Das was die Frankfurter Rundschau da aus Neu Dehli berichtet hört sich ja eigentlich nach einer guten Nachricht an, ist aber wie die meisten Meldungen aus dem Islam etwas unglücklich ausgearbeitet:
Die einflussreichste islamische Hochschule Asiens, die in Nordindien beheimatete Darul-Uloom-Deoband, hat erstmals eine Fatwa gegen den Terrorismus erlassen. Das islamische Rechtsgutachten wurde nach Medienberichten am Samstag in Neu Delhi im Rahmen einer Konferenz mit mehr als 15.000 Teilnehmern verlesen.
Der Islam sei eine friedliebende Religion und verbiete jegliche Form "ungerechtfertigter Gewaltanwendung", zitierte ein ranghoher Geistlicher der Deoband-Schule aus dem Rechtsgutachten der islamischen Gelehrten. Terrorismus sei eine Geißel der Menschheit, die ausgerottet werden müsse.
Selbstverständlich kann eine islamische Hochschule keine Fatwa erlassen und es ist auch völlig egal vor wieviel Zuschauern sie erlassen wird. Eine Fatwa kommt immer von einem islamischen Rechtsgelehrten und dessen persönliche Anerkennung sagt etwas über den Wert der Fatwa aus. Deshalb macht eine Berichterstattung ohne Namensnennung wenig Sinn. Zwar gilt die Dar ul-Ulum Deoband neben der Al-Azhar Universität in Kairo als bedeutendeste Hochschule des Islam, aber auch das lässt es noch nicht zu die Wirksamkeit der Fatwa richtig einzuschätzen.
Wie Olivier Roy schreibt gibt es Fatwas zu allen Zwecken:
Entscheidend ist letztlich nur: Was ist erlaubt und was nicht. Dabei geht es mitunter um so banale Fragen wie die Art, sich die Zähne zu putzen. Die wichtigste Tätigkeit der Religionsgelehrten ist folglich, alles und jedes (von der Kreditkartenbenutzung bis zur Organspende) durch eine Fatwa zu regeln.
Logischerweise gibt es bei den vielen teilweise völlig unterschiedlichen Ausprägungen des Islam natürlich auch unterschiedliche Fatwas der unterschiedlichen Richtungen zum gleichen Thema. Was den Deobandi Bid'a, Neuerung oder gar Ketzerei sein mag, kann bin einer anderen Gruppierung zum religiösen Alltag gehören.
Ein klassisches Beispiel ist das christliche Abendmahl. Dem einen ist es Fleisch von seinem Fleische, dem anderen ein Symbol. Dieses und andere Symbole haben Irland über lange Zeit in ein Kriegsgebiet verwandelt. So wie wir im christlichen Bereich die abstrusesten Sekten finden, gibt es diese selbstverständlich auch unter den Muslimen.
Genau wie bei den Christen kommen noch nationale Wünsche und Geflogenheiten hinzu. Eine sehr unübersichtliche Gemengelage, die es schwer macht den Wert einer Fatwa zu erkennen. Es gibt einige die gelten im gesamten Islam, andere schaffen es gerade mal fünf Kilometer um die eigene Moschee. Die Deobandi sind Fundamentalisten. Sie wollen möglichst nah am Koran bleiben und lehnen alles Beiwerk ab.
Wie die "Wahhabisierung" der Glaubenserziehung funktioniert, konnte man vor allem in Pakistan verfolgen. Dort geriet die so genannte Deoband-Schule, die einst für die Behauptung der persischen kulturellen Identität und ihrer sprachlichen und literarischen Tradition stand, innerhalb von zwei Jahrzehnten unter den Einfluss wahhabitischer Autoritäten und Geldgeber, die den Dschihad der Afghanen gegen die Sowjetunion unterstützten.
