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23. Der ahnungslose Maulwurf
Magst alles werfen in des Lebens Fluten,
nur eines halte fest:
Die Sehnsucht nach dem Guten.
Otto von Leixner
21. März 2006 Wien 12 Uhr 30
Ein trauriges Trüppchen saß in Kolariks Schweizerhaus im Prater zusammen. Daran änderten auch knusprig gegrillte Schweinsstelzen, Budweiser Bier und Wodka nichts. Der Reichsgraf und Huber fragten sich angesichts der zu Tode gefolterten Lamm, ob sie nicht Kräfte aufgescheucht hatten, die sie kaum im Zaum halten konnten.
Tschikowski hatte von seinem Rechtsanwalt einen Anraunzer bekommen, weil für die Lamm kein Personenschutz angeordnet worden war. Darin ähnelte er nach eigener Ansicht Huber, der hinterher immer alles besser wusste.
Homer Milhouse Nixon dachte darüber nach, ob ihn seine Freunde beim CIA nicht ins Leere laufen ließen, denn Psychopathen, wie dieser Folterer, könnten ohne weiteres aus deren Reihen stammen. In der Vergangenheit hatten sie einige Nattern an ihrem Busen genährt. Als er die Tatortfotos sah, verstärkte sich sein Verdacht in diese Richtung.
Helga und Tatijana fühlten sich elend, sie konnten sich zu jeder einzelnen Wunde vorstellen, wie sie entstanden war und was für entsetzliche Schmerzen Patricia Lamm ertragen hatte.
Die Störchin blies Trübsal, weil ihr nichts einfiel, womit Huber getröstet werden könnte und sie befürchtete, dass ein Täter dieses Kalibers nicht aufhören würde zu morden.
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses Blutopfer etwas mit Bilderfälschungen zu tun hat“, sagte sie und bestellte noch eine Runde Schnaps. „Leute, wir empfinden wahrscheinlich alle ähnlich. Die Möglichkeit besteht durchaus, dass jemand irgendeine Frau haben wollte und die Zeitpunkte zufällig sind. Wenn es Sperma gibt, wird Professor Rokitansky das finden, genau wie jede andere DNA-Spur. Aber das Wichtigste ist jetzt nicht das Mitgefühl, sondern den verdammten Kerl zu kriegen. Es wird sich vermutlich um keine Frau handeln. Ich habe veranlasst, von der Polizei am Flughafen überprüfen zu lassen, wer sich überhaupt in dem Bereich aufhielt. Außerdem soll der Zoll den Schmuggelverdächtigen in den Arsch treten und Druck machen.“
„Du hast recht Störchin“, schaltete sich Tatijana ein, „kann sein, dass es nur am Rande mit den Bildern zu tun hat. Vielleicht ein Kunde der Marai, der Zugang zum Flughafen hat? Beim Foltern sind ihm dann die Sicherungen durchgebrannt. Bei einigen Irren drehen die Männlichkeitsfantasien völlig frei.“
„Autos“, sagte Helga. „Autos, die groß genug waren, die Leiche zu transportieren und um diese Zeit zum Ablageort gefahren sind.“
Tschikowski griff ohne Protest zum Handy und veranlasste, das Blitzer sowie Radarfallen überprüft wurden, was ihm ein anerkennendes Nicken von Huber einbrachte.
Nur der Reichsgraf schien nicht zufrieden: „Wir haben einen Maulwurf. Keiner außer uns wusste von der Lamm oder der Wohnung in Furth. Das konnte die Presse nicht bringen.“
Tatijana überprüfte mittels Handy die Einträge. Sie fand keine Meldung betreffs Medien und Lamm. Das hätte sie bestimmt nicht übersehen, „Du hast recht, es gibt keine Meldungen in den Medien darüber, also war da nichts.“
„Es könnte aus Polizeikreisen stammen“, überlegte Johann weiter.
„Aber wie?“, wandte Huber ein, „Die Spurensicherung in Furth kam nicht aus Wien, sondern aus Bad Vöslau. Außer denen, die hier sitzen, weiß niemand Bescheid über die Lamm.“
„Und von uns kann keiner der Verräter sein“, pflichtete ihm Tschikowski bei.
