< Du musst die Steine rumdrehen, wenn du die Würmer suchst | Da gehen sie hin die Subventionen an die Familie Mohn >
37. Knastreflexionen
Perspektive ist, dass du gesiebte Luft atmen wirst,
wenn du dich zu lange in dicker Luft aufhältst.
Fritz-J. Schaarschuh
6. April 2006 Flughafen Schwechat.
Am Flughafen erwartete das ganze Team die Damen. Johann hatte das obligatorische Essen in seine Suite verlegt, weil Helga dort im Liegen futtern konnte. Drago wirkte auf sie derart euphorisch, dass sie einen Moment dachte, er hätte irgendetwas Illegales eingenommen. Er bemutterte seine Liebste, rückte ihre Kissen zurecht, schimpfte, warum sie sich derartigen Gefahren aussetzen würde, jetzt, wo endlich ... er verstummte.
„Was endlich?“, fragte Helga.
Drago machte ein feierliches Gesicht, blieb aber still.
„Was ist los? Hast du den Yehudi Menuhin Preis bekommen?“
Nun stand er vom Bett auf, griff in die Brusttasche des Sakkos und entfaltete ein Papier. Seine Stimme zitterte vor Freude, als er sagte: „Ich habe die Green Card. Nach sechs Jahren in Österreich habe ich ein Recht darauf, hier für immer zu leben. Heute unterschrieben!“
Helga riss den Zettel aus seiner Hand. „Das ist die Österreichische Staatsbürgerschaft!“, rief sie, rappelte sich hoch und fiel ihm um den Hals. „Ich bin ja so glücklich, mein Schatz!“, rief sie unter Tränen. Die ständige Angst, dass er doch wieder das Land verlassen müsste, hatte ein Ende. Drago erwiderte die Umarmung, und klopfte ihr, wie es seine Art war, auf den Hintern. Helga brüllte auf. Aber das ging unter im Applaus der Ermittler.
Behutsam wurde sie wieder aufs Bett gelagert und dann gab es ein Mulatschak, wie Huber das wilde Fest bezeichnete. Nach russischer Sitte warf Tatijana die Gläser hinter sich, nachdem sie ausgetrunken hatte. Drago zeigte, was in ihm steckte, stieg auf den Tisch und geigte auf. „Teufelsgeiger!“, riefen die Tanzenden. Helga schaute glücklich zu.
Johann lieh Drago seine Luxuskarre, um Helga bäuchlings transportieren zu können.
Zu Hause angekommen, bettete Drago sie zärtlich. „Ich werde mein Musiklokal aufmachen können, mein Engel. Was sagst du dazu?“
„Wundertoll!“
„Wundervoll meinst du.“
Aber sie antwortete nicht mehr, Morpheus hatte sie in die Arme genommen. Drago deckte sie zu.
7. April 2006 Wien 6 Uhr 05
Franz Huber musste nicht aus dem Fenster sehen und brauchte keinen Kalender, um zu wissen, dass dies ein Scheißtag war. Er hatte noch nicht einmal die Augen geöffnet und war doch schon seit Stunden wach.
Es würde sinnlos sein, sein Mütchen zu kühlen, indem er Sachen herumpfefferte, er hätte sie ja selber wieder aufheben müssen. Verdammt. Er wollte kein Verräter sein. Schon gar nicht an einem großkotzigen Idioten. Ihm blieb leider keine Wahl.
Er hatte die Sache mit dem Reichsgrafen und der lädierten Helga noch einmal diskutiert. Bullen und Exbullen haben da ihren eigenen Ehrenkodex. Es gab keine Lösung.
Ließ man Tschikowski einfach kündigen, wäre das ein Signal an alle bestechlichen und unkorrekten Kollegen. Dann könnte man die Polizeiarbeit ebenso gut auch gleich ganz einstellen.
Huber verfluchte den Tag und dieses verdammte Arschloch von Tschikowski.
Er würde jetzt duschen und sich ein Taxi nehmen. Als er im Bad war, klingelte es an der Tür. Ihm war egal, dass er nackt war. Er öffnete. Es war die Störchin. Mit vier großen Kaffeebechern.