Bei der Ausbreitung des modernen Neofundamentalismus haben die Saudis eine entscheidende Rolle gespielt. Um dem arabischen Nationalismus, dem iranischen Schiismus und dem Kommunismus das Wasser abzugraben, propagierten sie eine äußerst konservative und doktrinäre Lesart des sunnitischen Islam, mit stark antiwestlicher Ausrichtung - die wahhabitische Geistlichkeit in Saudi-Arabien ist vom Königshaus der Saud weitgehend unabhängig. Ihre Strategie war es, ihre religiöse Auffassung nicht unter dem Etikett "Wahhabismus" zu exportieren, sondern auf die religiösen Bildungseinrichtungen der anderen Richtungen Einfluss zu nehmen, wobei die Errungenschaften der großen islamischen Kulturen der Welt relativiert werden und die Stellung der hanbalitischen, der schriftgläubigsten unter den vier Rechtsschulen des Islam, gestärkt werden sollte. (Deren Begründer, der Imam Ahmad Ibn Hanbal, war der Lehrer von Mohammed Abd al-Wahhab.) Wo ihnen das gelang, wurde der Lehrstoff verknappt - zugunsten kürzerer Anleitungen im Geiste des fiqh (der islamischen Rechtswissenschaft) und der ibadat (Glaubenspflichten). Auch die Ausbildungsdauer reduzierte sich: Hatte ein alim (Korangelehrter) zuvor in der Regel etwa fünfzehn Jahre studieren müssen, so genügten nun drei bis fünf Jahre. Die geistlichen Lehrer, wie die kürzlich verstorbenen Scheichs Ibn Bas und Al-Albani, befassten sich vorwiegend mit der Ausarbeitung von Fatwas (also Rechtsgutachten nach dem Koran) und von Traktaten über alles, was erlaubt und verboten ist. Diese finden auch im Internet Verbreitung.
Natürlich funktioniert die Einschleusung des saudarabischen Gedankengutes der Wahhabiten nicht problemlos und es kommt bei dieser Art von Beeinflussung auch zu Rückkopplungen. Insofern ist diese Fatwa gegen den Terrorismus auch relativ klar gegen Saudi Arabien gerichtet. Denn unabhängig von dem was uns die von den USA gesteuerten oder desinformierten Medien erzählen, sind die Wahhabiten in Saudi Arabien die wahren Ermunterer hinter dem was allgemein so islamischer Terrorismus genannt wird.
Gestützt wird das ganze dadurch, das die USA immer wieder dazu neigen, lokale eigene Herrscher zu stützten oder bestehende Gruppen zu Aufständen zu bewegen. Die Taliban sind im weitesten Sinne ein Kunstprodukt der USA, die aber eben mit zum Beispiel mit einem stark wahhabitisch angereicheterem Deobandismus gefügt gemacht wurden.
Typisch vielleicht für das was sich an Qualitätsverfall in den deutschen Medien vollzogen hat, ist die Meldung der Zeitung Neues Deutschland die als einzige wirklich nachgehakt hat:
Eine »Globale Friedenskonferenz gegen Terrorismus«, an der auch Politiker und Religionsführer aus Pakistan, Afghanistan, Sri Lanka, Indonesien und anderen asiatischen Staaten teilnahmen, und eine Massenkundgebung auf Delhis Ramlila Maidan sorgten am Sonnabend und Sonntag für Aufsehen. Vertreter der einflussreichen islamischen Hochschule Darul Ulum Deoband (DUD) und der nationalen islamischen Vereinigung Jamiat Ulema-e-Hind verabschiedeten gemeinsam ein Rechtsgutachten (eine »Fatwa«), das alle Formen von Terrorismus ablehnt. In dem Gutachten, das vor 15 000 Konferenzteilnehmern in Delhi verlesen wurde, heißt es, der Islam sei eine Religion des Friedens, der Brüderlichkeit und der Sicherheit. Terrorismus hingegen wird als das schwerste Verbrechen gegen die Menschheit charakterisiert.
