Der Stein der Weisen
Professor Manfred von Reuchlin, Ritter des Templerordens, mehrfacher Doktor der Chemie und Biologie, saß einsam vor der großen Fensterscheibe seines Wohnzimmers und blickte hinaus in das Schneechaos, das teilweise von den Lampen der Sicherheitsanlagen, erhellt wurde. Ab und an blitzten auch an den fast unsichtbaren Berghängen Lichter auf, die bezeugten, dass die Wachen auch in dieser Nacht ihrer Aufgabe nachkamen.
Neujahrsnacht in den Bergen. Bis auf die Wachen und einige Tierpfleger lag der riesige, teils unterirdische Laborkomplex völlig verlassen in diesem schlecht zugänglichen Seitental.
Neujahrsnacht in den Bergen. Der Professor hob grüßend das Glas zu den unsichtbaren Gipfeln. Dies also war die Stunde seines größten Triumphes. Vielleicht sogar die Stunde des größten Triumphes der Menschheit. Nur würden ihm keine Triumphbögen errichtet werden. Er rechnete eher damit, dass ihm die Menschheit alle Flüche derer sie fähig war, nachsenden würde, wenn sie wüsste, welche Chance ihr mit den Entscheidungen dieser Nacht genommen werden sollte. Aber wie schon einmal, im frühen Mittelalter, würde die Menschheit auch diesmal ahnungslos bleiben. Das war zumindest seine einzige Hoffnung. Damals war das Wissen der Alchemisten zusammen mit ihnen und einem ganzen Kloster für viele Jahrhunderte untergegangen. Heute würde ein Feuer alleine nicht mehr helfen.
Er griff zum Telefon, die Nummer des Palazzo del Sant'Uffizio in der Vatikanstadt hatte er schon vor Tagen nachgesehen. Das letzte Mal hatte er die 003906 beim Tod seiner einzigen Tochter gewählt, doch auch die wohl am höchsten angesiedelte Telefonseelsorge konnte ihm damals nicht weiterhelfen. Heute jedoch würde er bereitwillig Hilfe erhalten. Er schaltete den Lautsprecher ein. Doch zunächst kamen nur die Wählgeräusche und dann das armselige Fiepen, mit dem sich die Verschlüssungssysteme auf einen gemeinsamen Code einigten. Er lächelte, bei dem Gedanken, wie oft in den vergangenen Jahren die Systeme gegen neue ausgetauscht worden waren, weil die angeblich unknackbaren Codes von Schülern und Studenten wie Nüsse aufgebrochen worden waren. Endlich ertönte ein Freizeichen, und nach dem dritten Signal, wurde abgenommen. Wie zu erwarten, begrüßte ihn selbst zu dieser nachtschlafenden Zeit eine Stimme in bestem Latein: "Hier ist das päpstliche Sekretariat für besondere Fragen. Womit kann ich ihnen helfen?"
Der Professor antwortete in bestem Altgriechisch. "Professor Reuchlin hier, ich muss sofort den Kardinal sprechen." Bevor die Gegenseite antworten konnte, fügte er noch hinzu: "Ja, ich weiß, wie spät es ist, wecken Sie den Kardinal und sagen Sie ihm, dass ich ihn unbedingt allein sprechen muss."
Der Priester auf der anderen Seite war ausreichend geschult, um sofort zu reagieren. "Wollen Sie warten, oder sollen wir Sie kurzfristig zurückrufen?", erfolgte die Antwort ebenfalls in Altgriechisch.
"Ich warte, und der Kardinal soll sich anziehen, es wird ein langes Gespräch." Der Professor schenkte sich das zweite Glas Wein dieser Nacht ein. Aus dem Lautsprecher drang die Stille eines leeren Büros, das nach kurzer Zeit von Vermittlungsgeräuschen und einem weiteren Fiepen des Verschlüsselungssystems abgelöst wurde.
"Manfred, du um diese Zeit? Ist es nicht ein bisschen früh für einen Neujahrsanruf, und viel zu spät für einen mitternächtlichen Gruß?", ertönte die Stimme des Kardinals in klarem Deutsch.
"Wir haben ein ernsthaftes Problem", antwortete der Professor in Altgriechisch. "Eminenz, lassen Sie uns lieber die Sprache wechseln. Selbst wenn wir abgehört werden, gibt es da kaum Übersetzer, die nicht in unseren Diensten stehen."
Der Kardinal antwortete nun auch in Altgriechisch. "Meinetwegen, aber unsere Verschlüsselungssysteme sind heute so gut, und wer sollte uns abhören? Ich hab mittlerweile ein solches Telefon sogar am Bett und kann gemütlich liegend mit dir telefonieren. Aber ihr Wissenschaftler seid ja immer Geheimniskrämer, viel schlimmer, als es die Kirche jemals war."
