Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe.
Herr K. sagte: "Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde.
Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage fallen lassen.
Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so weit behilflich sein, dass ich dir sage, du hast dich schon entschieden:
Du brauchst einen Gott."
Geschichten vom Herrn Keuner
Bertold Brecht (1898-1956)
Dramatiker, Lyriker und Theatermann
Muhammad Sven Kalisch - Wenn der Glaube durch Wissen untermauert werden soll
Glaube ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Immer wenn wir von einer Gemeinde der Gläubigen reden, dann reden wir von einer Fiktion. Wir haben bestenfalls eine Gemeinschaft der Glaubenden, die alle ihrer eigenen individuellen Ausprägung von Religion nachgehen. Meist beginnen die Menschen zu irgendeinem Zeitpunkt nach einem Sinn zu suchen.
Dabei ist es völlig egal, in welcher Religion, oder ob sie religiös oder areligiös, erzogen wurden. Sie werden zu Suchenden. Häufig fällt das mit den Wehen der Pubertät zusammen, kann aber aber auch durch Verlust, Angst, Liebe oder Erwartung ausgelöst werden. Auch wenn diese Sinnsuche häufig als Reaktion auf eine Erschrecken vor der rauhen Wirklichkeit abgetan wird, ist das zu kurz gedacht.
Es gibt ein menschliches Schutzbedürfnis, das nach dem Sinn des Lebens und der richtigen Ausrichtung fragen muss. Jeder möchte gerne gut sein und auf der richtigen Seite stehen. Entscheidend ist, wer an dieser Stelle, aus welchen Beweggründen, welche Antworten gibt. Die Menschen, die an diesem Punkt angekommen sind, wollen glauben. Sie sind geradezu zum suchen und glauben gezwungen.
Dummerweise gibt es viele Religionen und viele menschliche Antworten. Das Spektrum umfasst praktisch den gesamten menschlichen Denkhorizont. Wenn man einmal göttliche Fügung herauslässt, kann der Suchende auf jede nur denkbare Antwort stoßen und diese für sich in Glauben umwandeln. Denn selbst die besten Lehrer, können an dieser Stelle kaum steuern, wie sich der präsentierte Glauben und seine Inhalte in dem Glaubenswilligen verselbstständigen.
Wenn man Glaubenstheorie und Glaubensvorschriften irgendwo in einem Computer abspeichert oder in ein Buch schreibt, bleiben sie dort für lange Zeit unverändert. In einem Menschen werden sie aber schon im Zeitpunkt der Aufnahme verändert und verändern sich über die Speicherdauer ständig. Zu Anfang mögen diese Veränderungen noch minimal sein. Im Laufe eines Glaubenslebens können sie sich sehr weit von ihren Ursprüngen entfernen.
Glauben ist etwas individuelles. Es darf angenommen werden, dass nicht zwei Menschen den identischen Glauben haben. Schon bei der Bestimmungen von Farben und Gerüchen kommen Menschen zu den unterschiedlichsten Ergebnissen, wieviel mehr mag das auf Glauben zutreffen, der sehr stark von den eigenen Gefühlen gelenkt wird.
Der nächste wesentliche Punkt ist die menschliche Faulheit. Jeder bekannte Glauben erfordert bestimmte Verhaltensnormen. Meist unbequeme. Fasten, Kirchgang, regelmäßiges Beten oder Gedenken, gar lesen in der Bibel oder im Koran. Glauben ist Arbeit. Der Mensch ist faul und findet Auswege. Wenn ich Dienstags den Psalm auf dem Kopf stehend psalmodiere, darf ich Freitag ausruhen und Sonnabend in die Disko.
Die katholische Kirche die in Glaubensdingen oft sehr praktisch ist, kennt den Begriff der Felix Culpa der glückseeligen oder glücklichen Schuld. Wie viele Ausweichmöglichkeiten im Glauben stammt auch diese von Augustinus, der sehr wohl erkannte, dass sein Glaubensbrüder, aber natürlich auch die Menschen seiner Zeit, eigentlich wenig mit Gottes Geboten zurecht kamen und diese auf die unterschiedlichste Art umgingen, sich aber deshalb mies fühlten.
Sein Ausweg war die Felix Culpa. Denn es können natürlich nur Sünder erlöst werden. Wer ohne Sünde wäre, könnte ja gar nicht erlöst werden, so dass also eine ordentliche Portion Glaubensversagen, also Sünde unheimlich praktisch ist, weil man dann, die stets bereite Erlösung durch Jesus Christus nur annehmen brauche und erlöst wäre.
