
Am 23. September des letzten Jahres habe ich mich im Watchblog mit einem Artikel von Jörg Lau beschäftigt, der sich mit dem damals neuen Buch des britischen Autors William Dalrymple auseinandersetzt - "The Last Mughal". Wegen der
Tagesaktualität wird hier nochmals darauf eingegangen, denn es geht um genau diesen Interventionismus und seine Folgen.
Dass eine solche Erkenntnis einige Hoffnungen im Westen zerstört, ist verständlich. Die Folgen dieses Interventionismus können nicht nur in Zentralasien und Lateinamerika, sondern überall auf der Welt heute besichtigt werden.
William Dalrymple ist ein mehrfach preisgekrönter schottischer Autor und Historiker, der sich unter anderem in mehreren Büchern mit dem Sturz des Moghulreiches und seinen Auswirkungen bis auf die heutige Politik auseinandergesetzt hat.
William Dalrymple- nicht zu verwechseln mit der in islamophoben Kreisen geschätzen Krawallkassandra
Theodore Dalrymple - schreibt im
Guardian:
Six years after 9/11, throughout the Muslim world political Islam is on the march; the surprise is that its rise is happening democratically - not through the bomb, but the ballot box. Democracy is not the antidote to the Islamists the neocons once fondly believed it would be. Since the US invaded Afghanistan and Iraq, there has been a consistent response from voters wherever Muslims have had the right to vote. In Lebanon, Iran, Iraq, Palestine, Pakistan, Egypt, Turkey and Algeria they have voted en masse for religious parties in a way they have never done before. Where governments have been most closely linked to the US, political Islam's rise has been most marked.

Mit anderen Worten: Der politische Islam gewinne an den Wahlurnen, nicht mit Bomben. Dalrymple schreibt weiter, dass es jihadistische Bombenattentate im Westen so lange geben werde, wie der Westen in diesen Ländern seine Interventionen nicht unterlasse. Er schreibt weiter:
Yet in concentrating on the violent jihadi fringe, we may have missed the main story. For if the imminent Islamist takeover of western Europe is a myth, the same cannot be said for the Islamic world. Clumsy and brutal US policies in the Middle East have generated revolutionary changes, radicalising even the most moderate opinion, with the result that the status quo in place since the 1950s has been broken.
Die Machtübernahme des (politischen) Islam im Westen sei ein "Mythos", doch in seinen Kernländern Realität. Er bringt Beispiele aus Ägypten, Pakistan und dem Libanon. Hisbollah sei aufgestiegen, weil ...
because of the status of Hassan Nasrallah, Hizbullah's leader, as the man who gave the Israelis a bloody nose, and who provides medical and social services for the people of South Lebanon, just as Hamas does in Gaza.
Die Folge davon:
The usual US response has been to retreat from its push for democracy when the "wrong" parties win. This was the case not just with the electoral victory of Hamas, but also in Egypt: since the Brothers' strong showing in the elections, the US has stopped pressing Mubarak to make democratic reforms, and many of the Brothers' leading activists and business backers, as well as Mubarak's opponent in the presidential election, are in prison, all without a word of censure from Washington.
Soll sagen, wenn die "Falschen" an die Macht kommen, sind die USA an Demokratie in diesen Ländern nicht mehr interessiert. Dies wurde anlässlich der CIA-Operation, die Mossadeq stürzte und den Schah erneut an die Macht brachte, bis heute unnachahmlich auf den Punkt gebracht:
Mag sein, dass er ein Hundesohn ist, aber er ist unser Hundesohn
Später passte das Zitat dann ganz ausgezeichnet auf
Saddam Hussein.
Im Artikel des Spiegel heißt es:
... Zynisch und skrupellos wurden Iraner und Iraker dabei gegeneinander ausgespielt; Traumergebnis für die USA war ein Patt der beiden verfeindeten Staaten im Golfkrieg. Während Israels Regierung voll auf den Iran setzte, bandelte Washington erst mit dem Irak an, dann mit beiden Kriegsgegnern, am Ende schließlich wieder mit dem Irak. "Eine Niederlage des Irak gegen den Iran wäre eine Katastrophe für die Interessen des Westens", hieß es 1987 in einer Studie des US-Senats, als der Krieg am Golf schon sieben Jahre tobte und die Zahl der Opfer an die Million heranreichte.
Über diese Analyse war Jörg Lau seinerzeit untröstlich:
Mir ist diese Sicht der Dinge schmerzlich, weil auch ich mir viel von den Interventionen versprochen habe. Aber ich finde, Dalrymples Analyse ist schwer von der Hand zu weisen.
Dalrymple schliesst seinen Artikel mit der Forderung:
Only by opening dialogue are we likely to find those with whom we can work, and to begin to repair the damage that self-defeating Anglo-American policies have done to the region, and to western influence there, since 9/11.

