Sie ist Teil einer weltweiten Studie, an der sich
jeder beteiligen kann. Während für die weltweite Studie bereits 21.000 Menschen verschiedener Religionen Auskunft gaben, wurden für diese Unterstudie 2.000 Muslime der verschiedenen Altersgruppen befragt.

Gleich vorneweg: diese Studie ist eine Ohrfeige für alle "Islamkritiker" des ersten, zweiten bis 21.sten Weges, einheimisch oder eingebürgert, abgeschworen oder zugelaufen!
Die Bertelsmann-Stiftung lässt sich ja nicht mal eben so leicht wegwischen, wie manch' andere Unbequeme. Andererseits erhebt sich die Frage, was gerade sie dazu bewogen haben mag, eine solche Studie in Auftrag zu geben, sowie über die Jahre mit diesem Religionsmonitor weltweit Daten zu erheben. Die WissenschaftlerInnen, die hier mitgearbeitet haben, sind alles ausgewiesene Fachleute, einige von ihnen stehen, wie Ralph Ghadban nicht unbedingt im Ruf, sich unkritisch pro-muslimisch zu äussern.

Liz Mohn äussert sich in ihrem Vorwort, daß die Bertelsmann-Stiftung einen Beitrag zu mehr Toleranz und Verständnis leisten wolle, aber der erste Teil des Vorworts zeigt, worum es geht:
Globalisierung und die damit einhergehenden konkreten Auswirkungen im privaten und beruflichen Umfeld eines Menschen werfen Fragen nach den Werten und der Orientierung in Gesellschaften auf. Die von vielen Entscheidungsträgern geforderte internationale Verständigung über Sprachen und
Grenzen hinweg bedarf des Respekts der geschichtlichen, kulturellen und religiösen Wurzeln. Gerade der Glaube eines Menschen bestimmt in nicht zu unterschätzendem Maße seine Lebensphilosophie und sein Handeln.
Die Streitigkeiten über Religion stehen der Globalisierung im Weg! Allerdings stellt sie auch etwas fest, das ich bedingungslos unterschreiben kann:
...eine beeindruckende Vergleichbarkeit der Religionen. Denn trotz aller Verschie-denheit der seit Jahrhunderten gewachsenen Weltreligionen gibt es offensichtlich zahlreiche ähnliche Strukturen und Inhalte.
Was für mich ein zentraler Punkt ist, oder, um es mit Jörg Lau zu sagen:
Vielleicht kommen wir so...aus den wechselseitigen Projektionen heraus.
Auch vom Graphischen her ist die Studie sehr gut aufgemacht und lädt zum Lesen ein.
In der Besprechung der Studie setze ich einen Schwerpunkt auf das, was die Studie über muslimische Frauen herausgefunden hat - unsere belgischer Lieblings-Ex-Polizist hat sich nämlich einschlägig über eine enstsprechende Studie der Uni Antwerpen ausgelassen, aber natürlich nicht verlinkt, sodaß ich mir diese Studie auf anderem Weg besorgen muß und dann mal sehen werde, was sich vergleichen lässt.
Die Ergebnisse werden referiert von
Prof.Dr.Dr. Ina Wunn und sie beginnt so:
Musliminnen in Deutschland melden sich zunehmend selbstbewusster zu wort und fordern gesellschaftliche wie politische Teilhabe, auch und vor allem in Sachen Religion...auch gegenüber dem männlichen muslimischen Establishment.
Und es geht weiter mit der Feststellung, daß sich - besonders junge - Frauen daran machen, für sich den Koran mittels der Methode des sachgerechten Verstehens selber auszulegen und sich nicht auf die - manchmal höchst fragwürdigen - Ergebnisse männlicher Autoritäten zu verlassen.
So macht sich inzwischen eine junge Generation wissenschaftlich ausgebildeter muslimischer Frauen daran, den Koran neu auszulegen – zwar mithilfe der traditionellen und allgemein akzeptierten wissenschaftlichen Methodik (Hermeneutik), aber mit völlig neuen Ergebnissen.
Damit wird das in vielen muslimischen Ländern übliche Verhältnis der Geschlechter als unislamisch gebrandmarkt, und der Islam zeigt sich als eine Religion nie gekannter Möglichkeiten– gerade für Frauen.
Und auch nix Geburtendjihad:
Verändert haben sich im Laufe der letzten Jahrzehnte auch die Familiengrößen:
Während in den einwandernden Familien Kinderzahlen von fünf und mehr keine Seltenheit waren (in dieser Studie nicht abgefragt), hat man heute nur noch selten (12 Prozent) mehr als drei Kinder, die dann idealerweise in einer prototypischen Familie aufwachsen sollten...
Muslimische Frauen seien berüflich engagiert und besonders die Türkinnen an Bildung hoch interessiert; sie wiesen auch meistens bessere Schulabschlüsse als die Männer auf, das politische Interesse beschränke sich auf als vordringlich empfundene Fragen wie die schulische Bildung (sic!) und die volle Anerkennung des Islam in Deutschland.
Weiter fand Wunn heraus,
dass 38 Prozent der Frauen und nur 28 Prozent der Männer das Tragen eines Kopftuches für sehr wichtig halten.
was vielen Streitern für oder gegen das Kopftuch hoffentlich gewaltig den Wind aus den Segeln nimmt. Das korrespondiert auch mit der Beobachtung, dass - bei einem deutlichen Bestreben nach Orthopraxie - die Kleidervorschriften als die am wenigsten wichtigen Vorschriften benannt werden, und dies bei allen Gruppen.
Religion bilde Identität und gebe Halt, doch seien viele Frauen aktiv auf der Suche:
Wenn es um den eigentlichen Glauben geht, erlauben sich die Frauen manche Freiheit
abseits der offiziellen Linie. Zwar bekennen sie ihren Glauben an Gott, seine Propheten, sein Buch (oder Bücher), seine Engel und an den Jüngsten Tag vorschriftsmäßig, geben aber dennoch zu, auf der Suche zu sein. Hier bedient man sich der Möglichkeiten der eigenen Überlieferung einschließlich sufistischen
Gedankengutes und sufistischer Praktiken ebenso, wie man sich für andere Religionen interessiert (gern im Rahmen von Kontakten zwischen muslimischen und christlichen Gemeinden oder im interreligiösen Dialog auf
regionaler Ebene) oder religiöse Bücher zu Rate zieht (hier wohl meist die in den Moscheen angebotene Erbauungsliteratur).
Sie lassen andere Religionen gelten und Fundamentalistinnen fände man unter ihnen eher nicht.
Zwar räumt sie ein, daß ihre Ergebnisse einen bias dadurch haben, dass sie hauptsächlich die Altersgruppe bis 49 Jahren befragen konnte (die Älteren verlebten öfter schon ihren Ruhestand in der Heimat, aber ich denke, eine Tendenz ist trotzdem erkennbar.