„Viel schlimmer.“ Johann schüttelte gereizt den Kopf. „Es ist wahrscheinlich mein verdammtes automatisiertes Beweissicherungsverfahren. Die Lamm ist natürlich im Computer. Den füttert Spurensicherung, Pathologie, Staatsanwaltschaft und ein Haufen Polizisten. Wer eingeben kann, hat die Möglichkeit, etwas zu verändern. Dagegen ist die Software geschützt, weil sie ein Rollback-Verfahren kennt. Aber gegen Lesen kennt sie nichts. Da registriert sie nur, wer wann was gelesen hat!“
„Du meinst, irgendein Polizist, der ansonsten Einsätze der Sitte oder andere Razzien verrät, liest einfach mit und verkauft das dann an irgendwen, der es weitergibt?“, kombinierte Huber.
„Ja, Franz. – Tatijana, ich will einen Spezialisten von unseren Leuten aus Berlin hier haben. Der soll die Zugriffe prüfen, rauf und runter. Franz, du sorgst bitte dafür, dass er in euer System kommt, alles sehr diskret. Wir wollen nicht gleich ganz oben mit der Glocke läuten.“ Johann wischte sich den Schaum des Budweisers vom Mund. „Ach ja, Neues darf ab sofort nicht mehr eingespeist werden. Die Erkenntnisse der letzten Tage gibt es einzig auf unserem Berliner System. Das ist dichter, weil wir nur fallbezogen freigeben.“
„Kein Problem. Der Chef in der Datenverarbeitung ist ein guter Freund. Er verlor einen Fuß, weil ihn ein Kollege reingelegt hat, daher arbeitet er im Innendienst“, meinte Huber, dann runzelte er die Stirn. „Aber wie kommen die Störchin und Tschikowski an die Daten?“
„Mit unseren Spezialhandys. Für die Störchin habe ich eh schon eins hier“, sagte Tatijana, „nur das für Tschikowski musste ich neu bestellen, weil seins defekt war. Das habe ich erst beim Einrichten bemerkt.“ Sie hoffte, dass ihr alle die Lüge abkauften, denn in Wirklichkeit hatte sie nur für die Störchin eins geordert. Weil sie sie mochte und ihr das eine verstecktere und nähere Kommunikation mit Hubsi möglich machen sollte. Tatijana kuppelte für ihr Leben gern und sie spürte in ihrem Zehennagel, dass sich da etwas ganz Entzückendes anbahnte.
Johann war klar, Tatijana hätte für den Jungkommissar bestenfalls das Höllenfeuer bestellt. Er mischte sich trotzdem nicht ein. Nachdem er jedes dieser Geräte mit einem Anruf lahm legen konnte, blieb er entspannt. „Okay. Das müsste also in ein paar Tagen hier sein. Tschikowski, schaffen Sie es so lange?“
„Klar schafft er das“, warf Huber ein. „Ich halte ihn auf dem Laufenden.“
Tschikowsi war zwar stinksauer, dass die blöde Störchin solch einen Wunderkasten bekam, während er mit dem Rechtanwalt doch viel mehr für die Ermittlungen tun konnte, machte dennoch gute Miene zum bösen Spiel und stimmte lächelnd zu.
Helga verspürte bei seinem Lächeln ein leises Ziehen in der Magengegend, aber außer der Störchin schien niemand etwas zu bemerken und die wandte sich jetzt auch ihrer 'Original Kolarik Grillstelze' zu.
21. März 2006 Turin 13 Uhr 00
Salvatore Bruscini sah sich gerade zum zweiten Mal einen Film mit den wichtigsten Szenen aus der Folterung der Patricia Lamm an. Obwohl er etliche ähnliche Werke dieser Art besaß, musste er zugeben, diese Aufnahmen waren besonders gut gelungen. Die Kerzen machten den entscheidenden Unterschied.
