Wenn sich verschiedene Fraktionen innerhalb einer Kultur auf einen Hauptfeind geeinigt haben, dann tragen sie ihre Differenzen gern mit dem Vorwurf aus, der Gegner in der Debatte sei von dem Hauptfeind a) unterwandert (also ein blauäugiger Naivling), b) knicke vor ihm ein (also ein Feigling) oder sei c) mit ihm im Bunde (also ein Verräter). Das spart inhaltliche Argumente. Aber zu fassen haben muss man ihn erst mal, den Urheber aller Übel!
Wanderlustige Märchen, Verschwörungstheorien, urban legends - Teil 2
Die Anklage, die Suarès gegen Preußen ins Feld führte, die wurde von einem preußischen Vertreter – eines Kulturprotestantismus oder einer Protestkultur? – gegen den Vatikan geschleudert: Die „Unfehlbarkeits-Anmaßung der Judenabkömmlinge in Rom“ sei nur ein ultramontanes Feuerwerk, die Augen der Germanen von der verdächtigen kapitalistischen Unfehlbarkeit ihrer weltlichen Rassegenossen abzulenken, „Juda und Rom“ griffen gemeinsam nach der Weltherrschaft, und überhaupt stamme der Papst aus dem „jüdischen Haus Ferretti“. Ottmar Beta (Ottomar Bettziech) legte seine Schrift „Darwin, Deutschland und die Juden oder Juda-Jesuitismus“ (Berlin 1875) ehrfürchtig Bismarck zu Füßen zur gefälligen Verwendung. Die Ergänzung der Theorie, angebliche jesuitische Geheimpapiere, waren schon viel länger in Umlauf, etwa die angeblich aus dem Jahre 1614 stammenden „Monita secreta“.
Die Feindbestimmung innerhalb der katholischen Kirche dagegen gestaltete sich etwas komplexer. 1755 hatte der Jesuit H.M. Sauvage in der Schrift „La réalité du projet de Bourg-Fontaine, démontrée par l’exécution“ über einen angeblichen Kongress von Jansenisten und Aufklärern in der Kartause von Bourgfontaine berichtet, auf dem ein Geheimplan zur Einführung der deistischen Vernunftreligion und zur Abschaffung der Kirche verabredet worden sei. 1764 erschien sie in Augsburg unter dem Titel „Veritas Concilii Burgofonte initi ex ipsa huius executione demonstrata“, nachdem sie in Paris 1758 öffentlich von Henkershand zerrissen und verbrannt worden war. Die Schrift wurde in München beschlagnahmt, aber die Idee von den Jansenisten im Komplott mit frechen Aufklärern war in die Welt gesetzt. Das von Papst Clemens XIV. 1773 verfügte Jesuitenverbot erschien Bescheidwissern wie ein Sieg der jansenistisch-aufklärerischen Verschwörer.
Die Jansenisten, die bereits 1719 vom Papst verboten worden waren, nicht faul, hatten längst gekontert. 1757 verbreiteten sie in Frankreich das Gerücht, die Jesuiten hätten Robert François Damiens beauftragt, ein Attentat auf König Ludwig XV. zu verüben (selbstverständlich wurde Damiens hingerichtet, und wie!), und 1776 veröffentlichte der Josephiner und nachmalige Herausgeber der jansenistischen Wiener Kirchenzeitung Marc Anton Wittola eine Gegenschrift: „Der Jansenismus, ein Schreckenbild für Kinder.“ Der Leser wird unschwer erraten können, was außer einer Rechtfertigung des Jansenismus noch darin stand.
Im Umfeld des Vatikan waren es dagegen die Freimaurerlogen, gegen die Papst Clemens XII. 1738 die Bulle „In eminenti“ und Papst Benedikt XIV. 1751 die Bulle „Providas romanorum“ erlassen hatten, die als die allerfinstersten Gesellen betrachtet wurden. Die Argumentation der Bulle ist seither noch oft wiederholt worden, wo die Einschränkung der Vereinigungsfreiheit mit der Verwerflichkeit der Vereinigungen, und die Verwerflichkeit der Vereinigungen mit der Folge der Einschränkung der Vereinigungsfreiheit begründet wurde: Sie scheuen das Licht der Öffentlichkeit, und das hätten sie nicht nötig, wenn sie keinem weh täten. Es wird schon seinen Grund haben, dass sie sich verbergen. Deshalb sind sie auch schon in vielen Ländern verboten worden, und siehe da, sie treffen sich konspirativ, ergo: Sie können nur Übles vorhaben. Denn wenn sie nichts Übles vorhätten … Und immer rundherum im Kreise.
