29. Der Liebe bitt'res Weh
Du mit den großen Augen,
Ich hab es dir immer gesagt,
Dass ich dich unsäglich liebe,
Dass Liebe mein Herz zernagt.
Doch nur in einsamer Kammer
Sprach ich auf solche Art,
Und ach! ich hab immer geschwiegen
In deiner Gegenwart.
Heinrich Heine
29. März 2006 Wien 7 Uhr 15
Johann betrat die Suite, kam auf Tatijana zu und schaute über ihre Schulter auf den Monitor.
Sie versteifte sich, konnte die Fremde an ihm riechen! Wie müde er aussah. Ausgepowert wie ein streunender Kater. Was mochten all diese Frauen haben, was sie ihm nicht bieten konnte? Sie hätte ihn ermorden können.
Wo er bloß dauernd die Frauen aufgabelte? Daran, was er mit ihnen trieb, wollte sie gar nicht denken. Trotzdem schossen ihr die wildesten Vermutungen durch den Kopf, zumal zwischen seinen Aktivitäten oft Monate lagen, in denen er zusehends unruhiger wurde.
Sie hätte ja durchaus die Mittel gehabt, ihm Detektive hinterher zu jagen, aber einerseits fürchtete sie die Ergebnisse und andererseits würde er ihre Spürhunde wahrscheinlich schnell entdecken. Dann würde er nicht locker lassen, bis er wüsste, wer und warum sie ihm auf den Hals gehetzt worden waren. Die Blöße würde sie sich nicht geben.
Also wütete sie still in sich hinein. Ließ den Drucker alles ausdrucken, was in der Zeit seiner Abwesenheit passiert war und berief kurzfristig eine Konferenz ein.
Zu den aktuellen Ereignissen gehörte, dass die Italiener für ihre Verhältnisse erstaunlich schnell gearbeitet hatten. Die Untersuchungsergebnisse im Fall Bruscini lagen vor, zusammen mit einer Liste von gestohlenen Bildern, deren Originale in seinem Besitz waren, dazu eine Anzahl von Kopien aus anderen Diebstählen.
Die Italiener hatten zu ihrem Entsetzen auch eine Menge Foltervideos gefunden, die echt zu sein schienen. Darunter die Filme von der Kreuzigung des Grafen Caloprini und vom Tode der Lamm. Die in Wien inhaftierten Sarden waren auf vielen der Aufnahmen zu sehen. Der Giftzwerg auf allen.
Bruscini hatte eine ausgeklügelte Buchhaltung über seine Geschäfte geführt, um zu verhindern, dass seine Mitarbeiter ihn bestahlen. Sie war zwar noch nicht vollständig entschlüsselt, gab aber jetzt schon einen Überblick darüber, wie weit verzweigt seine illegalen Unternehmen waren und wie sehr sie auch für die Interessen seiner legalen arbeiteten.
Die minderjährigen Nutten hatten in seinem Auftrag mit dem Führer der neuen, demokratischen Partei geschlafen, seine Paparazzi die Fotos gemacht und seine Fernsehgesellschaften und Printmedien die Sache aufgebauscht, bis der Mann seinen Hut nehmen musste.
Die enge und vielfache Verknüpfung von legalen und illegalen Geschäften verblüffte selbst die erfahrenen italienischen Ermittler.
Wäre nicht Bruscinis Hang zur Kontrolle und seine Freude am Schmerz der anderen gewesen, hätte es vermutlich noch lange keine Ermittlungen gegen ihn gegeben.
Aber nun war eine Lawine in Bewegung geraten, die sich nicht mehr aufhalten ließ. Fast im gleichen Augenblick, in dem die betroffenen Ermittler und Polizeibehörden in den unterschiedlichen Ländern erste Information über die Ergebnisse erhielten, wurden die Medien informiert. Fünf Stunden, nachdem Bruscini die Schweiz verlassen hatte, tauchten die ersten Fernsehbilder auf.
Die Ermittler trafen um neun zum Frühstück in Johanns Suite ein.
Helga, die Störchin, Huber und Tatijana saßen heftig diskutierend am Tisch, als der Reichsgraf den Raum betrat. Frisch geduscht, stellte Tatijana fest, neue Klamotten: dennoch roch sie die andere.
