35. Die Liebe ist ein seltsames Spiel
Die Nacktheit hat es nicht nötig, auch noch zu betrügen,
sie begnügt sich mit dem Verwirren der Sinne.
Martin G. Reisenberg
Da niemand genau wusste, ob Movses Haiasanata nicht in Wirklichkeit an dem Hotel beteiligt oder gar der Besitzer war, konnte man nicht mit großer Besatzung dort auffahren. Deshalb einigten sie sich darauf, dass Tatijana und ein Polizeibeamter als Liebespaar die Juniorsuite daneben beziehen sollten und in der Folge einen kapitalen Streit spielen würden. Da die Saison ihren Höhepunkt noch nicht erreicht hatte, war es für Tatjana ein Leichtes das Zimmer zu buchen. Das Gelände sollte weiträumig umstellt werden, nachdem Haiasanata eingetroffen war.
Um den Herrn später abtransportieren zu können, wählte man die alte Nummer mit dem Schrankkoffer. In Berlin hätte Tatijana einen besessen. Hier in Haifa kam er aus einem Theaterfundus, sah dafür aber umso prächtiger aus. Sechsundsiebzig Kilo feinster Strandsand ersetzte bei der Anreise das Gewicht von Herrn Haiasanata.
Tatijana und ihr Pseudoliebhaber hatten sich umgezogen, wobei sie die vermögende Zicke fast überzog. Endlose Kussszene im Auto, Kussszene neben dem Auto, Händchenhalten auf dem Weg zur Rezeption, Kussszene an der Rezeption, Platincard auf den Tresen, Küsschen, lange Kussszene im Aufzug, Händchenhalten auf dem Gang und gut fünfzig Euro Trinkgeld für ein Gepäck, das einer kompletten Fußballmannschaft gereicht hätte, aber nur für zwei Leute und ein Weekend war.
Das ganze Hotel amüsierte sich über die beiden, der Sicherheitschef von Movses Haiasanata blieb jedoch misstrauisch. Er hatte einen Zugang zu den Kartenumsätzen, der meist in den Casinos genutzt wurde, um wirklich alles bis zu letzten Cent abzugreifen. Das, was er sah, beruhigte ihn. Teure Geschenke für unterschiedliche Männer, ständig unterwegs, irgendein russischer Adel, vermutlich Drogen. Nein, da drohte keine Gefahr. Es handelte sich bloß um eine verzogene, reiche Nymphomanin.
Was er nicht wusste war, dass Leute wie Tatijana genau mit solchen Überprüfungen rechneten und deshalb für ein entsprechendes Belegbild sorgten.
Tatijana und der durchaus hübsche Israeli sprangen aus den Klamotten. und Während er den Zimmerservice auf Trab brachte, packte sie die Ausrüstung aus.
Kameras auf biegsamen Wellen, Wandabhörmikrophone, Waffen, zwei Flaschen Propangas mit jeweils 1,5 kg Inhalt und eine Mixtur aus Butorphanol / Ketamin / Medetomidin, der sich hervorragend zur Betäubung von Nashörner bei der künstlichen Besamung bewährt hatte, da es zu keiner Muskelstarre kommt und der Körper wie auch die Organe frei bewegt werden können.
Sie zog das Medikament auf Spritzen auf. Befüllte Betäubungspfeile damit, die sie in zwei Luftdruckpistolen aus dem Zoo von Haifa lud, die die Polizei angeschleppt hatte.
Als der Zimmerservice das erste Mal kam, musste er dreimal klopfen und nach dem „Herein“ waren die beiden noch immer nicht vollständig getrennt. Das Personal schloss nach einiger Zeit Wetten ab, in welcher Stellung sie beim nächsten Mal sein würden.
Dem Liebespaar war allerdings nur bedingt nach Erotik zumute. Nachdem sie sich mit der Kamera und durch die Mikrophone davon überzeugt hatten, dass sich keine Bodyguards in den Räumen des Verdächtigen aufhielten, war Tatijana zweimal über den Balkon in die Nachbarsuiten geklettert und hatte vorsichtshalber beide mit Kameras versorgt. Eine weitere hatten sie am Spion ihrer Tür angebracht, um den Flur überwachen zu können.
Es begann die Zeit des Wartens, nur unterbrochen vom Spielchen mit dem Zimmerservice. Gegen zehn Uhr abends wurden die Räumlichkeiten Haiasanatas von Serviceleuten überprüft. Dann breitete sich Hektik in der Etage aus und er rauschte über den Flur, begleitet von drei Sicherheitsleuten und zwei tief verschleierten Frauen.
Die Männer überprüften die Suite nochmals, ehe Haiasanata allein gelassen wurde.
Tatijana verwunderte das, bis die Frauen ihren Schleier abwarfen. Die Kamera zeigte ein scharfes Bild von zwei bildhübschen Knaben. Zwillinge. Beide schienen zu wissen, was von ihnen erwartet wurde und entledigten sich ihrer restlichen Kleidung. Sie konnten kaum älter als dreizehn sein. Während Tatijanas Liebhaber seine Kollegen informierte, prüfte sie, ob ihr Plan auch bei einem Schwulen funktionieren konnte. Es blieb nichts anderes, als es zu probieren.
Sie wickelte eine Luftpistole und eine Spritze in ein Handtuch und schob die Hand um die Waffe.
