36. Jede Menge Unterschriften
Ein Mann in der Falle ist kein guter Anblick.
Aus Togo
4. April 2006 Rio de Janeiro 3 Uhr 45 Ortszeit
Salvatore Bruscini hatte Rio genossen. Zumindest in den ersten sechzig Stunden. Die Mädchen waren schön und gegen das entsprechende Entgelt willig. Sein Hotel lag direkt am Strand.
Natürlich würde er sich falsche Papiere besorgen und vielleicht etwas zurückgezogener leben müssen. Aber es gab ja noch andere Hafenstädte, die weniger Aufsehen erregten. Und er hätte vorsichtiger sein müssen.
Dieser hübschen Kleinen, die vor ihm auf dem Asphalt tänzelte, konnte er einfach nicht widerstehen.
Er wusste, dass er mit seinen europäischen Augen ihr Alter nicht schätzen konnte, aber sie war so herrlich jung und schien dazu verdorben. Er gierte nach ihrem haarlosen Stück Fleisch, das sie ihm schamlos zeigte.
Wie ein Idiot war Bruscini ihr in das Gewirr der Gassen gefolgt. Bei jedem ihrer Schritte wippte das Röckchen und zeigte den süßen nackten Po, den er genießen wollte.
Hinter der nächsten Ecke wartete sie auf ihn. Es ging schnell und als er aufwachte, war sein Bargeld und seine Uhr fort. Alles andere hatte man ihm gelassen.
Er tobte. Allerdings verstand dort niemand sein Italienisch. So kam die Polizei und nahm ihn fest. Hätte er doch nur etwas Bargeld gehabt oder wäre der Sprache mächtig gewesen. Aber so war nichts zu machen.
Erst hatten sie ihn in dieses und dann in jenes Gefängnis gebracht. So recht schienen sie nicht zu wissen, was sie mit ihm anfangen sollten. Er brauchte jemanden, mit dem er sich verständigen konnte. Leider konnte er schlecht nach dem Konsul fragen.
Jetzt wurde er wieder in einem dieser kleinen schmutzigen Verlieswagen herumgefahren. Gut, dass er selbst so klein war. Ein durchschnittlicher Mitteleuropäer wäre vor Hitze und Platzangst gestorben.
Der Wagen hielt, er wurde herausgezerrt und in ein großes Gebäude gebracht, von dem er nur die endlosen Flure sehen konnte. Dann ein Büro. Ein Mann. Endlich ein Verhör.
Doch der Mann fragte: „Salvatore Bruscini? Italienischer Staatsbürger?“
„Endlich jemand, der meine Sprache spricht. Jetzt können wir die Probleme aus der Welt schaffen ...“
„Sind Sie der italienische Staatsbürger Salvatore Bruscini?“
„Ja.“
„Gut. Ich übergebe Ihnen hiermit einen amtlichen Ausweisungsbeschluss, der ins Italienische übersetzt wurde, mit seinem brasilianischen Original, das Sie unterschreiben.“
„Wir können über alles reden“, stammelte Bruscini verstört.
„Ich kann Sie gerne für vier Wochen in ein Gefängnis bringen lassen und Sie danach erneut bitten, den Empfang zu quittieren.“
Er unterschrieb.
„Danke, Herr Bruscini. Ihnen wird auf Lebenszeit untersagt, erneut in Brasilien einzureisen. Da es keinen Direktflug nach Italien gibt, werden sie über Zürich nach Mailand geflogen. Sollte das Flugzeug über brasilianischem Luftraum Ihretwegen zurückkehren müssen, werden Sie mehrere Jahre Gefängnis bekommen. Ist Ihnen das klar?“
Bruscini nickte stumm.
Die Polizisten ergriffen ihn erneut und brachten ihn in einen Warteraum, wo sie bis zum Check-In des Fliegers warteten und ihm die Handschellen erst abnahmen, als er an Bord ging.
Seine Mitpassagiere sahen ihn entsetzt an, aber das war ihm egal. Wahrscheinlich hatte dieser Kegelclub auf Abwegen noch nie einen Mann in Handschellen gesehen. Typisch Schweizer.
Das Flugzeug war kaum zur Hälfte besetzt. Einer dieser Geschäftsflieger, die immer mehr in Mode kamen. Also zurück nach Zürich. Das hätte schlimmer kommen können. Direkt nach Mailand zum Beispiel. Die Stewardess, die beim Vorbeigehen jedes Mal die Nase rümpfte, bot ihm nur alkoholfreie Getränke an. Alles andere hätte Geld erfordert, das er nicht hatte. Seine Kreditkarte wollte sie nicht nehmen.