Die Liste päpstlicher Verdammungen der Freimaurerei ist lang und mit dem Auftreten der revolutionär gesonnenen Carbonari, die sich der Restauration nach dem Wiener Kongress widersetzten, auch machtpolitisch begründet. Zum passenden Zeitpunkt wurden schließlich Geheimpapiere enthüllt zum Beweis, dass die Carbonari einen geheimen Plan ausgeheckt hätten, die katholische Kirche zu infiltrieren und in ihr liberale Ideen zu verbreiten. Durchkreuzt wurde die Verschwörung durch die von Papst Pius IX. 1859 veranlasste Veröffentlichung dieser Alta Vendita genannten Papiere, rückdatiert auf die 1820er Jahre, als die Carbonari stark waren. Und jetzt darf der Leser raten, wann der Heilige Stuhl sich von kircheninternen Reformbestrebungen arg belästigt fühlte: 1820 oder 1859?
Und auch nachdem Papst Benedikt XIV. 1751 mit der Bulle „Providas romanorum“ die Verurteilung der Freimaurerei noch einmal aufgefrischt hatte, blieb immer noch die Frage offen: Wer ist denn nun mit den Freimaurern im Bunde, Jesuiten oder Jansenisten? Wenn es so weitergehe, dann die gesamte katholische Kirche, so fürchtete im Jahre 1910 ein braver und stockkonservativer Jesuit namens Emmanuel Barbier und veröffentlichte zur allgemeinen Warnung die Schrift „Les Infiltrations Maçonniques dans l’église“. Freimaurerische Unterwanderung der Kirche! Wohin ist es mit der Welt nur gekommen?!
Die französische Revolution bestätigte die schlimmsten Vermutungen in Sachen heimtückischer Verschwörungen, und bald gab es auch Zeugenaussagen. Einer der in die Halsbandaffäre verstrickten Personen hatte 1789 das Pech, der Inquisition in die Finger zu fallen. Er rettete seinen Kopf durch einen grandiosen Schwindel: In seinem 1790 geführten Prozess behauptete er, Freimaurer und Illuminaten hätten die Revolution in Frankreich geplant und bereiteten nun weitere Schläge „auf Italien und sonderheitlich auf Rom“ vor.
Wie sich Klein-Fritzchen Revolution vorstellt, genau so geht sie! Diese Enthüllungen wurden gleich 1790 von der päpstlichen Kammerdruckerei veröffentlicht und in zahlreichen Übersetzungen über den Kontinent verbreitet. Geglaubt wurden sie von allen, die sich „sowieso schon so etwas gedacht hatten“.
Auch die Revolutionäre dachten sich so manches, und im Herbst 1793 wurde die „Verschwörung des Auslands“ aufgedeckt: Radikale Jakobiner hätten sich vom Ausland dafür bezahlen lassen, durch überzogene Maßnahmen die Revolution zu diskreditieren und die Republik zu Grunde zu richten. Natürlich wurden sie Madame la Guillotine zugeführt.
Im Rest Europas lief in diesen bewegten Zeiten etwas ab, für das Ralf Klausnitzer die treffende Bezeichnung „konspirationistische Kombinatorik“ geprägt hat. 1786 – es lag was in der Luft - veröffentlichte der Weimarer Regierungsangestellte Ernst August von Göchhausen ganz anonym bei Göschen in Leipzig (als Druckort aber war – versteht sich – Rom angegeben) die Schrift „Enthüllungen des Systems der Weltbürger-Republik“. Die Anschlussbände 1787, u.a. „Vollendeter Aufschluss des Jesuitismus und des wahren Geheimnisses der Freimaurer. Ans Licht gestellt von dem Herausgeber der Enthüllung der Weltbürger-Republik. Aus den Papieren seines verstorbenen Vetters“ betitelt, machten es ganz klar: Revolutionen sind angesagt, und das kömmt von der weltweiten Verschwörung von Freimaurern und Jesuiten.
