Die Beschäftigung mit dem Thema bedarf, soweit es mich betrifft, der persönlichen Erläuterung: Religion wird aus meiner Sicht falsch verstanden und missbraucht, wenn die persönlichsten Lebensäusserungen des Einzelnen zum Gegenstand sozialer Kontrolle und Bewertung gemacht werden. Wenn ich mich dafür einsetze, das Verhältnis von Islam zur Sexualität zu klären - oder besser noch, das Verhältnis jedweder Religion zur Sexualität zu klären - so deshalb, weil es mich krank macht, zu sehen, wie die Fanatiker jedweder Provenienz schon wieder anfangen, Homosexuelle zu jagen, oder zumindest versuchen, sie "hinweg zu beten"
Wenn ich mir solche Seiten , die von solchen Organisationen gepusht werden, ansehe, oder via darauf aufmerksam gemacht werde, daß diese Welle schon längst in Europa angekommen ist, finde ich das bedenklich. Gesellschaftliche Minderheiten werden nicht durch ihre bloße Zahl charakterisiert, sondern durch ihre Fähigkeit, politische und gesellschaftliche Prozesse in ihrem Sinn zu beeinflussen. Wird das gesellschaftliche Klima härter, steht auch ureigenste Persönliche wieder auf dem Prüfstand. Deswegen freuen wir uns, daß wir diesen Beitrag des Kölner Islamwissenschaftlers Ismail Andreas Mohr veröffentlichen können. Dies hier ist eine überarbeitete Fassung, in der ersteren war ein Abschnitt vertauscht. Ausserdem wurde der Text aktualisiert, da die muslimische Jugend dem Autor mittlerweile geantwortet hat; dazu können wir dazu jetzt auf einen Beitrag von Politischkorrekt hinweisen, den man so zusammenfassen könnte: Muslime gegen Homophobie - und Islamhasser dafür:
< Bildungsgipfel war wirklich der Gipfel an Untätigkeit | Ex-WASG Berlin Landesvorständlerin schreibt Merkel einen offenen Brief >
update: Muslime gegen Homophobie
Ein Gastbeitrag von Ismail Andreas Mohr.
Muslime gegen Homophobie
Muslimische Organisationen sprechen sich erstmals offiziell gegen Hass auf Homosexuelle aus
<
Dokumentation und Stellungnahme
Mehrere muslimische Gruppierungen, darunter DiTiB (Diyanet is,leri Türk islam Birligi [Türkisch-islamische Union für Religionsangelegenheiten]), der Deutschsprachige Muslimkreis (DMK) sowie die Muslimische Jugend Deutschland (MJ), haben sich gegen Homophobie ausgesprochen.
(Zur Bedeutung des Begriffs:
Homophobie bedeutet 1. krankhafte Angst vor Homosexualität und homosexuellen Frauen und Männern; 2. Feindseligkeit und Hass gegenüber homosexuellen Frauen und Männern.)
Es heißt in der Erklärung der muslimischen Gruppierungen: „Auch wenn wir Homosexualität als solche nicht gutheißen, verurteilen wir jegliche Form der Verfolgung oder gar Gewaltanwendung gegen Homosexuelle. Wir wenden uns entschieden gegen jegliche Form der Diskriminierung und Verfolgung irgendwelcher gesellschaftlicher Gruppen einschließlich der Homosexuellen.“
Bei meiner Recherche auf den Internetseiten der drei oben genannten Organisationen (http://www.ditib.de - http://www.dmk-berlin.de - http://www.mj-net.de) konnte ich jedoch nichts dazu zu finden. Angesichts der Wichtigkeit des Themas verstehe ich nicht, warum die unterzeichnenden muslimischen Gruppierungen ihre eigene Erklärung nicht auf ihren eigenen Internetseiten veröffentlicht haben. Mich jedenfalls erreichte die Stellungnahme am 1. Oktober 2008 vom Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD, http://www.lsvd.de), der die Mitteilung von der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD, http://www.tgd.de) erhalten hatte. Inzwischen (11.10.2008) teilte mir die Muslimische Jugend Deutschland mit, dass die Erklärung tatsächlich von ihr stamme und dass die MJD sogar maßgeblichen Anteil hieran habe.
Ich geben im Folgenden den Wortlaut der Erklärung wieder. Im Anhang nehme ich zu einigen Punkten Stellung.
