34. Schalom, meine Herren!
Komödien verlangen Komödianten,
Lustspiele lediglich lustige Spieler.
Gerd .W. Heyse
3. April 2006 Tel Aviv 6 Uhr 10
Chaim Averbuch, Hanassi Ave 108, Haifa Carmel 31060, Israel, lautete die Adresse. Ben Gurion im April. Aus dem nur zart frühlingsbehauchten Wien direkt zu den fünfundzwanzig Grad Israels.
Plötzlich begreift man, dass große Teile des Landes der Wüste abgerungen wurden. Versteht den Stolz auf die Leistung, dachte Helga, während sie mit dem Leihwagen nach Haifa unterwegs waren. Touristisch eine reizvolle Reise. Wäre da nicht der etwas eigenartige Fahrstil. So wie in Rom, nur lauter.
Tatijana beteiligte sich kräftig an dem Radau. Jeder fühlte sich ihm recht, und die Russin fand das sehr lustig.
„In Haifa den Karmelberg hinaufzufahren und die Bucht von Haifa bis in den Libanon vor sich liegen zu sehen, ist schon ein echtes Erlebnis“, sagte sie. hupte und riss wieder einmal das Lenkrad herum, zeigte dem Fahrer, der sie geschnitten hatte den Vogel.
Helga klammerte sich am Sitz fest und nickte beeindruckt.
Die Hanassi Ave gehört zur besten Wohngegend Haifas und die Preise waren horrend.
Sie hatten sich bei Frau Averbuch telefonisch angemeldet und wurden erwartet. Im Flur stapelten sich leere Faltkartons, zu Paketen zusammengebunden, die junge Frau zeigte bedauernd darauf: „Ich muss mich vorbereiten. Wir werden diese Wohnung genauso wenig halten können wie das Kindermädchen. Aber noch ist hier und in Chaims Büro alles unverändert. Ich stehe für Ihre Fragen zur Verfügung.“
„Zuerst einmal, wie geht es Ihrem Mann, Frau Averbuch, irgendwelche Verbesserungen?", fragte Tatijana höflich, die sich genau wie Helga auf Anhieb zu der Frau hingezogen fühlte.
„Leider nein. Die Ärzte kämpfen um sein Leben“, sie schüttelte bedrückt den Kopf, „und ich habe den Eindruck, sie sind eher an den Einnahmen als an meinem Mann interessiert. Ich kann es nicht beurteilen. Ist es möglich, mit einem Schuss durch den Kopf zu überleben?" Sie ging vor den beiden in das Arbeitszimmer ihres Mannes, wobei sie mit den Achseln zuckte. „Dann die Sache mit den Fälschungen. Er hat immer ein wenig nebenbei gehandelt. Wie jeder hier in Israel. Aber auf so einem Niveau? Ich kann das alles kaum glauben.“ Tränen standen in ihren Augen.
Ruhig und so zurückhaltend wie möglich begannen die beiden mit der Durchsuchung. Hier zeigte sich, was Helgas klassische Polizeiausbildung wert war. Im Handumdrehen hatte sie drei Geheimfächer aufgespürt, wobei zwei dem jetzigen Besitzer wohl nicht bekannt waren, da sie Briefe aus der englischen Kolonialzeit enthielten.
Das dritte Geheimfach sowie der Safe enthielten entgegen ihren Befürchtungen nur wenige hebräische Texte. Das meiste war Englisch, ein Teil russisch formuliert. Während sich Tatijana daran machte, die Unterlagen einzuscannen und auszuwerten, suchte Helga weiter.
Neben dem, der Hausfrau bekannten Safe, entdeckte sie einen weiteren in einer Ecke der Außenwand. Er enthielt im wesentlichen Papiere und ein paar alte Schmuckstücke. Hinter die Badewanne geklebt und nur mit einer verlängerten Greifzange zu erreichen, fand Helga eine Waffe und etwas mehr als fünfzigtausend Euro in Dollar.