Ein kluger Mann dieser Augustinus und ein guter Politiker. Durch die ewige Kette von Sünde und Vergebung durch die Beichte, hielt er die Herde zusammen. Klasse gemacht. Der Martin Luther war nicht so schlau, der wollte zwar heute noch einen Apfelbaum pflanzen, auch wenn er wüsste das morgen die Welt unterginge, aber das war mehr ein Ultimatum an Gott.
Siehst du Gott, ich habe einen Apfelbaum gepflanzt der unschuldig ist. Du kannst doch nicht die Unschuldigen zusammen mit den Schuldigen verderben. Jonas wollte nicht Ninive weil ihm sein Gott nicht rachsüchtig genug war, Noah war er zu rachsüchtig und die Leute von Sodom dachten wohl ähnlich. Die Götter haben es auch nicht leicht.
Luther der sich selbst als Bestandteil der herrschenden Klasse sah und dies in seinem Verhältnis zu den Bauernaufständen ja auch deutlich kundgetan hat, gönnte den Menschen die Felix Culpa nicht mehr. Er wollte aus der Erde das Jammertal machen, dass es zu durchschreiten gilt um ins Paradies zu gelangen. Nicht nett zu seinen Mitmenschen, aber es sollte seine Herren vor Revolutionen schützen und wirkt ja heute noch nach.
Die Menschen sollen sich nicht mehr die Erde untertan machen sondern Untertanen auf der Erde sein. Da konnte ein Friedrich Nietzsche lachend lästern:
"O dass doch die Erlösten erlöster aussähen!"
Nein sie sehen nicht erlöst aus. Sie haben ihren Glauben frei gewählt, aber sie ächzen und stöhnen unter den Lasten, die ihnen ihr Selbstverständnis von dem selbsterwählten Gott, auferlegt. Es ist nämlich meist nicht der Gott, sondern das, was sie aus ihm gemacht haben.
Je jünger solch ein Glaube ist, desto leichter werden die selbstauferlegten Lasten getragen. Es ist geradezu schick ein Hiob zu sein. Auf Dauer ist dieses Dasein als Hiob aber ziemlich lästig. Auf dem Marsch des Glaubens durch das finstere Tal der Erde ist Marscherleichterung angesagt. Ein netter alter Jesuit erzählte einmal das Glauben viel Ähnlichkeit mit Schuhen hat. Wenn sie neu sind, drücken sie, scheuern verursachen mancherlei Pein, zumindest wenn es gute Schuhe sind, die lange halten sollen.
Aber mit der Zeit formt der Schuh den Fuß und der Fuß formt den Schuh. Es schleift sich ein. Die Glaubenslast wird leichter und man kann besser mit seinem Glauben leben. Die Alten im Glauben sündigen scheinbar weniger. Das stimmt natürlich nicht, es fällt ihnen nur nicht mehr auf. Sie haben eine Möglichkeit gefunden zu sündigen, ohne dass sie dies, für sich selbst als Sünde realisieren.
Bei Ohrenbeichten, erzählen andere Priester, bekommen sie von mittelalten Frauen einen Unsinn an erdachten Sünden präsentiert, dass es zum Haare ausraufen sei. Die merken ihre Sünden nicht mehr. Das gilt übrigens in jeder Religion, in der sich die Glaubenden nicht ständig gegenseitig kontrollieren und selbst bei einem Höchstmaß an Kontrolle, werden eher skurile Strukturen entwickelt, in denen ganze Gemeinden sündigen können, ohne das es bemerkt würde.
Ein solch eingeschliffener Glaube setzt natürlich eine gewisse Kritiklosigkeit der Glaubenden gegen sich selbst voraus. Es fällt eher simplen Geistern leichter, als Menschen die sich ständig selbst hinterfragen. Das ist nämlich das Hauptproblem, das der denkende Mensch mit dem Glauben hat. Er hinterfragt sich selbst und kann sich die Lüge, gegen sich selbst und seinen Glauben, nicht verzeihen.
Tatsächlich kann aber auch der denkende und glaubende Mensch nicht fehlerfrei glauben. Er bleibt sündig. Ist sogar sündiger als andere, weil er die Vorschriften seines Glaubens viel ernster nimmt und viel genauer analysiert. Er steht sich selbst auf dem Weg zu einem leichteren Glauben im Wege und kommt nicht um sich herum. Das ist tragisch.
