31. Avalokiteshvara, der niemals die Augen schließt
Nicht alles ist durch Fleiß und Talent möglich.
Große Taten sind nicht durch Stärke geleistet worden,
sondern durch Beharrlichkeit.
Samuel Johnson
31. März 2066 Luftraum über Österreich 4 Uhr 15
Die Piloten der Schweizer Versicherung waren richtig begeistert über den Auftrag, der sie zunächst nach Sankt Petersburg abkommandierte, um Bewaffnete aufzunehmen. Anschließend steuerten sie Schwechat an, nahmen den Reichsfürsten und andere an Bord und flogen sofort weiter zum Chinggis Khaan International Airport in die Mongolei.
Nicht nur, dass sie bereits einen Haufen bewaffneter Russen in der Maschine hatten, sollten sie nun in eine Gegend fliegen, in der schon der Flughafen eher nach ungewolltem Abenteuer klang als nach einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt.
Doch wenn der Reichsgraf rief, hatten sie zu springen. Während der Wartezeit wurden sie von der Security bewacht, die sie aus St. Petersburg geholt hatten. Der Anblick der rauen Gesellen war ihnen genauso wenig ein Trost wie das Wissen, dass der Jahresmittelwert von Ulan Bator bei zwei Grad plus lag. Die Freunde von der Air China hatten ihnen von Nächten mit unter minus 40 Grand Celsius erzählt. Von vereisten Flugzeugen, die wochenlang nicht starten konnten.
Johann war auch nicht glücklich. Normalerweise hätte er sich auf Ulaanbaatar, wie der mongolische Name von Ulan Bator lautete, gefreut. Aber seine kaputte Rippe schmerzte bei jeder Bewegung. Die kalte Luft auf 1352 Metern über NN würde ein übriges tun.
Hoffentlich musste er nicht in Gegenden der Mongolei, die nur mit dem Geländewagen oder gar dem Kamel zu erreichen waren. Er konnte sich gut an einen Kamelritt in Mauretanien erinnern. Nach acht Tagen hatte er geschworen, nie wieder so ein Mistvieh zu besteigen.
Während die Maschine dabei war, ihre Flughöhe zu erreichen, bekam er Informationen vom CIA, die ihm den Namen Bogd Gegeen Dagwadordsch und das G. Zanabasar Kunst Museum für mongolische Kunst nannten.
Ihm wäre lieber gewesen, wenn er einen Polizisten in der Mongolei gekannt hätte, aber er war noch nie dort gewesen. Auf jeden Fall würde er in das Gandan-Kloster fahren und die sechsundzwanzig Meter hohe Statue des Gottes Avalokiteshvara anschauen, dessen Bild er zuhause hatte.
Leider hatte er völlig vergessen, wer ihm dieses Bild geschickt oder gegeben hatte und sein tolles Computersystem schwieg auch beharrlich zur Mongolei und Ulan Bator.
Die Schweizer Piloten waren zufrieden, als die nüchterne und klare Stimme des Fluglotsen sie für ihre Erstlandung – die schienen sogar Computer dort zu haben – exakt einwies und auf die Fallwinde am Bogdo Khan Uul, einem über neunzehnhundert Meter hohen Berg aufmerksam machte.
Etwas nervös wurden sie, als die Anweisung erfolgte, nicht auf das zivile Rollfeld abzudrehen, sondern einem Fahrzeug auf den militärischen Teil des Flughafens zu folgen. An der Parkposition warteten ein Militärjeep, ein Polizeifahrzeug und ein Kleinbus sowjetischer Bauart.
Nachdem sich die Türen geöffnet hatten, stürmte ein kleiner Mann, der in viele Schichten Kleidung gehüllt war, wie ein Flummi in die Maschine und brüllte mit elsässischem Akzent: „Johann, Johann, du alter Triebtäter! Mit allem hätte ich heute morgen gerechnet, als ich die Liste unserer auswärtigen Besucher bekam. Aber nicht mit dir.“
Endlich hatte er sich zu Johanns Sitz durchgekämpft; die Security hatte die Situation richtig eingeschätzt und ihn nicht gestoppt. Er umarmte den Reichsgrafen, der es halb aus seinem Sitz geschafft hatte, genau an der Stelle seines Brustkorbs, der höllisch weh tat.