Sie nahmen die Waffe in ihr Fundverzeichnis auf, verzichteten aber auf die Nennung des Geldes. Die Anzahl der Dokumente war viel zu groß, um hier vor Ort entscheiden zu können, was für einen späteren Prozess in Deutschland gegen Schillke und andere gebraucht werden könnte.
Deshalb nahmen sie alle Papiere mit sich, stellten Frau Averbuch eine detaillierte Quittung aus und gaben ihr auf DVD gebrannte Kopien.
Sicher war schon jetzt, dass Chaim Averbuch im Auftrag von Rainer Harry Schillke tätig gewesen war. Ebenso, dass er an dem Abend, an dem auf ihn geschossen wurde, mit Schillke verabredet gewesen war. Allerdings war auch klar, dass es besser sein würde, dem israelischen Geheimdienst Mossad nicht alle Schriftstücke zu zeigen, da Chaim nicht nur dieses, sondern eine ganze Reihe von Nebengeschäften getätigt hatte, die sich alle wohl nicht mit den Regeln des Geheimdienstes vereinbaren ließen.
Sie luden die Kartons in ihren Leihwagen und fuhren mit Frau Averbuch in das Büro ihres Mannes, das zum einen seiner Tarnung gedient hatte, aber auch ein reales kleines Im- und Exportgeschäft mit vierzehn Mitarbeitern beinhaltete.
Trotz der Proteste von Frau Averbuch fuhr Tatijana an der Einfahrt vorbei und hielt erst, als sie von dem Haus aus nicht mehr gesehen werden konnten.
„Warum sind sie denn nicht auf den Hof gefahren? Ich sagte doch rechts rein ...“
„Moment. Sind die Mitarbeiter ihres Mannes bewaffnet oder befinden sich normalerweise Bewaffnete im Gebäude?“
„Nein. Chaim ist zwar beim Geheimdienst, aber der läuft hier auch nicht bewaffnet rum.“
„Ich habe mindestens zwei gesehen. Mein linker Daumen sagt mir, dass es mehr sind. Helgalein, deinen Führerschein, schnell bitte.“ Gleichzeitig kramte sie ihren eigenen heraus und die Visitenkarte von Kommissar Franz Huber in Wien: „Frau Averbuch, passen Sie gut auf. Wir gehen jetzt in das Gebäude rein. Wenn es zu einem Feuergefecht kommt und Polizei auftaucht, erzählen Sie denen von den Bewaffneten und zeigen Sie Ihnen unsere Papiere. Sie sollen bei Huber anrufen. Das sorgt vielleicht dafür, dass die uns nicht gleich erschießen. Komm, Helga.“
Die beiden gingen die Straße zurück und als sie in Sichtweite des Gebäudes kamen, tat Tatijana so, als müsse sie dringend auf die Toilette. Sie blieb stehen, presste die Beine zusammen und krampfte ein wenig, um in Ruhe die
Fensterfront mustern zu können. Dann schien es so, als müsse sie der Natur ihren Lauf lassen.
Schnell retteten sich die beiden Frauen von der Straße in den nächsten Firmenhof, natürlich rein zufällig den von Chaims Firma. Tatijana hockte sich in die nächste Ecke und pinkelte zu Helgas Erstaunen tatsächlich. Sie bat sie um ein Taschentuch, benutzte es ruhig und gelassen als Toilettenpapier, faltete es zusammen, warf es in einen Mülleimer.
Bis zu diesem Moment hatten die beiden Männer auf dem Hof den Anblick genossen und ihren Spaß gehabt. Nun brüllten sie ein wenig auf die Frauen ein, um sie zu vertreiben. Tatijana erschrak scheinbar mörderisch und sank in die Knie. Das verursachte bei den Männern ein großes Gelächter. Als der Beobachter am Fenster sich wegdrehte, hob Tatijana eine von den Gerüststangen, die dort auf dem Boden lagen, sprang aus der Hocke über die sich abduckende Helga, der sofort klar war, was Tatijana vorhatte. Als die Enden der Gerüststange erst den einen und dann den anderen Schädel zertrümmerten, hatten die beiden immer noch nicht begriffen, was los war.
