Das englischsprachige Original erschien
hier. Das gibt mir gleich die Gelegenheit, das ausgezeichnete Blog von David Vickrey zu empfehlen, als Antidot, Gegengift, zur gesamten Neoconnerie, die jetzt doch ein wenig auf dem absteigenden Ast ist und "begehrt, nicht schuld zu sein". Es geht in die gleiche Richtung wie bei Jochens
Stamokap-Artikel, setzt sich aber auch mit den
immer abstruser werdenden Schmähungen gegen Obama auseinander.

Das "S"-Wort hat Funkwellen und Kabelfernsehen in den Schlußtagen des US-Präsidentschaftswahlkampfes übernommen. Plötzlich ist Barack Obama in den Augen von John McCain, Sarah Palin und vielen Medien ein "Sozialist" oder "Marxist". Diese Taktik zielt darauf ab, die Wähler dermaßen zu erschrecken, dass sie den Demokraten ablehnen. Die neokonservative
Washington Times nannte ihn, unter Bezug auf seinen afrikanischen Vater sogar einen
Dritte-Welt-Sozialisten.
Im Original heisst das:
If Mr. Obama became president, it would be the first time in history that an American president hailed from a Third-World lineage (Mr. Obama's father came from Kenya, an unmistakably Third World country). Now, since you cannot change where your parents came from, there is nothing inherently wrong with a president having Third-World parents. However, in Mr. Obama's case, this Third-World nexus is relevant because it may help explain his apparent proclivity for radical socialist ideas commonly seen in the Third World.
Übersetzt:
Würde Mr. Obama Präsident, wäre das das erste Mal in der Geschichte, daß ein amerikanischer Präsident von einer Familie aus der Dritten Welt abstammt. (Der Vater von Mr. Obama kam aus Kenia, ein unbestreitbares Dritte-Welt-Land.) Nun, weil man sich seine Eltern nicht aussuchen kann, heisst das nicht, dass es grundsätzlich falsch ist, daß ein Präsident Eltern aus der Dritten Welt hat.Doch bei Mr. Obama ist dieser Dritte-Welt-Nexus[1] wichtig, denn er hilft möglicherweise, seine offensichtliche Neigung für radikalsozialistische Ideen, wie man sie für gewöhnlich in der Dritten Welt sieht, zu erklären.

Das Problem dabei ist: Amerikaner haben bloß eine vage Idee davon, was Sozialismus ist. Und, 19 Jahre nach dem Kollaps der Sowjetunion hat das Wort nicht länger die negative Konnotation, die es einst, während des Kalten Krieges hatte. Und nun hat die US-Regierung - mit Unterstützung von John McCain - den Schritt zur Verstaatlichung des US-Bankwesens gemacht. Dies wurde dann dem amerikanischen Volk als guter und notwendiger Schritt zur Verhinderung des Totalkollaps der globalen Finanzmärkte verkauft. Und die wenigen übriggebliebenen Wall-Street-Banker tragen jetzt Buttons, auf denen steht, daß sie alle jetzt Sozialisten seien. Kann Sozialismus da so schlecht sein?
Jedenfalls scheint die "Sozialismus-"Schmähung für die McCain-Kampagne nicht zu wirken, denn der Republikaner fällt in den Umfragen weiter zurück. Die Amerikaner haben die Auswirkungen der neoliberalen Agenda der Deregulation und Privatisierung kennengelernt und sind nicht glücklich. Wie sonst wäre es zu erklären, daß sie an den Social Security- und Medicare-Programmen hängen und diese "sozialistischen" Programme ausgeweitet sehen wollen.
In Deutschland, wo die drittgrößte Partei offen marxistisch ist, ist die Situation so verschieden nicht. Eine neue Umfrage, die
der Spiegel heute veröffentlicht hat, zeigt, daß die Mehrzahl der Deutschen die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien gutheissen. Mit großer Mehrheit - auch bei konservativen Wählern heissen sie ebenfalls eine teilweise Regierungskontrolle von Aktiengesellschaften gut, um Übernahmen aus dem Ausland zuvorzukommen:
Am größten ist die Zustimmung zur Verstaatlichung der Strom- und Gaskonzerne. 77 Prozent der Deutschen wünschen dies. 84 Prozent der Grünen sind dafür und sogar knapp drei Viertel der Unionsanhänger (73 Prozent) sowie 70 Prozent der FDP-Wähler. Aus Sicht der meisten Bürger sollten auch die Finanzindustrie wie Banken und Versicherungen (64 Prozent) und Logistikunternehmen wie Fluglinien, Bahn und Post (60 Prozent) zumindest teilweise staatlich sein.
Die Kommentare unter dem Originaleintrag sind zustimmend.
[1]: Verbindung