Überall erreichbar so titelt Lumières dans la nuit seine Epistel gegen den Erreichbarkeitswahn:
Viel zu häufig wird der »Fortschritt« zum Selbstzweck. Und. Viel zu selten wird der »Fortschritt« hinterfragt; wird ihm die an sich sehr nahe liegende Frage gestellt, was da eigentlich fortschreitet. Wenn man durch den Alltag der Menschen geht, kann man zum Beispiel sehen, dass sich Menschen überall und in allen Situationen »erreichbar« machen, dass sie kaum noch imstande sind, in irgendeiner Situation ihre Quasselfunke ihr Mobiltelefon zu ignorieren. Als offensichtlich völlig verpönt scheint es zu gelten, dieses nervquäkende Ding in der Tasche einfach einmal auszuschalten; so etwas scheint unter den heutigen Menschen fast schon als eine Form des Autismus zu gelten, die allein deshalb besonders schlimm ist, weil man sie mutwillig herbeiführt.
Ich als Verweigerer der totalen Telekommunikation kann mir immer wieder anhören, wie Mitmenschen mir mit vorwurfsvoller Stimme sagen, dass ich gar nicht erreichbar sei. Dabei gebe ich persönlich Bekannten gern und oft meine Mailadresse, aber offenbar ist ihnen dieser sehr praktische Weg zu wenig unmittelbar und vielleicht auch zu kostengünstig, lieber zahlen sie die recht hohen Tarife der Telefongesellschaften und holen sich auf Knopfdruck des gewünschten Menschen Stimme an das Ohr. Diese Menschen begeben sich selbst in einem Zustand der völligen Verfügbarkeit für andere Menschen, sie haben keine Vorstellung mehr davon, welchen Wert es haben kann, einmal ungestört und konzentriert ein eigenes Interesse zu verfolgen. Es ist gar kein Wunder, dass sie so vieles nicht zuwege bringen und dass sie so häufig dumme Entscheidungen treffen…
Ich kann nur sagen er hat sie nicht verstanden die Menschen. Natürlich ist die Mail sinnvoller als das Telefonat wenn ich Informationen übergeben will. Das ist Effizienz pur. Sofort raus, schnellster Transport und der Andere kann es lesen, wenn er Zeit dafür hat, oder es negieren und wegwerfen, ohne unhöflich sein zu müssen.
Aber es geht gar nicht um Information, es geht um Status. Ich erinnere mich noch gut als das erste Mal auf den Messen die Pager auftauchten. Wer einen Pager hatte war wer. Meiner lag beim Empfang, ich hab immer vergessen den abzuholen. Dann standen sie auf der CeBit, der Orgatech oder wo auch immer. Den Blick fest auf den Pager. Bitte lass ihn klingeln, lass mich wichtig sein. Derweil drehten die Kunden kopfschüttelnd ab. Von denen wollte keiner der Verkäufer was. Die hatten ja ihre Pager. Ich hab die Biester entweder gar nicht erst ausgeben lassen oder sie durften nur eingeschaltet werden, wenn die Jungs und Mädels nicht auf dem Stand waren.
Dann hatten wir alle die Dinger, auch draußen. Manch arme Sekretärin musste ihren Chef zu festgelegten Zeiten am Pager anpiepsen, damit der wichtig war. Meiner war aus. Er hatte nur einen Sinn. Wenn ich abends mit Leuten unterwegs sein musste, auf die ich keinen Bock hatte, habe ich dafür gesorgt das jenes Ding piepste. Ein kleiner Magnetschalter und schon war ich frei.
Dann die Handys. Mein erstes war tragbar. Wie zwei Bierkästen. SEL-Alcatel irgendwas um die 13 kg. Dazu ein Toshiba-Schlepptopp. Damit die Arme gleich lang blieben, und keine Haltungsschäden auftraten. Das Ding machte Sinn. Anders als mit meinem B-Netz Autotelefon war ich wirklich erreichbar. Der Preis für das Telefonat hielt die Irren ab und sorgte auch bei Mitarbeitern für Zurückhaltung. Das war Information.