„Ich hab dir doch gesagt, dass ich heute morgen alleine ins Büro komme.“ Wütend ging er ins Badezimmer zurück. Sie balancierte das Papptablett mit den Kaffeebechern und folgte ihm.
Während Huber sich die Zahnbürste in den Mund stopfte, sah er im Spiegel, wie sie ihn angrinste und deklamierte: „Morgen, liebe Störchin. Schön, dass du da bist. Danke für den Kaffee. – Kein Problem, ich weiß, dass du dich wegen Tschikowski beschissen fühlst. Deshalb bin ich hier.“
„Danke.“
„Gerne, Hubsi“, sie warf einen Blick auf seine untere Körperhälfte, „Du hast übrigens einen Schönen. Er wippt so ulkig, wenn du wütend bist.“
Huber musste die Zahnbürste aus dem Mund nehmen, um sie nicht zu verschlucken und prustete los. Man konnte dieser verrückten Störchin einfach nicht böse sein: „Hast ja recht. Ich könnte mir heute vor Wut selbst ein Monogramm in den Hintern beißen. Ich und die Schlafmützen von der Inneren. Mit denen möchte ich normalerweise net einmal auf dem gleichen Planeten leben.“ Er drängte sich an ihr vorbei, riss den Schlafzimmerkasten auf und begann sich anzuziehen.
Die Störchin folgte ihm und sagte: „Reg dich nicht auf. Ich bin bei dir. Nicht du lieferst ihn ans Messer, sondern der Scheißkerl von Tschikowski hat dich und alle anderen Kollegen verraten. Das er doof ist, zählt dabei nicht. Das berücksichtigen wir nämlich sonst auch nicht. Dafür haben wir Gerichte.“
„Ich weiß. Aber trotzdem ...“
„ ... solltest du zum blauen Hemd keine grünsilberne Krawatte anziehen. Nachher halten die von der Inneren dich noch für einen verkappten Islamisten.“ Sie grinste liebevoll.
Als sie den Wagen auf den Hof des Innenministeriums fuhr, war Huber wild entschlossen, die Sache schnell hinter sich zu bringen.
Tschikowski war froh, dass er endlich aus dem Toten Gebirge weg durfte. Er wollte wieder in seine Wohnung, nach dem Geld sehen und das Handy vernichten. Vielleicht war er da doch etwas unvorsichtig gewesen. Selbst als seine Beschützer und er auf den Hof des Innenministeriums fuhren, war er noch überzeugt, das er ohne Schramme davon kommen würde.
Als er in einem Raum geführt wurde, in dem vier Leute saßen, die eindeutig von der Inneren waren, und herzlich von Wrucktzki, dem Engel der Bestechlichen, begrüßt wurde, schlugen seine inneren Glocken Alarm. Wrutztki war der Gewerkschaftsvertreter, stand Polizisten auf ihrem letzten Dienstweg bei der Inneren und vor den Staatsanwalten bei und da wusste Tschikowski Bescheid.
Dieser Arsch von Huber saß auf der Anklageseite mit seiner Störchin, der er bestimmt dauernd den Schwanz reinsteckte, und ihn hatten sie in der Mache! Sollten sie sich lieber um Huber kümmern. Tschikowski hatte ganze Listen von Verfehlungen an die zuständigen Stellen geschickt.
„Was wollt ihr von mir? Verflucht noch einmal, ich bin ein anständiger Polizist, hab mir den Arsch aufgerissen!“, schrie er.
Wrucktzki klopfte ihm auf die Schulter. „Ganz ruhig bleiben, wir werden das schon machen.“
Alles Blicke richteten sich auf ihn, er hörte sich: „Selber korrupt, Huber!“, sagen und begriff in dem Moment, dass er keine Chance hatte.
Franz Huber begann mit dem Video aus Liezen und blätterte in zwei endlos langen Stunden alles auf, was er an Beweisen hatte. Den Abschluss bildeten die Vernehmungen des Rechtsanwaltes und Bruscinis.