Stellungnahme Berliner Muslimischer Organisationen bzw. Berliner Sektionen Nationaler Verbände zur Homophobie
Im April dieses Jahres ist im arabischsprachigen Anzeigenblatt „Al-Salam“ ein Artikel erschienen, in dem der Autor seine persönlichen und homophoben Ansichten zu Homosexualität und ihren Konsequenzen darlegt. Die Reaktion der Öffentlichkeit auf diesen Artikel war zurecht Empörung und Unverständnis. Auch wenn der Autor nur für sich selbst sprechen kann, entwickelte sich eine breite Debatte über die Einstellung von Muslimen in Deutschland zu Homosexualität.
Ausgehend von den Aussagen des Korans gibt es unter muslimischen Gelehrten den Konsens, dass homosexuelle Handlungen theologisch als Sünde zu betrachten sind. Ähnliches gilt - bekanntlich - auch für das Trinken von Alkohol oder außereheliche Beziehungen. Handlungen, die islamisch-theologisch als Sünde betrachtet werden, können wir aus unseren Glauben heraus nicht gutheißen.
Gleichzeitig sind wir der festen Überzeugung, dass die sexuelle Orientierung, der Konsum von Alkohol, oder was auch immer in der islamischen Theologie als Sünde betrachtet wird, Privatsache ist. Ob wir etwas gutheißen oder nicht, wird und kann die Freiheit des Einzelnen in keiner Weise beschränken. Für uns handelt hier jeder Mensch eigenverantwortlich und wird im Jenseits - dies ist fester Bestandteil unserer islamischen Glaubensvorstellung - vor seinem Schöpfer für sein gesamtes Handeln Rechenschaft ablegen müssen.
Auch wenn wir Homosexualität als solche nicht gutheißen, verurteilen wir jegliche Form der Verfolgung oder gar Gewaltanwendung gegen Homosexuelle. Wir wenden uns entschieden gegen jegliche Form der Diskriminierung und Verfolgung irgendwelcher gesellschaftlicher Gruppen einschließlich der Homosexuellen.
Zum Schluss sei angemerkt, dass in der aktuellen Berichterstattung über den oben genannten Artikel manche Autoren direkt oder auch indirekt die Vorstellung bzw. Aussage kritisieren, dass Homosexualität eine Sünde ist. Hierdurch erwecken sie den Eindruck, dass dies eine Ursache von Homophobie sei. Nicht die Glaubensvorstellung führt zu Homophobie, sondern vielmehr ein mangelndes Verständnis über die Freiheit des Einzelnen. Muslime - und nicht nur sie - wird man für den Kampf für individuelle Freiheit nicht gewinnen können, indem man Glaubens- und Moralvorstellungen kritisiert. Stattdessen erreicht man das Gegenteil. Entscheidend ist vielmehr die Vermittlung eines richtigen Verständnisses für die vielfältige Freiheit des Einzelnen bzw. des Anderen unabhängig von den eigenen Überzeugungen, die jeder Mensch wiederum für sich frei wählen kann.
Deutschsprachiger Muslimkreis (DMK)
DITIB
Inssan
Interkulturelles Zentrum für Dialog und Bildung (IZDB)
Islamisches Kultur- und Erziehungszentrum (IKEZ)
Muslimische Jugend Deutschland
Neuköllner Begegnungsstätte (NBS)
Mein Kommentar hierzu:
1.
Es ist zu begrüßen, dass muslimische Organisationen klar und eindeutig „jegliche Form der Verfolgung oder gar Gewaltanwendung gegen Homosexuelle“ verurteilen und sich „entschieden gegen jegliche Form der Diskriminierung und Verfolgung irgendwelcher gesellschaftlicher Gruppen einschließlich der Homosexuellen“ wenden.
Bisher durfte man kaum wagen, solches zu erwarten.
2.
