zu sein, will ich die 140 Millionen Euro wieder haben, um die mich die Marai betrogen hat. Das ist wirklich nicht zu viel verlangt. Ich verzichte sogar auf die Zinsen und die Bearbeitungsgebühren. Du siehst, ich bin großzügig.“
„Ich bin Stewardess! Ich hatte mit den Geschäften von Elisabeth nichts zu tun. Auf meinem Konto sind ungefähr fünfzigtausend Euro und das Haus ist bezahlt. Woher soll ich 140 Millionen nehmen?“ Patricia zitterte am ganzen Körper, konnte sich nicht mehr kontrollieren.
Der Zwerg knallte ihr eine.
„Das mit deinem Konto kann ich bestätigen. Heute morgen waren es genau 56.324, 32 Euro. Der Strom wurde abgebucht. Ich bin da bestens im Bilde. Dafür halte ich mir extra einen Polizisten, der das Bankgeheimnis umgehen kann. Woher du das Geld nehmen sollst? Aus dem Geheimversteck deiner Geliebten. Da, wo sie ihr Konto hatte“, sprach Bruscini ungerührt weiter.
„Wir sind bei derselben Bank. Ich habe keinen Zugriff auf Elisabeths Konto. Bitte, lassen Sie mich gehen!“ Patricia wurde schwarz vor den Augen, sie taumelte und stürzte vor Erschöpfung zu Boden.
„Seltsam. Irgendwie glaube ich dir nicht. Aber ich habe Leute, die auf Befragungen trainiert sind. Die werden dir sicher beim Erinnern helfen können.“ Bruscini winkte sie aus dem Raum.
Der Zwerg riss Patricia hoch und bevor sie noch etwas erwidern konnte, wurde sie wieder in ihr Kellerverlies gebracht und angekettet. In einer Raumecke lagen Werkzeug, Seile und Kartons mit Kerzen. In Todesangst versuchte sie sich einen Reim auf diese Vorbereitungen zu machen.
Bald kam der Zwerg mit seinen Leuten zurück. Sie schraubten schwere Dübel in die Decke, die ihrerseits Ringösen aufnahmen. In der Ecke wurde eine Art Winde befestigt. Sie hatte ähnliches bei Bauern gesehen, die damit große Heu- und Strohballen auf den Dachboden hievten.
Der Zwerg versah die dünnen bunten Kletterseile mit Ösen und Karabinerhaken, führte sie durch die Deckenringe und befestigte sie in der Winde. Als er fertig war, sagte er: „So, meine Liebe, bis Morgen dann!“
Irgendwann verdrängte die Erschöpfung ihre Angst und sie fiel in einen unruhigen Schlaf.
In der Früh führte der Zwerg vier Männer ins Verlies, die Patricia noch nicht gesehen hatte. Sie sagten kein Wort und begannen mit eiskalter Ruhe, die Kerzen auf dem Fußboden unter der Aufhängevorrichtung zu verteilen und anzuzünden.
Obwohl sie sich mit letzter Kraft wehrte und schrie, wurde sie an den Seilen festgeschnallt.
Der Zwerg fragte: „Wo hat die Marai das Geld gebunkert. Bitte sag’s mir nicht. Verdirb mir nicht den Spaß.“
Sie tobte verzweifelt gegen die Fesseln an: „Ich weiß nichts von diesem verdammten Geld! Ich kann nichts sagen, was ich nicht weiß!“
„Schön!“ antwortete der Zwerg und gab den anderen ein Kommando in einer Sprache, die sie nicht verstand. Die Folterknechte waren durch nichts zu beeindrucken. Sie fragten, bis sie Antworten hatten oder ihr Opfer tot war. Hatten sie Ergebnisse, erlösten sie die Gepeinigten schnell und schmerzlos. Die Arbeit machte ihnen kein besonderes Vergnügen, doch sie verrichteten sie gut.
Als Patricia das erste Mal auf die Flammen der Kerzen heruntergelassen wurde, fingen ihre langen Haare Feuer und wurden von dem Zwerg gelöscht: „Du sollst uns nicht vor der Zeit sterben“, war sein Kommentar.
Wieder und wieder wurde sie versengt. Dazwischen immer die gleichen Fragen. Wurde sie bewusstlos, weckte man sie mit kaltem Wasser oder ließ sie einfach ein Weilchen hängen. Schließlich gab Patricia ihren Überlebenskampf auf.
