Verschwörungsgeschichten springen über wie die Flöhe. Hier ein paar akrobatische Highlights aus dem Flohzirkus.
Literaturgeschichtliche Vorbemerkung: Man nennt so etwas „
Wandermärchen“ und es ist psychologisch verwandt mit dem Phänomen der „Urban Legends“.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts tat sich etwas in der Literatur:
Fortsetzungsgeschichten feierten große Publikumserfolge und garantierten Auflagesteigerungen von Tageszeitungen. Ein schicker Dandy namens
Eugène Sue hatte ein Erweckungserlebnis in Anbetracht des sozialen Elends in den billigen Quartiers von Paris und wurde zum Sozialisten. Um seine Zeitgenossen aufzurütteln, veröffentlichte er in endlosen Folgen (und täglich!) Fortsetzungsromane, die im Unterschichtsmilieu spielten und in denen edle Helden bedrängte Jungfrauen vor finsteren Schurken erretteten. Die Schurken waren Jesuiten, da war Sue radikal antiklerikal in der Tradition
d’Alemberts, der in einem Brief an Friedrich II. von Preußen vermutet hatte, der im September 1773 verstorbene Papst
Clemens XIV. sei sicherlich von rachsüchtigen Jesuiten ermordet worden, deren Orden der Papst im August 1773
aufgehoben hatte.
Abenteuerliche Romane waren à la mode. Zu den Größen des Genres gehörte
Alexandre Dumas der Ältere, der seine spannenden Geschichten gern in vergangenen Zeiten ansiedelte. In einem seiner Romane schildert er, wie geheimnisvolle Gesellen bei einem konspirativen Treffen auf einem Friedhof die „
Halsbandaffäre“ am Hof Ludwig XVI. einfädeln, um mit einem saftigen Skandal die Monarchie zu untergraben.
Das modische Genre machte Furore und zog Möchtegernliteraten an, die bei den Berühmten der Branche plagiierten. Zum Beispiel ein
Agent Provocateur der preußischen Geheimpolizei namens
Hermann Goedsche, der mächtig auf die Nase gefallen war mit von ihm gefälschten Beweismaterial im Prozess gegen den demokratischen Politiker
Benedikt Waldeck. Unter dem Pseudonym Sir John Retcliffe schrieb er mehr als einen „historisch-politischen Roman“. Einer davon mit dem Titel „Biarritz“ hatte gleich 8 Bände und in einem Kapitel, das an die Szene bei Dumas, äh, sagen wir „angelehnt“ ist, treffen sich in unheimlicher Szenerie ebenfalls finstere Verschwörer, nur sind die Verschwörer bei Goedsche Juden. Die fünfbändige Fortsetzung war denn auch „Um die Weltherrschaft“ betitelt.
Derweil hatte
Maurice Joly den ersten Roman Sues für eine politische Satire gegen
Napoleon III. ausgeschlachtet, Titel „Dialogue aux enfers entre Machiavel et Montesquieu“, in der „Montesquieu“ als Vertreter zynischer Machtpolitik seine trickreichen Herrschaftstechniken enthüllt.
Von hier aus ging’s weiter: In dem Gewirr von Geheimbünden, Geheimdienstagenten, von Agents provocateurs infiltrierten Emigrantenzirkeln, zaristischen Hofkabalen und ihren Hypnotiseuren und Gesundbetern entstand als Auftragsarbeit der zaristischen Geheimpolizei, deren Chef
Ratschkowski die Herstellung und Unterschiebung von Fälschungen geradezu als Kunstform pflegte, ein Großplagiat: Die Rahmenerzählung von Goedsche, die inhaltliche Füllung - also das politische Programm der angeblichen Verschwörer - von Joly, und fertig waren die berüchtigten „
Protokolle der Weisen von Zion“. (Spürnase für die literarische Vorgeschichte u.a.
Umberto Eco, ja doch, der mit dem hinreißenden Roman „
Der Name der Rose“ ).