Die Stellungnahme stellt einen gewaltigen Fortschritt dar: Im Juli 2000 hat der damalige Vorsitzende des Zentralrats des Muslime in Deutschland (ZMD, www.islam.de), Nadeem Elyas, schriftlich eine ganz und gar homophobe und diskriminierende Aussage über Homosexuelle gemacht als er im Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt vom 28. 7. 2000 (Seite 23) in seinem Gastkommentar (Überschrift: „Gegen die Natur. Die Muslime lehnen die Regierungspläne ab“) die schwule und lesbische Lebenspartnerschaft als „Abnorm der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft“ bezeichnete und sie kriminalisierte, indem er sie mit „unrechtmäßigen Erwerb durch Steuerhinterziehung, Korruption und Raub“ verglich. Horst Gorski, Probst des Kirchenkreises Altona in Hamburg, antwortete damals in einem Leserbrief, er sei „intensiv am Dialog mit Muslimen beteiligt. Die beleidigenden Äußerungen über gleichgeschlechtliche Lebensformen von muslimischer Seite werden zunehmend zu einer Belastung des Dialogs. (...) Ungeheuerlich jedoch ist es, Homosexualität auf eine Stufe mit 'Steuerhinterziehung, Korruption und Raub' zu stellen. Für diese Verunglimpfung muss Herr Elyas sich entschuldigen.“ Über eine Entschuldigung ist nichts bekannt geworden, sie war auch nicht zu erwarten.
Vor diesem Hintergrund muss die neue Stellungnahme Berliner muslimischer Gruppen in der Tat als ein großer Fortschritt gewertet werden. (Es sei angemerkt, dass der ZMD und DiTiB inzwischen im Koordinationsrat der Muslime, KRM, zusammengeschlossen sind.)
3.
Der in der oben zitierten Stellungnahme ausgedrückten Auffassung, dass man Muslime „für den Kampf für individuelle Freiheit nicht gewinnen können“ wird, „indem man Glaubens- und Moralvorstellungen kritisiert“ darf widersprochen werden. Für viele traditionalistisch eingestellte Muslime, soweit sie sich am normativen Schrifttum muslimischer Gelehrter (z.B. Yusuf al-Qaradawi) orientieren, ist mit der Frage nach Homosexualität ja die Vorstellung verbunden, dass homosexueller Geschlechtsverkehr (jedenfalls unter Männern) ein todeswürdiges Verbrechen sei: So sehen es z.B. die Vertreter der malikitischen, der hanbalitischen und der dja'faritischen Rechtsschule (madh'hab), auch al-Qaradawi lässt an seiner Auffassung diesbezüglich keinen Zweifel. Diese Meinung findet man bereits in einigen dem Propheten Muhammad (sicherlich zu Unrecht) zugeschriebenen Aussagen (ahadith) klar ausgedrückt. Eine solche Bewertung - zunächst des mannmännlichen sexuellen Verkehrs, aber auch der männlichen Homosexualität insgesamt - im Denken mancher (ich vermute: vieler) Muslime reicht nun über eine Glaubensvorstellung weit hinaus in den moralischen Bereich und man darf sagen, dass diese Einschätzung sehr wohl der Feindschaft gegenüber Homosexuellen Vorschub leisten kann, dass also derartige Überlieferungstexte (die erwähnten ahadith) nicht nur an sich homophob sind, sondern bei unkritischer Betrachtungsweise die in der obigen Erklärung abgelehnte „Verfolgung oder gar Gewaltanwendung gegen Homosexuelle“ sowie „Diskriminierung und Verfolgung“ fördern. Dies ist bekanntlich in einigen islamischen Staaten mit islamischem Strafrecht - so in Saudi-Arabien (hanbalitischer madh'hab, s.o.) und Iran (dja'faritischer madh'hab, s.o.) - der Fall: Immer wieder werden in diesen beiden Staaten Männer (im Iran sogar Minderjährige) aufgrund der Anklage wegen Homosexualität hingerichtet. - Ich verweise hier auf meine beiden Aufsätze zur Homosexualität im Islam - geschrieben aus einer aufgeklärten islamischen Perspektive:
1 Islam und Homosexualität - eine differenzierte Betrachtung siehe:
http://home.arcor.de/yadgar/mohr/islam_homo.html
2 Ein schwieriges Verhältnis: Homosexualität und Islam. Was sagt der Koran dazu? siehe:
http://home.arcor.de/yadgar/mohr/islam_homo2.html
Dort werden Texte aus dem Koran und Hadith sowie die Auffassungen alter wie moderner muslimischer Schulen und Autoritäten zitiert und erläutert. Außerdem wird gezeigt, dass eine alternative, also homophile Deutung koranischer Aussagen durchaus möglich ist.
Andreas Ismail Mohr
Köln, am 20. Oktober 2008
Homepage von Andreas Ismail Mohr: http://home.arcor.de/yadgar/mohr/mohr.html
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