Level 3 Assets - alles muss raus, sofort und zu jedem Preis
Liquiditätsschwierigkeiten nennt man die Vorwehen einer Liquidation. Bei Lehmann Brothers und anderen sind das wohl schon nicht mehr nur die Vorwehen sondern schon ordentliche Presswehen. Aber was für werdende Väter und Mütter meist mit dem Glück eines gesunden Babys endet, dürfte hier mit der Zerschlagung oder gar mit dem Tode enden. Die NZZ hat sich im vorigen Jahr schon einmal die Mühe gemacht, Level 3 Assets zu erklären.
Undurchsichtiger «level 3»
Auffallend ist jedoch, dass die sogenannte Level-3-Kategorie in den letzten Monaten stark zugenommen hat. Es handelt sich um Vermögenswerte mit dem grössten Risiko, für die es keine Marktpreise gibt und die entsprechend schwierig zu bewerten sind. Dazu zählen neben CDO unter anderem in der Regel auch Immobilien und Private-Equity-Beteiligungen. Ab Donnerstag bzw. für das nach Donnerstag jeweils beginnende nächste Geschäftsquartal gilt gemäss der Regel FAS 157 des Financial Accounting Standards Board (FASB) verbindlich für alle US-Unternehmen die Offenlegungspflicht dieser «level 3 assets». Die meisten Finanzinstitute haben diese Kategorisierung seit einer Weile bereits freiwillig vorgenommen, aber nicht eben in luzider Weise. «Level 1 assets» sind Anlagen mit gegebenen Marktwerten, also beispielsweise Aktien. In «level 2» gehören jene Vermögensbestände, die aufgrund vergleichbarer Anlagen bewertet werden können. Manche Banken und Investmenthäuser sahen sich gezwungen, Anlagewerte von der zweiten in die dritte Kategorie zu verschieben.
Wenn sich etwas nicht luzide, also nicht klar und einleuchtend bewerten lässt, dann ist es sinnvoll es als wertlos zu betrachten. Es hat dann in den Büchern von ordentlichen Kaufleuten noch einen Erinnerungswert von einem Euro und mehr nicht. Allerdings sind Banken, Versicherungen und andere Finanzinstitute keine ordentlichen Kaufleute. Die erfinden einfach Bewertungskriterien. Daumen mal Fensterkreuz, geteilt durch die Abweichung der Fußstellung der Großmutter, mal den Hasenkütteleffekt. Reiner Schwachsinn, der meist von Chefvolkswirten und anderen Flachpfeifen und Berufslügnern in solchen Unternehmen ausgegeben wird.
Dazu kommt noch, das Level 1 assets ja auch die Aktien von anderen Banken oder ähnlichen Wackelkandidaten sein können. Wer Bear Steams im Level 1 hatte, hat heute noch die Erinnerung an ein kleines verwehendes Rauchwölkchen. Das gleiche gilt zukünftig auch Für Fannie Mae, Freddie Mac und vermutlich Citigroup und viele andere. Was von den Level 2 assets in Wirklichkeit schon lange Level 3 oder auch schon Rauch ist, vermag niemand so genau zu sagen.
Die hübschen Statistiken von Econompicdata zeigen da leider nur einen Teil der Wahrheit, der für sich genommen aber schon erschreckend genug ist. Wer ein vielfaches seines Eigenkapitals in Level 3 assets hat, ist pleite. Es handelt sich nur um eine Frage der Zeit.
Die Deutsche Bank hat im März in ihrem Geschäftsbericht zugegeben, das der Wert der Level 3 Assets die sie besitzen, einen Gegenwert von 95 Milliarden Euro und einen Bilanzwert von 31 Milliarden Euro vortäuschen soll. Das Eigenkapital der Deutschen Bank betrug zu gleichen Zeitpunkt 36 Milliarden Euro.
