Er gehört definitiv nicht zum morgendlichen Publikum auf diesem Straßenstück. Ich kann ihn zwar noch nicht sehen, aber seine Duftfahne flattert ihm voran. Arcandor Karstadt, oder wie auch immer die jetzt heißen mögen, haben da so eine Duftabteilung. Wer sich bis dahin durchgekämpft hat, muss olfaktorisch tot sein.
Monsieur Le Bürzel
Er gehört definitiv nicht zum morgendlichen Publikum auf diesem Straßenstück. Ich kann ihn zwar noch nicht sehen, aber seine Duftfahne flattert ihm voran. Arcandor Karstadt, oder wie auch immer die jetzt heißen mögen, haben da so eine Duftabteilung. Wer sich bis dahin durchgekämpft hat, muss olfaktorisch tot sein.
Er hat es riechbar bis in die dunkelste Ecke geschafft. Herrenparfum. Marke Fliegentod. Am kalten frühen Morgen gibt es hier auf der Straße noch keine Fliegen, aber sicher rutschen sie in den anliegenden Häusern jetzt tot von den Scheiben.
Ich kann seinen Schritt hören. Trippelig aber sehr bemüht. Dazu höre ich seine Aktentasche. Die Art wie sie am Anzugstoff reibt, sagt mir das er nicht oft zu Fuß geht. Zumindest nicht mit Tasche. Anzüge behandelt man nicht so. Die rächen sich. Sein Schritt kommt näher.
Ich habe unzählige Schritte im Gedächtnis. Es macht sich als Chef ganz gut, seine Leute am Schritt oder besser am Schrittgeräusch zu erkennen. Man kann sich vorbereiten, lange bevor man angequatscht und mit irgendwelchen Belanglosigkeiten überfallen wird. Ich kenne den Schritt nicht, aber die Art von Schritt. Es ist ein quengelnder, unzufriedener Schritt. Er drückt den ganzen Missmut eines kalten, trüben Mittwochmorgens im September aus.
Ein Mensch, der hörbar gehend protestiert. In meiner Firma wäre das für mich ein Alarmsignal. Aber hier registriere ich es nur. Wahrscheinlich braucht die Frau heute das Auto und für ein Taxi reicht es nicht mehr. Die Zeiten werden überall schlechter. Sein Duft oder besser Gestank beginnt mich zu umhüllen. Das wäre in jeder Firma, in der ich etwas zu sagen hätte, sein Todesurteil. Er hätte sich selbst weggeduftet.
Aber früher habe ich selbst noch geraucht. Da roch man viel weniger. Ich gehe bewusst etwas langsamer. Ich habe es nicht eilig. Ich habe gestern bis um halb zwölf geschrieben und heute morgen wieder seit halb drei. Ich bin zufrieden mit mir. Töchterchen ist bereits in der Schule und geht auch vor dem Bergfest, in der zweiten Woche, noch gerne hin. Braucht keinen Förderunterricht, zumindest jetzt nicht. Ich bin bester Laune.
Soll der mißmutig schreitende Stinker mich doch überholen. Sein Getrippel kommt näher. Die Duftwolke lässt leicht nach. Wir haben heute wechselnde Winde. Ich grüße eine Mutter die mit ihrem Kind auf dem letzten Drücker zur Schule hastet. Beide sichtbar im Stress. Das schaffen die jeden Morgen. Natürlich sind Töchterchen und ich immer zu früh.
Alte Verkäufer- und Chefexistenz. Sei immer zu früh. Du musst den anderen überraschen. Das was man unvorbereitet zeigt ist meist die Wahrheit. Dazu kommt, dass man sich für zu spät kommen entschuldigen muss. Ich will mich nicht entschuldigen. Töchterchen ist viel zu gierig auf die Schule, sie drängt eher auf noch früheres losgehen. Ich hoffe das hält noch eine Weile.
Nun ist er gleich auf. Schwarze Ledertasche, gute Qualität. Die hat mal um die 400 Euro gekostet. Ich tippe auf Ziegenleder. Leider schlecht gepflegt. Ein wenig zu voll gestopft. Ich nenne solche Aktentaschen, Taschen der Verzweiflung. Wenn man nicht weiß, was man mitnehmen soll, nimmt man alles mit. Wie oft habe ich Vertriebsleute ihre Taschen ausräumen lassen. Alles raus was nicht gebraucht wird.
