32. Brillianten-Hugo
Diamonds Are a Girl's Best Friend.
„Blondinen bevorzugt”. Jules Styne
2. April 2006 Wien 9 Uhr 00
Allmählich überschlugen sich die Ereignisse. Damit wieder Ruhe in den Ablauf kam, hatten Huber und der Reichsgraf alle Ermittler versammelt. Homer war aus Deutschland zurück, aber Mücke fehlte. Er war in Berlin geblieben, weil er sehr verdeckt begonnen hatte, Schillke einzukreisen. Sein Vertrauen zu den Hamburger Kollegen hielt sich in Grenzen, außerdem kannte er kaum einen von ihnen. Er versuchte, den Fall übertragen zu bekommen.
Wieder einmal war das Wohnzimmer von Johanns Suite der Konferenzraum. Die Zahl der Flipcharts hatte sich vermehrt, ihre Flügel waren ausgeklappt, um weitere Blätter zu halten, ein Beamer brummte. Überall lag Papier herum.
Huber und der Reichsgraf sahen sich an.
Johann begann: „Wir sind an einem Punkt der Ermittlungen, an dem die riesige Menge der bisherigen Erkenntnisse uns die Sicht versperren. Franz und ich haben das Material gesichtet und sind zu folgendem Schluss gekommen: Die Herstellung von den Materialien für die Kopien in Ulan Bator interessiert uns nicht mehr. Wir kennen den Lieferanten, den Armenier Movses Haiasanata und den Abnehmer, den Koreaner Won Hae-Kyung. Die nehmen wir uns zur Brust. Die Kopisten bei Moskau interessieren uns nicht mehr, Won war dort Lieferant und Abnehmer. Widerspruch?“
Nachdem keiner Einspruch anmeldete, nahm er die entsprechenden Flipcharts ab, während Tatijana gleichzeitig die erwähnten Themen im Rechner nach hinten verschob.
Huber übernahm: „Lucca ist für uns auch erledigt. Den kriegen entweder die Belgier, die wegen Diebstahls einen Auslieferungsantrag stellen wollen oder wir schicken ihn nach Italien zurück. Bruscini ist derzeit für uns nicht greifbar. Wir wollen ihn wegen Mordes an der Lamm, und weil er unseren Damen an die Wäsche wollte. Mit unserem Fall hat er ansonsten nichts zu tun. Da war er Kunde und ist somit raus.“
Zwei weitere Seiten verschwanden, Daten rutschten nach hinten.
„Wir haben eine ganze Reihe von Händlern der gestohlenen Bilder ausgemacht, die entweder tot sind oder deren Lieferanten wir kennen. Sie sind damit das Problem der jeweiligen nationalen Polizei, die alle Informationen bekommen werden und selbst entscheiden muss, unsere Ermittlungen bringen sie nicht voran“, referierte Johann weiter. „Dann haben wir noch die Diebesbanden. Teilweise konnten wir sie identifizieren wie in Japan oder hier in Wien, da kennen wir auch die Auftraggeber. Es macht also keinen Sinn, sich weiter mit ihnen zu beschäftigen.“
Nicken aus dem Kreis der Zuhörer.
Nun war Tatijana in ihrem Element: „Damit wird es wieder übersichtlich. Aus den Vernehmungen von Lucca und den russischen Kopisten wissen wir, dass weder Movses Haiasanata noch Won Hae-Kyung auf eigene Rechnung gearbeitet haben. Beide mussten auf Anweisungen handeln. Es gibt zwar vage Erinnerungen an Haifa, aber damit hat es sich schon.“
Homer klopfte kurz mit der Rückseite seines Stiftes auf den Tisch: „Nach unseren Erkenntnissen sind beide so eine Art Dienstleister des Verbrechens. Transport, Vermittlung von Personal, Beschaffung von Gütern und Helfern. Alles natürlich illegal. Beide geben sich keine Mühe, eine legale Fassade aufzubauen. Das sind nicht die Leute, die so ein Ding durchziehen.“
„Gut. Die Bewertung ist als solche erst einmal aufgenommen“, sagte Tatijana, die ihre Daten aktualisierte. „Schillke. Da sind unsere Informationen mehr als dünn. Er hat von Kunst auf jeden Fall keine Ahnung und keine gekauft.“ Tatijana sah kurz vom Rechner auf. „Einer seiner Klienten war Sammler und wurde vor kurzem an einem Bahnübergang erschossen. Er arbeitet mit einem Benno von der Lohe zusammen, der in Hamburg als Kunstkäufer bekannt ist und auf dessen Nachlass die Stadt wohl für ein Museum spekuliert. Beide sind zwielichtige Gestalten, lassen sich aber nicht eindeutig zuordnen.“
Die Störchin hatte mit ihrem Handy in den Daten gewühlt: „Hat eigentlich jemand die Bildersammlung des toten Süßwarenherstellers aus Köln nach Fälschungen durchsucht? Wäre naheliegend. Ich habe die unnatürlichen Todesfälle von Leuten in den letzten Monaten auf Kontakte zu Schillke prüfen lassen. Er kannte einen Sachverständigen aus Antwerpen, der, obwohl ein langjähriger und erfahrener Süchtiger, an einer Überdosis starb. Sein Stoff war so rein, das hätte niemand überlebt. Der Gutachter hat übrigens den Süßwarenfritzen beraten. Zufall? Wohl kaum.“
Johann und Huber waren schon am Telefonieren und Tatijana hob die Daten der Störchin nach vorn.
