Schaut man sich in der hiesigen Medienlandschaft um, so fällt auf, dass der Islam bzw. die Muslime immer wieder in den Focus der Aufmerksamkeit gezerrt werden. In 99% der Fälle (mein Eindruck) immer in Verbindung mit Terrorismus, Kriminalität (verprügeln anderer), Ehrenmord usw.
In sämtlichen Krimiserien (z.B. Tatort) tauchte dieses Thema irgendwann auf, in "Sleeper Cell" widmete man sogar eine ganze Serie dem Thema Terrorismus. Auch in Kinofilmen (z.B. The Stone Marchant) fand das Thema Einzug. Grad konnte man lesen, dass ein neuer Kinofilm mit Samuel L. Jackson in Planung sei.
Von den Titelseiten der Magazine erfassten uns düstere Bilder mit noch düsteren Titeln, mit denen dem Leser impliziert werden solle, Deutschland werde islamisiert. Passend dazu titeln sogenannte Islamkritiker in ihren Buchtiteln "SOS Abendland" oder "Heiliger Krieg in Europa".
So wird schnell klar, welches Bild hier im Westen konstruiert werden soll: das Feindbild Islam.
Blickt man dagegen in den Osten Europas (besonders Rumänien), muss man feststellen, dass dort eine andere Gruppe für alles Übel herhalten muss: die "Zigeuner" (Roma).
Darum wird es in diesem zweiteiligen Artikel gehen.
Im ersten Teil liefere ich einen (sehr knappen) Überblick über die Geschichte der Sinti und Roma in Europa und einige Beispiele aus der jüngeren Gegenwart, wie Sinti und Roma Diskriminierungen und blankem Hass ausgesetzt sind, was von den Bürgern ausgeht, die vermutlich hauptsächlich medial gepusht werden, leider auch hier im Westen.
Feindbild- was ist das?
Die Wikipedia bietet dazu eine gute Erklärung. Damit der Artikel nicht den Rahmen sprengt, fasse ich hier die wesentlichen Punkte stichwortartig zusammen:
• Beruhend auf Vorurteilen, ein konstruiertes Bild
• Entspricht in den meisten Fällen nicht der Realität
• Dient der psychosozialen Stabilisierung und dem Gruppenzusammenhalt
• Wird oft mithilfe von Propaganda gezielt aufgebaut
• Müssen in Krisenzeiten als Schuldige herhalten („Sündenbockmechanismus“)
Sinti und Roma- einst integriert und geschützt- und heute?
Zunächst ein (wenn auch ultrakurzer) Überblick über die Historie und andere Vorabinformationen:
Die Sinti und Roma stammten ursprünglich aus dem indischen Raum und sind vor über 600 Jahren über Nordafrika nach Europa gekommen. Roma ist dabei der Oberbegriff für mehrere ethnisch miteinander verwandte Bevölkerungsgruppen, ihnen gemeinsam ist die Sprache Romanes. Eigentlich gibt es sie auf allen Kontinenten, der Schwerpunkt liegt aber auf Europa, speziell im Südosten.
Sinti sind eine Untergruppe der Roma. Sie leben in Mittel- und Westeuropa und im nördlichen Italien. In den deutschsprachigen Ländern sind sie die größte der dort lebenden Roma-Gruppen. Ihre Sprache, eine Varietät des Romanes, weist aufgrund des mehr als 600jährigen Aufenthalts im deutschen Sprachgebiet eine starke Prägung durch die deutsche Sprache auf.
Über die Fremdbezeichnung „Zigeuner“
Der Begriff hat eine lange Geschichte als abwertende Fremdbezeichnung. Im Nationalsozialismus wurde er mit rassistischem Inhalt als Gesamtbezeichnung der Ethnie verwendet. Weil er historisch und vor allem nationalsozialistisch kontaminiert ist, wird er von vielen Roma, so auch vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, als diffamierend abgelehnt. Anderer Ansicht ist die Sinti Allianz Deutschland, die das Wort neben Sinti auch als Eigenbezeichnung akzeptiert.