Helga und die Störchin beobachteten mit einem wissenden Lächeln Tatijanas stechenden Blick, während Hubsi natürlich ebenso wenig etwas davon merkte wie Johann selbst. Der Reichsgraf ließ sich sehr umständlich auf seinen Stuhl herab und verzog das Gesicht, als litte er unter starken Schmerzen.
„Hast du dich verlegen, Johann?“, fragte Huber besorgt.
„Nein es ist nichts, zumindest solange ich nicht lache oder huste. Ich hab mir eine Rippe geprellt.“
„Damit solltest du nicht spaßen, ich lass mal schnell den Polizeiarzt kommen. Die Lunge könnte verletzt sein.“ Huber griff zum Telefon und machte einen schnellen Termin klar.
„Bist wohl beim Pflügen aus der Furche gefallen“, keifte Tatijana zornbebend, „oder kam der Ehemann zu früh nach Hause?“
„Ersteres“, antwortete Johann, um seine Ruhe zu haben. Er verstand nicht, weshalb Tatijana so aggressiv reagierte.
Als der Arzt kam und eine angebrochene Rippe feststellte, stichelte sie: „Man soll sich Pferden im Dunkeln nicht von hinten nähern, weil die austreten können.“
Immer wieder warf sie Johann düstere Blicke zu, nachdem er nicht reagierte, klinkte sie sich wohl oder übel in die gemeinsame Planung der nächsten Schritte ein.
Homer nahm daran in Form einer Telefonschaltung teil, da er noch in Deutschland zu tun hatte.
Johann würde mit russischen und eigenen Sicherheitsleuten sowie Dolmetschern nach UlanBator fliegen, um sich dort umzusehen.
Tatijana und Helga würden ihr Glück in Moskau versuchen und wollten auch möglichst schnell aufbrechen. Der Fall kam endlich in die Gänge. In die Sitzung platzte ein Anruf des Berner Polizeichefs, der mehr als ärgerlich war.
„Natürlich kannst du auf Mithören schalten, ich muss mich ohnehin für meine Regierung entschuldigen. Die haben Bruscini trotz Vorliegens eines italienischen Haftbefehls einfach über Kloten nach Rio ausfliegen lassen. Begründung wie immer: Keine. Ich schäme mich wirklich sehr.“
Johann wusste, was es für einen echten Polizisten bedeutete, einen Gesuchten laufen lassen zu müssen, weil irgendwelche Politiker ihr eigenes Süppchen kochten und dabei auf Recht und Gesetz spuckten.
„Mach dir nichts draus. Es sind eben geldgierige Politiker. Das kannst du nicht ändern. Ist er noch in der Luft oder schon gelandet?“
„Vor zwei Stunden angekommen, der dürfte endgültig verschwunden sein. Den sehen wir nie wieder. Verdammter Mist.“
„Mal abwarten. Vielleicht kann ich da ja was tun. Ich halte dich auf dem Laufenden.“ Johann rief das Justizministerium in Brasilia an. Nun wurde dort jemand mitten in der Nacht geweckt. Danach beauftragte er ein größeres Detektivbüro Bruscini aufzustöbern.
Irgendwo tagte gerade mal wieder eine Konferenz der europäischen Innenminister, bei der die Nachricht von Bruscinis Flucht auch die Runde machte. Es ließ sich später nicht mehr herausfinden, welcher dieser obersten Ordnungshüter auf die Idee kam, damit sei die Sache mit den Kunstdiebstählen erledigt und man könne in der Ermittlungsarbeit wieder langsamer treten.
Johann verwunderte diese Haltung nicht besonders, da es sich bei den Innenministern um Politiker handelte, die mit der Einhaltung von Recht und Gesetz schon berufsbedingt Schwierigkeiten haben. Einige von ihnen hätten aufgrund eigener Vergehen in ihren Ländern nie mehr Beamte werden können, wurden dafür die Vorgesetzten jener. Darin war sich dieses politische Europa einig.