Homer klopfte wieder mit dem Stift um Aufmerksamkeit. „Es gibt Kontakte von Schillke zu Oreste Crispi. Aber genau da liegt mein Problem. Wenn Crispi der Mann im Hintergrund ist, bin ich draußen. Man hat mir unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass aus Gründen der nationalen Sicherheit und um das Blau des Himmels zu erhalten, dieses verdammte Schwein nicht angefasst werden darf. Im Gegenteil, ich müsste ihn sogar schützen.“ Er zerbrach seinen Stift.
„Du wirkst so wütend“, meinte Tatijana und grinste.
Homer warf ihr einen finsteren Blick zu, sie ihm eine Kusshand.
„Schluss damit“, sagte Johann in Richtung Tatijana.
Sie verdrehte gelangweilt die Augen.
Der Reichsgraf wandte sich an Homer: „Reg dich nicht auf, bitte. Crispi leistet zwar Unterstützung für andere, aber er ist kein deutscher Manager, der Outsourcing betreibt. Der würde bis auf das Fälschen alles durch seine Leute machen lassen. Er steckt mit im Vertrieb und hat Leute für die Diebstähle bereitgestellt. Das wird sich nachweisen lassen, auch ohne CIA oder NSA. Damit gibt es ein paar Länder, in die er nicht einreisen darf. Irgendwann bekommen wir ihn. Es macht keinen Sinn, herumzuwüten.“
In diesem Moment klingelte Helgas Telefon.
„Hallo, Helgamädel, hier ist Hugo. Brillianten-Hugo, Helgachen. Hast du ein bisschen Zeit für einen alten Mann?“
„Für dich immer, Hugo. Ich bin gerade in einer Besprechung, wenn es dringend ist, komme ich natürlich sofort.“
„Kommen sollst ja auch. Aber langsam.“ Er lachte über seinen Scherz. „Der Verkehr ist so verrückt, da muss man schön aufpassen. Du hast mich nach den fast echten Bildern gefragt? Bist du noch an dem Fall dran?“
„Ja, Hugo, bin ich. Momentan in einer Sackgasse.“
„Sack ist gut. Den kannst bei mir zumachen. Ich habe fünf von solchen Bildern heute morgen hereinbekommen und muss mich bis morgen Abend entscheiden, ob ich sie nehme und was ich zahle. Ich denke, du wirst sie haben wollen, Helgaschatzerl und die Verkäuferin gleich mit. Ich erwarte dich. Komm bitte nicht mit Blaulicht, sondern von hinten, sonst versaust du mir mit deinen Polizistenfreunden das Geschäft.“
Diese Spur war endlich einmal heiß und in Reichweite.
Die Ermittler begaben sich durch den Hintereingang der Judengasse 6, der über die Sterngasse zu erreichen war, in das Haus von Brillianten-Hugo. Dieser Zugang war eines der vielen öffentlichen Geheimnisse von Wien. Das Zentrum der Stadt war von Katakomben durchzogen, die alten Häuser oftmals durch die Keller verbunden. Die Ermittler betraten das kleine Kaffeehaus, nickten freundlich der Kellnerin zu, marschierten unter ihren verwunderten Blicken zur Hintertür hinaus, die in das passende Stiegenhaus führte. Auf diese Weise vermied Hugo, dass ein eventueller Beobachter von der Straße mitbekamen, wer ihn besuchte.
Beim Hinaufgehen erklärte Helga Tatijana, die einen Blick aus dem Fenster warf: „Da ist die Synagoge. Sie wird Tag und Nacht bewacht, seit vor vielen Jahren ein Politiker von Attentätern erschossen wurde, als er sie besuchen wollte. Ein Wahnsinn, was?“
„Ja“, sagte die Russin.