Wenn man sich das ganze Elend ansehen will, dann muss man sich allerdings mit Fair Value beschäftigen, das die Deutsche Bank wie folgt erklärt:
Fair Value
Betrag, zu dem Aktiva beziehungsweise Passiva zwischen sachkundigen, vertragswilligen und von einander unabhängigen Geschäftspartnern getauscht würden. Der Fair Value ist häufig identisch mit dem Marktpreis.
Diese Erklärung ist zumindest nicht ganz falsch, aber wie vieles von dem was die Deutsche Bank sagt und tut, äußerst interpretationsfähig. Das ist doch eine wirklich schöne Umschreibung für Betrug und dreiste Lüge. Wikipedia als soidarische Arbeit von in der Mehrheit wohlwollenden und anständigen Menschen weiß da deutlich mehr:
Fair Value (beizulegender Zeitwert oder auch „fairer Wert“) ist ein Begriff für den Wertansatz aus der angloamerikanischen Rechnungslegung. Laut IFRS bzw. US GAAP ist der Fair Value derjenige Betrag, zu dem ein Vermögenswert zwischen sachverständigen, vertragswilligen und voneinander unabhängigen Geschäftspartnern getauscht oder eine Verpflichtung beglichen werden kann. Es handelt sich demnach um einen hypothetischen Marktpreis unter idealisierten Bedingungen. Strikt zu unterscheiden ist der Fair Value als Marktwert von subjektiven Wertvorstellungen, wie sie im Value in use, dem unternehmensspezifischen Wert einer Position, zum Ausdruck kommen.
Das hört sich schon ganz anders an und wer die Erklärungen zur Preisfindung liest, der weiß wie weit der unter Fair Value ermittelte Preis vom Marktpreis entfernt ist. Wenn der Preis unbedingt mit einem M anfangen soll, wäre es sinnvoller von einem Mondpreis zu reden. In Berlin gab es im Schraubenhandel mal eine sogenannte Berliner Liste. Die war ähnlich wie Fair Value. Wer wirklich kaufte, bekam 96 Prozent Rabatt auf diese Liste, plus ein paar Metall oder Teuerungszuschläge.
Wenn bei der Deutschen Bank die bekanntermaßen völlig wertlosen Level 3 assets mit 95 Milliarden Euro, sechs Prozent des Fair Value entsprechen, dann ist das Fair Value 1.583 Milliarden Dollar groß. Da hilft dann wirklich nur noch beten, das wenigstens irgendetwas in dem Topf noch werthaltig ist. Aber genau um diese Werthaltigkeit muss man sich Sorgen machen, wenn man weiß, dass Lehman Brothers gerade einen Totalausverkauf ihrer Level 3 assets in Höhe von 40 Milliarden Dollar planen:
Die angeschlagene US-Investmentbank Lehman Brothers verhandelt einem Bericht zufolge über den Verkauf von Wertpapieren und Gewerbeimmobilien im Wert von 40 Mrd. Dollar. Das Geldinstitut wolle die Vermögenswerte entweder im Ganzen oder in Teilen verkaufen, berichtete die "Financial Times" unter Berufung auf Verhandlungskreise.
Lehman habe angeboten, die ersten 5 Mrd. Dollar jeglicher Verluste aus den Vermögenswerten des Portfolios nach einem Verkauf selbst zu schultern.
Kauf mir meinen Schrott ab und ich gebe dir noch fünf Milliarden Mitgift mit auf den Weg. So ähnlich lautet die wahre Botschaft. Da die Deutschen Bank doppelt so viel Ramsch hat, müsste sie auch das doppelte Zahlen. Das wäre dann mit zusammen mit dem Bilanzwert doch schon erheblich mehr als das Eigenkapital.
Allerdings stimmt auch das nicht. Denn nach dem Preisverfall den Lehman Brothers anstoßen wird, herrscht ja bei allen anderen Instituten auch ein Abwertungsdruck auf die von Lehman Brothers erzielten Preise, was weitere Notverkäufe auslösen wird. Die Katze beginnt sich selbst in den Schwanz zu beißen.
Tags für diesen Artikel: ackermann, deutsche bank, deutschland, neoliberal, recht, verantwortung, wirtschaftsfaschist
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