39. Alles Roger?
Von allen Mordtaten sind nur diejenigen
aufgekommen, von denen man etwas weiß.
Georg Christoph Lichtenberg
Als das brandenburgische Innenministerium endlich die Ringfahndung auslöste, zeigte sich, dass militärische Erfahrung nichts bei Polizeieinsätzen bringt. Gefahndet wurde nach den längst toten Motorradrockern, der mickrige Rechtsanwalt gar nicht erwähnt.
Mücke erfuhr erst am nächsten Morgen, als er in die U-Haft in Moabit kam, dass ihm ein Verdächtiger abhanden gekommen war. Da half jetzt auch kein Toben mehr. Er informierte Johann und fuhr sofort in die Mordkommission, in der er telefonisch schon seine Leute heiß gemacht hatte.
Johann informierte die anderen Ermittler. Huber fragte wütend, wie doof man denn sein könne, sich einen ganzen Bus Gefangener klauen zu lassen. Als ihn Johann an die Dimensionen des Luchs und seine Besonderheiten erinnerte, wurde er ruhiger.
In Wien waren alle der Meinung, dass Schillke der Grund für das Desaster sein könnte, oder dass er per Zufall entkommen sei, weil irgendein anderer Gefangener hingerichtet werden sollte. Unter den Toten war jedoch keiner, der auch nur ein halbes Jahr Knast für eine Prügelei wert gewesen wäre.
Laut der Akten hatten die beiden abgängigen Hells Angels schon ein paar Jahre wegen Mordes gesessen, kein Hahn krähte nach ihnen.
Aber warum, zum Teufel, wollte jemand Schillke befreien? Das machte doch nur Sinn, wenn er etwas auszusagen hätte, es also einen Hintermann gäbe. Wenn dieser den Anwalt nicht mit den anderen hatte umlegen lassen, war er vielleicht entkommen. Diese Fragen zuckten den Ermittlern in Wien durch den Kopf.
MM war in Berlin zu den gleichen Schlüssen gekommen und hatte Schillke nicht nur bundesweit zur Fahndung ausgeschrieben, sondern auch die Kollegen in Brandenburg eindringlich in direkten Telefonaten angesprochen und sogar eine Fernsehfahndung durchgesetzt.
19. April 2006 Wien 8 Uhr 17
Homer hatte Johann Cecil Whiteness Vorschlag unterbreitet, sich die Dinge in Saipan anzusehen. Sie hatte ihr Angebot noch dahingehend erweitert, sie mit einer amerikanischen Militärmaschine mitzunehmen. Da alles im Moment stagnierte, nahmen sie an.
In Schwechat stiegen sie in einen der modernisierten C-5M Galaxie von Lockheed, der innen aber nicht leer, sondern mit zwei Wohnkabinen ausgerüstet war, wie sie ursprünglich für den Rücktransport der amerikanischen Astronauten der Apollo-Missionen gedacht waren, nun aber seit langem für hohe Regierungsbeamte und den CIA genutzt wurden. Im Prinzip waren das komplette kleine Häuser innerhalb des Flugzeugs. Mit allem gewünschten Komfort.
Während Johann sein Appartement für sich alleine hatte, war Homer zu Gast bei Cecil. Die Maschine würde nirgendwo unterwegs zwischenlanden, sondern in der Luft betankt werden. Johann nahm sich sein Notebook und ein paar Bücher vor und beschloss, viel zu schlafen.
Homer hätte nichts gegen Schlaf gehabt, aber das Fliegen hatte auf Cecil die Wirkung eines Aphrodisiakums. Die Badewanne im fliegenden Appartement brachte sie auf zusätzliche feuchte Ideen, denen Homer zwar nicht abgeneigt gegenüber stand, aber er fürchtete, dass diese Frau mehr wollte, als er derzeit zu geben bereit war. Zunächst aber genoss er ihre Leidenschaft und sie die seine.
Vermutlich hatte die Landung auf Saipan Homers Leben gerettet. Er war nicht angenehm ermattet, sondern schlichtweg ausgepumpt. Cecil sah aus wie der lebende Frühling und aus ihrer gewohnt strengen Frisur hatte sich sogar eine Strähne gelockert und erlaubte sich ein freches Spiel mit dem Wind.
Johann bot Homer den Arm an: „Na, mein Alter. Stille Wasser, die sind tief nicht wahr. Du solltest Austern essen und Kaviar. Obst und Eier und viele Steaks. Du bist eben nicht mehr der Jüngste. Du musst auf dich achten, wenn du im Spiel bleiben willst.“
Homer grinste gequält. „Im Spiel bleiben. Ich werde gespielt. Ich werde sogar gut gespielt. Aber es ist anstrengend.“
Cecil bekam davon nichts mit. Sie war glücklich und fast befriedigt. Aber nun war sie im Dienst. Sie nahm Haltung an, wie das von einem Marine zu erwarten ist. Die von Cecil vorgesehenen Truppen meldeten Einsatzbereitschaft, die Maschine aus Kolumbien war in der Luft. Die Seals hatten das Schiff fest im Blick. Nun galt es zu warten.