Sie kletterten bis zum obersten Stockwerk und betraten die Wohnung eines der bekanntesten und angesehensten Hehler von ganz Wien.
Brillianten-Hugo war bereits in jungen Jahren eine Legende gewesen. Er kaufte nur aus sauberen Brüchen, ohne Gewalt und zahlte gut und ehrlich. Seinen Laden voll mit Antiquitäten und Schmuck betrieb er ganz offiziell. Er lag im Vorderhaus in der Judengasse.
Helga begrüßte den alten Mann und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Doch er hielt sich nicht lange mit der Begrüßung auf. Quietschend rollte er in seinen Rollstuhl vor ihnen her. In einem schmalen, gut ausgeleuchteten Zimmer waren fünf Bilder in Sitzhöhe an der Wand aufgehängt.
„Ihr müsst euch leider bücken. Aber ich will beim Anschauen keinen steifen Hals riskieren. Die Sachen da entsprechen exakt dem, was ihr sucht. Helga, hier hast du eine Liste.“
Helga reichte die Liste an Tatijana weiter, die sich auf den Fußboden hockte und die Daten ins System eingab. Der alte Mann rollte zu ihr heran: „Na, Mäderl, willst mich kontrollieren mit deinem Computer? Der weiß auch nicht mehr als ich.“
„Der weiß von allein gar nichts, jetzt hat er allerdings kapiert, was Sie uns gerade gesagt haben. Nun erzählt er uns, an welcher Wand das Bild im Museum hing und was es wert ist. Wieso sind Sie sicher, dass die Werke nicht echt sind?“
Brillianten-Hugo drehte den Rollstuhl. „Kommt mit, trinken wir ein bisserl Tee. Ich habe euch lieber auf Augenhöhe.“ Er rollte ins Wohnzimmer.
Dort wartete ein Dienstmädchen in späten mittleren Jahren, mit Häubchen und schwarzem Kleid und weißer Schürze.
„Rahel, würdest du bitte?“
Alle erhielten ihren Tee und Rahel nahm in der Ecke auf einem Stuhl Platz, jederzeit bereit aufzuspringen, um ihren Herrn zu verteidigen oder seine Wünsche zu erfüllen.
„Bilder sprechen zu mir. Bei dem Dürer hatte ich beinahe das Gefühl, als könnte er echt sein.“ Hugo schüttelte den Kopf, „Sie haben alle nicht die Sprache der Originale. Gut kopiert, aber nicht mehr. Ich kann nicht sagen, dieser Strich ist falsch, hier ist der Pinsel zu breit. Alles zusammen stimmt nicht, hat nicht den Charme. Für euch ist das bedeutungslos. Wichtig ist die Familie, aus der sie stammen.“
„Alter europäischer Adel? Der den Schmarren jetzt schnell loswerden will?“, vermutete Helga.
„Nein, Helgaschatzerl. Alter jüdisch-jenischer Betrügeradel. Vermutlich haben die Vorfahren dieses Mannes ganze Wälder abhacken lassen, um Stücke vom Kreuz Christi zu gewinnen. Wenn das Turiner Leinentuch gefälscht ist, frag, welcher ihrer Vorfahren es war. Schad, dass sie keine Chronik geführt haben.“
„Juden. Wir haben den Hauch einer Spur nach Israel, genauer nach Haifa“, warf Johann ein.
„Ja, ihr Deutschen.“ Hugo kicherte, „Immer so schrecklich effektiv und hinterher tut euch dann alles schrecklich leid. Haifa ist ganz heiß. Da liegt seit knapp vierzehn Tagen ein Mann im Koma. Hat eine Kugel in den Kopf gekriegt. Wird es wahrscheinlich nicht schaffen. Chaim Averbuch, genannt der Patron. Mossad Agent.“ Er warf einen Blick auf Homer: „Damit wahrscheinlich auch euer Mann vom CIA. Die Brüder sind ja unzertrennlich, wenn sie sich nicht gerade die Hälse abschneiden. Ein Mann mit Verbindungen in alle Richtungen. Nun wird er sterben und Frau und Kinder zurücklassen. Könnte übrigens für die CIA interessant sein, es war eine Kugel aus Keramik die ihn traf. Seine Frau tat das was schlaue Frauen machen, sie brachte mir die Bilder. In Chaims Famiie, weiß man halt wohin man mit der Sore geht.“
„Was erwarten Sie von uns für die Info?“ Johann wusste genau zu entscheiden, wann Effektivität gut und richtig war und wann die Sache an sich schon falsch war.