"Eminenz, Sie erinnern sich an das Glas mit den Oligoneuriella rhenana, im Imagostadium, die ich ihnen vor einem Jahr im Hochsicherheitslabor zeigte. Ich habe sie heute getötet."
"Ach, Sie und ihre komischen Fliegen. Die Dinger sahen doch lustig und harmlos aus in ihrem Glas, wenn auch nutzlos. Rufen Sie mich deshalb an? Wollen Sie eine Absolution für den Mord an ein paar Fliegen? Das wäre dann die komischste Telefonseelsorge meines Lebens."
"Eminenz, es waren keine Fliegen, sondern Ephemeroptera, die gemeinhin als Rheinmücken, oder Eintagsfliegen bezeichnet werden, aber auch keine Mücken sind, sondern eine eigenständige Gattung. Aber egal. Das Besondere an dieser Oligoneuriella-Unterart ist, dass sie normalerweise nur 40 – 50 Minuten im Imagostadium überlebt und wie alle Eintagsfliegen in dieser Zeit keine Nahrung aufnimmt. Meine haben 15.000 mal so lange gelebt und sind geflogen, ohne zu verhungern."
"Was heißt Imago und was bedeutet das für uns? Wollen Sie andeuten, Sie hätten den Stein der Weisen gefunden?"
"Eine Eintagsfliege wird als Ei gelegt und entwickelt sich zunächst im Wasser zur Larve. Aus der Larve wird ein Subimago, bei dieser speziellen Art nach einem Jahr. Der Schritt über das Subimago ist übrigens ziemlich einzigartig. Es ist das einzige flugfähige Insekt, das sich nach Entwicklung der Flügel nochmal häutet und damit vom Subimago zum Imago wird. Und nun zum zweiten Teil ihrer Frage. Ja, wir haben den Stein der Weisen entdeckt, oder das ewige Leben, aber wahrscheinlich eher die ewige Verdammnis. Es ist auch kein Stein, obwohl amorpher Graphit und dessen katalytische Eigenschaften eine Rolle dabei gespielt haben, genau wie embryonale Stammzellen, der unterschiedlichsten Lebewesen, aber auch einige Lanthanoide und Actinoide. Aber das wollen Sie sicher gar nicht so genau wissen. Ich hatte Sie gewarnt, als Sie mich baten, ich möge mich quasi als heimlicher Vertreter der Kirche an die Spitze dieser Forschungen zu stellen."
"Nein, Manfred, bleiben Sie mir bloß mit Ihrem Fachchinesisch vom Leib. Aber was bedeutet das, die Fliegen leben ewig und brauchen dabei keine Nahrung? Das ist doch nicht auf Säugetiere oder den Menschen übertragbar? Wir hatten letztens erst die Anfrage, ob es mit den Glaubensregeln vereinbar sei, Schweinelebern in Menschen zu verpflanzen, und konnten uns um eine Antwort drücken, da die Wissenschaft noch nicht so weit ist. Und, Manfred, natürlich habe ich Sie gebeten, für uns diesen Zweig der Wissenschaft zu überwachen. Sie waren prädestiniert dazu wie kein anderer. In einem Kloster hätten Sie uns nicht viel genützt."
"Eminenz, meine Experimente mit den 'Fliegen' sind übertragbar. Wir haben die gleichen Versuche an Mäusen und menschlichen Stammzellen gemacht. Im Prinzip wirkt das Ganze wie ein Reparaturgen. Wo normalerweise der Alterungsprozess durch Fehler beim Kopiervorgang des Zellkerns eintritt, verhindert unser Gen genau das. Ja, es behebt sogar bereits vorhandene Fehler, wobei wir allerdings nicht wissen, wie die Fehlererkennung funktioniert. Dies bedeutet, dass Zellen sowohl gegen Krankheiten wie auch Strahlung und Gifte praktisch immun werden. Selbst fast tödliche Schnittverletzungen heilen so schnell, dass man dabei zusehen kann. Allerdings ..."
"Aber das ist doch hervorragend, Manfred, und für die verbotenen Versuche mit menschlichen embryonalen Stammzellen hatten Sie schon von Anfang an unsere Absolution. Sonst hätten Sie ja gar nicht glaubwürdig arbeiten können. Wann beginnen Sie mit den Versuchen an Affen oder am Menschen? Stellen Sie sich vor, eine Menschheit ohne Krankheiten und Hungersnöte. Wie hoch sind die Produktionskosten und wie könnten wir sie verteilen?"