Mittlerweile war er davon überzeugt, dass die Lamm wirklich nichts gewusst hatte. Die Sarden musste er trotzdem bezahlen. Da war so ein Filmchen wenigstens eine kleine Belohnung. Eine Kopie davon war an Oreste Crispi geschickt worden, zusammen mit einigem Material aus der Kreuzigung von Graf Pietro Caloprini. Natürlich waren die Köpfe seiner Mitarbeiter unkenntlich gemacht. Das würde diesem sogenannten italienischen Kameltreiber zeigen, dass sich Salvatore Bruscini nicht betrügen ließ.
Er empfand es trotzdem als unbefriedigend, seinen Millionen keinen Schritt näher gekommen zu sein. Zum Glück gab es diesen käuflichen Polizisten in Wien.
Salvatore würde Jean, den Rechtsanwalt, anrufen. Der sollte ruhig noch ein wenig Geld und vielleicht auch Frauen oder Drogen investieren, aber den Druck erhöhen. Irgendwas mussten die dummen Bullen ja herausgefunden haben.
21. März 2006 Hamburg 14 Uhr 30
Benno von der Lohe hatte seine helle Freude. Er sprach Roger Harry Schillke, seinen Rechtsanwalt und Gehilfen, der sich insgeheim für seinen Komplizen hielt, eine Einladung zu einem gemütlichen Fernsehnachmittag aus.
Zuerst gab es eine Kreuzigung und dann die Opferung eines Lammes. Nun konnte Ostern eigentlich kommen. Benno freute sich diebisch über Roger, dessen finsterste Träume durch diese DVD befriedigt wurden, aber das Handicap hatte, dass er von seinen Opfern geliebt werden wollte.
Schillke hatte die Schlussszene mit der Erwürgung gebannt verfolgt. Mit heiserer Stimme fragte er: „Wie bist du denn daran gekommen? Das ist ja Wahnsinn. Das müssten unsere Filmheinis bringen, wäre ein Dauerrenner.“
„Komm wieder runter, Roger. Kannst ihnen ja eine Kopie als Vorlage geben. Ich habe es von Crispi. Ist eine nette Geschichte. Er ärgerte Bruscini damit, dass er sich unsere Fälschungen andrehen ließ. Jetzt versucht Salvatore heraus zu bekommen, wer sein Geld hat und will gleichzeitig Crispi beeindrucken. Witzig, nicht?“
In Schillke tobten heftige Gefühlsstürme: „Ein gefährlicher Mann. Wir sollten ihn töten lassen.“
„Vergiss es. Er findet keinen Weg zu dir, wenn du mich nicht belogen hast. Ihn zu töten, ist sehr schwierig. Da gibt es ein paar Hundert, die das gerne tun möchten. Bisher hat keiner den Versuch überlebt. Aber wenn du ihn auf dich aufmerksam machen willst, bitte. Ich hätte dann gerne einen Logenplatz.“
Schillke warf ihm einen entsetzten Blick zu, der Benno erheiterte. „Nein, nein! Wieso sollte ich dich belügen. Bei denen, die uns kennen, ist alles ruhig. Kein Grund zur Aufregung. Kann ich mir eine Kopie von dem Film ziehen, als Anschauungsmaterial für unsere Leute?“
„Nicht nötig. Sie liegt schon in deinem Fach. Mach dir einen netten Abend damit, vielleicht freut es ja deine Frau auch.“
Beschwingt fuhr Schillke vom Neidhof weg. Er dachte gar nicht daran, nach Hause zu fahren. Er begab sich auf direktem Wege in sein Geheimquartier am Nikolaifleet, um sich dort mit einem weizenblonden jungen Russen aus seiner Sammlung zu vergnügen. Was er nicht wusste war, dass jeder seiner Schritte Benno sofort gemeldet wurde.
21. März 2006 Wien 17 Uhr 05
In Wien hatte sich das Ermittlerteam in Johanns Suite im Hotel Sacher versammelt. Gerade referierte Tatijana über ihre neuesten Erkenntnisse.
Der Videobeamer zeigte Fotos des gekreuzigten Graf Pietro Caloprini vor der Kapelle. Sein Handy, dessen Verbindungsdaten Homer Nixon mit sehr viel Druck über die NSA besorgt hatte, wiese eine Menge von Anrufen auf. Darunter einige an die Wohnung der Marai.