„Ja, ja, der Deutsche“, sagte Hugo und hob schmunzelnd die Hände. „Natürlich will ich was. Ein Geschäft. Die Bilder sind nicht zu verkaufen, außer an euch. Die Frau und die Kinder brauchen das Geld. Ihr gebt mir fünfzigtausend Euro für die Frau und sie gibt euch in Haifa freien Zugang zu allem, was ihr Mann zuhause und in seinem Geschäft hat. Die Pensionen in Israel sind nicht so üppig.“
Johann diskutierte nicht. Er griff zum Scheckbuch. Füllte einen Scheck aus und reichte ihn an den Alten. Hugo begutachtete die Summe und gab ihn Rahel, die damit den Raum verließ: „Das ist ein mehr als fairer Preis. Hoffentlich rührt er nicht aus diesem diffusen deutschen Schuldgefühl her?“
Johann grinste den Alten an. „Nein. Aber ich kenne die Zinserträge und die Lebenshaltungskosten. Ich weiß sogar, wie hoch eine Pension ist.“
In diesem Moment kam Rahel zurück, übergab Hugo ein Blatt Papier, das er unterzeichnete und mit dem Datum versah. Dann griff er nach einem anderen Blatt auf seinem Schreibtisch: „Hier ist die Quittung und das die Adresse und Telefonnummer in Haifa. Die Maschine mit der Frau des Patrons hat bereits den österreichischen Luftraum verlassen.“
Johann reichte die Papiere an Tatijana weiter, die sich innerlich darüber freute, dass er die Summe verdoppelt hatte. Sie trug die Adresse ins System ein. Es gab nichts mehr zu besprechen. Hugo warf Rahel ein Blick zu, die daraufhin die Tür öffnete und auf zwei Fingern pfiff. Vier junge Männer stürmten herein. Sie packten die Bilder ein und trugen sie zu den Autos.
2. April 2006 Wien 13 Uhr 20
Die Ermittler sorgten dafür, dass die Bilder in die Wiener Asservatenkammer kamen. Anschließend erklärte Huber, dass er Hunger habe.
Tatijana schlug Steaks im Kellerstöckel in der Neustiftgasse vor. Als alle satt waren, bestellte Huber den obligatorischen Wodka. „Leute, wir sind wieder voll im Spiel. Jetzt kommt es darauf an, möglichst effektiv an unsere verbliebenen Verdächtigen heranzukommen. Schillke können wir erst einmal Mücke überlassen. Ich werde ihn auch noch mal auf diesen Benno von der Lohe ansprechen. Oreste Crispi könnte Tatijana mal von den Russen überprüfen lassen. Mal sehen, ob die ihn auch schützen wollen. Wenn nicht, haben wir da vielleicht einen Ansatz.“
„Ja“, sagte Johann, „Homer und ich werden uns mal nach Saipan fliegen lassen und versuchen den Koreaner Won Hae-Kyung zu greifen. Deine Hundemarke ist dort doch richtig was wert, was?“
Der Agent nickte und meinte: „Wir haben ein lokales Büro dort, das ist im Prinzip kein Problem. Ich würde nur gerne zuerst dort sein und danach die Pferde scheu machen.“
„Okay. Tatijana und Helga werden sich in Israel umsehen, Störchin, für dich hab ich Schlimmeres, nämlich Bürokram. Wir müssen alle Handyquerverweise untersuchen. Du weißt, was das heißt? Vielleicht kriegt Franz ja noch Extrapersonal dafür. Gleichzeitig solltet ihr hier versuchen, unseren armenischen Freund Movses Haiasanata mal so zu lokalisieren, dass wir uns auf ihn setzen können, um ein Gespräch zu führen. Da wird sich auch Homer reinhängen müssen.“ Johann verteilte die Aufgaben professionell und keiner muckte auf. Sie vertrauten voll und ganz auf seine Kompetenz.
„Die Russen sind da ebenfalls dran. Die würden sowohl den Armenier als auch den Koreaner gerne längerfristig Gastfreundschaft in Sibirien gewähren. Wenn es nicht anders geht, ist es eine gute Idee, die dahin zu jagen“, vollendete er die Anweisungen.
Worum es geht
Vorheriges Kapitel
Nächstes Kapitel am 13.05.2008
Trackbacks
Trackback-URL für diesen Eintrag
Keine Trackbacks



