Mittlerweile habe ich das Buch gelesen, und ich kann es wärmstens empfehlen. Es geht um den auf dem indischen Subkontinent bekanntesten Fall von Interventionismus, der in seinen Auswirkungen auf die heutige Politik kaum überschätzt werden kann - es handelt sich um den Sturz des letzten einheimischen Kaisers von Indien, des - muslimischen - Großmoguls, Bahadur Schah Zafar II. (
Dieser Wikipedia-Eintrag wurde ganz offensichtlich von jemandem verfasst, der das Buch ebenfalls gelesen hat,
dieser indische Beitrag sieht ihn ohne den politischen Kontext,
dieser pakistanische Beitrag geht darauf ein.)
Worum geht es? Es geht um den Einfluss eines aufblühenden evangelikalen Christentums, das die Ansätze eines interkulturellen Zusammenlebens zwischen Christentum, Hinduismus und Islam zerstörte und die Kaiserkrone für das Empire sicherte. Wie Dalrymple in
einem weiteren Buch ausführlicher dokumentiert, entwickelte sich zunächst ein gedeihliches, wie wir heute sagen würden, multikulturelles Zusammenleben: Die Macht des Großmoguls war zwar längst nur noch eine nominelle, die sich auf das "Rote Fort" von Delhi (s. Bild) beschränkte, doch galt er immer noch als Indiens höchster Souverän. Seine Fähigkeit als Dichter war unbestritten und er galt als Föderer von Kunst, Musik und dem Sufi-Orden der
Chishti,
derem Weg er sich verpflichtet fühlte. Im Zusammenleben mit den Hindus gab es keine Probleme, eine Toleranz, die man auf die ersten Briten übertrug, und die von diesen ebenfalls gelebt wurde: Freiwillige(!) Konversionen zwischen den drei Religionen waren üblich, es gab Familien, die aus Angehörigen aller drei Religionen bestanden. Es gab - Islamkritiker aufgepasst! - Reformbewegungen nicht nur im Hinduismus, sondern auch im
Islam.
Dann stieg im britischen Christentum der Fundamentalismus auf, und es mussten Antipoden her. Man verfiel auf den
wahhabitischen Gelehrten Shah Waliullah. Kaum ein halbes Jahrhundert war der erste Versuch der Anhänger des Hofpredigers der Familie al-Sau'd, seit 1932 dann endlich Königsfamilie von Saudi-Arabien
niedergeschlagen worden, mittels Gewalt und Massakern gegenüber Shi'iten und anderen Sunniten einen puritanischen islamischen Staat zu errichten, von den Osmanen niedergeschlagen worden und seine Anführer in Konstantinopel gehängt. (Wie die Briten im Verein mit den Franzosen und den al-Sau'd die Landkarte des Nahen Ostens nach dem ersten Weltkrieg das erste Mal neu zeichneten, und wie das bis heute nachwirkt, soll hier nicht weiter thematisiert werden. Nur soviel:
Man zeichnet wieder, natürlich mit dem Mittel der Intervention/en.
Eine weitere Partei in dieser Auseinandersetzung war die
Britische Ostindienkompanie; sie unterhielt ihre eigene, einheimische Privatarmee, angeblich nur zum Absichern ihrer Unternehmungen:
die Sepoys - Muslime und Hindus gleichermaßen. Dass die Kolonie "Britisch-Indien" aus dem zunächst von jener Kompanie beanspruchten territorialen "Firmenbesitz" hervorging, was wiederum Anklänge an das belgische Kolonialreich hervorruft, sei der Vollständigkeit halber ebenfalls erwähnt.

Die Briten machten sich an die Arbeit: zunächst mit protokollarischen Nadelstichen, die bald in Schikanen übergingen, dem Verbreiten von Gerüchten über Zwangskonversionen (sic!), und dann war da noch die Sache mit dem
1853er Enfield Steinschloss-Gewehr: Die erwünschte vorschriftsmässige Handhabung verlangte es, daß man die Umhüllung des Schießpulvers zerbiss. Das gewünschte Resultat unter den Sepoys trat ein: Als das Gerücht verbreitet wurde, die papierene Umhüllung sei mit einer Mischung von Schweinefett und (!) Rindertalg getränkt, hatte man die Sepoys da, wo man sie haben wollte: im Aufstand!
(Wieso hatten sie denn überhaupt auf die Umhüllung gebissen? Na, weil man ihnen zunächst gesagt hatte, es handle sich um Pflanzenfett - und diese Behauptung nach ausreichendem Zeitabstand widerrief.) Die Sepoys, Hindus und Muslime gleichermaßen, hoben den Großmogul auf den Schild, doch der Aufstand wurde niedergeschlagen. Das Bild zeigt den Herrscher, nachdem er in einem Schauprozess abgeurteilt worden war, in Erwartung seiner Deportation nach Rangun/Birma, wo er 1862 starb und in einem anonymen Grab beigesetzt wurde. Damit war die Möglichkeit eines interkulturellen Zusammenlebens auf Augenhöhe - wie erwünscht - ein für alle Mal zerstört, die Saat nicht nur für den Teilungskrieg 1947, sondern für weitere Kriege und "Interventionen" gelegt.

Aktuell zum Thema aus diesem Gebiet: siehe hier und hier.
Was im Verlauf des gestrigen Tages im publizistischen Schatten von Nine-eleven dann konkret(er) wurde:
•Bush gibt Zustimmung für Angriff auf Pakistan.
•Bush gibt grünes Licht für Bodeneinsätze in Pakistan,
Bush gab Befehl für Sturmangriff.
Zwar bezogen sich alle Berichte auf eine vergangene Aktion, aber es dürfte kein Zufall sein, dass all das gerade am 11. September seinen Weg in die internationale Medienlandschaft fand. Es dürfte darum gehen, das auszubügeln:
Bushs Pakistan-Politik vor Scherbenhaufen.
Bildnachweis: wikimedia commons, AP
Disclaimer: Durch meine persönliche Linksetzung und die vom System vorgenommene Linksetzung auf ähnliche Artikel dokumentiere ich diese nur und mache sie mir nicht "zu eigen". "Ähnlich" ist ein weiter Begriff ...
Tja, wir werden uns weiter mit der Neoconnerie, den US-Neocons beschäftigen, die uns diese Woche richtig viel Arbeit machen, sei es, weil sie jetzt alle im Chor begehren, nicht schuld zu sein, sei es, weil sie den bedrängten Freunden vom Vlaams Belang hel ...