Am 11.09.1973 putschte die chilenische Armee gegen die 1971 demokratisch gewählte Regierung Salvador Allendes. In anderen lateinamerikanischen Ländern hätte das wohl weiter nicht erstaunt, aber in Chile hatte das Militär seit 1924 nicht mehr geputscht.
Warum (= aus welchem Grund) und wozu ( = zu welchem Zweck) kam es zum Putsch? Das sind Fragen, die schnell beantwortet sind. Oder? Sollten nach 35 Jahren gewisse Facetten der chilenischen Erfahrung in einem anderen Licht zu sehen sein, gewissen Puzzlesteinchen eine neue Bedeutung gewonnen haben?
In den kommenden Wochen sollen in einer Reihe von Artikeln einige Aspekte beleuchtet werden.
Kunst und Lebenskunst in Chile
Als die Putschisten in den ersten Tagen ihrer Machtübernahme Oppositionelle verhafteten, da standen ganz oben auf den Fahnungslisten Künstler und Musiker. Das kam nicht von ungefähr. In den 1950er und 1960er Jahren war in den südlichen Ländern Lateinamerikas, in Argentinien, Chile, und Uruguay die Nueva Canción (wörtlich 'Neues Lied') als Form des politischen Lieds entstanden, die bald in ganz Lateinamerika populär wurde.
In diesem Video sind die Stimmen zweier berühmter Musiker des Nueva Canción zu hören: Violeta Parra (1917-1967) und Víctor Jara (1932-1973).
Jeweils donnerstags wollen wir in den nächsten Wochen ausgewählte Musiker des Nueva Canción vorstellen.
Aber auch Dichter und Maler, Graphiker und Filmmacher hatten den Wahlkampf und die Regierung der Unidad Popular unterstützt und gerieten ins Fadenkreuz von Pinochets Geheimdienst DINA. Viele wurden verhaftet, viele gingen ins Exil. Ihre Kunst setzten sie als Waffe ihres Widerstands ein, eine gewaltlose Waffe, die das Militärregime aber als besonders heimtückisch empfand, denn eine solche Waffe hatte die Armee nicht in ihrem Arsenal.
Chile, Venceremos El Olvido! (Parte1 de 3)
Chile, Venceremos El Olvido! (Parte2 de 3)
Chile, Venceremos El Olvido! (Parte3 de 3)
Diese Videos sind agitatorisch, kein Zweifel. Aber in aller ihrer agitatorischen Zielsetzung enthalten sie ein Moment der Wahrhaftigkeit: Sie beziehen sich immerhin auf eine real existierende Situation, auch wenn sie diese aus ihrer eigenen Perspektive heraus deuten, eine Deutung, die sie mit eigenständiger Kreativität gestalten. Den wenigen propagandistischen Bemühungen des Regimes fehlen genau diese beiden Momente, Realitätsbezug und eigenständige Kreativität. Übrigens erreichen sie nicht einmal die zweifelhafte Qualität faschistischer Ästhetik. Anders als in der Zustimmungsdiktatur der Nationalsozialisten ist hier den Machern anzumerken, dass sie von vornherein keine Chance sehen, mit propagandistischer „Überzeugungsarbeit“ auf die breite Bevölkerungsmehrheit einzuwirken. Es liegt auf der Hand, dass sie auf andere Mittel setzten, auf deren Wirksamkeit sie vertrauten.
Hier unter den vielen lieblos gemachten Streifen zwei der immerhin noch ambitioniertesten Projekte:
mision cumplida
11 DE SEPTIEMBRE: LIBERTAD DE CHILE
Selbst in seiner Propaganda zeigte sich das Militärregime als ein Produkt zweiter Hand.
Das konnte auch ganz persönliche Aspekte haben. Die rechte Hand des Geheimdienstchefs Contreras lebte gleich ein ganzes Leben zweiter Hand: Miguel Krassnoff.
