Tja, wir werden uns weiter mit der Neoconnerie, den US-Neocons beschäftigen, die uns diese Woche richtig viel Arbeit machen, sei es, weil sie jetzt alle im Chor begehren, nicht schuld zu sein, sei es, weil sie den bedrängten Freunden vom Vlaams Belang helfen müssen (denn nach Elfmeter-Bart hat jetzt auch Frank Vanhecke einige Probleme, denen ich mich unten schon gewidmet habe), sei es, daß sie weiter fleissig gegen Europa hetzen müssen. Da ist es vielleicht hilfreich, sich mal zu erinnern, wie munter sie noch im Jahr 2006 waren, und nach "Ist das der neue Nahe Osten" fische ich einen Beitrag aus meinem Archiv, den ich 2006 auf mein persönliches Blog gestellt habe, mit dem Hauptteil aus einer Übersetzung aus "de Groene Amsterdammer":
Scheisse am Hacken, oder: da ist was los...
< Jörg Haider ist tot - wie geht es weiter - Teil 2 | Tribute to Kareem Rashad Sultan Khan - An American Hero and Muslim >
Condi's Krieg oder Scheisse am Hacken
Ja, damals schien es noch so auszusehen, als könne man die Grenzen des Nahen Ostens mal so eben neu zeichnen und es wurde gerotzt und gepöbelt, was das Zeug hielt: Mr. Peters tönte, daß die Deutschen ihn anwiderten, und das Quäkende Clärchen mit Europa als dem unwichtigen Museum, oder so... Einige verfahren jetzt so, wie in dem Gedicht von Matthias Claudius, dem wir die neueste Entwicklung bei den Neocons gegenüberstellen:
Kriegslied (1779)
´s ist Krieg! ´s ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
Und rede du darein!
´s ist leider Krieg - und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!
Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
Und blutig, bleich und blaß,
Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,
Und vor mir weinten, was?
Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
Verstümmelt und halb tot
Im Staub sich vor mir wälzten, und mir fluchten
In ihrer Todesnot?
Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,
So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
Wehklagten über mich?
Wenn Hunger, böse Seuch und ihre Nöten
Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammleten, und mir zu Ehren krähten
Von einer Leich herab?
Was hülf mir Kron und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
´s ist leider Krieg – und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!
Und das habe ich damals geschrieben bzw. übersetzt:
Mittwoch, 16. August 2006
"Dies ist Condis Krieg"
Über den Kurs der USA
US-Außenministerin Condoleezza Rice ist in Not. Der "Rockstar" der US-Regierung ("New York Times") wird nach sechs Jahren als eine Säule der Regierung von George W. Bush erstmals persönlich heftig kritisiert. Noch bevor sich der Pulverdampf in Nahost verzogen hat, scheinen die USA nach gut vier Wochen Krieg und Krisendiplomatie als einer der Verlierer dazustehen. "Dies ist Condis Krieg – und bisher, so scheint es, gewinnt sie ihn nicht", schrieb der Politologe James Mann in der "Washington Post". Und allseits wird ein neuerlicher Ansehensverlust der USA beklagt. "Die USA haben einen schweren Imageschaden als neutrale Vermittler erlitten", meint das Massenblatt "USA Today".
Und das kam aus dieser Quelle.
Im niederländischen Wochenblatt De Groene Amsterdammer stand am 31. August 2006 dieser Leitartikel:
Scheiße am Hacken oder: da ist was los...
Karl Marx hat in amerikanischen Regierungskreisen Schule gemacht. „Geburtswehen eines neuen Nahen Ostens“ nannte Außenministerin Rice den Libanon-Krieg. Diese Metapher ist beinahe identisch mit einem entsprechenden Marx’schen Ausspruch. Im Kapital charakterisierte er die Gewalt als „die Geburtshelferin jeder alten Gesellschaft in Kindsnöten.“
Präsident Bush hat, in Erwartung eines neuen Lebens nach dem „Scheiß“ die Drähte zu den Schurkenstaaten deswegen gekappt, weil man mit dieser Sorte Staaten nicht spricht, sondern nur kämpft. Das ist die klassische Gesinnungsethik, die der Soziologe Max Weber vor etwa einhundert Jahren so beschrieb: wenn die Absichten gut sind, gibt es keinen Grund für Kritik, und dann ist das Wort nur noch an Gott zu richten.
Collateral damage? Widerlich. Aber die Libanesen müssen jetzt tapfer sein und sich durchbeißen, denn die Liquidation der Hezbollah und ihrer Stützen kommen schlussendlich auch ihnen zu Gute. Der Waffenstillstand, um den Libanon ersucht hat, ist also kontraproduktiv für die neue Weltordnung.
Ambitionen und Anmaßung sind immens, so immens, dass Bush darüber vor der Kamera ins Stottern geriet. Für weniger als eine bleibende Lösung verlässt Bush nicht mal das Bett. Sei es die Spitzenkonferenz der G8 vor zwei Wochen in St. Petersburg, sei es die Eilberatung in Rom in der vergangenen Woche, seien es die Konsultationen im Sicherheitsrat in New York: stets klingen die Worte:
sustainable
und:
lasting peace.