Als Johann wieder Luft bekam, hatte sich der Franzose in den Sitz vor ihm geklemmt und stellte sich den anderen vor: „Werner Mueller, früher Aufbauhelfer der französischen Regierung, jetzt Polizeichef des unabhängigen Bundesgebietes von Ulan Bator. Warum hast du nicht angerufen Johann? Oder ist es was Geheimes?“
„Entschuldige Werner, ich habe das Bild Avalokiteshvaras immer noch in meinem Büro hängen, aber ich bin nicht auf dich gekommen. Bei dir hätte ich damit gerechnet, dass du jetzt Aufbauarbeit für die Polizei bei den Marsianern oder in Afrika leistest.“
„Nein, ich bin hier hängen geblieben. Die packen hier ihre Frauen in viele Schichten Kleidung, wenn du Muße zum Auspacken hast, findest du meistens eine wunderhübsche Überraschung. Jetzt bin ich fünf Jahre verheiratet und habe fünf Kinder. Mein Schatz würde sofort mit mir weggehen, aber mittlerweile habe ich mich in dieses herrliche Land verliebt. Ich bin glücklich. Nun, was führt dich mit einem Trupp Bewaffneter her? Hier stören Waffen nicht, obwohl sie überflüssig sind. Gewalt bedeutet bei uns Schlägereien von Betrunkenen, Beziehungsmorde und Schießereien unter verfeindeten Schmugglerbanden. Es ist wesentlich sicherer hier als in Paris oder Berlin.“
Johann lächelte still in sich hinein, der alte Hitzkopf hatte immer noch genügend Feuer im Hintern, um fünf andere damit anzutreiben. Er setzte ihn ins Bild. Mittlerweile waren sie beim Gebäude angekommen und verlegten die Diskussion in einen Konferenzsaal, den nur die bunten Farben des Lamaismus von seinen Brüdern überall auf der Welt unterschieden.
Die Mitarbeiter von Werner Mueller sausten aus dem Raum und wieder hinein. Schnell gab es Informationen über Bogd Gegeen Dagwadordsch, seine Tochter, die Arbeit und das G. Zanabasar Kunst Museum.
Selbst die vielen Materialtransporte durch die Firmen des Armeniers Movses Haiasanata in das Museum konnten nachvollzogen werden. Ebenso die Auslieferungen an Beauftragte des Koreaners Won Hae-Kyung.
Das gesamte Geschäft war als Werkauftrag einer Briefkastenfirma aus Monaco gelaufen. Nach den Regeln der Mongolei und der meisten anderen Staaten völlig normal.
Johann staunte nicht schlecht, wie gut hier alles funktionierte: „Werner, bist du wohl auch Chef der Staatssicherheit, oder wie kommt die Geschwindigkeit sonst zustande, mit der du die Daten herausschießt?“
„Du hast mir mal erklärt, dass es immer noch besser ist, alles über nichts zu wissen, als nichts über alles zu wissen. Die Mongolei ist klein, aber wir haben unruhige Nachbarn. Also passen wir einfach auf. Wir benutzen dein Programm, um nicht nur Kriminalfälle, sondern alles zu speichern und es funktioniert. Das System stimmt eben. Natürlich speichern wir in erster Linie Müll ...“, antwortete der Freund, der inzwischen in T-Shirt war und damit seine Kugelform verloren hatte.
„Datenmüll ist ohne Bedeutung, solange ihm außer Plattenplatz keine Bedeutung zugewiesen wird“, vollendeten beide im Chor den Satz und lachten.
Es gab keinen Einsatzplan, weswegen sie einfach zum Museum fahren würden, um mit Bogd Gegeen Dagwadordsch zu reden. Ein quirliger Polizeileutnant wies vorsichtshalber zum dritten Mal darauf hin, dass die Tochter von Dagwadordsch eine sehr nette Person sei, die in schweren Zeiten zurückgekehrt war und sich wie viele Intellektuelle an das Ausland verkauft hatte. Werner und Johann grinsten sich an. Wo die Liebe eben hinfällt, dachten beide.
