40. Verwesung greift um sich
Der Zynismus ist eine Grobform der Ironie.
Doch immerhin lebt jede Ironie von der Distanz
und geht nicht gänzlich im Geschehen auf.
Die pure Gewissenlosigkeit kennt keine Ironie.
Ulrich Erckenbrecht
23. April 2006 Ferch 11 Uhr 15
Die beiden Autobahnpolizisten hatten tagelang den Transporter auf dem Parkplatz bei Ferch stehen sehen. Dem Nummernschild nach war er nicht geklaut, was auch stimmte, da es sich um eine Doublette handelte. Dasselbe Fahrzeug mit derselben Nummer war in Düsseldorf im Einsatz. Der hier in Ferch stammte aus Leipzig und sein Originalnummernschild war längst irgendwo im Schrott.
Das Wetter war schön; seit zwei Tagen schien es so etwas wie Frühling oder Sommer zu geben.
Die Beamten stiegen aus und gingen um das Fahrzeug herum. Der Gestank, der ihnen entgegen wehte, war grauenhaft. Die durch das Rütteln an den Fahrzeugtüren aufgescheuchten Schmeißfliegen brummten wie ein Düsenjäger beim Start.
Die Beamten sahen sich resigniert an. Sie konnten jetzt nicht einfach so tun, als ob sie nichts bemerkt hätten, vielleicht hatte sie ja jemand gesehen. Der Feierabend war auf jeden Fall erledigt. Sie verständigten die Kripo und die Pathologie.
Knapp eine Stunde später war klar, dass es sich bei den Toten um die gesuchten Hells Angels handelte und dass sie seit ihrer Befreiung tot waren. Als die Information Michael Mücke erreichte, war Johann im Anflug auf Wien.
Mittlerweile hatte die französische Küstenwache herausbekommen, worum es bei der Szene im Kanal überhaupt gegangen war. Menschenhandel ist zwar in den internationalen Medien nur selten ein Thema mit Vorrang, aber durchaus ein übliches Geschäft. Dabei werden Frauen und junge Mädchen nicht nur aus dem östlichen Europa nach Mitteleuropa zur Prostitution verkauft, sondern auch Afrikanerinnen und Asiatinnen nach Europa. Neben dem europäischen Markt gibt es einen beachtlich großen in den USA und Kanada, aber auch die islamischen Staaten sind immer noch Großabnehmer. Südamerika will blonde Frauen, andere Gegenden bevorzugen kleine Jungs.
Es war also für die Küstenwache nicht die Tatsache des Menschenhandels oder der Vergewaltigung an sich, die den Ablauf der Dinge beschleunigte, sondern der Umstand, dass es sich um die Frau eines deutschen Justizbeamten handelte, die entführt worden war, um die Transportrouten von Gefangenentransportern zu erpressen.
Die Küstenwache wusste über die Gefangenenbefreiung aus Deutschland Bescheid und hatte die Bilder der gesuchten Rocker. Jetzt wurde auf schnellstem Wege die deutsche Botschaft in Paris und Europol informiert.
Es war ein Zufall, dass dort ein Mitarbeiter diese Information zur Weitergabe nach Deutschland behandelte, dem die Angelegenheit mit dem Gefangenentransporter vertraut war. Er machte sich die Mühe, nicht einfach Post weiterzuleiten, sondern direkt den Wiener Kommissar anzurufen.
Franz Huber erkannte sofort die Brisanz und sicherte die Weiterleitung an Mücke zu. Als er jedoch bat, auch Hamburg direkt zu informieren, winkte der Mitarbeiter von Europol ab. Er konnte sich noch gut an einen Fall erinnern, wo er sich direkt und ohne Aufforderung an die Hamburger Polizei gewandt hatte und als Reaktion mit viel Häme auf seine eigentliche Aufgabe hingewiesen wurde.
Nachdem aber Huber und Mücke auf unterschiedlichen Kontaktebenen Hamburg informiert hatten, kam eine direkte Verbindung zur französischen Küstenwache zustande.
24. April 2006 York 2 Uhr 25
Im alten Land bogen mehrere Polizeiwagen mitten in der Nacht und ohne Einsatzsignal in das Gebiet um das Wohnhaus ein. Da keinerlei Lebenszeichen ausgemacht wurden, ein Durchsuchungsbefehl zugesagt war, brach man die Tür auf und stürmte. Der Geruch aus dem Keller verriet den Beamten genug. Hier gab es kein Leben mehr.
Noch im Morgengrauen versuchte der, von mehreren Zeitungen hochgescheuchte Innensenator festzustellen, warum so lange nach dem Überfall auf den Gefangenentransporter sich niemand um den verschwundenen Mitarbeiter gekümmert hatte.
Leute von der Innenrevision erklärten lakonisch, dass ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden sei, man aber davon ausgegangen war, der Beamte hätte sich mit seiner Familie ins Ausland abgesetzt. Ein Durchsuchungsbefehl sei in Vorbereitung gewesen.