Tschikowski, der während dem Vortrag versucht hatte, sich innerlich Verteidigungslinien aufzubauen und jedes Mal zusehen musste, wie der nächste Satz seines Chefs die Linien mühelos niederwalzte, war am Ende der Ausführungen ein Wrack. Mit anklagender Stimme fing er an, von nicht gewolltem und anders geplantem und eigenem Ermittlungsziel zu faseln.
Wrucktzki bremste ihn. „Lass das, Tschikowski, es hat keinen Sinn.“
Aus dem Publikumsbereich stand ein junger Staatsanwalt auf und sah ihn fast mitleidig an, als er ihn verhaftete. Ein Vertreter des Polizeichefs suspendierte ihn vom Dienst und dann wurde er in die Justizanstalt im achten Bezirk überführt.
Huber wehrte das Lob mit gemischten Gefühlen ab, obwohl ihn die Fülle an Beweisen selbst noch einmal davon überzeugt hatte, dass er das Richtige tat. Im Aufzug fasste die Störchin ihn an den Ohren, küsste ihn und sagte: „Hubsi, ich bin stolz auf dich. Ich weiß, wie schwer dir das gefallen ist. Hoffentlich habe ich die Kraft, irgendwann genauso zu handeln, wenn es nötig ist.“
7. April 2006 Haifa 8 Uhr 00
Ursprünglich war die Polizei von Haifa dem üblichen Schema überall auf der Welt im Umgang mit der Presse gefolgt. Sie sprach von laufenden Ermittlungen und lehnte jeden Kommentar sowohl zu der Geschichte mit der Im- und Exportfirma von Chaim Averbuch als auch zum Vorfall im Hotel ab.
Nachdem sich der Reichsgraf mit ein paar Freunden in Israel unterhalten hatte, bekam die Polizei von Haifa plötzlich andere Anweisungen. Gleichzeitig gab Frau Averbuch auf Johanns Bitte Reportern von Haaretz und der Jerusalem Post gegen Entgelt ein Interview, was einer gewissen Komik nicht entbehrte, da die beiden Zeitungen äußerst konträre Standpunkte vertraten.
Frau Averbuch nannte die Namen Roger Harry Schillke, Won Hae-Kyung und als Mörder ihrer Mitarbeiter den Namen Movses Haiasanata. Als sie dann noch gefragt wurde, wer auf ihren Mann geschossen habe, antwortete sie, dass sie das nicht wisse, er allerdings mit Schillke verabredet gewesen war.
Als Chaim Averbuch an diesem Vormittag starb, brach seine Frau zusammen.
Anlässlich einer Pressekonferenz in Haifa, die der Sprecher der Polizei anberaumte, bei der zufällig gut informierte deutsche Journalisten und sogar ein Fernsehteam anwesend waren, wurde von erdrückenden Beweisen gegen die genannten Täter gesprochen und dass gegen Herrn Schillke internationaler Haftbefehl erlassen worden sei.
Mittags wurde der Hamburger Justizsenator kalt erwischt, als ein Journalist ihn auf die Vorwürfe aus Israel ansprach und er sich voll hinter Roger Harry Schillke stellte. Weil es so schön war, passierte dem Innensenator das gleiche. Der erste Bürgermeister war zwar gewarnt, aber auch er hatte Schillke vor kurzem noch die Hand geschüttelt und kannte ihn seit Jahren. Mutig stürzte sich der Bürgermeister ins Messer.
7. April 2006 Berlin 11 Uhr 30
Tag um Tag verfluchte der Führer der Wehrsportgruppe „Reichsfürst“ Olav Geiger den Entschluss, sich den Neo-Nazis angeschlossen zu haben. Was war er nur für ein Trottel gewesen! Nun saß er in Moabit als U-Häftling auf Station 4 ein, jeder Hofspaziergang war ein Spießrutenlauf zwischen Kanaken und Negern. Nachdem ihm das Wachpersonal auch keinen Schutz anbot – ein Gesocks aus Bosniern, Serben und Türken – befand Olav sich in ständiger Angst. Ein zitterndes Nervenbündel, das nicht einmal nachts zur Ruhe kam, hatten sie ihn doch mit zwei Monstern in eine Zelle gepackt, die seinen knackigen Hintern liebten. So schlich der ehemalige „Teutsche Soldat“ als Schatten seiner Selbst durch die Gegend. Nicht auffallen, beschwor er sich ständig.