Meist trifft es Priester, Prediger und Glaubenswissenschaftler am härtesten. Wenn sie nicht ohne Glaubensverfehlungen oder Sünde leben können, dann muss irgendetwas nicht stimmen. Natürlich sind sie nicht bereit ihren mühsam erkämpften Glauben an sich fallen zu lassen, sondern sie gewichten um. Das ist bei den Buchreligionen einfach. Da ist für jeden etwas dabei.
Jesus als erster Sozialist, besseren Inzest mit Noah und eine ganze Kirche die auf einem Verräter aufbaut. Drei mal sieben gibt ganz feinen Sand. Die einen legen das alte Testament unter den Altar damit der nicht wackelt und benutzen nur das neue Testament. Die anderen locken mit dem neuen Testament um dann das alte Testament als Keule zu benutzen.
Der eine hat seine Talmudschule und der andere seine Glaubensrichtung im Islam und der Dritte predigt die Befreiungstheologie oder wird gar gleich Politiker. Alle sind ernsthaft bemüht. Aber sie kommen an dem Grundübel nur beschränkt vorbei. Sie müssen einen neuen Glauben bauen. Ein paar Vorschriften anders sortieren und die Wichtigkeit neu belegen.
Ein gutes Mittel ist dabei die Geschichtsforschung. Man möchte den Geist dieses Abrahams, Jesus oder Mohameds aus alten Steinen und Papieren destillieren und bestimmen was diese wohl gedacht und gemeint haben könnten. Das sind keine Häretiker. Das sind Suchende. Ehrlich Suchende auch wenn ihr Motiv natürlich falsch ist.
Sie wollen nicht ihren Glauben beweisen oder gar ihren Gott, sondern ihre persönliche Meinung über diesen Glauben und diesen Gott und wie die beiden auszulegen sind, bestätigt bekommen. Es geht wie so oft in der Wissenschaft nicht um Wahrheit sondern um Bestätigung. Bei den Naturwissenschaften führt das maximal zu gefälschten Experimenten, die dann einfach von anderen Wissenschaftlern widerlegt werden.
Beim Glauben ist das schwieriger. Die Vermischung von Wissenschaftlichem Beweis mit Glauben ist eine große Gefahr für die Wahrheit. Glauben ist nicht angreifbar, weil er eine individuelle Wahrheit eines Menschen ist. Wenn sich diese vielen Glauben in einer Gemeinde zusammenfassen lassen, ist das gut. Wenn es zu großen Glaubenschulen reicht, noch besser, weil die Schwarmmeinung zu einem mäßigen Glaubensklima führt, damit die Gemeinschaft nicht zerbricht.
Wissenschaft aber muss ständig hinterfragt werden. Wer Glauben durch Wissenschaft beweisen will, öffnet damit dem Hinterfragen seines Glaubens Tor und Tür und muss ihn schlussendlich auch selbst in Frage stellen, was meist eine menschliche Tragödie ist. Deshalb ist die Geschichte von Prof. Muhammad Sven Kalisch eben so tragisch und in keiner Weise lächerlich.
Existiert Gott?
Es macht sich ein Gläubiger auf, nach bestem Wissen und Gewissen; er folgt den Fragen, die ihn rufen; und sie führen ihn weit ab vom gängigen Pfad seiner Religion.
Dieser Gläubige ist Muhammad Sven Kalisch, seit 2004 der erste deutsche Professor für »Religion des Islam«. Vor Wochen schon waren die sonderlichsten Dinge über ihn zu hören: dass er an der Existenz der Propheten Moses, Jesus und Mohammed zweifele. Dass er somit den Koran nicht als Offenbarung ansehe. Dass er eventuell Gott selbst infrage stelle, an eine Form hinduistischer Wiedergeburt glaube und dergleichen mehr. Vergangenen Freitag erklärte der Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland offiziell: Man könne muslimischen Studierenden das Studium bei Kalisch nicht mehr empfehlen.