„Oh, oh“, sagte Helga, „Was sagen wir, wenn die offiziell hier waren?“
„Ein Toter an der Tür. Messerstich und ein Verletzter mit Schusswunde in der anderen Ecke. Hier ist nichts berechtigt. Hier geht’s um unseren Arsch.“
Wie auf Kommando griffen sich beide eine Waffe und zogen die Leichen aus der Nähe der Fenster.
„Helga, du sicherst die Treppe. Lass niemanden runter. Besser du tötest, bevor dich wer tötet“, sagte Tatijana, zog Schuhe und Rock aus und warf ihre Kostümjacke und die Bluse zur Seite. nur mit dem Slip bekleidete, jagte sie durch das leere Erdgeschoss. Sie hörte Stimmen aus dem oberen Stockwerk, rannte auf die Treppe zu und sagte Helga, sie solle auf den Keller achten. Sie schmiss ihren Slip weg und raste die Stufen lautlos hinauf. Von der rechten Seite des Gangs kam kein Geräusch. Sie sah dort zwei Tote mit Schusswunden liegen. Dann lauschte sie nach links. Es mussten mindestens zwei Kerle sein. Sie unterhielten sich laut miteinander aus zwei gegenüberliegenden Zimmern. Es roch nach Benzin.
Tatijana legte die Waffe auf die Treppe. Schlich die paar Meter und stellte sich genau zwischen die beiden offenen Türen in den Gang, sagte: „Ohh.“
Zwei Männer in dem einen Raum und einer im anderen starrten sie an wie ein Weltwunder.
Tatijana sagte noch einmal: „Ohh“, machte einen langsamen Schritt nach hinten, sauste dann mit vollem Tempo zur Treppe, ergriff die Waffe und hatte sie im Anschlag, als zwei der Bewaffneten heraustraten. Als sie ein paar Schritte auf Tatijana zugingen, stürzten sie getroffen zu Boden.
Schnell lief sie zwei Stufen abwärts und wartete auf den Dritten. Er war vorsichtig. Vermutete sie aber auf der anderen Gangseite und rief etwas in einer Sprache, die Tatijana nicht verstand. Plötzlich witterte sie den Brandgeruch, hörte zugleich Schüsse aus dem Keller und einen zornigen Aufschrei von Helga.
Der Kerl stürmte auf die Treppe zu. Fast schaffte er es. Tatijana sprang nach oben, drückte ab. Er hätte von der Stelle, wo er liegen blieb, noch drei Schritte gebraucht. Nun begann es aus der Sprinkleranlage zu regnen.
Von unten knallte Helgas Waffe, während sie zornig vor sich hin murmelte. Tatijana rannte abwärts und rief ihr zu: „Du musst treffen, nicht meckern.“
Helga lachte wider Willen. Sie hielt den Revolver in Bereitschaft, hörte, wie sie auf russisch irgendwas palaverte, und dann zwei Schüsse.
Kurze Zeit später rief Tatijana durch das Stiegenhaus: „Helga, lass die Leute durch, es sind Mitarbeiter!“
Ganze Acht hatten den Überfall überlebt. Als die Befreiten auf den Hof kamen, liefen sie Frau Averbuch und der Polizei in die Hände.
Sie stammelten etwas von der Nackten, die sie gerettet habe. Zwei Beamte riefen die Namen der Ermittlerinnen.
„Alles gesichert. Alles gesichert. Ihr könnt reinkommen und bringt meine Klamotten mit“, gab Tatijana zurück.
Der Einsatzleiter nahm die am Boden liegende Kleidung auf, schüttelte den Kopf und betrat das Haus.
