Letztens ging ich am Abend über einen Platz auf dem ein Maler lebendsecht eine nackte Frau gemalt hatte. Sie wirkte auf mich wirklich so, als würde sie sich gleich vom Pflaster lösen und mit dem Hintern wackelnd vor mir her gehen. Natürlich wäre ich ihr gefolgt. Aber im Moment lag sie einfach da rum und mein nächster Schritt hätte meinen Fuß in eine Gegend gebracht, in die ein fairer Mann noch nicht einmal andere Männer tritt, geschweige denn Frauen. Also stoppte ich und genoss das Bild. Dann machte ich einen Sidestep weil die Dame keine weiteren Einladungen an mich aussprach und ich weiß wann ich gehen muss.
In letzter Zeit lese ich immer wieder das Wort Reputationsmanagement. Wenn ich diesem Worte begegne geht es mir wie bei der auf das Pflaster gemalten nackten Frau. Ich stoppe erst einmal. Wer tritt schon auf Reputationen. Allerdings wirkt das Wort Reputationsmanagement noch flacher auf mich als die gemalte nackte Frau, die zwar optisch an den richtigen Stellern erhöht aus, aber eben trotzdem aufgrund ihrer Gestaltungsform als Zeichnung, flach bleibt.
Google kennt 766.000 Eintragungen für das Reputationsmanagement und die englische Wikipedia kennt das Wort, aber die deutsche Wikipedia beschäftigt sich lieber mit dem
Reputationsrisiko für Unternehmen.
Die Sache scheint also wichtig zu sein. Im Netz sind allerlei Berater für Firmen und Privatpersonen unterwegs die auf eine oder andere Art versprechen etwas für eine bessere
Reputation zu tun. Die netten Leute die damit Geld verdienen werden wahrscheinlich böse sein, wenn mir dazu nur der Satz einfällt: "Wir machen Sie Respekt." oder die weinerliche Aufforderung an einigen Berliner Hauswänden "Respekt" als Graffiti oder die Frage von einem spätjugendlichen Krakeler nach der dritte Ohrfeige "Warum hasse keinen Respekt vor mir?".
Respekt kriegt man nicht in Flaschen und auch nicht im Einzel- oder Großhandel. Respekt und Reputation muss man sich erarbeiten. Wer glaubt er könne seine Reputation dadurch verbessern, das er den Kauf von Flaschenbier in Kästen mit dem Schutz von Urwald verbindet oder wer annimmt, dass die von seinem Imageberater ausgewählte Krawatte ihm Stil oder gar Respekt verschafft, der zeigt damit nur, dass er Reputation vortäuschen oder erschleichen will und muss, weil er keine hat.
Wer ein Reputationsmanagement braucht, gibt damit zu, das er eben keine Reputation hat. Wer Respekt fordern muss, hat sich keinen Respekt verdient. Genau das gleiche gilt für all die vielen netten Modelle in irgendwelchen Community-Projekten wo man sich Reputation durch allerlei Wohltaten anderer erwerben, in Wirklichkeit aber nur eine scheinbare Reputation eintauschen kann.
Es ist eine Frage des Selbstwertgefühls. Eine Firma die so arbeitet, das sie sich die Achtung derjenigen verdient auf deren Achtung sie wert legt, meist sind das ihre Kunden und Lieferanten, ist immer auf der sicheren Seite. Eine solche Achtung durch aktives Marketing oder einen Verhaltenskodex vorzutäuschen ist eine gefährliche Geschichte. Marketing explodiert einem in solchen Fällen fast immer unter den Händen. Lügen haben hier besonders kurze und empfindliche Beine, wie jene Ökostromgesellschaft mit dem Atomstrom gerade erfährt.
Wer aber von Anfang an ehrlich ist und auch sofort zu seinen Fehlern steht, der hat es nicht nötig sich ein Reputationsmanagement zu leisten, dem fliegt die Reputation zu. Das gleiche gilt für die die persönliche Reputation. Wer davon erzählt, dass all das was man im Netz von sich gibt, gegen einen verwandt werden kann, der vergisst, dass mich bei jemandem der sich aktiv im Netz bewegt, mir ein fehlen von Fehlern viel mehr sagt. Sobald ich weiß, oder auch nur vermute, das gedreht wurde, bin ich mehr als misstrauisch.
Tatsächlich ist es so das jeder Personalchef mit Verstand etwas über die Fähigkeiten, Ansichten und Möglichkeiten eines Bewerbers wissen will. Ob der mal auf einer Party den nackten Bauch oder mehr gezeigt hat, wird ihn weniger interessieren. Sobald der Personalchef aber genau auf dieser Ebene seine Interessen hat, macht es keinen Sinn in einem solchen Unternehmen zu arbeiten. Jeder Chef kann mehr mit einem Widerspruchsgeist als mit einem Jasager anfangen. Das wissen gute Chefs und die anderen brauchen keine guten Leute.
Reputation ist ein Gesamtbild das nur entsteht, wenn es sich aus Leistung und Fehlleistung, aus passendem und unpassendem zusammensetzen kann. Stellen wir uns vor wenn wir aus einem Foto eine Grundfarbe herausnehmen. Das Bild sagt nichts mehr, mit dem man etwas anfangen könnte. Deshalb äußerste Vorsicht bei Reputationsmanagement, es könnte sein, dass man da wo man vermeintliche Fehler ausbügelt, das ganze Bild so verfälscht, das es entweder unbrauchbar wird, oder das Gegenteil des Erwünschten bewirkt.