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• Der fahrlässige Kupferschmied
• Dummokratie
• Hitze
• Herumasseln in Asse
• B-gekloppt
Der fahrlässige Kupferschmied
Oelde in Westfalen. 29. März 1908. Sonntagnacht: Kupferschmied Hermann Hilger sitzt mit Zechkumpanen beim sonntäglichen Frühschoppen, der sich, wie bei echten Westfalen durchaus üblich, mal wieder bis in die Nachtstunden hingezogen hat. Aktuelle Themen sind die schweren Kämpfe zwischen Tausenden Arbeitslosen und der Polizei in New York, bei denen am Vortag zahlreiche Menschen getötet wurden. Am Stammtisch wird auch die Entscheidung des Berliner Universitätsrichters Paul Daude diskutiert, der anlässlich eines Konflikts zwischen einem jüdischen und einem polnischen Studenten erklärt, dass es keine Beleidigung sei, einem Juden keine Satisfaktion zu geben. Hauptthema aber ist das Fußballspiel des Tages, bei dem die Niederlande Belgien 4:1 besiegen wird.
Satt und glücklich wankt Hilger endlich von seiner Stammkneipe über die Lange Straße des 4000-Seelen-Ortes im Kernmünsterland. Der Mond ist aufgegangen und weist dem gelernten Kupferschmied, der am frühen Montagmorgen wieder seinem Tagewerk nachgehen will, den Weg. Der Handwerker hat einen kräftigen Bohneneintopf verzehrt und dazu noch etliche Gläser Bier getrunken. Kräftig gärt der Speisebrei in seinem Magen.
»Jedes Böhnchen gibt ein Tönchen«, weiß der Westfale, und durch die Bewegung an der frischen Nachtluft schafft sich Hermann Hilger hörbar Luft. Er pupst lustvoll und derart lautstark, dass es von den Wänden der Bürgerhäuser widerhallt. Der anfangs verhalten pfeifende Darmwind wird zur symphonischen Afterwinddetonation.
Hilgers Unglück will es, dass zwei auf Streife befindliche Ortspolizisten den nächtlichen Donner vernehmen und sich daran stören. Einer der beiden schnallt den Riemen seiner Pickelhaube fest, zückt sein Notizbuch, leckt den amtlichen Bleistift und stellt den Übeltäter. Er nimmt Hilgers Personalien auf und kündigt ihm streng an, dass die nächtliche Ruhestörung unbedingt geahndet werde, weil er »in ganz unverschämter Weise absichtlich Darmblähungen mit Geräusch« habe abgehen lassen.
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Dummokratie
Es mutet schon makaber an, wenn eine der bekannten politischen Talkshows, in denen sich Politiker und Lobbyisten die Klinke in die Hand geben, einen Sendeabend dem Niedergang der Demokratie widmen. Wenn also dort, wo demokratische Prinzipien mit Füßen getreten werden, weil man unter anderem einseitig berichtet und Gäste aus bestimmten politischen Lagern bevorzugt, oder weil man Lobbyisten zu Wort kommen läßt und sie nicht einmal als solche kennzeichnet - wenn also dort scheinheilig über des Bürgers Aversion gegenüber demokratischen Strukturen gefaselt wird. Was sich so zynisch-phantastisch ausnimmt, war am Sonntagabend bei Anne Will wieder einmal Realität. Anne Will als Anwältin der Demokratie, unterstützt von ausgewiesenen Musterdemokraten wie Brandenburgs Innenminister Schönbohm oder dem FDP-Jundspund Philipp Rösler. Der eine verunglimpfte die halbe Republik im Osten, weil ja in den ehemaligen sozialistischen Bürgern Kindermörder schlummern; der andere qua seiner Parteizugehörigkeit ein Apostel marktradikaler Reformen, und dabei in Kauf nehmend, Millionen von Menschen ihres bißchen Sicherheits zu berauben, sie also zu Fall zu bringen und sie danach auch am Boden liegen zu lassen. Die besten Voraussetzungen also, das Wesen der Demokratie zu bestimmen und des Bürgers antidemokratische Tendenzen zu analysieren.
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Hitze
"Mann, ist das heiß.. Ich hör schon mein Herz wischen", stöhnt sie.