Nachdem die sardischen Folterer sich vom Tod Patricia Lamms überzeugt hatten, verschwanden sie. Zwei Tage und Nächte hatte ihr Auftrag diesmal gedauert. Sie würden ihre Bezahlung erhalten. Bisher hatte noch niemand gewagt, sie zu betrügen.
Der Zwerg überspielte die Aufzeichnung der Befragung von den automatischen Kameras auf eine transportable Festplatte. Sie würden zum Vergnügen seines Herrn dienen und ihm eine kleine Genugtuung verschaffen.
Die Mitarbeiter Bruscinis, die wegen der Sarden weggeschickt worden waren, weil die Folterbrigade keine überflüssigen Zeugen duldeten, kehrten zurück und schafften die Leiche an dieselbe Stelle, an der ihre Geliebte angeschwemmt worden war.
Dem Zwerg waren DNA-Spuren egal. Niemand würde ihn in der Nähe Bruscinis angreifen können.
21.März 2006 Wien 7 Uhr 15
„Schickt’s den Leichenwagen, da ist scho wieder a Leich’.“
„Wo sind Sie denn?“
„Na, auf der Donauinsel, gleich bei der Mexikokirchen herüben.“
„Wir kommen, gehen Sie bitte nicht weg, Herr ...?“
„Na, i geh net weg, dazu san meine Knie zu waach.“
Franz Huber hörte, wie sich jemand erbrach, bevor er auflegte. Es gab Déjà vus, auf die er ohne weiteres hätte verzichten können.
„Eine weitere Leiche auf der Donauinsel. Scheint der gleiche Finder zu sein wie bei der Marai. Hoffentlich haben wir keinen Nachahmungstäter von dem Rittig. Störchin, du kommst mit.“
Tschikowski, der froh war, nicht raus zu müssen, begann zu witzeln: „Vielleicht machen das die Wiener Mörder demnächst immer so. Dann brauchen wir nicht so lange rumsuchen.“
Die Störchin sah ihn an, als ob er etwas sehr Ekelhaftes wäre und ging mit Huber los, der mittlerweile die Pathologie und die Spurensicherung informiert hatte. Als sie am Tatort ankamen, waren die anderen schon eingetroffen. Die Störchin befragte zunächst den Finder der Leiche, einen grundsätzlich jovialen Mann, der normalerweise mit sich im Reinen schien, aber deutlich unter Schock litt und sich schon mehrfach übergeben hatte.
An den bedrückten Mienen der Spurensicherung ahnte sie, wie schlimm es sein musste. Sie ließ den Zeugen mit der Rettung in ein Spital bringen.
Als sie zum Fundort wollte, kamen ihr der Pathologe und Huber entgegen. Beide hatten eine grünblasse Gesichtsfarbe und schüttelten die Köpfe.
Professor Dr. Hugo Rokitansky nahm sie am Arm: „Erspar dir das, Mädchen. Die ist tausend Tode gestorben. Da werden selbst die Tatortbilder dir noch genügend Alpträume bereiten.“
„Es ist Patricia Lamm“, fügte Huber hinzu. „Verdammt, wie konnte das passieren! Hätten wir sie bloß an der verfluchten Drecksmaschine abgeholt. Ich könnte mich ohrfeigen. Wenn ich den erwisch’, der braucht keine Verhandlung mehr.“
„Nein, gib ihn mir. In der Pathologie hat er länger was davon.“ forderte Professor Rokitansky. „Ich nehme sie gleich auf den Tisch. Morgen früh hast du die Ergebnisse. Erwürgt ist klar und über einen längeren Zeitraum gefoltert. Sie hat massive Verbrennungen am ganzen Körper, dazu zerquetschte und gebrochene Finger- und Zehenknochen. Außerdem ist ihr Genitalbereich eine einzige Wunde durch etliche brutale Vergewaltigungen, Das sind meine ersten Eindrücke.“ Er zuckte hilflos mit den Achseln. „Warum hab’ ich ausgerechnet Pathologe werden müssen, Franz?“
Huber zog ein Taschentuch aus dem Mantelsack und schnäuzte sich.
„An solchen Tage frage ich mich auch, weshalb mein größter Wunsch war, zur Mord zu gehen ...“
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