Dies, die goldene Bemalung des geschundenen Körpers und die Pinsel im Anus lieferten einen klaren Bezug zu den Bilderdiebstählen. Dazu kamen die klaren Zeichen der Folterung, die auf ein und dieselbe perfide Vorgangsweise in beiden Fällen hinwies.
Johann berichtete davon, dass in Japan Oreste Crispi in die Diebstähle der Bilder verwickelt war, oder vielmehr, seine Organisation freie Diebesbanden außerhalb der Yakzua beschäftigte.
Homer Nixon hatte vom CIA einige Hinweise auf Silvio Lucca erhalten, der altes Holz und altes Eisen sowie alte Bilder in ganz Europa aus Abrissen und durch Einkäufe, eventuell sogar durch Diebstähle einsammelte und an die entlegensten Ecken der Welt schickte.
Zuerst sprach die CIA den Verdacht auf Waffenhandel aus, der sich jedoch bei keiner unauffälligen Kontrolle bestätigte, weshalb die Observation dieser Geschäfte abgebrochen wurde. Jetzt wollten sich erneut Auswerter in Langley mit ihm beschäftigen und die NSA würde seine Telefonate abhören.
Aus der Geheimdienstgemeinde gab es zurzeit Verdachtsmomente gegen zwei Russen, einen Israeli, eine Französin und einen Südafrikaner. Auch dort würde weiter ermittelt werden.
Tatijana wusste nicht, warum sie Hassan Gegoriwitsch Rosskoie nicht erwähnte. Aber sie hatte ihn schließlich ins System eingespeichert und war nicht bereit, noch einmal anzusetzen.
Helga trug die Daten einer Reihe von Diebesbanden vor, die die jeweilige nationale Polizei ernsthaft verhörte.
Als das Meeting ohne großes Palaver endete, verabschiedeten sich alle. Tatijana war mit Homer verabredet. Hubsi wollte die Störchin bekochen, Helga freute sich auf Drago, und Johann hatte die Belgierin außerhalb von Wien untergebracht und hoffte, das sie dort niemand, der ihn kannte, zusammen sehen würde.
21. März 2006 Wien 20 Uhr 10
Tschikowski eilte zu seinem Termin in die Suite des Hiltons. Die neuen Ereignisse brannten auf seiner Zunge. Zudem freute er sich, weil der Rechtsanwalt vorgeschlagen hatte, es sich nach der Besprechung mit ein paar Mädchen gemütlich zu machen.
„Mein lieber Tschikowski“, wurde er herzlich begrüßt, „ich hoffe, Ihr Tag war nicht zu anstrengend? Wir brauchen heute noch richtig Kraft. Vier rassige Stuten warten auf uns, mein Freund. Eine Rappstute, eine Schimmelstute, eine goldfarbene Karabagh und eine Fuchsstute. Alle von edlem, ja, erlesenem Exterieur. Lassen Sie uns erst die Arbeit erledigen. Das geht vor bei uns Arbeitern für das Recht, nicht wahr?“
Tschikowkis konnte sich so gerade Rappen, Schimmel und Füchse vorstellen, was aber eine Karabagh und Exterieur bedeuteten war ihm schleierhaft. Wo hätte er auch jemals die aserbeidschanischen Achal-Tekkiner mit ihrem goldenen Fell sehen sollen und dass mit Exterieur das äußere Erscheinungsbild bezeichnet wurde, hatte ihm keiner erzählt. Er war auf jeden Fall zutiefst beeindruckt und glaubte sich endlich am Ziel angekommen.