Das Gespräch in einem hochmodernen Labor verlief ohne Besonderheiten. Dagwardordsch gab zu, dass in diesem Labor, das Alter von Holz und Leinwand für den Armenier oder besser in seinem Auftrag bestimmt wurde, ebenso wie das Zurechtschneiden von dem alten Holz auf historische Leistenmaße mit der Hand. Er plauderte darüber, wie alte Leinwand von ihrer Farbe befreit wurde und Mitarbeiter aus altem Metall alte Nägel wiederherstellten oder wieder gerade klopften.
Der Erlös war im wesentlichen in das Labor geflossen und zum Ankauf einiger Stücke für das Museum verwendet worden. Das verbliebene Material, die Handsägen und Fotokopien der Unterlagen, sowie die videodokumentierte Aussage wurden mitgenommen.
Dann endlich hatte Johann Zeit, sich die Statue anzusehen. Es war wirklich ein Land zum Verlieben voll mit freundlichen Menschen.
31. März 2006 Wien 7 Uhr 15
Huber und die Störchin saßen zusammen im Büro der Mordkommission. Das Labor hatte das Extrahandy von Tschikowski ausgewertet. Es gab nur eine Nummer, die von diesem Handy angerufen worden war. Das Telefon hatte seit einiger Zeit nicht mehr gesendet.
„Ein typischer Fall von Zweithandy“, meinte die Störchin, „da will einer nicht mit dem Ding in Verbindung gebracht werden, hatte es aber immer eingeschaltet. Der Rest war einfach. Ich habe überprüfen lassen, welches Handy mit dem Gesuchten ständig zusammen war. Es gehört einem zwielichtigen Rechtsanwalt. Auf seinem normalen Handy hatte er häufig direkt nach Gesprächen mit Tschikowski Kontakt mit Bruscini. Das reicht, um ihn und unser Maulwurf-Schatzi festzunehmen.“
„Ja, liebe Störchin. Aber ich halte es irgendwie nicht für elegant. Mir schwebt etwas vor, was uns sogar den Videobeweis liefert. Ich möchte mit dir in der ersten Reihe sitzen und sehen, wie Tschikowski das Feuer anzündet, auf dem er sich selbst brät. Lass uns ein wenig Kasperltheater vorbereiten.“ Huber zwinkerte ihr zu. Dann tranken sie einen Cognac aus Hubers Schublade zur Feier des Plans.
31. März 2006 Graz 8 Uhr 30
Jean fühlte sich noch nicht sicher, obwohl es schien, als ob bisher niemand auf einen Zusammenhang zwischen ihm und Bruscini gekommen war. Schließlich war er ja auch Rechtsanwalt und seine Mandanten waren eben meist Verbrecher.
Er wollte gerade von Graz zurück nach Hause fahren, als ihn der Anruf eines alten Kunden aus Wels erreichte. Er schien in argen Nöten zu sein und wollte ihn sofort sehen. Jean überlegte kurz und nahm dann die Autobahn in Richtung Linz. Das würde ihn ein paar Stunden extra kosten, doch ohne Bruscini musste er eben verstärkt für seine anderen Klienten vorhanden sein.
Die Polizisten, die dem Mandanten des Rechtsanwaltes das Höllenfeuer unter dem Hintern bereitet hatten, schalteten innerlich grinsend zurück. Dieser Kunde war als ängstlich bekannt und diesmal gänzlich unschuldig. Die Reaktion war vorhersehbar. Nun mussten sie ihn beschäftigen, bis die Falle zugeschnappte.
Der Rechtsanwalt freute sich, als er den Tunnel unter dem Toten Gebirge erreichte. Er schob seine Kreditkarte in den Zahlschlitz der Mautbox. Die Schranke öffnete sich, aber er wurde nach rechts geleitet. War die Karte defekt? Nun gut, würde er eben in Bar zahlen.