Und siehe da, 1789 ist es soweit, die französische Revolution bricht aus. 1792 flieht der ehemalige Jesuit Abbé Augustin Barruel aus Paris nach England. Seit dem Jesuitenverbot in Frankreich 1764 und der päpstlichen Aufhebung des Ordens 1773 hatte er ein bewegtes Leben geführt, dennoch hatte er sich die französische Revolution zunächst noch erklärt mit dem Zorn Gottes, der durch die Aufklärung, den Sittenverfall und die Lauheit der Priesterschaft verursacht worden sei. Die erzwungene Emigration brachte das Fass zum Überlaufen. Angeregt von deutschen Publizisten wie z.B. Göchhausen, den Anti-Illuminaten-Kampfschriften sowie dem Schotten John Robison, kombinierte er deren Theorien ab 1797 in seinen vierbändigen „Mémoires pour servir à l’histoire du Jacobinisme“. Den Teil „jesuitische Verschwörung“ ließ er wohlweislich weg, aber davon abgesehen gelang es ihm, fast alle zu seiner Zeit grassierenden Verschwörungstheorien miteinander zu kombinieren. Das Werk wurde ein Renner und prompt rückübersetzt ins Deutsche.
Außer den Jesuiten fehlte bei Barruel allerdings eine weitere Standardfigur verschwörerischen Wirkens. Wir werden darauf zurückkommen, denn um die Ergänzung rankt sich eine eigene Verschwörungsgeschichte mit allen aufregenden Zutaten: Intrigen, Geheimdienste, Fälschungen, edle Helden, finstere Schurken.
In Anbetracht der allerorts dräuenden Gefahren ließ 1814 – der Wiener Kongress hatte gerade ausgetanzt – Papst Pius VII. die Jesuiten kraft der Bulle Sollicitudo omnium ecclesiarum wieder zu.
Auch in Spanien ging es hin und her. 1766 war man in der Hauptstadt beim Madrider Hutaufstand noch neumodischen Reformen eher abgeneigt, und es waren Jesuiten, die die aufständischen Massen beschwichtigten. Was ihnen von der Regierung allerdings schlecht gedankt wurde: Sie ließ die Jesuiten 1767 verbieten, da sie sie als Drahtzieher des Aufstands sah.
Nun hatten sich die Zeiten nachnapoleonisch gewendet. Die Bevölkerung Madrids fühlte sich modern, liberal und antiklerikal, und der absolutistisch-klerikale Aufstand kam aus der Provinz. Die Jesuiten ergriffen die Partei der aufständischen Carlisten, und die Gegenpartei, die regierungsnahen Cristinos, nutzte die Gelegenheit des kriegsbedingten Ausbruchs der Cholera, um zu verbreiteten, Mönche hätten die Brunnen vergiftet. 1835 ließ die Regentin Maria Cristina die Gesellschaft Jesu verbieten und eine Anzahl von Konventen schließen, um so die kirchenfeindlichen städtischen Massen zu beschwichtigen. Die aber begriffen das nicht als Beschwichtigung, sondern als Bestätigung ihrer Kirchenfeindlichkeit, und es kam zu einem bis dahin beispiellosen Klostersturm. Hunderte von Klöstern wurden niedergebrannt, und zahlreiche Ordensangehörige und Kleriker verloren ihr Leben. Was wiederum die Paranoia der katholischen Kirche ungemein beflügelte, denn die liberalen Kontrahenten der Carlisten waren schon im 18. Jahrhundert oft in Freimaurerlogen organisiert gewesen: „Just because you are paranoid doesn’t mean they are not out to get you.“ (Dass du paranoid bist heißt nicht, dass sie nicht hinter dir her sind). In der Tat. Aber nicht unbedingt aus den vermuteten Gründen. Und „sie“ müssen auch nicht unbedingt diejenigen sein, die verdächtigt werden, „sie“ zu sein.
(Fortsetzung folgt)
Teil 1
Die Feindbestimmung innerhalb der katholischen Kirche dagegen gestaltete sich etwas komplexer. 1755 hatte der Jesuit H.M. Sauvage in der Schrift „La réalité du projet de Bourg-Fontaine, démontrée par l’exécution“ über einen angeblichen Kongress von Jansenisten und Aufklärern in der Kartause von Bourgfontaine berichtet, auf dem ein Geheimplan zur Einführung der deistischen Vernunftreligion und zur Abschaffung der Kirche verabredet worden sei. 1764 erschien sie in Augsburg unter dem Titel „Veritas Concilii Burgofonte initi ex ipsa huius executione demonstrata“, nachdem sie in Paris 1758 öffentlich von Henkershand zerrissen und verbrannt worden war. Die Schrift wurde in München beschlagnahmt, aber die Idee von den Jansenisten im Komplott mit frechen Aufklärern war in die Welt gesetzt. Das von Papst Clemens XIV. 1773 verfügte Jesuitenverbot erschien Bescheidwissern wie ein Sieg der jansenistisch-aufklärerischen Verschwörer.