Also schlief er ein Weilchen und träumte davon, wohin er nach Zürich fliehen würde. Als die Maschine im Landeanflug war, blickte er nicht hinaus. Flughäfen sehen überall auf der Welt gleich trostlos aus.
Wie vermutet, musste er zur Reinigung des Flugzeugs die Maschine verlassen. Die Wartezeit sollte eine Stunde betragen. Schließlich wollten die Schweizer auch Waren in ihrem Duty-Free Bereich verkaufen.
Das passte ihm gut. Er stürmte vor den anderen aus dem Flugzeug, über die Gangway auf den Vorplatz. Dort stutzte er. Vienna International Airport stand dort. Aus dem Flughafenbus stiegen ein paar Polizisten, und einige Frauen.
Bevor er reagieren konnte, hatten ihn zwei Pinkerton Männer von hinten an den Armen gefasst und ihm Handschellen angelegt.
Am schlimmsten war, dass dieses billige russische Flittchen in ihrem schlimmsten Nuttenoutfit vor ihn trat: „Salvatore, mein Freund. Du hast deinen Ausflug in die Sonne schnell beendet. Dafür, dass du sie nie mehr sehen wirst, hättest du dir mehr Zeit lassen sollen. Naja, geduldig warst du ja nie.“ Sie warf ihm eine fröhliche Kusshand zu.
Wie betäubt ließ er sich ohne Gegenwehr in einen Gefangenentransporter verfrachten.
In derselben Nacht sorgte die Störchin dafür, dass sich der Rechtsanwalt und seinehemaligen Mandanten als Gefangene sehen konnte. Das lockerte Bruscini und dem Rechtsanwalt rasch die Zunge. Die Störchin hatte sogar Mühe, überhaupt noch Fragen zu formulieren, so schnell schoss er die Antworten heraus.
5. April 2006 Saipan 3 Uhr 15 (Ortszeit)
Am nächsten Morgen standen drei Polizeiwagen vor ihrem Hotel. Das war bei den zweiundsiebzigtausend Menschen, die auf Saipan leben, schon eine beträchtliche Streitmacht.
Ähnlich schienen das auch die Bewacher des Anwesens von Won Hae-Kyung zu sehen und rissen die Tore weit auf, als die Fahrzeuge mit Sirenen und Blaulicht anrückten.
Obwohl Herr Won sichtlich geschockt war, reagierte er doch sehr professionell. Den ersten vorgeschobenen Grund der illegalen Beschäftigung konnte er entkräften. Die Geschichte mit den Kopien gestohlener Bilder hatte er sichtlich nicht erwartet. Aber so leicht war er nicht unterzukriegen und so sagte er von oben herab: „Nehmen wir einmal an, die Beweise, die Sie da auf ihren Computern haben, sind nicht gefälscht. Dann ist das eine Straftat außerhalb des U.S. Commonwealth Territory und außerhalb der USA. Ich sehe also nicht, was Sie damit zu tun haben, meine Herren. Oder liegt ein Auslieferungsersuchen vor?“
Auch Johann nahm eine entspannte Pose ein, er konnte es sich leisten, denn er war gut zwei Köpfe größer als Won. „Ihr Versicherungsagent ist Mr. Brigham in London. Brigham, Tyndel und Robertson. Ist das richtig? Sind dies Ihre Abschlüsse?“ Er reichte ihm eine Computerliste, aus der Schadenssummen, Prämien und alle sonstigen Daten von vierhundertsechzehn Verträgen hervorgingen.
„Es mag sein, das noch einige fehlen. Aber die dürfte ich im Laufe der Woche nachgereicht bekommen. Sie wissen ja, wie das mit den Bearbeitungsabläufen ist.“ Er lächelte höflich und machte eine Andeutung einer Verbeugung.
Won setzte sich erstmal in seinen Schreibtisch. Blätterte ein wenig ratlos in der Liste. Was, bitte schön, hatte das kleine Geschäft mit dem jüdischen Schlitzohr mit seinen Versicherungen zu tun? Der Große sah nicht so aus, als ob er weitere Erklärungen für notwendig hielt.
Won hüstelte. „Ja. Das sind meine Verträge. Ob sie vollständig sind, kann ich so nicht sagen. Das müsste ich auch erst prüfen lassen, aber was hat das mit den Bildern zu tun?“
„Ich dachte, das wäre ihnen klar, Herr Won. Kunst ist versichert. Wenn sie gestohlen werden, müssen die Versicherungen zahlen. Das erhöht ihre und meine Prämien.“
Johann setzte sich auf die Schreibtischkante.