Historie
Bis zum 15. Jahrhundert standen die Sinti und Roma unter dem Schutz der deutschen Könige und Landesfürsten, die ihnen sogenannte Schutzbriefe ausstellten. Als es langsam vom Mittelalter in die frühe Neuzeit überging, eine Zeit des politischen und sozialen Umbruchs, wendete sich das Blatt:
Ihnen wurde die Ausübung ihres Handwerks untersagt, aus vielen Gebieten wurden sie vertrieben. Obwohl sie sich zur christlichen Kirche bekannten, wurden sie als Heiden oder Verbündete des Teufels stigmatisiert. Auch mussten sie bald als Sündenbock für sämtliche Missstände herhalten.
15.-18. Jahrhundert
Ein Einschnitt kam 1498: Auf dem Freiburger Reichstag erklärten Reichsfürsten und Reichsbischöfe die Sinti als Spione der Türken und Feinde der Christenheit für vogelfrei. „Diese Vogelfrei-Erklärung ist beispiellos in der deutschen Rechtsgeschichte. Maßgebend dafür war die Angst vor den Türken, die am Ausgang des 15. Jahrhunderts geradezu hysterisch anmutende Ausmaße annahm.“ Die Landesfürsten erließen „Zigeunergesetze“ und untersagten den Sinti den Aufenthalt in ihren Ländern bei Androhung von Prügel, Brandmarken und Hängen.
Sebastian Münster prägte mit seinen 1550 veröffentlichten Mappa Europaea, einem der erfolgreichsten Bücher des 16. Jahrhunderts, das Zigeunerbild entscheidend. Er ergänzt den verbreiteten Antiziganismus um dem religiösen Aspekt, weil die Zigeuner früher einmal vom christlichen Glauben abgefallen wären, sei ihnen als „Buß auffgesetzt, daß sie [...] solten im Elend umherziehen“.
Der Göttinger Historiker Heinrich Moritz Gottlieb Grellmann widerlegte in seinem Buch „Die Zigeuner. Ein historischer Versuch über die Lebensart und Verfassung, Sitten und Schicksale dieses Volkes in Europa, nebst ihrem Ursprunge“ (Dessau/Leipzig 1783), dass die Zigeuner aus Ägypten stammen sollen. Grellmann beschrieb die Zigeuner als minderwertiges, weil orientalisches Volk, dem „Eigenschaften“ wie Faulheit, mangelnde Körperhygiene, die Neigung zum Diebstahl wie die besonders große sexuelle Aktivität gleichsam „angeboren“ seien. Er überwand den religiösen und auf Aberglauben beruhenden Antiziganismus und wandte als erster den Rassegedanken auf die Zigeuner an.
19. Jahrhundert
Auf der anderen Seite gab es auf lokaler Ebene friedliche Formen des Zusammenlebens mit der Mehrheitsbevölkerung. Und später wurde sogar dies dokumentiert:
„In einem Bericht der Landvogtei am mittleren Neckar aus dem Jahre 1812 heißt es:
Die Zigeunerfamilien wurden schon vor sehr vielen Jahren in den Alt-Württembergischen Landen geduldet und erhielten zum Teil Schutzbriefe, zum Teil auch Anstellungen, zum Teil dienten sie unter dem Württembergischen Militär; durch diese verschiedenen Duldungen
erhielten sie ein Recht auf das Land.
Im 1. Weltkrieg hatten viele während ihres Armeedienstes für den Kaiser hohe Auszeichnungen erhalten.
Noch kurz vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler berichtet die „Pfälzische Rundschau“:
Die Zigeunerfamilien kommen ins Dorf, kaufen ihre Milch und ihr Brot, fallen sonst nicht auf, schicken ihre Kinder in die Ortsschule, besuchen den Gottesdienst, denn sie sind zum römischkatholischen Glauben übergetreten und haben auch bei der letzten Reichspräsidentenwahl ihre Staatsbürgerpflicht erfüllt.