Einzelne Ergebnisse sind mittlerweile auch andernorts zitiert worden, und ich will mich nicht darüber auslassen, wer jetzt in welcher Altersklasse Schwein verspeist, Alkohol trinkt und betet. Nur soviel: Die Muslime in Deutschland sind an Politik nur sehr begrenzt interessiert und nur 2o% sind in den muslimischen Verbänden organisiert. Im Kapitel "Vielfältige muslimische Religiosität in Deutschland" wird beschrieben, daß die Muslime erst zum Problem wurden, als sie
sichtbarer wurden. 65% lehnen eine eigene islamische Partei ab:
Die Bindung an muslimische Organisationen ist, wie in den Diskussionen um deren Repräsen-tativität im Kontext der Deutschen Islamkonferenz oft angemerkt, eher schwach. Die überwältigende Mehrheit der befragten Muslime, nämlich 78 Prozent, ist nicht Mitglied in einem religiösen Verein oder Verband. Beachtlich ist in diesem Zusammenhang auch, dass 65 Prozent der Befragten gegen eine eigene islamische Partei in Deutschland sind.

"Allah" macht keine Politik", wie die TAZ kalauerte, wobei der Gottesnamen hier natürlich gebraucht wird, um auf das alte Konzept von Muslimen und (politischem) Islam zu rekurrieren und dieses Konzept durch die Hintertür doch wieder einzuführen..
Die Muslime in Deutschland haben die Trennung von Kirche und Staat verinnerlicht, was natürlich daran liegt, daß die Mehrzahl aus der Türkei kommt, einem der beiden - noch - strikt laizistischen Staaten in Europa. ("Dieu", der französische Katholizismus, macht übrigens gerade Politik und versucht, den französischen Laizismus aufzuweichen, aber das ist ein anderes Thema...).