Der Innensenator versuchte sich mit laufenden Ermittlungen herauszureden und der Treuepflicht gegenüber Landesbediensteten, viel fehlte nicht und er hätte auch noch über den Zusammenhang mit den Sonnenflecken referiert. Er konnte nur hoffen, dass die Medien im Laufe des Tages neue, aufregendere Themen fanden und die Presse am nächsten Tag nicht mit ihm aufmachte.
24. April 2006 Hamburg 10 Uhr 30
Bernd Liedke verfolgte die Nachrichtenlage genauso wie Benno von der Lohe. Beide kamen zu dem gleichen Schluss. Es war an der Zeit, sich endgültig von Roger Harry Schillke zu trennen.
Hank, der die geheime Wohnung von Schillke und die drei darin verborgenen Knaben bereits seit einiger Zeit versorgte, hatte nicht nur die Sprengladungen an dem Rapsöltank entdeckt. Genau wie er Frauen und Angst riechen konnte, war er auch in der Lage Sprengstoff zu wittern. Er begriff das System sofort und die Tatsache, dass selbst Hank den Jungen nichts Schrecklicheres mehr antun konnte oder wollte, sprach für sich. Schillkes Plan der verbrannten Erde schien gut zu sein. Hank würde zur Sicherheit noch mit etwas mehr Sprengstoff nachhelfen.
Die Sache wurde verkompliziert, weil Benno von der Lohe seinem langjährigen Mitarbeiter persönlich einige Worte zum Abschied sagen wollte. Wahrscheinlich hatte er einmal zu oft den Paten gesehen. Berndt Liedtke hasste Sentimentalitäten und glaubte auch nicht, dass zum Tode Geweihte unbedingt noch etwas lernen müssen.
Roger Harry Schillke war sehr erfreut, als ihm mitgeteilt wurde, dass er auf ein Schiff gebracht werden und zunächst ein paar Wochen bei Oreste Crispi in Kairo verbringen sollte, bevor sich die Lage endgültig geklärt hätte.
Von da aus wollte er sich dann persönlich um seine Verteidigung und die ungerechtfertigen Vorwürfe kümmern. Er bedauerte, dass er erst auf dem Schiff neue Kleidung bekommen könnte. Mittlerweile roch er doch schon ziemlich stark. Es war nur gut, das ihm selbst nicht bewusst war, wie stark er roch.
Nach Einbruch der Dunkelheit wurde vom Binnenschiff eine mannsgroße Holzkiste auf einen Transporter verladen. Das Schiff verließ danach sofort seinen Liegeplatz und machte sich auf eine lange Reise über Rhein und Donau bis zum schwarzen Meer.
Die Kiste wurde in die geheime Wohnung von Schillke in dem alten Speicherhaus am Nikolaifleet gebracht. Dann holte Hank mit dem Transporter Benno von der Lohe mit einem Paket, in dem vier Originale aus seiner Sammlung steckten, von einem Parkplatz ab und brachte ihn auch zu dem Haus.
Ein in die Stirn gezogener Hut, ein weiter Mantel und ein Schal reichten, um ihn für den Fahrstuhl ausreichend zu maskieren, falls dieser kameraüberwacht sein sollte. Allerdings hatte Schillke komplett auf Kameraüberwachung verzichtet, weil die ja auch Auskunft darüber geben würde, wann er im Gebäude gewesen war.
Selbst in der Wohnung behielt Benno die Maskerade bei, um möglichst keine Spuren zu hinterlassen. Man wusste nie, was die heute aus dem DNA-Kram alles machen konnten.
Die Originale, von denen sich Benno nur schweren Herzens und unter den Schreien der Zigeunerinnen getrennt hatte, fanden relativ würdige Plätze an den Wänden von Schillkes Behausung. Wahrscheinlich war das unnötig, da alles verbrennen würde, aber Benno hatte schon viel von Brandermittlern gehört und in amerikanischen Krimis fanden die gern mal einen Glassplitter und rekonstruierten daraus eine Ampulle mit einem Spezialmedikament, das direkt zum Täter führte. Benno ging lieber auf Nummer sicher.
Roger Harry Schillke wurde aus seiner Kiste ausgepackt und von Hank mit einer Schusswaffe auf einen Stuhl gezwungen. Dann wandte sich Benno an ihn: „Roger, ach, Roger Harry Schillke, warum hast du mich verraten?“
„Benno, ich habe dich niemals verraten. Ich habe alles getan, was du gesagt hast.“
„Nein. Dir reichte nicht, was ich dir gab, du wolltest selbst ein großes Stück vom Kuchen. Anstatt zu delegieren, hast du dich selbst eingebracht. Hier ein Geschäft mit den Bildern, da eines und hier ein weiteres.“
„Aber, Benno! Benno, bitte, das war doch ungefährlich. Es gibt nur tote Zeugen gegen mich. Ich komme da problemlos wieder raus.“
„Vielleicht schaffst du das wirklich. Aber dein kleines Folterparadies hier musst du aufgeben und die Jungen auch.“
Schillke stand die Angst in die Augen geschrieben: „Klar, Benno, kein Problem. Ich habe vorgesorgt. Hier ist ein Tank mit Rapsöl, da sind Sprengladungen dran. Ich kann die von überall mit meinem Handy zünden. Ich muss nur Heiner Raps anrufen. Die Knaben können wir einfach erschießen, die verbrennen mit.“
„Gut, Roger, vielleicht sollte ich es nochmals mit dir probieren. Hank, hol die Jungs.“
In weniger als zwei Minuten hatte Hank die Buben dazu gebracht, im Halbkreis vor Schillke zu knien. Er nahm wieder hinter dem Stuhl Aufstellung und schoss den Lustknaben über Rogers Schulter hinweg jeweils eine Kugel in den Kopf. Die Waffe war durch den Schalldämpfer kaum zu hören.