Nach der Landung stürmten die Kolumbianer aus dem Flugzeug und verteilten sich auf mehrere Leihwagen, die von der Schiffsbesatzung angemietet wurde und gut mit Waffen ausgerüstet waren. Schon fuhr eine kleine, schlagkräftige Armee über die Insel. Aber noch immer gab es keinen Grund, Pablo Murillo zu verhaften.
Die Kolonne der Kolumbianer fuhr direkt auf das Anwesen von Won Hae-Kyung zu.
Diesmal öffneten die Wachen das Tor des Anwesens nicht, sondern zwei Leute, die aus dem Nichts auftauchten, hoben Granatwerfer und schossen den gesamten Eingangsbereich weg.
Es gab ein kurzes Feuergefecht und sie konnten sehen, wie Won Hae-Kyung und drei seiner Leute in die Autos der Kolumbianer gezerrt wurden. Aber die Kolonne fuhr nicht zurück zum Schiff, sondern weiter in Richtung Banzai-Cliff. Jener Stelle, an der neben dem Suicid-Cliff die meisten Selbstmorde japanischer Familien stattgefunden hatten, als die Amerikaner Saipan im zweiten Weltkrieg eroberten.
Johann ahnte, was kommen würde. Er und wusste, es gab keine Chance, einzuschreiten. Den vier Gefangenen wurden jeweils zwei Handgranaten umgehängt, die Sicherungstifte gezogen und nach kurzem Warten wurden sie über das Cliff gestoßen. Die Banzai-Rufe und das Gelächter der Kolumbianer gingen in den Explosionen der Handgranaten unter.
Sofort befahl Cecil den Zugriff. Gegen eine Armeeeinheit hatten die Kolumbianer keine Chance. Binnen Sekunden waren sie überwältigt und gefesselt, nur zwei zogen ihre Waffen durch und starben.
Der Polizei von Saipan wurden die Bilder von der Ermordung der vier Gefangenen gezeigt und der Gouverneur war froh, die Kolumbianer an das Militär und die amerikanische Gerichtsbarkeit übergeben zu können. Bevor er und seine Leute in ein Flugzeug verladen wurden, erklärte Johann dem kleinen Pablito, wie er zum Narren gehalten worden war. Es war ein Vergnügen, den Prozess des Begreifens bei ihm mit anzusehen und die zornigen Schreie seiner Leute zu hören, die ihn und seine Dummheit verfluchten.
Ein Video von dieser Szene ohne Johann und die Amerikaner bekam Hernandes in Argentinien, der für seine Verbreitung sorgte. Das Ansehen der Kolumbianer war mehr als angekratzt und die Strukturen wurden von den Mitgliedern des Kartells hinterfragt, was einen neuen Kampf untereinander auslöste.
23. April 2006 9 Uhr 00
Roger Harry Schillke war es nach seiner Befreiung nicht gut gegangenergangen. Aus dem Gepäckabteil des Wohnmobils war er in einen schalldichten Raum auf einem Binnenschiff verbracht worden. Er bekam zu essen und zu trinken, wenn auch beides von geringer Menge und minderer Qualität war.
Außenkontakt wurde ihm verweigert. Seine einzige Anweisung lautete, die Füße still zu halten, bis sich die Suche nach ihm im Sande verlaufen hatte. Was spielten da ein oder zwei Wochen für eine Rolle. Es werde doch schließlich für ihn gesorgt.
Im Ärmelkanal hielt sich ein angetrunkener Steuermann eines Trampfrachters nicht an die ihm zugewiesene Route. Die Lotsen an der Raderüberwachung, die täglich mehr als fünfhundert Schiffe abwickeln mussten, fackelten nicht lange. Schon zu oft hatten sie Katastrophen auf dieser Strecke erlebt.
Diesmal war es die französische Küstenwache, die den Frachter enterte, während ein britisches Boot die Sicherung übernahm. Die Mitglieder der Küstenwache fanden einen vollständig betrunkenen Kapitän, der sich mit einem kleinen Jungen in seiner Kajüte vergnügte, der Steuermann lallte nur noch und die restliche Besatzung trieb eine nackte, schreiende Frau vor sich her, während ein anderer auf einem jungen Mädchen lag, das mehr tot als lebendig war. Die Küstenwache beschlagnahmte das Schiff und nahm alle Besatzungsmitglieder fest.
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