"Eminenz, ich habe bereits einen Versuch an mir selbst vorgenommen. Die Ergebnisse sind die gleichen. Ich brauche nur noch Bruchteile meiner früheren Nahrungsmenge und weniger als ein Tausendstel der normalen Sauerstoffsmenge. Aber Sie verstehen das Problem nicht. Die Menschen würden nach meinen jetzigen Hochrechnungen ein paar tausend Jahre alt. Ebenso jedes Tier oder Insekt. Und das bei gleichbleibender Fruchtbarkeit, wie meine Mäuse zeigen. Es gibt kein Produktions- oder Verteilungsproblem.
Das Gen ist vererbbar und sowohl durch Speichel, Blutübertragung als auch durch Geschlechtsverkehr übertragbar. Einmal in die Welt gesetzt, lässt es sich durch nichts wieder zurückholen. Es ..."
"Manfred, Mensch, freuen Sie sich doch. Selbst die Überbevölkerung ist ein Problem, das wir lösen könnten. Im Zweifelsfall stehen uns Millionen von Planeten zu Verfügung. Wir ..."
"Sie wollen es einfach nicht verstehen. Natürlich sind alle Probleme lösbar, die meisten sogar leicht. Aber die Menschen werden sich ändern. Wer Tausende von Jahren leben kann, hat mehr zu verlieren. Die Menschen haben Zeit zum Denken. Wem, Eminenz, wollen Sie noch ein Paradies nach dem Tode versprechen, wenn wir eines auf der Erde haben? Wer braucht einen Gott, wenn er nicht in Hunger, Krankheit und Not gefangen ist? Die Erlösten brauchen keinen Erlöser. Vor allem, wie wollen Sie einen gütigen, allwissenden Gott darstellen, der in seiner Schöpfung, einen solch gravierenden Fehler im Bauplan hatte? Jedes Kind wird in der Schule lernen, welchen grandiosen Fehler Gott gemacht hat und dass die Menschen Gott korrigieren mussten. Wir reden über das Ende jeder Religion. Auch über das Ende der Wirtschaft. Die neue Menschheit würde ganz andere Prioritäten setzen."
Am anderen Ende der Leitung herrschte tiefes Schweigen. Der Professor schaute in den Schnee, aber das Bild hatte sich nicht verändert. Er wusste, dass er dem Kardinal soeben eine große Last auferlegt hatte, und wartete geduldig.
Nach einer kleinen Ewigkeit räusperte sich der Kardinal. "Entschuldigung, Professor, ich hatte wirklich nicht verstanden. Meine Aufgabe ist es zwar, auf die Einhaltung der Regeln unserer Kirche zu achten beziehungsweise diese auszulegen, aber an ein solches Problem habe ich noch nie gedacht.
Aber Sie haben Recht und Sie hatten mich von Beginn an gewarnt. Gibt es die Selbstvernichtungseinrichtung für den Komplex noch, die Sie mir bei meinem letzten Besuch zeigten? Sie müssen damals schon geahnt haben, dass dieser Zeitpunkt kommen würde. Ich hab es nur für Wichtigtuerei gehalten."
"Ja, die Einrichtung ist funktionsbereit. Ich habe sie bereits scharf geschaltet. Morgen um elf ist eine Versammlung aller Mitarbeiter. Aber die Selbstvernichtung allein wird nicht reichen. Rettungstrupps könnten früher oder später eindringen. Wir brauchen eine langfristige Lösung, die die Menschen für ein paar tausend Jahre am Betreten hindert."
"Wie nah sind andere Forschungseinrichtungen an Ihrem Ergebnis? Wer weiß außer Ihnen noch Bescheid? Könnte einer Ihrer Mitarbeiter kontaminiert sein? Ich habe Sie schon verstanden, aber ich kann diesen Schritt nur dann gehen, wenn ich sicher sein kann, dass er erfolgreich ist. Morden ohne Grund ist auch mir ein Graus."
"Alle anderen Forschungsreinrichtungen haben ihre Schwerpunkte auf die Erforschung der Stammzellen gelegt. Niemand außer mir ist kontaminiert. Die Mitarbeiter wissen nur sehr wenig, aber gute Befragung könnte vieles zum Vorschein bringen und meine Versuche nachvollziehbar machen. Es sind insgesamt fast tausend Menschen und auch ich hasse Morde. Nur mein Assistent Dr. Jörg Römer weiß Genaueres, wenn er auch die Zusammenhänge nicht kennt. Er hat gesehen, wie schnell Verletzungen bei mir und den Mäusen heilen. Und er hat eine Tochter, die im Koma liegt. Es ist abzusehen, wann er mich um das Mittel bittet, das seine Tochter retten wird."