"Mein Herz ist ein Scheibenwischer, hörst du?"
Zu heiß zum Lachen reicht es nur zum Glucksen. Nicht mal das Notizbuch krieg ich gestemmt.
Das Schwitzbuch.
Wir sind hinten im Garten, jenseits aller Geschäftigkeit.
Es ist Nachmittag, es ist Juli.
"Wusstest du, dass Bäume bei extremer Hitze Blätter abwerfen?"
"Nee."
"Um sich zu schützen. Vor Austrocknung. Die Blätter sind lästige Mitsäufer. Konkurrenten."
Sie fläzt sich im Bikini auf dem Liegestuhl, ich sitz unterm Essigbaum. Der steht in voller Montur da, wie rote Zündkerzen zeigen die Blüten in den knallblauen Himmel.
Biblisch, diese Ruhe. Diese Glut. Dieses Gras, gestern erst gemäht, übernacht zu Heu geworden.
Der Gartenzaun knackt.
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Herumasseln in Asse
'Allen Interessenten' - das steht tatsächlich auf der Homepage dieser Münchner Klitsche, die gelegentlich strahlendes Cäsium auch mal ein paar Stockwerke tiefer pumpt, statt es öffentlich zu entsorgen: 'Allen Interessenten', sagen sie, stünden ihre Tore weit offen. Tscha, so ist das eben unter Tage - alles dunkel dort unten, auf der Sohle, aus dem Sinn, und nachts sind alle Katzen vielleicht gar keine:
"Als Dienstleistungseinrichtung des Helmholtz Zentrums München steht die Schachtanlage allen Interessenten zur Durchführung von Forschungs- und Entwicklungsarbeiten für die sichere Endlagerung radioaktiver und chemisch-toxischer Abfälle unter realistischen Bedingungen zur Verfügung."
Tscha - und wenn dieses TV-gerecht vor sich hin tropfende Monstrum namens Atommüllendlager Asse tatsächlich diese 'realistischen Bedingungen' für die sichere Einsargung bietet, dann dürfen wir uns auch über jene strahlenden Befunde nicht länger wundern, denn Endlagerung ist 'realistisch' immer unsicher, egal, was die Ingenieure brabbeln. Diese zu leichtfertig befundenen Befunde, die kommen jetzt scheibchenweise an einem zutiefst überraschten FDP-Umweltminister vorbei ganz sutje piano ans Licht des Tages gekrabbelt.
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B-gekloppt
Mein Ziehkind Benjamin hatte, wie bei kleinen Kindern üblich, seinerzeit einen etwas eigenartigen Wortschatz. Gurken waren Wurken, Bienen Bienas und statt bekloppt, zeigte der kleine Wonneproppen einen Vogel und sagte innbrünstig: „Du bist doch b-gekloppt!“.
Genau dieser Satz fiel mir Montagmorgen um sechs Uhr ein, als ich in der Schlange der Vorverkaufsstelle des BVB mit meinem Cousin stand und darauf wartete ab halb neun eine Dauerkarte für die kommende Saison zu erwerben. Nicht nur, dass ich b-gekloppt war, hier um diese unchristliche Zeit mit meinem Garten-Camping-Stuhl zu stehen. Nein, auch und vor allem diejenigen, die schon seit gestern Abend ihre Zelte aufgestellt hatten waren noch viel b-gekloppter als ich. Im Grunde also a-gekloppt.
Die Stimmung war friedlich, bis die Eingangstür in greifbare Nähe kam. Doch dann unternahm ein sorgloser Jüngling den Versuch sich vorzudrängeln und rechnete nicht mit der mutigen Gegenwehr einer räusper jungen Dame mit Regenschirm. Angestachelt durch so viel Gerechtigkeitssinn, formierte sich eine Art Mob.
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Berühmt ist Oelde aber auch für das weltbeste Landbier, oder Schwarze Korn kennt man auch überregional.
Aber Kernmünsterland... also in direkter östlicher Nachbarschaft liegt Rheda-Wiedenbrück, was bekanntlich bereits Ostwestfalen ist ;-)
Bekannt ist diese Stadt nun wieder dafür, dass dort täglich 20000 Schweine abgeschlachtet werden (ich frage mich immer wieder wo die alle weg kommen...).