
Ich erinnere mich daran, daß damals - immerhin noch im Kalten Krieg - bejubelt wurde, daß auch Russen und Chinesen an Saddam lieferten. Wenn ich mich richtig erinnere, wurde dem Iran, der damals Rat und Hilfe bei der Versorgung seiner Soldaten suchte, auch diese - humanitäre - Hilfe veweigert. Nur einige Kliniken unterliefen das Embargo. Mit dieser Broschüre suchte der Iran Hilfe:
chemical_warfare01.pdf ,
chemical_warfare02.pdf ,
chemical_warfare03.pdf ,
chemical_warfare04.pdf. Die "freie Welt" stand nicht eben Schlange, einige wenige Kliniken erbarmten sich allerdings doch, darunter mein ehemaliges Haus im Ruhrgebiet, an dem damals Professor Nosrat Firusian wirkte. Wie das damals eingesetzte Gas gewirkt hat, kann man der Broschüre entnehmen. Im Buch von Nasrin Alavi steht eine Größenordnung für die Anzahl der jetzt noch leidenden Opfer von 240.000 (S.85) über "Hunderttausende" bis 680.000. Bis zu 680.000 lebende Erinnerungen an die Unterstützung des Westens gegen ihr Land? Ich bin sicher, daß sich die Iraner das gut gemerkt haben.
Damals wurde übrigens auch ein Zitat von Khomeini kolportiert, nach dem die Amerikaner eines Tages schon merken würden, welchen Frankenstein sie da gepäppelt hätten. Am besten wird das Leid der Gasopfer beschrieben, durch ein Gedicht, das Bloggerkollegin He-Ka-Te
in ihrem Artikel zum Thema bereits gepostet hat:
Gas! GAS! Quick, boys! - An ecstasy of fumbling,
Fitting the clumsy helmets just in time;
But someone still was yelling out and stumbling,
And flound'ring like a man in fire or lime...
Dim, through the misty panes and thick green light,
As under a green sea, I saw him drowning.
In all my dreams, before my helpless sight,
He plunges at me, guttering, choking, drowning.
Gas! GAS! Schnell, Jungs! - hektisches Fummeln,
Den plumpen Helm gerade rechtzeitig aufgesetzt,
Doch jemand schreit auf und stolpert,
und zappelt wie ein Mann in Feuer oder Neonlicht...
Dunkel sah ich durch beschlagene Scheiben und dickes grünes Licht,
wie er ertrank, dem Ertrinken in grüner See gleich.
In all meinen Träumen stehe ich hilflos da und muß zusehen
wie er gurgelnd und hustend ertrinkt.
(Wilfred Owen, "Dulce Et Decorum Est", 1917)

Ich will auch nicht das, was He-Ka-Te geschrieben hat, jetzt alles wiederholen; es gibt noch einige andere Aspekte:
• böse Zungen behaupten, daß dieser Krieg einerseits genauso als interessanter Menschenversuch galt, wie seinerzeit der
Gaskrieg gegen die Rifkabylen (das Bild rechts stammt allerdings auch aus dem Iran), der den ersten Versuch beendeten, einen islamischen Staat zu errichten:
Abd el-Krim wollte im
Rif-Gebirge eine von den Kolonialmächten unabhängige Republik errichten, der Aufstand wurde, nachdem die Spanier sich die Zähne ausgebissen hatten, von >Marschall Pétain niedergeschlagen, dazu kam der Sieger von Verdun,
Marschall Pétain auf eine höchst praktische Idee: Aus Erfahrung kannte er ja die Qualität der Gasgranaten vom Erbfreund, und da konnte man doch mal nett sein: man konnte die Deutschen von ihren Gasgranaten befreien, die sie ja vernichten sollten (es flogen des Öfteren Fabriken und Lagerstätten
in die Luft), ausserdem sollte so ein wenig Geld nach Deutschland, dass eigentlich bis 1951 an den Reparationen zu zahlen gehabt hätte.
• Der Großversuch: was auch He-Ka-Te bereits erwähnt hat: Im
Genfer Protokoll von 1925 war der Einsatz von Giftgas
im Inneren nicht verboten - zu diesem "Inneren" gehörten die Kolonien - oder solche Länder, die man gerne dazu gemacht hätte. Italien, das sich bereits Libyen, "Italienisch Eritrea" und "Italienisch Somaliland "
einverleibt hatte.
1896 war Italien von den Abessiniern schrecklich verprügelt worden, weswegen der Jahrestag der
Schlacht von Adwa/Adua heute in Äthiopien Nationalfeiertag ist. Zeitsprung: Nach der faschistischen Machtergreifung kam es 1935 zum Abessinienfeldzug, der schon lange vorher propagandistisch vorbereitet worden war. Einige Zitate:
Wir pfeifen auf alle Neger der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft und deren eventuelle Verteidiger. Es wird nicht lange dauern und die fünf Erdteile werden ihr Haupt vor dem faschistischen Willen beugen müssen
– Benito Mussolini am 6. Juli 1935 in einer Ansprache an seine Soldaten.
Wir arbeiten mit Gott zusammen in dieser nationalen und katholischen Mission des Guten - vor allem in diesem Augenblick, in dem auf den Schlachtfeldern Äthiopiens die Fahne Italiens im Triumph das Kreuz Christi vorwärtsträgt.
– Alfredo Ildefonso Kardinal Schuster, Erzbischof von Mailand, am 9. Mai 1936 bei der Segnung der heimkehrenden Soldaten. Alfredo Ildefonso Schuster wurde am 12. Mai 1996 von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen.
Überall, unter allen Bäumen, liegen Menschen. Zu tausenden liegen sie da. Ich trete näher, erschüttert. An ihren Füßen, an ihren abgezehrten Gliedern sehe ich grauenhafte, blutende Brandwunden. Das Leben entflieht schon aus ihren von Yperit (frz.f.Senfgas,BB)verseuchten Leibern.
– Dr. Marcel Junod, Mitarbeiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz: Kämpfer beiderseits der Front; Europa-Verlag Zürich/Wien 1947
Wenn man es genauer nachlesen will, ist der
englische Wikipedia-Eintrag ist ausführlicher. In der Literatur steht, dass alle später im 2. Weltkrieg kriegführenden Nationen aufmerksam beobachteten, was sich da in Afrika tat.
hier wurde noch geübt:
hier wurde es dann gekonnt - ich denke, der Film ist auch ohne Italienischkenntnisse verständlich:
Nun ja, das Wissen wurde dann nach dem Iran/Irak-Krieg upgedatet:
und dann war da noch Halabja:
Das gilt es, im Hinterkopf zu behalten, wenn ich mich in der dritten Folge mit den Erinnerungen - an die Zukunft beschäftigen werde: dem Weihnachtshoax von der Weihnachtsbombe.
Aus dienstrechtlichen Gründen muss ich darauf hinweisen, dass es sich bei diesem Artikel um meine Privatmeinung handelt.