Dies umso mehr, als der nette Rechtsanwalt einen weiteren, noch dickeren Haufen Banknoten in einem Umschlag über den Tisch schob. „Für Ihre Aufwendungen. Ich weiß, nur eine kleine Anerkennung. Leider sind unsere Mittel sind nicht unbegrenzt.“
Tschikowski, der ein ganzes Jahreseinkommen einsteckte, zeigte sich großzügig: „Kein Problem. Man tut, was man kann. Heute habe ich mehr zu berichten. In Norditalien, in der Gegend von Bozen, ist Graf Pietro Caloprini auf ähnlich bestialische Weise getötet worden wie die Lamm hier. Vermutlich handelt es sich um den gleichen Mörder. Vielleicht könnten Sie bei den italienischen Behörden etwas Druck machen? Mit uns arbeiten die nicht gut zusammen. Es geht immer noch um Südtirol, als wenn wir diese Mafiosi wirklich wieder haben wollten.“
Der Rechtsanwalt gähnte innerlich und sagte: „Das ist ja schrecklich. Natürlich werde ich all unseren Einfluss geltend machen. Dafür sind wir ja da.“
Dann plauderte Tschikowski Johanns Japanbesuch bei de Yakuzas aus und bat Jean, seine Kontakte in Kairo spielen zu lassen, damit man Oreste Crispi habhaft werden könnte.
„Selbstverständlich“, sagte der Anwalt und fühlte dem Naivling auf den Zahn. „Vermuten Sie, dass dieser Crispi die Fälschungen anfertigen ließ?“
„Nein. Dann hätte er nicht die Marai und andere beauftragt. Das macht keinen Sinn. Er verfügt über genug eigene Leute. Ach ja, wir sind an einem Lukas dran, weil der mit altem Holz und Leinwänden handelt. Den hat der Nigger ausfindig gemacht. Den genauen Namen weiß ich gerade nicht. Wir speichern nichts mehr ins System der Polizei, weil es da einen Verräter gibt.“
„Einen Verräter in der Polizei?“ Der Rechtsanwalt war sichtlich entsetzt. „Verdächtigen Sie jemanden?“
„Wir vermuten jemanden von der Sitte, der eh mit Kriminellen zusammenarbeitet. Aber er wird sich verraten, wenn er das nächste Mal auf unsere Daten zugreift. Bis dahin habe ich es etwas schwieriger, weil mein neues Handy, das die Daten auf einem anderen Rechner speichert, leider kaputt gegangen ist, ich warte täglich auf Ersatz. Dann kann ich Ihnen die Namen und Daten per Mail schicken oder faxen.“
„Faxen ist mir lieber. Bei Mail weiß niemand, wer da so mitliest. Wir wollen übrigens, wie besprochen, ein Auge auf die Frauen in der Ermittlungsgruppe haben. Beschaffen Sie mir doch deren Adressen und die Fahrzeugnummern.“
Tschikowski war selig über so viel Anerkennung, der Anwalt schien wirklich große Stücke auf ihn zu halten und antwortete eifrig: „Morgen sind die Brenner und die Russin übrigens am Flughafen. Sie wollen versuchen, ein wenig die Leute aufzuscheuchen. Ich halte es ja für unverantwortlich, derartige Amateure auf die Menschheit loszulassen. Aber Kommissar Huber schwärmt ja für die beiden. Wer weiß, welche Dienste die Damen sonst noch für ihn leisten.“ Er kicherte verschwörerisch.
„Tja, Frauen sind doch eher für andere Dinge im Leben bestimmt. Das bringt mich auf den Gedanken, wir sollten unsere Damen nicht warten lassen. Wenn Sie mir bitte folgen wollen.“
Im Nebenzimmer wartete ein reichhaltiges Buffet. Alkohol stand in Kühlern bereit und vier bildhübsche, halbnackte Frauen drehten sich mit Sektgläsern in der Hand zu ihnen um. Tschikowsi konnte die Augen gar nicht mehr von der Burmesin lösen. Ihre makellose Haut war nicht nur goldfarben, sondern schien auch von innen zu leuchten.
Im gleichen Moment klingelte das Telefon des Rechtsanwaltes. Er heuchelte Bedauern, als er sich verabschiedete. In Wahrheit hatte er den Anruf selbst ausgelöst, denn er dachte nicht daran, sich mit dem Kerl in die gleichen Betten und auf dieselben Frauen zu legen. Tschikowskis kleine Träume wurden an diesem Abend von den Damen auf das Beste erfüllt.
21. März 2006 Wien 20 Uhr 15
Schon vor ihrer Wohnungstür hörte Helga die Geige. Ehe sie aufsperrte, schloss sie für einen Moment die Augen. Drago spielte eine süß schmelzende Melodie, die ihr unbekannt war. Helga gab sich den Klängen hin. Sie öffnete Augen und Tür erst, als das Stück vorbei war.