NS-Zeit
Mit Beginn der NS-Diktatur wurden die Sinti und Roma auf der Grundlage der nationalsozialistischen Rassenideologie schrittweise entrechtet, ihrer Lebensgrundlage beraubt und schließlich in die Vernichtungslager deportiert. Die letzten Sinti- und Roma-Familien, die bis dahin noch nicht in KZs inhaftiert wurden, werden im Zuge des Auschwitzerlasses vom 16. Dezember 1942 deportiert.
Ziel war die vollständige Vernichtung dieser Minderheit. Schätzungsweise 500.000 Sinti und Roma fielen dem Holocaust zum Opfer.
Zu Beginn der Bundesrepublik
Im Gegensatz zu den Juden, wurde der Völkermord an den Sinti und Roma jahrelang geleugnet, was dazu führte, dass ihnen ihre Ansprüche auf Entschädigung nicht zugesprochen wurden.
Erst der 1982 gegründete Zentralrat der Sinti und Roma brachte die Wende:
Am 17. März 1982 empfing der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt eine Delegation des Zentralrats und erkannte in völkerrechtlich bedeutsamer Weise die NS-Verbrechen an den Sinti und Roma als Völkermord aus Gründen der so genannten "Rasse" an.
Und wie sieht es heute aus?
Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats der Sinti und Roma, erzählt in einem Interview (hier von mir aus diversen Teilen zusammengesetzt):
Es gibt schon soziale Not. Gerade in Osteuropa herrschen teilweise Zustände, wie man sie aus der Apartheid in Südafrika kennt. In Westeuropa hingegen gibt es diese Zustände glücklicherweise nicht mehr. […] In Osteuropa bauen viele Politiker mit populistischen Sprüchen auf die Vorurteile und Klischees gegen Minderheiten, um damit zu punkten. So tragen sie dazu bei, dass Hass und gesellschaftliche Ausgrenzung manifestiert werden. Und das führt wiederum dazu, dass Angehörige der Minderheit keine Arbeit bekommen und viele von ihnen unter katastrophalen Bedingungen in ghettoähnlichen Siedlungen leben müssen. […] In Deutschland hat die Minderheit zwar nominell die gleichen Chancen wie die Mehrheit.
Es gibt niemanden, der Sinti und Roma ihrer Grundrechte beraubt, wie das in Osteuropa geschieht. Aber was auch hier fehlt, ist eine Veränderung des gesellschaftlichen Bildes. 66 Prozent der deutschen Bevölkerung sagen nach wie vor, dass sie nicht neben einem Angehörigen unserer Minderheit leben wollen.
Eindeutig gehören die Zigeuner zu den Verlierern des Zusammenbruchs der kommunistischen Regime. Roma und Sinti sehen sich in ihren Heimatländern nun einer immer gewalttätigeren Welle von Rassismus und Nationalismus ausgesetzt. In der auseinanderbrechenden Tschechoslowakei (800 000 Roma) und in Ungarn (700 000) vegetieren sie auf der untersten sozialen Stufe in elenden Behausungen, scheinbar unausweichbar gefangen in einem Teufelskreis.
Im zerfallenen Jugoslawien waren vor Ausbruch des serbischen Eroberungskrieges 800 000 Roma der Willkür von Behörden und Polizei ausgeliefert. Jetzt irren Zehntausende zwischen den Fronten umher, vereint im Elend mit Serben, Bosniern und Kroaten, von denen sie bislang diskriminiert worden waren.
Nirgendwo auf dem Balkan aber müssen die Zigeuner ähnlich gnadenlose Verfolgungen erdulden wie in Rumänien, aus dem der größte Roma-Flüchtlingsstrom nach Deutschland fließt.
20 bekanntgewordene Pogrome gegen rumänische Roma in den vergangenen zwei Jahren zählte die Gesellschaft für bedrohte Völker. Dazu gehörten Überfälle wie in der Stadt Turu Lung, wo 1000 Rumänen mit Fackeln ins Zigeuner-Viertel eindrangen und 36 der 41 Roma-Häuser in Brand steckten. Dutzende Roma, die ihren Besitz gegen den Mob verteidigten, wurden krankenhausreif geprügelt; ein dreijähriges Kind starb in den Flammen. Katrin Reemtsma: "Kein einziger der Bewohner wurde wegen Beteiligung an dem Pogrom festgenommen."