Krassnoffs Familiengeschichte trägt zur Antwort auf die Frage bei, wie ein Mensch zum Folterer wird. Krassnoff ist Spross eines alten Kosakengeschlechts. Sein Großvater Peter Krasnow kämpfte nach der Oktoberrevolution 1917 gegen Trotzkis Rote Armee. Nach der Niederlage der Wissen ging er ins Exil und schrieb eine Reihe zeitgeschichtlicher Romane, die mit Antisemitismus und Antikommunismus aufgeladen sind. In seinem bekanntesten, auch ins Spanische übersetzten Buch „Vom Zarenadler zur roten Fahne“ gibt es eine Passage, die man als Vorlage für die Methode der DINA lesen kann. … Im selben Roman schlägt der Held im Lazarett sein Neues Testament auf, und die ersten ihm ins Auge springenden Worte lauten: „Die Rache ist mein, ich will vergelten.“ Diese Bibelstelle kommt in den Romanen des alten Kosakengenerals mehrfach vor. Es ist das von Paulus aufgegriffene Wort, mit dem der Gott des Alten Testamentes die in der frühen Antike üblichen Teufelskreisse der Blutrache beendet und sich selbst die Rache vorbehält (5. Mose 32, 35). Krasnow deutet die Stelle als Auftrag, selbst zum Werkzeug der göttlichen Rache zu werden, und er hat sich als Schriftsteller und General daran gehalten. Rache und Hass sind Leitmotive seiner dickleibigen Werke. (Anmerkung: „Der endlose Hass“ ist ein weiterer, programmatischer Buchtitel Krasnows, ein „elendes und einseitiges Mistbuch“, so Victor Klemperer (Klemperer 1995, S. 573)
Im Zweiten Weltkrieg befehligte Krasnow eine aus gefangenen sowjetischen Soldaten gebildete Kosakendivision, die auf deutsche Seite kämpften sollte. Hitler duldete aber nur den Einsatz im Hinde Hinterland, da er den Russen nicht traute. Halb Kriegsgefangene, halb Freiwillige, bauten sie Befestigungsanlagen oder terrorisierten die Bevölkerung in den besetzten Gebieten. Als die deutsche Niederlage sich schon abzeichnete, hielt der alte General vor seinen Kosaken eine Rede, in der ein Satz vorkam, den sein Enkel sich als DINA-Offizier zum Auftrag machen sollte: Wenn es gegen den Kommunismus geht, „spielt es keine Rolle, wo ihr zu diesem Kampf eingesetzt werdet“. Die Kosaken waren zu Kriegende in Österreich in der Nähe von Lienz und ergaben sich dort der britischen Armee. Die Briten hielten sich an das alliierte Abkommen und lieferten sie an die Sowjets aus. (…) Wenn Krassnoff nach langem Schweigen in einem Zeitungsinterview (El Mercurio, 6.6.2003) sagte, er sei Enkel eines Hingerichteten, Sohn eines „Verschwundenen“ und Neffe eines ehemaligen Gefangenen, sagt er die Wahrheit.
Die schwangeren Kosakenfrauen wurden von den Briten nicht an die Sowjets ausgeliefert. So kam es, dass Miguel Krassnoff (…) in Österreich geboren wurde. Seine Mutter ging mit ihm nach Chile. Er wurde Offizier. Die roten Fahnen der dreijährigen Volksfrontregierung mussten seine Familiengeschichte wieder wachgerufen haben. Dann kam der Putsch. Chile war nun der Ort, an dem er zum Kampf gegen den Kommunismus eingesetzt wurde. Als in den Wochen nach dem putsch das Nationalstadion in Santiago mit Gefangenen überfüllt war, machte Krassnoff sich als „der Prinz“ einen Namen (er war adliger Herkunft). Er rühmte sich seiner Grausamkeiten. Eine davon war die „Hitlersäge“. Sie bestand darin, Menschen mit einer Maschinengewehrsalve in der Mitte zu zerteilen (FR, 19.07.2005).