Drago empfing sie mit wirrem Haar und leicht wahnsinnigem Blick, der er immer hatte, wenn er komponierte. „Helga“, stieß er hervor. „Ich habe heute ein neues Lied geschrieben.“
Sie lächelte ihn an und strich ihm die schwarzen, verschwitzten Haare aus dem Gesicht. „Ich habe es eben gehört, draußen, vor der Tür. Es ist einfach wunderschön.“
Der irre Blick in Dragos Augen wurde von einem Strahlen abgelöst. „Und ich glaubte, du würdest dich überhaupt nicht mehr für mich und meine Musik begeistern können, Helgalein. Tobst nur noch mit den Ermittlern durch die Weltgeschichte und entfremdest dich mir mehr und mehr ...“
Helga warf ihre Lederjacke und die Bluse zugleich in die Ecke, riss sich die Schuhe mit der herunter getretenen Jeans von den Füssen und Drago aufs Sofa. „Gerade wenn du komponiert hast, Liebster, bin ich verrückt nach dir“, flüsterte sie kehlig, dann tauchte sie ab und beförderte Drago in den siebenten Himmel. Er dankte es ihr durch zärtliche Ausdauer und umfing sie stundenlang mit einer Leidenschaft, dass die Nachbarn schlaflos an die Wände donnerten.
Später tranken sie von dem Raki, die Dragos Landsleute ihm kürzlich aus der Heimat mitgebracht hatten.
„Und gibt es endlich Fortschritte bei euren Bilderdiebstählen?“, fragte Drago. Er war jetzt so entspannt, dass er Helga etwas Gutes tun wollte, indem er Interesse für ihre Arbeit zeigte.
„Ja und Nein. Wir haben da einiges am Laufen, aber zuwenig bisher.“ Helga nippte an ihrem Glas, schüttelte sich und dann fiel ihr wieder Tschikowski ein und das diffuse Gefühl in ihrer Magengrube. „Irgendwie traue ich dem Arsch nicht ...“
„Hm?“
„Tschikowski. Er ist falsch.“
„Er ist eine Verräternatur.“ Drago goss nickend die Gläser wieder ein.
Helga kuschelte sich an seine Brust. „Vielleicht tu ich ihm Unrecht.“
„Ich kenne solche Menschen. Im Kosovo, als ich Soldat war, hatten wir einen wie euer Tschikowski. Sein größter Wunsch war, Amerikaner hängen zu sehen. Als es dann wirklich dazu kam, dass einige von uns so etwas Schreckliches machten, natürlich in Lynchjustiz und mitten im Wald, ohne Wissen des Kommandanten, ging er hin und verriet die Kameraden.“
„Warst du dabei?“ Helga schubste Dragos Hand weg, die auf ihren Brüsten lag.
„Ich suchte bereits in Österreich um Asyl an. Ich konnte mich niemals mit dem Krieg abfinden.“
Sie legte sich wieder zurück, beruhigt über seine Worte, aber nervös wegen Tschikowski.
Drago schien das zu spüren, denn er meinte: „Wenn du ihm misstraust, rufe deine Kollegen an, sie sollen ihm auf den Zahn fühlen.“
„Ich kann doch nicht einen Polizisten ohne Beweise mies machen, er hat ja nichts getan, außer dass er mir schrecklich zuwider ist.“ Nein, das war wirklich unmöglich, beschloss sie und wollte sich wieder ihrem Liebsten widmen.
Diesmal schob Drago sie weg. „Schau mich an, Helga.“ Er fing ihren Blick und hielt ihn fest. „Was sagt dir dein Bauchgefühl?“
Helgas Augenlider flatterten, es war, als würde Drago bis auf den Grund ihrer Seele sehen. „Mein Solar Plexus schreit, wenn ich an Tschikowski denke. ich glaube, ich muss mich mit der Störchin zusammensetzen. Schamanisch.“
Drago lächelte. „Ja, tu das. Und dein Solar Plexus hat bestimmt recht.“
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