Während der Polizist sich anzog, spielten sie einen verbalen Streit mit Körpereinsatz, immer einen Blick auf Haiasanata, der sich weiter mit den Knaben amüsierte und nur wenig gestört schien. Er griff auf jeden Fall nicht zum Telefon. Sie konnten nicht länger warten. Tatijana hämmerte an die Tür von Haiasanata, der eine nackte, schreiende Frau durch das Guckloch sah. Er war Kavalier und das war sein Fehler.
Tatijana verpasste ihm die volle Ladung der Luftpistole, raste dann auf die Kinder zu, die sich vor der wilden Furie ängstlich aneinanderschmiegten. Doch es war keine Zeit für Mitleid. Sie hatte das Körpergewicht schon anhand der Kamerabilder geschätzt und gab beiden ein Viertel des Spritzeninhaltes, trug die Jungen ins Bad, ließ die Dusche laufen und verbarrikadierte die Tür. Danach schnappte sie sich Haiasanatas Füße und schleppte ihn zu ihrem Zimmer. Ihr Liebhaber öffnete die Tür, grinste und übernahm den Mann. Er verfrachtete ihn gleich in den Schrankkoffer.
Nachdem Tatijana sichergestellt hatte, das in der Nachbarsuite bis auf den fehlenden Inhaber alles in Ordnung war, kam sie zurück, zog sich in Windeseile an und half dann den Rest zu verstauen. Sie luden das Gepäck auf einen Kofferwagen.
Das Schauspiel begann. Tatijana zog den Wagen aus dem Fahrstuhl und schimpfte in mehreren Sprachen über ihren Liebhaber. Kurzschwanz, Versager, Narr. Sie fand kein Ende. Den Pagen stieß sie ergrimmt beiseite und verdammte ihn wie sämtliche Männer, die sich in der Halle aufhielten. Die anwesenden Frauen nickten zu jedem einzelnen Wort, das Tatijana ausspuckte. An der Rezeption ließ sie noch einen fünfhundert Euro-Schein für die Mühe und bat, ihr die Rechnungskopie nach Hause zu schicken.
Bevor irgendjemand ihr helfen konnte, war sie am Auto, schob das Gepäck auf die Ladefläche des Kombis und fluchte dabei wie ein Müllkutscher. Sie schien gar nicht zu merken, das ihr unwürdiger Liebhaber auch Platz auf der Ladefläche fand. Als sie den Parkplatz verließen, zündete der Polizist die erste Propangasflasche. Ein kleiner elektrischer Sprengsatz verwandelte sie in eine Hornisse, die den Aufzugschacht durchfegte. Zwanzig Sekunden später folgte die zweite.
Jetzt würde es etwas dauern, bis jemand über die Treppen in die Suite von Haiasanata kommen würde, um nach dem Rechten zu sehen. Tatijana und ihr Kavalier kamen an der Polizeiabsperrung an, die jetzt festgezurrt und dichtgemacht wurde.
Es dauerte nur wenige Minuten, bis die Gegenseite begriffen hatte. Eine wilde Meute von Autos mit Schützen raste vom Hotel in die Nacht und genau auf die Sperre zu.
Aber da die Israelis mit dem Dichtmachen gegen Terroristen reichlich Erfahrung hatten, schaffte es kein Wagen hindurch. Wer sich nicht ergab, wurde erschossen.
Während das Hotel untersucht wurde, waren Tatijana und ihr Polizist auf der Wache angekommen. Ein Mediziner machte Movses Haiasanata so weit aufnahmefähig, dass er verstehen konnte, was ihm vorgeworfen wurde.
Es ging den Beamten eindeutig weder um den Fairnesspokal noch um besondere Eleganz. Sie übten einfach massiven Druck aus. Haiasanata sah die Videogeständnisse seiner Leute, die bei dem Überfall auf das Büro von Chaim Averbuch gefangengenommen wurden, die Beweise, die Tatijana mitgebracht hatte und als sie ihn dann direkt fragte, weshalb der Überfall auf das Büro von Averbuch sein musste, begann er zu fluchen: „Das Schwein ist einfach abgehauen, ohne mich zu bezahlen. Er schuldete mir etliche Bilder und hat das ganze Geschäft hochgehen lassen. Mit sowas kommt bei mir keiner durch.“
Als sie ihm die Fotos von dem Komapatienten zeigten, brach er zusammen. Vielleicht hätte er seine Aussage vor einem deutschen Gericht widerrufen können. Hier galt das nicht. Er gab Roger Harry Schillke als Hintermann an, gestand, ihn persönlich mehrfach getroffen zu haben.
Tatijana versprach hoch und heilig wieder einmal nach Israel zu kommen, wenn sie keine Verbrecher fangen wollte, ihr Fast-Liebhaber grinste bedauernd und sie zwinkerte ihn an. Dann fuhr sie müde, aber zufrieden und mit viel Beweismaterial beladen zu Helga ins Hotel.
Sie hatte eine Bettdecke zusammengerollt und unter ihrem Bauch platziert, um den Hintern zu entlasten. Tatijana duschte, orderte kalten Wodka und legte sich zu Helga, die erschöpft schnarchte. Erst als Tatijana einen Kuss auf ihre heile Pobacke küsste, wachte sie auf.
Grinsend nahm sie ein Glas Wodka und ließ sich die Geschichte erzählen. Am nächsten Morgen verließen sie Israel. Helga wollte lieber bei Drago ihre Wunde heilen lassen; Tatijanas Mitgefühl war ihr einfach zu sarkastisch.
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