Von der jesuitischen zur jüdischen Weltverschwörung – jetzt brauchte es nur noch leichtgläubige Bescheidwisser, die das Ding in Umlauf brachten, und die fanden sich, der Boden war nämlich schon einige Zeit vorbereitet wurden, u.a. von der einflussreichen Jesuitenzeitschrift
La Civiltà Cattolica, die in Pressekampagnen ab ca. 1880 den Vatikan als Opfer einer freimaurerisch-liberalistischen Verschwörung mit säkularisierten Juden als Drahtzieher geschildert hatte. In der Redaktion gab es auch einen Romancier,
Antonio Bresciani, der verschwörerische und antisemitische Novellen und Erzählungen schrieb.
Das Spiegelbild, die Jesuiten als Geheimwaffe des Papstes in finsteren klerikalen Machenschaften ultramontaner (soll heißen: vom Vatikan gesteuerter) Staatsfeinde – seit der „
Papisten-Verschwörung“, dem sogenannten „
popish plot“ in England ein Dauerbrenner in protestantischen Kreisen - stand wohl Pate als Bismarck im Rahmen des
Kulturkampfes 1872 das Jesuitengesetz erließ, das alle Ordensniederlassungen des Jesuitenordens auf dem Boden des Deutschen Kaiserreichs verbot. (Zur Erinnerung: Im Kulturkampf ging es richtig zur Sache. Nachdem der katholische Handwerker Eduard Franz Ludwig Kullmann wegen des Kulturkampfs ein missglücktes Attentat auf Bismarck verübt hatte, waren in Preußen zeitweilig alle katholischen Bischöfe festgenommen oder ausgewiesen). Zwar wurde der Kulturkampf 1887 hochoffiziell beigelegt, das
Jesuitengesetz aber blieb bis 1917 in Kraft und antijesuitische Stimmungen in manchen Kreisen noch viel länger.
„Aussteigerberichte“ waren bei Feindbildproduzenten schon lange als propagandistisch wertvolle „Zeugnisse“ entdeckt worden und als ein distinguierter Jesuit den Orden verließ, machte
Adolf Stoecker, Politiker,
Parteigründer,
Antisemit und Hofprediger in einer Person, ihm sofort das Angebot, seine Erfahrungen in ihm gewogenen Presseorganen zu verwerten. Eigentlich hatte es Stoecker ja mit den Juden – er warnte beständig vor dem Untergang der Herrlichkeit Deutschlands durch „Entdeutschung“, „Entchristlichung“ und „Verjudung“ -, aber einen satten Medienhype mochte er sich auf keinen Fall entgehen lassen. Leider wurde nichts daraus. Der Ex-Jesuit berichtete in seiner Lebensgeschichte: „Nur einmal bin ich um nicht unhöflich zu erscheinen, seinen Einladungen gefolgt. Stoecker hat von der ersten Begegnung an einen abschreckenden Eindruck auf mich gemacht. … Das, was mich bei Stoecker besonders abstieß, war sein … Katholikenhass verbunden mit unbegrenzter Unwissenheit über Katholisches. … Das war für mein Empfinden geradezu ekelhaft, dieser Hass, geschürt durch Unwissenheit, aus einem geeichten Vertreter des Christentums nur so ausströmen zu sehen.“ (Paul Graf v. Hoensbroech: 14 Jahre Jesuit. Leipzig 1912, S. 189f).
Eigentlich traf sich Stoecker mit dem Vatikan im antiliberalen
Antimodernismus und mit der katholischen Presse im Antisemitismus. Allein, man blieb sich spinnefeind, denn es gab Differenzen in der Frage, wer denn nun die bösen Liberalen und wer die feigen Judenknechte seien.
Die katholische Presse nämlich nannte Bismarck einen „liberalen Judenknecht“ oder sprach vom „Deutschen Reich jüdischer Nation“ oder erklärte den Kulturkampf zum „Krieg des Judentums gegen das Christentum“. Währenddessen hatte das katholische und
1870/71 von Preußen niedergeworfene Frankreich nicht vergessen, dass der jüdische kaiserliche Hofbankier
Bleichröder das Gutachten für die Höhe der von Frankreich zu leistenden Kriegsentschädigung erstellt hatte, und der französische Schriftsteller
André Suarès behauptete, die Juden hätten ihren Anspruch, das auserwählte Volk zu sein, an die Deutschen abgetreten; gemeinsam seien beide bestrebt, die Weltherrschaft zu erringen.
(Fortsetzung folgt)
Vielen Dank für die Beiträge und beste Grüße,
Gereon