Als die ersten Polizeichefs, die Anweisung erhielten, die internationale Zusammenarbeit in Sachen Bilderdiebstahl runter zu fahren, gab es einige, die sofort übereifrig reagierten, andere, die gar nichts taten und einige, die wütend wurden, weil sie immer ein Auge auf die Ermittlungsergebnisse gehabt hatten.
Johann, Huber und den Chef der Schweizer Versicherungsgruppe erreichten die Nachricht gleichzeitig. Huber wurde angewiesen, seine Ermittlungen, wenn möglich zu intensivieren, solange er den Fall nicht für abgeschlossen hielt.
Der Versicherungschef, der sonst gerne von den Fehlentscheidungen der Politik profitierte, war stinksauer. Er hatte über seine Kanäle eine klare Nachricht an die Ministerrunde absenden lassen. Keine Ermittlungen bedeuten auf lange Zeit keine Spenden mehr für die Parteien der Betreffenden.
Johann wurde von den Schweden informiert, dass die Regierung weiteres Vorgehen für unbedingt notwendig hielt, gleiches galt auch für Griechenland und Irland.
29. März.2006 Berlin 9 Uhr 15
Der Berliner Polizeichef hatte die Anweisung gleich durch den Reißwolf gejagt. Er war nicht feige, aber Mücke mit so einem Scheiß zu kommen, hätte den vor Wut platzen lassen. Mochte sein Innensenator sich auch für unverwundbar halten, der Polizeichef wusste es besser.
Die Pressekonferenz von MM zu einem solchen Thema, wollte er nicht erleben. Er erinnerte sich mit Schrecken an die Stellungnahmen, die Mücke bei den Politikermorden abgegeben hatte. Mit ihm nicht. Basta.
Natürlich rief ihn dieser verdammte Kerl ausgerechnet jetzt an. „Hi, MM. Was’n los?“
„Ich dachte, das könnten du und dein Innensenator mir sagen. Bei mir pfeifen nämlich sämtliche Spatzen von allen Dächern, dass unsere Bundesregierung in Form unseres menschenliebenden Innenministers keine Fortsetzung der Ermittlungen in der Sache Bilderdiebstähle wünscht. Wahrscheinlich brauchte es seine gesamte Konzentration, wie es zu schaffen wäre, die Bundeswehr auf die Bundesbürger schießen zu lassen. Was sagst du dazu?“
„Du missverstehst ihn da. Er möchte ja nur die Bundeswehr einsetzen können, wenn Terroristen mit Massenvernichtungsmitteln ...“
„Das kann der Vogel nicht einmal seiner Großmutter verkaufen. In solch einem Fall reicht ein Anruf und die Bundeswehr hilft. Das tut sie nämlich schon seit Gründung dieses Staates, bei Flut, Schneechaos, Feuer und wie du an unserem letzten Einsatz gesehen hast, klappt das sogar mit Fernaufklärung. Was also ist mit den Ermittlungen?“
„Natürlich machst du weiter. Ich habe nichts Gegenteiliges gehört.“
„Du solltest nie ein Verbrechen begehen, du bist ein schlechter Lügner. Aber wenigstens tust du das Richtige. Wenn die Presse Wind davon bekäme, wieviel Erfolg wir in dem Kampf gegen die Faschos nur diesen Ermittlungen verdanken, stünde die Politische Polizei ziemlich schlecht da.“
„Wir haben keine politische Polizei. Das sind Beamte mit Staatsschutzaufgaben. Mach weiter und mach was du willst, du hast Rückendeckung.“
Grinsend legte Mücke auf und rief Johann an. Hatten die Innenminister mit ihrer Entscheidung eine Welle verursacht, so knallte ihnen nun ein Tsunami der Entrüstung entgegen. Prompt taten sie das, was Politiker immer tun, wenn sie auf Widerstand stoßen. Sie knicken ein und behaupten das Gegenteil von dem, was sie ursprünglich wollten.
Sofort trat der portugiesische Innenminister vor die Presse und verkündete, dass die Ermittlungen wesentlich verstärkt werden würden. Die Innenministerkonferenz empfinde gerade diese Ermittlungen als ein sehr gutes Beispiel für europäische Zusammenarbeit.
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