In einer Deklaration wird konstatiert: »Es liegen Welten zwischen den Begriffen Terrorismus und Dschihad (Heiliger Krieg). Dschihad ist konstruktiv. Terrorimus ist destruktiv. Dschihad zielt auf die Herstellung von Frieden. Terrorismus ist das schlimmste Verbrechen im Sinne des Korans und des Islam.« In einem Appell an die indische Regierung und die internationale Gemeinschaft wird gefordert, für Gerechtigkeit in der Gesellschaft zu sorgen, um dem Terrorismus Boden zu entziehen. Während der Konferenz verwiesen islamische Gelehrte wiederholt darauf, dass es im Glauben des Propheten Mohammed keinen Platz gibt für Terroristen und dass zwischen Terrorismus und Islam keine Beziehung existiert. Leider missbrauchten Terroristen die Religion für ihre Verbrechen und brächten damit den Glauben und die Koranschulen in Verruf. Deshalb sei es erste und vornehmste Pflicht eines jeden Muslims, gegen Gewalt aufzutreten. »Hände weg vom Terrorismus!« forderte DUD-Rektor Maulana Marghubur Rehman von den 160 Millionen indischen Muslimen und deren Glaubensbrüdern in aller Welt.
Denn durch diese gemeinsame Veranstaltung mit der nationalen islamischen Vereinigung Jamiat Ulema-e-Hind wird ein weiteres Zeichen gesetzt. Nach dem es lange Zeit so aussah als ob die Deobandi sich mehr Pakistan, der 1945 abgespaltenen 1945 Jamiat-ul-Ulama-i-Islam (JUI) und damit dem Diktatur von Amerikas Gnaden, Musharraf zuwenden würden scheinen sie nunmehr sehr deutlich machen zu wollen, das sie den Weg des gemeinsamen Lebens von Hindu und Moslems für Indien wieder den Vorzug geben.
Das schwächt Musharraf nicht nur zusätzlich, sondern ist gleichzeitig ein Signal auch an Israel und die Palästinenser, aber im Grunde genommen eben auch ein Teil der Rückkehr zu einer guten Normalität.
Für den Tagesgebrauch hat die Fatwa nicht viel wert, weil sich die Leute an die sie sich wendet, sich längst nicht mehr von Fatwas aufhalten lassen. Langfristig aber wird sie zu einer noch stärkeren Ausgrenzung der Terroristen aus der muslimischen Gemeinschaft führen. Da Saudi Arabien scheinbar am Ende seines Öl-Booms ist, wird auch der Geldfluss nachlassen.
Wir könnten also besseren Zeiten entgegen gehen, wenn wir es schaffen die Amerikaner zur Vernunft zu bekommen. Darin dürfte allerdings das größte Problem liegen. Wirtschaftliche Verstrickungen, Korruption und Machtmissbrauch in einer niedergehenden Wirtschaft sind nicht die beste Wachstumsumgebung für Vernunft.




















Shaykh Muhammad Afifi al-Akiti - Fatwa gegen Angriffe auf Zivilisten "orthodoxer sunnitischer Standpunkt" - Amal Press 2005;
http://www.islamheute.ch/Afifi.pdf
DAS NEUE GESETZ FÜR EINE WELT DES GLAUBENS, FREIHEIT, WOHLSTAND UND FRIEDEN; IMAM SHIRAZI:
www.islamheute.ch/Krieg.htm
ISLAM und die Frage der GEWALT Seyyed Hossein Nasr; Al Sirat Vol. XIII, No. 2;
http://www.islamheute.ch/Gewaltfrage.htm
FIQH COUNCIL RECHTSGUTACHTEN - Fatwa gegen Terrorismus und Religiösen Extremismus Muslimischer Standpunkt und muslimische Verantwortungen; September 2005.
http://www.islamheute.ch/Isna.htm
Alle Übersetzungen: Hanel