Was habe ich gelacht wenn wir Funktelefonbesitzer uns in der ehemaligen DDR, zum Beispiel bei der Abfahrt Wilsdruff bei Dresden auf dem Berg trafen, um mit den Lieben zu Hause zu telefonieren. Da machte der Kram Sinn. Auch dann noch als die Dinger kleiner wurden. In der Hand haltbar, wenn man große Hände hatte. Siemens hieß der Knochen mit Nachnamen. Immer noch waren die Gebühren hoch, genau wie in der Anfangszeit des D-Netzes. Es war Auszeichnung wenn man telefonierte mit den Dingern.
Irgendwann stehe ich vor der Berliner Volksbank am Kaiserdamm mit einem Haufen anderer Leute die gerade eine windige Finanzierung hastig zusammengelötet haben, und eigentlich alle nur wegwollen, bevor jemand abspringen kann. Da klingelt ein Handy. Meins war noch aus, aber alle anderen griffen hektisch in ihre Taschen. Aber der Straßenkehrer war scheller. Lässig auf seinen Besen gestützt parlierte er in breitestem Türkisch der Schwarzmeerküste mit demjenigen der ihn angerufen hatte.
Meine "Partner" sahen ziemlich betreten aus. Die Pawlowsche Glocke hatte nicht ihnen gegolten. Keine Futternäpfe die ihre Wichtigkeit unterstrichen. Der Speichel war da, aber das war auch alles. Dann wurde telefonieren mit dem Handy immer billiger, die Kids kamen auf den Geschmack. Es ist ja auch praktisch. Ich telefoniere oft im Laden. Entweder weil ich den Einkaufszettel vergessen habe, oder die bester aller Lebensabschnittsgefährtinnen fragen will, ob wir die Dorade aus dem Sonderangebot nicht morgen oder heute essen wollen.
Informationsaustausch. Ich würd ihr ja auch ne Mail schreiben, aber bis sie die liest, bin ich längst wieder zu Hause. Aber das ist die Seltenheit. Die meisten Anrufe die man so bekommt, sind belanglos. Wo bist du, wo bin ich, was machst du, was mach ich, wir sollten mal wieder telefonieren und tschüss. Belanglosigkeit pur.
Ich glaube nicht. Wir haben in Brandenburg wieder Wölfe. Das ist gut so. Und da wir keinen Schnappauf als Minister haben und auch weniger ganz bescheuerte und schießgeile Jäger als in Bayern haben, werden die mit etwas Glück überleben. Diese Wölfe haben eine Eigenart. Sie heulen. Natürlich heulen sie für uns belangloses Zeug. Aber es scheint für sie nicht belanglos zu sein. Ich saß vor Jahren mal in der sibirischen Taiga zusammen mit einem Jäger, der alleine am Ruf des Wolfes zu erkennen glaubte, wer da ruft und weshalb. Er unterschied für sich 14 unterschiedliche Rufe. Der wichtigste aber sei, der Ruf der das Rudel zusammenhält.
Wir kennen das ja auch von Zugvögeln oder Krähenschwärmen. Zusammenhalt durch Lautgeben. Könnte es sein, das all diese scheinbar sinnlose Anruferei nichts anderes ist als dieses sehnsüchtige Lied. Hier bin ich, wo bist du, schön es gibt uns beide noch. Der Klingelton als Lied der Taiga. Ich weiß es nicht. Aber ich kann es mir gut so vorstellen.
Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit, Heimat und der Gemeinschaft. Ein Mittel der Entfremdung als Bindeglied. Eine schöne Vorstellung.























Und doch kann sich glücklich schätzen, wer sich in der Stille des mit-sich-alleine-seins ohne wenn und aber wohl fühlt.
Wunderbarer Artikel - und Mut zum "langen Text" inmitten der Blogosphäre! :-)