Schillke hatte zwar gezuckt, als die Schüsse fielen, wandte sich dann aber an Benno: „Siehst du, das Problem ist schon gelöst.“
Im gleichen Moment hielt ihm Hank die Waffe schräg von unten an das rechte Schläfenbein und drückte ab.
Grinsend sagte er: „Und das zweite Problem ebenfalls.“ Obwohl er Handschuhe getragen hatte, wischte er die Waffe ab, drückte sie in die Hand des toten Schillke und feuerte zwei weitere Schüsse in die toten Jungen.
Hank und Benno verließen den alten Speicher, bestiegen ihren Wagen und als sie um die nächste Ecke bogen, zündete Hank den Sprengstoff per Funk. Die Druckwelle der vier Ladungen schüttelte sie noch ein wenig, aber dann waren sie auch schon im Gewirr der Straßen verschwunden.
Sie trennten sich auf dem Parkplatz und Benno besuchte einen bekannten Club in der Nähe. Hank fuhr den Transporter zu einem anderen Parkplatz, bestieg sein Motorrad und folgte dem Binnenschiff. Irgendwo auf dem Balkan würde er ein Mädchen für die Kammer fangen und sich mit ihr amüsieren, bis es neue Aufgaben gab oder sie kaputt war.
Bernd Liedtke beobachtete die Explosion mit einem Fernglas von einem weit entfernten Aussichtspunkt. Als die Flammen aus dem Dach schlugen, gab er die Beobachtung auf und fuhr mit dem Auto in die hessische Kleinstadt, in der er offiziell einen Sicherheitsdienst betrieb.
Seinen Chef Oreste Crispi würde er von unterwegs aus einer Telefonzelle kontaktieren. Es gab zwar keinen Grund zur Vorsicht, aber genauso wenig einen zur Fahrlässigkeit.
Was weder Roger Harry Schillke, noch Hank und Bernd gewusst hatten war, dass die Idee mit dem Rapsöltank nur auf den ersten Blick aussah wie die Version mit einem Benzinbefüllten Tank.
Die Explosion zerriss ihn wohl in viele kleine Stücke und Teile des Rapsöls ergossen sich brennend auf das Dach. Es bildete sich aber nicht das erwartete Gas-Luftgemisch, das aus dem ganzen Gebäude eine lodernde Fackel gemacht hätte. Im Gegenteil, das Rapsöl wirkte auf einige Brandnester aus der Explosion eher wie ein Löschmittel.
Der schlimmste Seiteneffekt bestand jedoch darin, dass aus dem zerstörten Tank das Rapsöl wie aus einem ausgeschütteten Eimer der Schwerkraft folgte und sich durch das Treppenhaus auf die Straße und ins Nicolaifleet ergoss.
Das, was dann wirklich und recht widerwillig brannte, war ein kleiner unbedeutender Teil. Die anrückende Feuerwehr hatte genügend Zeit, alles vorzubreiten und im Fleet auch mehr als genug Wasser, um ein paar dieser Gebäude löschen zu können.
Schon nach zwei Stunden war der Einsatz beendet und die Löschtrupps konnten bis auf eine Feuerwache und die Leute von der Ölbekämpfung abgezogen werden. Damit wurde auch der bereits lange informierten Hamburger Mordkommission der Weg zum Tatort mit den vier Leichen freigegeben.
Trotzdem dauerte es noch bis zum Nachmittag des nächsten Tages, bis zumindest die Leiche des angekokelten Mannes identifiziert war. Es war Roger Harry Schillke. Es wurde festgestellt, dass ihm das Gebäude über eine Scheinfirma gehörte. Nachdem dieser Zusammenhang hergestellt werden konnte, wurde der Tatort komplett gesperrt, um Fachleute von den Landeskriminalämtern und dem Bundeskriminalamt herbeizuzitieren.
Es wurden nicht nur technische Experten zu Rate gezogen, es erging auch ein offizielles Hilfeersuchen an Mücke in Berlin, sowie an Huber und den Reichsgrafen in Wien. Daraufhin flogen sie alle nach Hamburg. Für die Störchin war das der erste Auslandseinsatz als Polizistin und sie war ein wenig gespannt auf die Stadt an der Elbe.
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