Gebraucht wird praktisch nichts. Was habe ich immer gelästert wenn die Jungs von IBM mit den zwei Koffern antrabten, um nur ja jeden Prospekt und die Urinproben ihrer Großeltern jederzeit griffbereit zu haben. Ich habe meine dann immer gefragt ob sie mit Computern und Software, oder mit Prospekten handeln. Die vollen Taschen drücken natürlich Angst aus.
Die alte Angst nicht vorbereitet zu sein. Aus dieser Angst heraus sprudelt dann auch immer sofort ein Redefluss über Kunden und Mitarbeiter hinweg, der droht diese wegzuschwemmen und während die noch bemüht sind ihr Leben gegen diesen Redefluss und die Prospekte, Ausdrucke und Power-Point-Tsunamis zu retten, hat der Mann sein Ansehen und seinen möglichen Auftrag verspielt.
Er wechselt auf meiner Höhe die Tasche. Sie scheint schwer zu sein. Als ob er sein ganzes Leben in ihr forttragen müsste. Aber sie war nicht so wichtig, sie mit einem Lappen und etwas Creme zu pflegen. Sie wird irgendwann ausgetrocknet sein und reißen. Er wird es vermutlich nicht bemerken.
Er bemerkt auch seinen Anzug nicht. Er setzt sich schon in der Farbe seines Anzuges ab. Nein er ist nicht dieses Einerlei. Dieses Blau, Schwarz, Nadelstreif in hell und dunkel. Er hat auch nicht den Ausweg Hellgrau mit fast weißem Nadelstreif gewählt, zudem dann meist nur noch ein weißer Hut fehlt, um einen weißen Elefanten zu markieren, den die Herde als Albino ausstösst.
Er hat sich für Braun entschieden. Mittelbraun. Hundescheiße nach Rindfleischgenuss mit leichtem Rotstich. Mutig. Mutig. Ich beiße mir auf die Lippen. Ich habe keine Recht ihn auszulachen. Aber er scheint meine Mißachtung zu spüren und richtet sich auf. Viel Spaß dabei. Ich habe mir im Leben zu oft den Kopf an Türen und Deckenbalken gestoßen, um Länge mit Größe zu verwechseln.
Er kam solchen Gelegenheiten sich den Kopf zu stoßen wohl seit einer Kindheit nicht mehr nahe. Zumindest seit er aufgehört hat unter Tischen und Stühlen herumzulaufen. Selbst die Türen in alten Fachwerkhäusern sind deutlich zu hoch für ihn.
Natürlich stellt er mit einem Seitenblick fest, dass auch sein aufrichten nicht reicht um mich zu beeindrucken. Ich grinse ihn mal freundlich an. Es nutzt ja nichts dem Kerlchen den Tag vollständig zu versauen, auch wenn es da wohl nicht mehr viel gibt, dass man ihm, um kurz vor acht, für heute noch versauen könnte.
Natürlich reckt er sich noch mal und spreizt die Schultern. Ich bin zwar auf dem absteigenden körperlichen Ast - geistig kann man das ja selber nie so genau selber feststellen, aber er könnte sich hinter mir noch beruhigt nackt ausziehen. Mittlerweile bin ich echt amüsiert. Das Hähnchen macht mir Spaß.
Ich betrachte ihn etwas genauer. Er trägt seine Anzug sehr körperbetont könnte man positiv bemerken. Ich kenne diese Art von Körperbetontheit allerdings viel zu gut. Der Arme hat sich in seinen Anzug hineingefressen und ist nun auf dem Weg aus ihm herauszuwachsen. Er hat die Grenze schon mehr als überschritten, eigentlich wäre ein neuer Anzug fällig, oder besser schon lange fällig gewesen.
Er ist so in diesem unbestimmten Alter. So zwischen 25 und 45 in dem bestimmte Männer einfach zu verharren scheinen, ohne das man sie fest zuordnen könnte. Wahrscheinlich hat er bis vor nicht allzu langer Zeit auf seine Figur geachtet. Den Muskeln nach zu urteilen auch viel Sport getrieben. Ich tippe auf Tennis und Laufen weil er diese Betonung des rechten Bizeps und der Beine hat.
Die Muskeln sind noch da, aber sie wandeln sich langsam in Fett oder werden vom Fett überlagert. Ich muss einfach auf die Schuhe sehen. Oh. Da ist der Verfall schon einen Schritt weiter. Schwarze Schuhe kann man mit viel Schuhcrem lange ansehbar erhalten. Braune Schuhe sind da viel verletztlicher, weil man sie meist nur mit farbloser Creme behandelt.