Es stellte sich jedoch heraus, dass die Mautgebühr kein Thema war, sondern die Kreuzigung in Italien. Jean wurde vorläufig festgenommen und in die Polizeiwache nach Liezen verbracht.
Tschikowski litt unter akuter Langeweile. Er hätte viel dafür gegeben, aktiv werden zu können. Da klingelte das Telefon. Seine Beschützer gaben ihm den Hörer mit Kommissar Huber in der Leitung. „Hallo, Tschikowski, Dauerurlauber, wie geht es dir?“
„Bestens, ich möchte am liebsten heute noch in den Dienst. Hier ist es schön und langweilig.“
„Du weißt, ich mache die Regeln nicht, aber heute will ich sie durchbrechen. Wir haben einen Rechtsverdreher in Liezen eingefangen, der Kontakt zu Bruscini haben soll. Ein mehr als vager Verdacht, dem wir trotzdem nachgehen müssen. Könntest du die Vernehmung machen und den Papierkram? Sonst müsste ich extra aus Wien rausfahren und mir fehlt hier eh schon ein fauler Mitarbeiter.“
„Mach ich gerne. Wie komme ich an die Unterlagen?“
„Werden dir gerade gefaxt. Servus.“
Als Tschikowski die Unterlagen bekam, erbleichte er beim Betrachten des Bildes. Das war sein Rechtsanwalt. Ob Huber etwas bemerkt hatte? Aber nein. Die Anschuldigungen waren haltlos. Das konnte er sicher schnell klären. So schlau war der Chef nicht.
Im Verhörraum von Liezen drehte ein Mitarbeiter gerade den Schalter herum, der dafür sorgte, dass das Gespräch mitgeschnitten und auf Video aufgenommen wurde. Wenn man ihn jetzt auf Aus stellte, schaltete man das System ein.
Der Rechtsanwalt war nicht in eine Zelle gebracht worden, er saß in einem, gegen Flucht abgesicherten Bereich, in dem auch sonstiges Publikum verkehrte. Die Sache schien nicht sehr bedrohlich zu sein.
Dann wurde er in einen Verhörraum gebracht und kurze Zeit später kam der junge Wiener Kommissar herein. Als erstes griff er unter den Tisch und schaltete die Überwachung aus. Freundlich begrüßte er Jean. „Das ist bestimmt ein Missverständnis, Herr Rechtsanwalt, Sie wissen ja wie die Polizeiarbeit funktioniert. Ich habe den Mitschnitt abgeschaltet, es muss ja niemand wissen, dass wir uns kennen.“
„Nein, das wäre nicht klug. Ihre Kollegen würden alles Mögliche in unseren Kontakt hinein interpretieren und nicht erkennen, dass wir auf der gleichen Seite des Gesetzes stehen und uns gegenseitig unterstützen. Die Suite im Hilton war übrigens im Namen einer Firma gemietet und lässt sich nicht zurückverfolgen.“
„Dann ist es ja gut. Seien Sie übrigens vorsichtig. Einer hat einen Bombenanschlag auf mich verübt. Wir scheinen da jemandem dicht auf der Pelle zu sitzen.“ Tschikowski schaute auf die Uhr. „Nun muss ich die Überwachung wieder einschalten. Damit wir das Problem aus der Welt bekommen.“
Er stellte die belanglosen Fragen und ließ den Rechtsanwalt wieder zu seinem Auto bringen.
Als er von einem Beamten erfuhr, dass der Mitschnitt nicht funktioniert hatte, ärgerte er sich maßlos über die Blödheit und tippte den ganzen Kram in den Computer, unterschrieb eine Kopie, ließ sich den Verlust der Aufzeichnung durch die Schuld der Liezener bestätigen und wieder auf seine Hütte bringen.
Jean konnte sein Glück nicht fassen, musste jedoch schnell einsehen, dass er keines gehabt hatte. Im Tunnel wurden ihm Handschellen angelegt und er in einen Gefangenentransporter umgeladen.
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