Ziel der Überfälle, die häufig mit aktiver Beteiligung lokaler Behörden stattfanden, war stets die vollständige Vertreibung der Roma.
Auf der Internetpräsenz der "Gesellschaft für bedrohte Völker" findet man in einem Artikel aus dem Jahr 2004, teils äußerst erschreckende Informationen über die Lebensbedingungen der Sinti und Roma. Bezeichnend ist schon der Titel:
Hier noch eine Beschreibung in Bildern aus der Tschechischen Republik:
Auf die Situation in Osteuropa werde ich noch im nächsten Teil näher eingehen.
Situation in Deutschland
Bis heute verläuft der Umgang mit Sinti und Roma in Deutschland nicht frei von Misstrauen, Vorurteilen und Diskriminierung. Dafür scheint das Bild über die "Zigeuner" zu tief in die Köpfe der Menschen gebrannt worden zu sein.
Einen eher fragwürdigen Versuch, dem entgegenzuwirken, machte die Katholische Kirche. So könne man dem mit negativen Assoziazionen besetzen Begriff "Zigeuner" seine Würde und Bedeutung zurückgeben, indem man einfach an dem Begriff weiterhin festhalte
Eines der zahlreichen Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit: **
Seit April 2002 protestieren bundesweit Hunderte jugoslawische Roma, die teilweise seit über
zehn Jahren in der Bundesrepublik leben und denen dennoch bisher kein dauerhaftes
Bleiberecht zugestanden wird, sondern lediglich in kurzen Intervallen immer wieder
verlängerte Duldungen, gegen ihre drohende Abschiebung nach Serbien und Montenegro
sowie ins de iure zu Serbien gehörende Kosovo, wo ihnen nicht einmal KFOR-Soldaten den
nötigen Schutz gegen rassistisch motivierte Übergriffe seitens der Bevölkerung bzw. der
Polizei garantieren können. Sie fordern einen sofortigen Abschiebestop, dauerhaftes
Bleiberecht für alle Roma, die sich seit mehr als fünf Jahren in der BRD aufhalten, „ für die
anderen eine dreijährige Chance, um sich produktiv für die deutsche Gesellschaft einzusetzen.
Das anfängliche Verständnis für die Betroffenen weicht bald massiven Beschwerden der Anwohner über Lärm- und Geruchsbelästigungen und schon heisst es:
Am 11.07. bei Rheinischen Post unmißverständlich, die „Roma müssen bis Montag weg“
Die Organisatoren des Protests werden in einem Kommentar als „ clevere(...) Roma-
Strategen“ diffamiert, die „kühl kalkulierend (...) das absichtlich herbeigeführte Elend
frierender Kinder in feuchtkalten Zelten (nutzen)“ , um ihren Forderungen Nachdruck zu
verleihen.
Am 15.07. scheint der RP
„ die Zeit gekommen, nach dem rechten Pöbel zu rufen“
Und das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage aus dem Jahre 2006 des Zentralrats der Sinti und Roma zum Thema Rassismus gegen Sinti und Roma scheint den Eindruck, den man von außen gewinnt, zu bestätigen. Wesentlich geändert hat sich leider immer noch nichts.
Abgefragt wurden Erfahrungen mit Diskriminierungen im gesellschaftlichen Leben, durch Behörden, von Kindern, sowie in der Berichterstattung.
Im nächsten Teil werden die Stigmata, denen die Sinti und Roma bis heute ausgesetzt sind, näher betrachtet, so dass klarer wird, wie sie zu einem Feindbild konstruiert werden.
**Anna Fehmel: Antiziganismus in den Printmedien der Bundesrepublik Deutschland, Grin Verlag 2002
Die Informationen zur Historie entstammen aus der Wikipedia bzw. dem Dokumentations- und Kulturzentrum deutscher Roma und Sinti