33. Linienflüge in ihrer Unergründlichkeit
Fliegende Fliegen flögen ja gerne, aber das zu viele
Fliegen macht den fliegenden Fliegen vielerorts
flugs einen Strich durch den Flugplan.
Stefan Wittlin
2. April 2006 Wien 17 Uhr 00
Es gibt viele abenteuerliche und zeitraubende Dinge, die man im Leben versuchen kann. Mit Linienflüge von Wien nach Saipan zu kommen, gehört auf jeden Fall dazu. Für nur zwei Leute den Jet der Versicherung einzusetzen, wäre Johann allerdings auch nie eingefallen.
Fast zwölf Stunden von Wien nach Tokio, dann sieben Stunden Wartezeit, dreieinhalb Stunden Weiterflug nach Guam, zwei Stunden Aufenthalt und noch einmal eine Stunde zum Saipan International Airport.
Selbst in der First Class konnte das nicht als Vergnügen gelten – in der Business Class war es aber der reinste Horror, wie Homer und Johann feststellten.
Sie hatten es eilig, weil das Flugzeug von Won Hae-Kyung beim Anflug auf Saipan International Airport wohl eine Gans, oder wie gänsegroße Vögel dort auch immer heißen mögen, gefressen hatte und nun ein neues Triebwerk brauchte. So wie die Anreise nach Saipan für Menschen Zeit und Geduld kostete, würden das neue Triebwerk und die Behebung der sonstigen Schäden Herrn Won wohl einige Zeit auf Saipan festhalten. Das war mehr als sie erhofft hatten.
An den Komfort eines Weltklassehotels hatten sie nicht zu denken gewagt. Aber das Hyatt Regency Saipan mit seinem traumhaften Blick auf den pazifischen Ozean, den sie allerdings erst am nächsten Morgen genießen konnten, war in jeder Hinsicht grandios. Nach der erschöpfenden langen Reise gönnten sie sich einen Besuch im Wellnessbereich mit Sauna und Massage. Es war achtzehn Uhr, und zwei Stunden später machte sich Homer halbwegs erfrischt auf, die örtlichen Vertreter des amerikanischen Rechts heimzusuchen, während Johann erst einmal alle Nachrichten abrief, die ihm während der Fliegerei verwehrt waren. Vieles davon waren Kleinigkeiten, aber ein Anruf und eine Mail aus Brasilien brachten wirklich Gutes.
Salvatore Bruscini hatte sich in Brasilien zu sicher gefühlt und war von einer kleinen Nutte ausgeraubt worden. Ein cleverer Polizist hatte das Fahndungsersuchen im Kopf und Bruscini vorsichtshalber erst einmal wegen Ungereimtheiten in seinem Pass festgenommen.
Johann besprach sich mit dem brasilianischen Justizministerium, schickte den Jet der Schweizer Versicherungsgesellschaft mit als Urlaubern verkleideten Pinkerton-Leuten nach Rio und rief Huber an: „Hallo Franz, du errätst nie, was ich für gute Nachrichten habe.“
„Du hast den Haupttäter und wir können alle Urlaub machen?“
„Nahe dran, aber nicht ganz. Ich habe ein Geschenk für dich. Senor Salvatore Bruscini. Der Gute hat sich in Brasilien festnehmen lassen.“
„Ach, Johann, damit habe ich ihn noch lange nicht. Bis mein Innenministerium meinem Außenministerium sagt, dass der Franz Huber den Salvatore Bruscini aus Brasilien gerne einsperren möchte, vergehen Jahre. Ob mein Außenministerium wirklich mit den Brasilianern spricht, wage ich nicht einmal zu vermuten. Bruscini wird bis dahin auf jeden Fall schon lange frei sein.“
„Hubsi, Hubsi, was bist du misstrauisch gegenüber meinen Geschenken! Der gute Herr Bruscini wird gerade ausgewiesen. Zufälligerweise gibt es einen kaum besetzten Charterflug von Rio nach Mailand, der nur den einen Schönheitsfehler hat, er macht eine Zwischenlandung in Wien. Na, was sagst du jetzt? Wenn du dich morgen Abend um zehn am Flughafen postierst, kannst du dein Geschenk in Empfang nehmen.“
„Du bist ein verrückter Hund. Wie begründen die, dass sie nicht Linie genommen haben zum Abschieben?“ In Huber Stimme schwang Freude.
„Ganz einfach. Linie geht nur über Drittländer und nicht als Direktflug und ist zudem teurer. Das ist wasserdicht, zumal Bruscini zum Zeitpunkt der Festnahme gerade mal Geld für ein Taxi hatte. Seine Bankverbindung hat er den Brasilianern jedenfalls nicht genannt.“
„Dann bedanke ich mich artig. Wie erfahre ich denn für die Akten von meinem Glück?“
„Wie bei einem USA-Flug wird eine komplette Passagierliste mit Namen und Adressen nach Schwechat übermittelt. Da müsste es selbst bei der größten Schlafmütze klingeln. Sonst hilf einfach nach.“
Huber beschloss gleich aktiv zu werden. Er schickte Faxe an alle europäischen Flughäfen und bat nach dem Passagier Salvatore Bruscini, ankommend aus Südamerika, besonders Ausschau zu halten. Schon eine Stunde später meldete der Flughafen Wien, dass ein Passagier mit diesem Namen erwartet wurde.
Franz Huber schlug in seiner Begeisterung der Störchin etwas zu grob auf die Schulter.
„Au!“, schrie sie.
Als Homer zurück ins Hotel kam, tranken er und Johann einen Schluck an der Bar auf diesen Erfolg. So ganz ohne Ergebnis war auch Homer nicht geblieben. Eine Festnahme wurde zwar ausgeschlossen, aber man würde mit Homer und Johann zum Anwesen des Koreaners fahren und ein Gespräch erzwingen.
„Natürlich wäre ein russischer Auslieferungsantrag möglich. Dann würde er verhaftet. Ein paar gute Anwälte, der Hinweis auf das russische Rechtssystem. Viel ist da nicht zu holen.“
Johann winkte ab. „Reden ist ein guter Anfang. Im Prinzip wollen wir ja vorläufig nichts anderes von ihm, als den Namen seines Auftraggebers. Ich werde die Versicherungskarte spielen. Die hilft meistens.“
„Was, bitte schön, meinst du damit?“, wollte Homer wissen.
„Sieh mal, der Mann hat Häuser, Flugzeuge, Schiffe. Dafür benötigt er Versicherungen. Die braucht er auch für die legalen Transporte, unter denen er seine illegalen verbirgt. Und die wollen Prämien und keine Probleme.“ Johann tippte dabei wie wild auf seinem Handy herum und sagte: „Dachte ich es mir. Er ist über England versichert. Dahinter steht die Schweizer Rück und die Münchner Rück. Damit hat er ein Problem.“
„Kapier ich nicht.“
„Wenn die Rückversicherung seine Versicherung anruft, um denen mitzuteilen, dass sie dieses Risiko bitte nicht haben möchte, müssten die sich einen anderen suchen. Das wird schwierig, weil die aus Gründen des Selbstschutzes zusammenhalten. Der Kunde verliert seinen Schutz. Damit bleiben seine Schiffe im Hafen, seine Flugzeuge am Boden und in seinen Häusern darf niemand mehr wohnen oder arbeiten.“
„Bekommst du das denn bis morgen früh hin? Da müssen ja einige mitspielen.“
„Nein. Ich habe den Namen seines Versicherungsmaklers und die Nummern von fast vierhundert Verträgen. Das wird Herrn Won reichen. Hoffe ich.“
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