(…) „Landsleute“, schließt Krassnoff seinen Brief, „ich bin Träger eines Namens, der mich wegen meiner Vorfahren adelt, die in anderen Breiten gekämpft und ihr Leben geopfert haben für dieselbe Sache, die mir Gott auf den Weg gegeben hat: die Freiheit und Würde der Menschen … Ich bin ein Soldat, der zum politisch Verfolgten geworden ist, aber ich bin weder ein geschlagener chilenischer Soldat und noch viel weniger ein hingestreckter Kosak.“
Krassnoff war nicht er selbst. Seine Identität war entliehen. Er war Flüchtlingskind der europäischen Katastrophen, aber er fühlte sich als Kosak. Chile war für ihn der Austragungsort, an dem er sich für das seiner Familie zugefügte Unrecht rächen konnte. Wenn er in Schäfers Siedlung [Colonia Dignidad, dazu später mehr) kam, kam er in eine muffige Sekte, aber er muss geglaubt haben, bei den ehemaligen Kampfgefährten seines Großvaters zu sein. Er und Schäfer spielten sich gegenseitig etwas vor, und beide glaubten womöglich an den Trug. Krassnoff war ein Ritter mit Elektroschockgerät. Wenn er seine Rächer-Rolle durchhält, wird er wohl als aufrechter Kosak im falschen Jahrhundert und im falschen Gefängnis enden. Auch als Vollstrecker einer untergegangenen Tradition kann ein Mensch zum Folterer werden.
(Quelle: Friedrich Paul Heller: Lederhosen, Dutt und Giftgas. Die Hintergründe der Colonia Dignidad. Stuttgart (Schmetterling Verlag) 2. Aufl. 2006, S. 107-112)
Fakten, Fiktionen, Fantasialand und Folter in einem Lebenslauf vereint. Auf diese brisante Mixtur werden wir noch häufiger stoßen, und das nicht nur (aber auch) in einzelnen Lebensläufen.
Lateinamerika - Das Imperium USA schlägt zurück
Eigentlich ist es ja Quatsch, dass in Lateinamerika überhaupt Wahlen abgehalten werden. Deren Ergebnisse gelten normalerweise nur dann, wenn sie den Wünschen Washingtons entsprechen. In allen anderen Fällen sind die Wahlen gefälscht u ...
Duckhome am
09/24/08 um 04:46
Chilenische Erfahrungen, Teil 2
Pech, wenn die Ereignisse schneller sind als die Finger auf der Tastatur. Im Anschluss an den Artikel Chile am 11. September vor 35 Jahren. Chilenische Erfahrungen, Teil 1 sollten in den weiteren Folgen einige Thesen in kleinen Schritten entwickelt werde ...
#1
Armee der Finsternis
am
09/11/08 um 12:02
[Antwort]
Ja, ja immer wieder der 11.9. oder der 9/11. wie auch imemr, vielleicht haben die Verschwörungstheoretiker recht, wenn sie diese Zahlen immer aufs Korn nehmen. Ich bringe es alles nicht auf die Reihe, was alles an einem 11.09. bzw. umgekehrt (je nach dem wie man es deuten will und die Ami Datumsschreibeweise beachtet) passiert ist. Aber nur mal als Stichpunkte: Allende, Mauerfall, Twin Towers usw.
Sehr komisch alles.
Zu Chile fällt mir im Augenblick ein, das wir damals in der DDR Schule ziemlich umfassend, aber auch ziemlich brutal (es wurde detailliert das Schicksal des Sängers Víctor Jara immer wieder beschrieben und mit anderen "Schreckensbildern" unterlegt) sogar als "kleinere" Schüler "informiert" wurden. Aus heutiger Sicht fand ich das für knapp 10-jährige falsch.
Seit Jahrhunderten wurden Schüler in katholischen Schulen mit Heiligenlegenden gefüttert, ganz besonders mit dem gewaltsamen Tod der Märtyrer unter ihnen.
Aus kinderpsychologischen Gründen halte ich beides - die Schreckenspsychologie der DDR-Schulen und der katholischen Schulen - aus grundsätzlicher (und nicht nur heutiger) Sicht für falsch. Ich kann nur hoffen, dass heute beides nicht mehr vorkommt.
#1.3
asozialdemokrat
am
09/12/08 um 06:36
[Antwort]
@AdF, wie hätte denn Deiner Meinung nach der "kleinere Schüler" in der DDR "informiert" werden sollen? Und anders gefragt, wie sind denn die "kleineren Schüler" in der Bundesrebublik "informiert worden?