Vor ihm fummelte eine fast Nackte am nackten Hintern einer ansonsten bekleideten Person herum und lachte dabei: „Glatter Durchschuss durch die linke Arschbacke. Ach, Helga mit dem Verwundetenabzeichen kannst du nirgendwo so richtig angeben.“
„Das ist unfair“, antworte die andere, „du präsentierst dich schamlos nackert und mir schießen sie dafür in den Arsch. Ich habe beschlossen, ab jetzt beleidigt zu sein.“
Der Polizist hüstelte. Tatijana stand auf und grinste ihn an. „Tatijana Iwanowna Kropotkin, mein Herr, ich freue mich, Sie zu sehen. Wenn Sie zwei Ihrer Männer in den Keller schicken würden, könnten die beiden einzigen überlebenden Täter festgenommen werden, bevor sie sich einen Tunnel gegraben haben. Und wenn sie jetzt mit der Inventur meines Körpers zu Ihrer Zufriedenheit fertig sind, hätte ich gerne meine Sachen wieder und wir brauchen einen Arzt.“
Er errötete, gab ein paar schnelle Kommandos und reichte ihr die Kleider. Sie nahm erst die Bluse, zog sie seelenruhig an, dann die Jacke und zum Schluss den Rock. Auf den nassen Slip an der Treppe verzichtete sie.
Endlich hatte der Polizist sich so weit gesammelt, dass er dienstlich werden konnte. „Zuerst einmal danke dafür, dass Sie so schnell und so gut eingegriffen haben. Der Trick mit den Führerscheinen war klasse. Sie möchten bitte Kommissar Huber anrufen. Aber trotzdem haben wir noch ein langes Gespräch vor uns. Ich verstehe die Lage überhaupt nicht.“
„Trösten Sie sich. Das geht den meisten Menschen bei mir so. Wenn Frau Huber versorgt ist, sollten wir in Ihr Büro fahren. Ich brauche den Karton und das Notebook aus unserem Leihwagen. Ein Beamer wäre auch nicht schlecht.“
Die Rettungssanitäter trafen ein und legten Helga auf eine Trage. Da sie nicht ins Krankenhaus wollte, nahm der Notarzt eine Operation unter freiem Himmel am offenen Hintern vor, wie Tatijana mitfühlend formulierte. Der Kommentar, dass man so zumindest keine Stoffreste in die Wunde bekommen könne, fand Helga so komisch, dass sie hellauf lachte und damit von der Wundversorgung abgelenkt wurde.
Auf dem Weg zur Polizeiwache wollten die Beamten wissen, warum Tatijana unbekleidet auf Jagd ginge.
Sie lachte und sagte: „Wie Sie richtig sagten, es ist eine Jagd. Im Kostüm geht das nicht. Wenn ich die Fährte aufnehme, verwandle ich mich zur Tigerin.“
„Aber warum splitterfasernackt?“
„Meine Herren, denken Sie mit! Oder würden Sie damit rechnen, dass eine schutzlose, nackte Frau Ihnen gefährlich werden könnte?“
„Aha“, sagten die Polizisten und grinsten.
Zunächst sorgte Tatijana dafür, dass Frau Averbuch zurück in ihre Wohnung gelangte und dann ihre Kinder von Bekannten abholen konnte.
Sie wusste nicht genau, wer Polizei und wer Mossad war, doch darauf konnte sie jetzt keine Rücksicht mehr nehmen. In einem Raum mit vierzig sitzenden Leuten und einer liegenden Helga referierte Tatijana über die bisherigen Erkenntnisse aus dem Fall und brachte alle Anwesenden auf den ihr bekannten Stand.
Aber sie war in diesem Fall nicht nur Gebende. Die israelische Exekutive hatte die beiden überlebenden Täter des Überfalls einer Schnellbefragung unterzogen. Diese musste sehr wirkungsvoll gewesen sein. Sie hatten Movses Haiasanata als ihren Chef benannt, der zudem heute Abend in seiner Suite im Eden Panorama Ressort in den Karmelbergen erwartet wurde.
Helga wurde in ihr Hotel gebracht, um dort in Bauchlage, abgefüllt mit schmerzstillenden Mitteln, das Fernsehprogramm zu genießen.
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