Dumm war nur, dass ihm das eines Tages misslang. Sein stärkster Charakterzug war Jähzorn und entnervt, wie er war nach einer weiteren Nacht als Gespiele seiner Herren, rastete er beim Essenfassen auf dem Zellengang aus. Jemand stieß ihn von hinten, als er sein Tablett vom Transportwagen in seine Zelletragen wollte, der ganze Mist segelte zu Boden. Als ihn der bosnische Wachbeamte unter dem Gejohle der Mithäftlinge aufforderte, den Dreck vom Boden zu essen, drehte er durch und brüllte all seinen Fremdenhass heraus.
Nachdem er sich inmitten einer Ausländerkolonie befand, die fast ausnahmslos wegen schwerer Körperverletzung auf ihren Prozess warteten und nichts zu verlieren hatten, kam ihn das teuer zu stehen.
Im Gefängniskrankenhaus flickte man ihn halbwegs zusammen, wobei die tiefe Wunde, die sich über seine ganze linke Gesichtshälfte zog, wohl nicht schön verheilen würde, da sie ihm mit einem Blechstück zugefügt wurde, dass sein Fleisch in Fetzen gerissen hatte.
Michael Mücke hatte die Nachricht erhalten, dass Olav Geiger im Knast aufgemischt worden war. Das gab ihm eine glänzende Gelegenheit, der Intelligenzbestie etwas in den Mund zu legen.
Also machte er eine ordnungsgemäße erneute Vernehmung von Geiger, bei der dieser Fotos von Schillke als einen der Auftraggeber identifizierte. Natürlich hätte Geiger um Schutz zu bekommen, auch den Papst des Massenmordes bezichtigt, aber das zu bewerten war Sache des Gerichtes.
Die Aussage reichte auf jeden Fall aus, um einen Haftbefehl gegen Schillke zu erwirken. Die Hamburger Polizei war schon bei den ersten Gesprächen mit ihren Politikern zum Thema Schillke erfreut gewesen. Ebenso von der nordischen Eigenart, dass bestimmte Ermittlungen gegen die sogenannte Hamburger Gesellschaft ungern gesehen werden, egal wer politisch am Ruder ist.
Den Haftbefehl aus Berlin betrachteten die Hamburger Polizisten als eine Art später Genugtuung und vollzogen ihn umgehend. MM konnte sich gar nicht vor Anrufen und Akten retten die ihm zugängig gemacht wurden.
7. April 2006 Hamburg 17 Uhr 30
Benno von der Lohe schätzte Schillkes Chancen realistisch ein. Er gab den Leuten von Oreste Crispi den Befehl, den Anwalt auszulöschen und sein sogenanntes Geheimquartier nach entsprechender Vorbereitung zu vernichten.
Dann ging er in sein privates Museum, nicht ohne vorher eine frische Zigeunerin aus einer seiner schalldichten Zellen zu holen. Er machte sich schon seit einiger Zeit nicht mehr den Aufwand, sie ähnlich wie seine Simone anzuziehen, Es war das Pfeifen der Peitsche, das der Auslöser seiner Lust geworden war.
Heute pfiff die Peitsche besonders heftig. Musste er sich doch von mindestens drei seiner Bilder trennen, besser noch vier. Nachdem er ihr alles an Menschlichkeit und Würde genommen hatte, nahm er ihr auch das Leben.
Worum es geht
Vorheriges Kapitel
Nächstes Kapitel am 29.05.2008
Trackbacks
Trackback-URL für diesen Eintrag
Keine Trackbacks



