Ich war zum Zeitpunkt der Ereignisse in Chile 25 Jahre alt und kann mich erinnern, daß die Sichtweise des Westfernsehen sich erheblich
von der der Gegenseite unterschied.
Die Verfolgten dieses widerlichen Regimes haben meines Wissens nach Unterstützung und Zuflucht überwiegend in der DDR gefunden.
Den Eindruck, auch heute noch, daß uns "Schreckensbilder" gezeigt wurden hatte/habe ich nicht. Es waren Schreckensbilder. Sie sollten Kindern gezeigt werden. Nicht aus Gründen der Indoktrination, sondern um Nachdenklichkeit zu erzeugen. Sagt ein "Ossi".
Ossi und Nachdenklichkeit in 6 Wörtern ;-)
Viele der chilenischen Flüchtlinge sind in die USA, Skandinavien, der Schweiz und Australien geflohen. Die DDR diente eher als Zwischenstation. Wer die Freiheit eines demokratischen Landes erfahren hat, konnte in der DDR nicht leben.
Im übrigen spielt dieser Putsch im Bewußtsein der meisten Chilenen keine besonders große Rolle mehr.
Und hier ist es schon:
http://tinyurl.com/5n5ty4
In den Wirren des Jahres 1973 haben sich offenbar 2000 UP Anhänger in die DDR verirrt.
Zum Zeitpunkt des Mauerfalls befanden sich dort nur noch ganze 334 Chilenen. Que impresionante! ja ja ja
Obwohl ich trotz allem für die Concertación bin, haben bei den letzten Munizipalwahlen die Rechten gewonnen. Die Concertación wirds nächsten Dezember sehr schwer haben -> http://tinyurl.com/58txfa
Sehr komisch alles.
Zu Chile fällt mir im Augenblick ein, das wir damals in der DDR Schule ziemlich umfassend, aber auch ziemlich brutal (es wurde detailliert das Schicksal des Sängers Víctor Jara immer wieder beschrieben und mit anderen "Schreckensbildern" unterlegt) sogar als "kleinere" Schüler "informiert" wurden. Aus heutiger Sicht fand ich das für knapp 10-jährige falsch.
Aus kinderpsychologischen Gründen halte ich beides - die Schreckenspsychologie der DDR-Schulen und der katholischen Schulen - aus grundsätzlicher (und nicht nur heutiger) Sicht für falsch. Ich kann nur hoffen, dass heute beides nicht mehr vorkommt.
Ich war zum Zeitpunkt der Ereignisse in Chile 25 Jahre alt und kann mich erinnern, daß die Sichtweise des Westfernsehen sich erheblich
von der der Gegenseite unterschied.
Die Verfolgten dieses widerlichen Regimes haben meines Wissens nach Unterstützung und Zuflucht überwiegend in der DDR gefunden.
Den Eindruck, auch heute noch, daß uns "Schreckensbilder" gezeigt wurden hatte/habe ich nicht. Es waren Schreckensbilder. Sie sollten Kindern gezeigt werden. Nicht aus Gründen der Indoktrination, sondern um Nachdenklichkeit zu erzeugen. Sagt ein "Ossi".
Viele der chilenischen Flüchtlinge sind in die USA, Skandinavien, der Schweiz und Australien geflohen. Die DDR diente eher als Zwischenstation. Wer die Freiheit eines demokratischen Landes erfahren hat, konnte in der DDR nicht leben.
Im übrigen spielt dieser Putsch im Bewußtsein der meisten Chilenen keine besonders große Rolle mehr.
http://tinyurl.com/5n5ty4
In den Wirren des Jahres 1973 haben sich offenbar 2000 UP Anhänger in die DDR verirrt.
Zum Zeitpunkt des Mauerfalls befanden sich dort nur noch ganze 334 Chilenen. Que impresionante! ja ja ja
Obwohl ich trotz allem für die Concertación bin, haben bei den letzten Munizipalwahlen die Rechten gewonnen. Die Concertación wirds nächsten Dezember sehr schwer haben -> http://tinyurl.com/58txfa