"Gut, Manfred, ich werde meinen Teil der Last tragen. Ich habe die größte Hochachtung vor Ihnen. Die Kirche wird es Ihnen nicht danken können, weil sie es nie erfahren wird."
"Eine Bitte hätte ich noch, Kardinal ..."
"Ja, Manfred, dir sind deine Sünden vergeben. Ego te absolvo."
Ein letztes Klicken in der Leitung und der Professor war für den Rest des Tages und seine letzte Nacht mit seinen Gedanken allein.
Am Morgen des 2. Januar fuhr Dr. Jörg Römer auf der Autobahn in Richtung Alpen. Für den prächtigen Neujahrsempfang würde er viel zu spät kommen. Aber das war ihm egal. Er würde seinem Professor beichten müssen, dass er das neue Mittel seiner Tochter verabreicht hatte und diese aus dem Koma erwacht war. Natürlich würde er seine Stellung aufgeben müssen, aber im Vergleich zu dem, was ihm geschenkt worden war, bedeutete dies keine Last für ihn.
Etwa 150 km vor seinem Ziel zwang ihn ein Lichtblitz zum Anhalten. Er konnte sich gerade noch auf die Standspur retten. Der Blitz war wie ein Trichter geformt gewesen und nun folgte ihm die typische pilzförmige Wolke. Zwar wehte plötzlich ein starker Wind über das Land, aber die Berge hatten sowohl die Strahlung als auch den Sturm abgeschirmt.
Als er nach einigen Minuten weiterfuhr, meldete das Autoradio den Absturz eines Kampfflugzeuges in einem Bergtal, bei dem auch eine kleinere Nuklearwaffe sich selbst gezündet hatte. Die Bürger wurden davor gewarnt, sich dem Tal und seiner Umgebung zu nähern.
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Duckhome am
03/02/09 um 07:55
Stammzellen, Klone und Chimären
Im Bereich der Stammenzellenforschung scheint zur Zeit ein Durchbruch nach dem anderen zu gelingen. Das könnte in vieler Hinsicht Hoffnung machen, ist aber eben auch nicht ganz ohne Probleme. Wissenschaftler haben eine Metho ...
Im Bereich der Stammenzellenforschung scheint zur Zeit ein Durchbruch nach dem anderen zu gelingen. Das könnte in vieler Hinsicht Hoffnung machen, ist aber eben auch nicht ganz ohne Probleme. Wissenschaftler haben eine Metho ...



















1.Mos.6,1 Und es geschah, als die Menschen begannen, sich zu vermehren auf der Fläche des Erdbodens, und ihnen Töchter geboren wurden,
1.Mos.6,2 da sahen die Söhne Gottes die Töchter der Menschen, wie schön sie waren, und sie nahmen sich von ihnen allen zu Frauen, welche sie wollten.
1.Mos.6,3 ***Da sprach der HERR: Mein Geist soll nicht ewig im Menschen bleiben, da er ja auch Fleisch ist. Seine Tage sollen 120 Jahre betragen.
Amen.
Mir ist der Buchtitel der Deutschen Ausgabe leider im Moment entfallen, aber falls er mir wieder einfällt, liefere ich einen Verweis zu Amazon nach.
Mir sagte die allzuübliche Story nur nicht zu, sonst stände es bereits seit Erscheinen in einem meiner Bücherregale.
Ich liebe nämlich utopisches.
Selbstverständlich ist es möglich daß dir diese Geschichte auch von jemandem gewinnbringend entwendet wurde, und du nichts davon weißt?
Warten wir auf morgen. Vielleicht bin ich ja auch der Dumme, und es ging nicht um Fruchtfliegen und Atombömbchen, sondern Schlupfwespen und einen zerstörten Atomreaktor.
Schlupfwespen leben solange das es sich lohnt sie zur biologischen Schädlingsbekämpfung einzusetzen. Aber das nur am Rande.
In meiner Geschichte die du sichtlich nicht verstanden hast, die Fruchtfliegen nur ein Beweis. Es geht darum das Wissenschaft und die Ergebnisse von Wissenschaft missbraucht werden. Hier durch die Kirche, es hätte in einem anderen Zusammenhang auch Monsanto sein können, die ja die Kombination von Düngemittel, Pflanzengift und gentechnisch veränderten Pflanzen brauchen um richtig abzuzocken.
Zum Schluss geht es um ein Stück Hoffnung, weil sich immer Menschen finden werden, die gegen die Regel handeln.
Aber wie gesagt das ist bei dir nicht angekommen.