Was zunächst nach Gerüchteküche klingt, erweist sich im Gespräch mit Kalisch zum Großteil als begründet: Neuere kritische Forschungen zum Alten Testament findet er zunehmend überzeugend. Auch die Quellenlage zum Leben Mohammeds sei äußerst dürftig. Sollte dieser gelebt haben, könnten Teile des Korans womöglich auf seine Urheberschaft zurückgehen, andere aber der islamischen Theologie späterer Jahrhunderte entstammen. Und doch bleibt Kalisch dabei: »Ich bin Muslim. Ich halte den Ramadan ein. Der Islam ist die Tradition, aus der ich komme.« Im Alter von 15 Jahren ist er zum Islam konvertiert. Dieselbe Nachdenklichkeit, die ihn zum Islam hinführt, treibt ihn jetzt anscheinend über die Grenzen der Lehre zu einer Art universellen Religion.
Die Frage nach der Existenz Gottes hat Brecht durch Herrn Keuner ein für allemal beantwortet. Prof. Kalisch braucht Gott und er sucht verzweifelt nach ihm. Das ist eine Suche nach Erlösung, die jede Religion tolerieren muss. Denn nur wer sich nach Gott sehnt, stellt sich diese Fragen.
Dadurch geraten konventionellere Muslime in eine schwierige Lage. Immerhin soll Kalisch in Münster Islamkundelehrer ausbilden. »Diese Lehrer brauchen eine Orientierung«, sagt der Zentralratsvorsitzende Ayyub Axel Köhler und seufzt: »Hätte er nicht den Mittelweg nehmen können? Irgendein Mittelding zwischen diesen sogenannten Fundamentalisten, die den Koran im Grunde nur missbrauchen, und … und dem, was er jetzt denkt?« Der Seufzer klingt milde angesichts der Radikalität, mit der Kalischs Überzeugungen den üblichen muslimischen Konsens verlassen. Doch zu diesem Konsens gehört eben auch, dass kein Muslim einem anderen den Glauben absprechen kann; zu solcher Toleranz hat sich der Zentralrat verpflichtet, und er hält sich daran.
Was Ayyub Axel Köhler empfiehlt ist die Lüge. Soll er doch so tun als ob er glaube. Das ist die Antwort derer, denen die Schuhe längst passen. Die es sich bequem gemacht haben. Die nicht nach ihrem Gott suchen, sondern bestenfalls mit Mühe lässig von ihrem Thron herunterwinken, den sie sich selbst gebaut haben in ihrer glaubenden Selbstrechtfertigung, wenn dieser Gott zufällig mal vorbeikommen sollte.
Aber er wird sich hüten dieser Gott, wenn es ihn denn gibt. Er wird sicher nicht in Rom Station machen und nicht bei jenen Evangelikalen die, die Juden nur brauchen um Armageddon erreichen zu können und sie dann in letzter Minute, zurück in die Hölle zu stoßen. Er wird auch nicht bei jenen Juden halten, die den Tod der Palästinenser als Vorbedingung für ihr Leben ansehen und nicht bei jenen Palästinensern und Muslimen die sich das umgekehrt wünschen.
Es ist allerdings sicher, dass er sich auch nicht die Mühe machen wird, den Zentralratsvorsitzende Ayyub Axel Köhler aufzusuchen, während es gut vorstellbar ist, dass er bei dem Fragenden Prof. Muhammad Sven Kalisch anhält. Es wird auch den Islamlehrern nicht schaden, wenn sie von den Zweifeln hören. Zweifel im Glauben sind nämlich das Ölbad, das den Stahl des Glaubens härtet.
Es ist übrigens für das hier gesagte unerheblich ob es einen Gott gibt oder nicht. Es ist auch völlig egal welcher Gott der richtige Gott ist. Ehrlicher Glaube ist das Bemühen einem hohem menschlichen Ideal zu folgen. Der ehrlich Glaubende, egal welcher Religion nutzt allen. Auch den Ungläubigen.
Gerade den Ungläubigen wie dem Autor steht es gut an, den Glauben des anderen als das zu sehen, was er auf jeden Fall ist. Ein positiver Stein im Charakterbild.
Kommentare
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#1
teoman fislar
am
10/08/08 um 02:25
[Antwort]
Er hat recht





















Duckhome hatte hier und hier über den Fall Kalisch berichtet; Heute hat die Hamburger Schura eine Presseerklärung herausgegeben, in der es unter anderem heisst: Auch für die Schura in Hamburg sind die jüngsten Thesen von Prof. Kalisch über den Propheten ...