Und dann kam der Sonntag, der 30. Juli: die Bombardierung von Qana. Die amerikanische Taktik, die Zeit für sich arbeiten zu lassen, stand auf einen Schlag im grellen Scheinwerferlicht. Das verantwortungsethische Argument Israels, dass die Bürger von Qana, wie betrauernswert auch immer, eigentlich Opfer der Hezbollah seien, klang vor allem jesuitisch. Schlimmer jedoch ist, dass die fortdauernde Untätigkeit der USA seit jenem Sonntag unglaubwürdig geworden ist. Politisch unglaubwürdig. Die Vereinigten Staaten spiegeln de Arabischen Welt nun eine nachhaltige Art und Weise vor, die Dinge anzugehen. Doch wer glaubt Bush? Oder: welcher Arabische Führer kann sich erlauben, ihm zu glauben?
Die 48-stündige Einstellung der Bombenangriffe, die Israel jetzt (am 4. August) angekündigt hat, hilft dabei keinesfalls. Die Bodenoffensive ging – in Erwartung der Wiederaufnahme der Luftangriffe - doppelt und dreifach weiter. Und noch vor Ablauf dieser 48 Stunden riet der israelische Verteidigungsminister Peretz den Bürgern Süd-Libanons, nicht mehr nach Norden zu flüchten. Und der Waffenstillstand, den Rice diese Woche vorspiegelte, zeichnete sich bei Redaktionsschluß dieser Ausgabe (31.KW2006 .BB, er wurde am 14. August 2006 geschlossen.) nicht ab. Die Bremse ist, dank Bush, gelöst. Oder mit seinen eigenen Worten:
The shit hits the fan. Scheiße am Hacken.
Es fragt sich nun, wer im nahen Osten die Strippen zieht. Tut Amerika so, als ob der jetzige Krieg ein gutes Ende nimmt, um dann großmütig zu intervenieren? Oder hat Israel die Vereinigten Staaten vor vollendete Tatsachen gestellt? Ende der 70er Jahre prägte der Historiker Maarten Brands, emeritierter Professor für Geschichte an der Universität Amsterdam, im kleinen Kreis den Begriff
Diktatur des kleinen Bundesgenossen.
Das bezog er damals auf den Schah von Persien, der so wichtig für die USA war, dass er mehr Einfluß auf die Iran-Politik Washingtons hatte als umgekehrt. Als der Schah kundtat, er komme schon alleine klar, ging Washington ruhig schlafen. Das Ergebnis ist bekannt.
Das Ergebnis jetzt ist noch nicht bekannt. Doch die Zeichen stehen nicht auf Sonnenschein. Bush’s großes Projekt wird fünf Jahre nach dem 11. September an drei realen Fronten zugleich ausgefochten. In Afghanistan hat sich die Operation „Enduring Freedom“ als Scheinerfolg herausgestellt. Der Irak hat alle Kennzeichen eines Sumpfes. Im Libanon wird Rice noch nicht einmal mehr empfangen. Und nun droht eine vierte Front: Israel selbst. Es geht nicht mehr nur um sichere Grenzen für Israel, das selbstverständlich vor den Raketenangriffen der Hezbollah geschützt werden muss. Es geht um mehr. So, wie die Hezbollah einen druch Iran bevollmächtigten Krieg führt, so kann Israel zur „Stellvertreterfront“ werden.
Die amerikanische Haltung soll Unterstützung für Israel sein, doch sie kann eines Tages für Israel auch zur Gefahr werden. Durch die Nichteinmischungspolitik der USA ist Israel noch mehr zum Frontstaat geworden als ohnehin schon. Schlimmer noch, es läuft Gefahr, durch Bush zur internationalen Kreuzfahrerburg gemacht zu werden. Und das darf nicht sein. Denn Israel mag zwar stärker sein als jeder einzelne seiner Feind oder verschiedene Feinde zusammen – schlussendlich aber ist es zu schwach für alle zusammen. 1973 war es nicht so sicher, wie der Yom Kippur-Krieg ablaufen würde. Dank klarer geopolitischer Verhältnisse, ging er für Israel gut aus.
Damals hielt die klassische Idee „teile und herrsche“ den Nahen Osten noch unter Kontrolle. Die arabischen Staaten entschieden sich für ihre eigenen nationalen Interessen. Für die Palästinenser hatte man im wesentlichen nur Lippenbekenntnisse übrig. Das illustriert der heimliche Krieg in Gaza, über den in diesen Wochen nur wenig Worte verloren werden.
Und vor allem. Jedes Körnchen Vertrauen muss man im nahen Osten mit der Lupe suchen. Doch dank der amerikanischen Dominanz mussten die streitenden Parteien manchmal doch so tun, als ob sie in eine bescheidene Zukunft friedlicher Koexistenz Vertrauen hätten. Nun müssen sie hoffen, dass eine Geburt ihnen mit einem Schlag ein völlig neues Leben schenkt. Durch den Krieg im Libanon hängt nun alles mit allem zusammen. Selbst das hinter den Kulissen gezeichnete Grand Design muss Steinchen-auf-Steinchen aufgebaut werden. Und alles andere wird dann ein Domino-Day-Rekordversuch in einer Halle, in der ein einziger Vogel frei herumfliegt. Und „Qana“ kann durchaus eine Voliere aufreißen.
Bush hat nun auf seinem Zettel, was er in St. Petersburg noch wegschieben konnte: ein Problem.
(c) HUBERT SMEETS, de Groene Amsterdammer
Das es der politische Islamismus ohne die Neocons nie so weit gebracht hätten, steht hier.
Und jetzt?
(Quelle)
Allerdings halten sich nicht alle zurück. Mit Robert Kagan, z.B., dem "drittberühmtesten Großdeuter", werde ich mich andernorts noch mal beschäftigen.
Bildnachweis:
1.) de Groene Amsterdammer,
2.) Abendzeitung München
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