Won zog ein Stück Papier unter seinem Hintern heraus und schob es in die Lade. „Die Werke sind doch schon lange gestohlen, die Schäden längst ausgeglichen. Was soll das jetzt noch?“, fragte er pikiert.
„Das sehen Sie falsch. Mein Haus vertritt einige der größten Rückversicherer dieser Welt. Wenn wir 1724 für ein verloren gegangenes spanisches Goldschiff eine Versicherung ausbezahlt haben und das Schiff heute gefunden wird, gehört der Inhalt uns. Mit den Bildern ist es ebenso. Wir wollen sie wiederhaben.“
Won schien es zu reichen, er sprang von seinem Ledersessel auf, rannte um den Tisch herum und baute sich vor Johann auf. Nachdem er nun Aug in Aug mit ihm war, sagte er streng: „Aber bitte schön nicht von mir! Ich bin Geschäftsmann, ich habe Dienstleistungen und Transport verkauft. Mehr nicht. Da müssen Sie sich an andere wenden.“
Johann stand auf und blickte auf den kleinen, aufgeregten Won herunter: „Würden wir gerne, Herr Won. Würden wir wirklich gerne. Aber die anderen haben wir nicht, Herr Won. Sie haben wir.“ Er hob die Augenbrauen zur Betonung der letzten Worte.
Nun sprang Won einige Mal in die Luft wie ein Gummiball. Er fuchtelte vor Johanns Nase herum. „Wieso haben Sie mich? Sie haben ein paar blöde Aussagen, auf die Sie nie einen Auslieferungsbefehl bekommen. Ich kann gehen, wohin ich will und tun, was ich mag. Daran können Sie mich nicht hindern.“
Begütigend lächelnd, wie ein Lehrer, der seinem kleinen Schüler die Welt erklären will, sagte Johann: „Nicht ganz, verehrter Herr Won, nicht ganz. Es ist ziemlich einfach. Wenn Sie uns weder unsere Bilder geben noch Ihren Auftraggeber verraten wollen, wollen wir Sie nicht mehr versichern. Aber Sie haben ja eine Liste der Verträge, die sie neu abschließen müssten. Das hilft bestimmt bei der Organisation.“
Wons normale braungelbe Gesichtfarbe wechselte in ein Grün. „Ja und? Ich versichere mich eben woanders. Damit machen Sie mir Arbeit, aber keine Angst!“
„Mir würde es Angst machen. Jede Gesellschaft, die Sie versichert, will sich rückversichern. Die Rückversicherer sind von den Bilderdiebstählen alle betroffen. Ich glaube, Sie sollten die Reparatur Ihres Flugzeuges stornieren. Es wird ohne Versicherungsschutz nie mehr abheben.“ Johann pflückte einen unsichtbaren Fussel von Wons Schulter.
Der Koreaner wich schnaubend einen Schritt zurück und stolperte um ein Haar über den Besucherstuhl vor seinem Tisch. Sein Stimme kippte ins Schrille: „Sie drohen mir im Beisein von so vielen Polizisten? Das ist Erpressung! Nehmen Sie den Mann sofort fest!“
Homer grinste breit. „Herr Won, das werden wir sicher nicht tun. Das ist Geschäft. Meinen Sie im Ernst, die Versicherung macht sich unnötig Arbeit? Wenn Sie uns Ihren Auftraggeber nennen und vernünftige Beweise und Aussagen liefern, ist die Sache für die Versicherungen erledigt.“
Nachdem Herr Won nach einigen Minuten seine Sprache wieder gefunden hatte, machte er seine Aussagen. Papiere wurden ausgedruckt, Videos aufgezeichnet. Neben den technischen Details des Ablaufes, die sicher den Zoll und die Polizei einiger Länder interessieren würden, gab es klare Belastungen gegen Roger Harry Schillke und Chaim Averbuch, den Patron.
Herr Won konnte allerdings nicht sagen, wer von den beiden der Chef war. Er glaubte, dass beide Handlanger seien, hatte sich aber nie ernsthaft Gedanken darüber gemacht.
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Perspektive ist, dass du gesiebte Luft atmen wirst, wenn du dich zu lange in dicker Luft aufhältst. Fritz-J. Schaarschuh 6. April 2006 Flughafen Schwechat. Am Flughafen erwartete das ganze Team die Damen. Johann hatte das obligatoris ...