Als letztes: auch Professor Harry Harun Behr stellt fest, daß Religiosität und Bildung sich nicht wiedersprechen, im Gegenteil:
Schon heute haben 29 Prozent der Musliminnen und Muslime mindestens die 9. Klasse
der Hauptschule erfolgreich abgeschlossen; 22 Prozent haben die mittlere Reife, 14 Prozent die Fachhoch- schulreife und 27 Prozent Abitur – regionale Schwankungen nicht berücksichtigt.

Kann jemand Addition? 22+29+14+27? Also, ich komme auf 92%, die einen allgemeinbildenden Abschluss haben. Wie Harun Behr schreibt, hat sich das im Verlauf der letzten zehn Jahre gewandelt. Der
Gender-Datenreport des Familienminsteriums weist im Jahr 2003 noch höhere Zahlen auf (auf das thumbnail klicken). Den Trend bestätigt auch dieser Report:
... dass nicht nur bei den deutschen Jugendlichen die jungen Frauen im Durchschnitt höher qualifizierende Abschlüsse erwerben, sondern dass auch die ausländischen jungen Frauen häufiger höher qualifizierende Abschlüsse erwerben als die ausländischen jungen Männer...Ebenso gelingt es den Jugendlichen ausländischer Nationalität in vielen Fällen, im Rahmen ihrer beruflichen Bildung noch fehlende allgemein bildende Abschlüsse nachzuholen bzw. sich höher zu qualifizieren. Vor allem die jungen Männer ausländischer Nationalität profitieren diesbezüglich von einer beruflichen Ausbildung.
Und hier ist noch ein
Ergebnis aus NRW, daß diesen Trend ebenfalls bestätigt.
Zusammenfassung:Wie der Studienleiter vom Spiegel zitiert wird:
Rieger glaubt, dass die Mehrheit der Deutschen lediglich Vorstellungen über die Muslime in Deutschland hat: "Die meisten wissen nichts über den Glauben der Muslime. Es gibt überhaupt keinen Grund für Islamophobie."
Nun, die "Islamkritiker" werden weiter daran arbeiten, diese "Vorstellungen" am Leben zu halten, und es ist an uns allen, dem weiterhin so entgegenzutreten wie letztes Wochenende in Köln. Aber es gibt auch positive Signale SpOn berichtet:
Eine Forderung der Forscher: raus aus den Koranschulen, her mit dem Islamun-terricht.
Und was Moscheen betrifft:
Auch der Katholiken-Chef Robert Zollitsch nannte am Donnerstag zum Abschluss der Tagung der Deutschen Bischofskonferenz die Forderung nach einem islamischen Religionsunterricht sowie den Bau "würdiger, in den jeweiligen Städtebau gut eingepasster muslimischer Gotteshäuser".
Eine klare Absage an die Behauptungen und Forderungen von pro-Köln und Freunden, auch von katholischer Seite.
Ich denke, daß die Studie zustande kam, weil auch Entscheidungsträger wie Bertelsmann gemerkt haben, dass es einen im Ringen um Märkte voranbringen kann, soft skills wie Toleranz zu fördern. Oder kurz gesagt: Islamkritik ist schlecht für's Geschäft. Allerdings würde ich das nicht mal so negativ sehen. Es haben sich weitere hervorragende WissenschaftlerInnen beteiligt, und einen gewissen guten Willen will ich auch den "Machern" der Stiftung nicht absprechen. Auch wir werden mit der Studie arbeiten können.
Bildnachweis: Alle Bilde wurden der Studie entnommen.
Disclaimer: Durch meine persönliche Linksetzung und die vom System vorgenommene Linksetzung auf ähnliche Artikel dokumentiere ich diese nur und mache sie mir nicht "zu eigen". "Ähnlich" ist ein weiter Begriff...
Die Bertelsmänner sind eindeutig diesem Lager zuzuordnen.
Ich denke, daß die Studie zustande kam, weil auch Entscheidungsträger wie Bertelsmann gemerkt haben, dass es einen im Ringen um Märkte voranbringen kann, soft skills wie Toleranz zu fördern.Bertelsmann hat diese Studie bestimmt nicht auf den Weg gebracht, weil sie Muslime so lieb haben, sondern deswegen, weil sie einen Trend erkannt haben. Früher waren sie da wohl,eher "islamkritisch" unterwegs.