Das hat er zum einen nicht regelmäßig und zum anderen nicht gut genug gemacht. Die Schuhe sehen älter und billiger aus, als sie sind. Wer braune Schuhe tragen will, muss eben mehr Geld und Zeit haben, als der mit den schwarzen Schuhen. Aber er ist sogar den Schritt weitergegangen. Als er an mir vorbei ist, sehe ich die schwarzen oder eher schwarzblauen Socken zu hellbraunen Schuhen und dunkelrotbraunem Nadelstreifen.
An der Hand hat er eine Plastikuhr, die dort seltsam verloren wirkt. Nun ist er vorüber. Er trägt gegeltes Haar. Meinetwegen. Ich mag schon keine Handcreme weil ich das Geschmiere als ekelig empfinde. Er hat ein Gelfass über sich ausgeleert. Das mag ja sogar modern sein. Ich habe wirklich keine Ahnung, ich kam schon unmodern zur Welt. aber das beste kommt zu Schluss. Seine Haare enden in einem spitzen Bootsheck.
So ca. vier Zentimeter hinter seinem Schädel. Völlig spitz. Wie so ein Radfahrerhelm beim Zeitfahren. Allerdings sind diese Helme aus Kunststoff. Er hat aus seinen klebrigen Haaren eine Art von Federn geformt, die an der Spitze des Bootshecks noch ein Wenig auseinanderstreben. Das sieht aus wie ein Bürzel eines alten Enterichs. Ich habe Mühe nicht laut zu lachen.
Man hat in Deutschland nicht zu lachen, schon gar nicht auf der Straße und erst recht nicht über andere Menschen. Ich habe mein Tempo extra gedrosselt, weil ich aus seiner Gestanksfahne entkommen will. Ich weiß alles über ihn, was ich wissen wollte, eigentlich viel mehr.
Man merkt wie er sich unbeobachtet glaubt und in sich zusammenfällt. Er muss eine Menge verloren haben. Ich tippte auf Job und Familie, Haus und Auto. Er tut mir leid, aber wahrscheinlich würde er mein Mitleid nicht verstehen. Er ist in seiner Situation noch nicht angekommen. Aber keine Sorge das geht schnell. Solche Abstürze sind meist gründlich. Eine andere Mutter aus der Schule schließt zu mir auf.
Sie grinst mich an, hat die Szene wohl von hinten beobachtet: "Wenn ich den nicht kriege, schmeiße ich mich hinter die nächste U-Bahn." teilt sie mir mit strahlenden, jungen Augen mit. Ich muss lächeln. Eigentlich müsste sie als Alleinerziehende, mit ein paar zusätzlichen Problemen, die Geknickte sein und nicht dieses Männchen. Aber sie strahlt. Sicher nicht wegen mir. Sie dürfte jünger als meine älteste Tochter sein.
Sie liebt das Leben. Auch wenn es schwer ist. Man hat in den letzten Tagen ja des öfteren miteinander gesprochen. Schulkindereltern eben. Gefangen in dieser kurzen Phase eines neuen Lebensabschnittes. Vielleicht hätte ich Monsieur Le Bürzel zu einer neuen Frau und neuen Kindern raten sollen. So einer mit einem hellen Lachen und blitzenden Augen wie der an meiner Seite. Aber ich glaube nicht, dass er wirklich einen Rat will.
Er scheint fertig zu haben. Abwarten ob man ihn wiedersieht. Manche verschwinden so schnell wie sie aufgetaucht sind. Eine befreundete Ärztin die Obdachlose behandelt, erzählte mir kürzlich von immer schneller werdenden Karrieren. Gestern noch auf hohen Rossen und heute in der Gosse. Ich muss gerade an die Bilder von den Lehman Mitarbeitern denken die gestern und vorgestern durch die Presse gingen.
Wie verloren sie mit ihren Pappkartons vor ihren schönen und herrschaftlichen, aber leider auch ehemaligen Arbeitsplätzen standen. Sehr viel zerbrochene. Sehr viele Zuspruch und Hilfe brauchen könnten. Nur wie kann man jemandem helfen, der sich noch gestern für unbesiegbar hielt. Man kann nur gegen die Entwicklung anschreiben. Eine neue Gesellschaft predigen. Eine Gesellschaft des gemeinschaftlichen Lachens.




















Nein, der OECD Bericht liefert nichts neues. Das kennen wir schon aus dem Armutsbericht der Bundesregierung und außerdem hat ja das völlig unverdächtige Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) schon längst festgestellt, dass der T ...