Die Jansenisten, die bereits 1719 vom Papst verboten worden waren, nicht faul, hatten längst gekontert. 1757 verbreiteten sie in Frankreich das Gerücht, die Jesuiten hätten Robert François Damiens beauftragt, ein Attentat auf König Ludwig XV. zu verüben (selbstverständlich wurde Damiens hingerichtet, und wie!), und 1776 veröffentlichte der Josephiner und nachmalige Herausgeber der jansenistischen Wiener Kirchenzeitung Marc Anton Wittola eine Gegenschrift: „Der Jansenismus, ein Schreckenbild für Kinder.“ Der Leser wird unschwer erraten können, was außer einer Rechtfertigung des Jansenismus noch darin stand.
Im Umfeld des Vatikan waren es dagegen die Freimaurerlogen, gegen die Papst Clemens XII. 1738 die Bulle „In eminenti“ und Papst Benedikt XIV. 1751 die Bulle „Providas romanorum“ erlassen hatten, die als die allerfinstersten Gesellen betrachtet wurden. Die Argumentation der Bulle ist seither noch oft wiederholt worden, wo die Einschränkung der Vereinigungsfreiheit mit der Verwerflichkeit der Vereinigungen, und die Verwerflichkeit der Vereinigungen mit der Folge der Einschränkung der Vereinigungsfreiheit begründet wurde: Sie scheuen das Licht der Öffentlichkeit, und das hätten sie nicht nötig, wenn sie keinem weh täten. Es wird schon seinen Grund haben, dass sie sich verbergen. Deshalb sind sie auch schon in vielen Ländern verboten worden, und siehe da, sie treffen sich konspirativ, ergo: Sie können nur Übles vorhaben. Denn wenn sie nichts Übles vorhätten … Und immer rundherum im Kreise.
Die Liste päpstlicher Verdammungen der Freimaurerei ist lang und mit dem Auftreten der revolutionär gesonnenen Carbonari, die sich der Restauration nach dem Wiener Kongress widersetzten, auch machtpolitisch begründet. Zum passenden Zeitpunkt wurden schließlich Geheimpapiere enthüllt zum Beweis, dass die Carbonari einen geheimen Plan ausgeheckt hätten, die katholische Kirche zu infiltrieren und in ihr liberale Ideen zu verbreiten. Durchkreuzt wurde die Verschwörung durch die von Papst Pius IX. 1859 veranlasste Veröffentlichung dieser Alta Vendita genannten Papiere, rückdatiert auf die 1820er Jahre, als die Carbonari stark waren. Und jetzt darf der Leser raten, wann der Heilige Stuhl sich von kircheninternen Reformbestrebungen arg belästigt fühlte: 1820 oder 1859?
Und auch nachdem Papst Benedikt XIV. 1751 mit der Bulle „Providas romanorum“ die Verurteilung der Freimaurerei noch einmal aufgefrischt hatte, blieb immer noch die Frage offen: Wer ist denn nun mit den Freimaurern im Bunde, Jesuiten oder Jansenisten? Wenn es so weitergehe, dann die gesamte katholische Kirche, so fürchtete im Jahre 1910 ein braver und stockkonservativer Jesuit namens Emmanuel Barbier und veröffentlichte zur allgemeinen Warnung die Schrift „Les Infiltrations Maçonniques dans l’église“. Freimaurerische Unterwanderung der Kirche! Wohin ist es mit der Welt nur gekommen?!
Die französische Revolution bestätigte die schlimmsten Vermutungen in Sachen heimtückischer Verschwörungen, und bald gab es auch Zeugenaussagen. Einer der in die Halsbandaffäre verstrickten Personen hatte 1789 das Pech, der Inquisition in die Finger zu fallen. Er rettete seinen Kopf durch einen grandiosen Schwindel: In seinem 1790 geführten Prozess behauptete er, Freimaurer und Illuminaten hätten die Revolution in Frankreich geplant und bereiteten nun weitere Schläge „auf Italien und sonderheitlich auf Rom“ vor.
Den Häuptern dieser Verschwörung ständen riesige Geldsummen zur Verfügung, denn 180.000 Maurer aus ganz Europa entrichteten jährlich 5 Louisd’or pro Kopf in eine gemeinsame Kasse. Diese Summen gebrauchte man „zur Unterhaltung der Ordenshäupter, zur Besoldung der Emissarien, die an allen Höfen sich befänden, zur Unterhaltung der Schiffe und endlich zur Anschaffung alles dessen, was der Sekte benötiget wäre, und zur Belohnung derjenigen […], welche irgend eine Unternehmung wider despotische Souverains wagten.“
Wie sich Klein-Fritzchen Revolution vorstellt, genau so geht sie! Diese Enthüllungen wurden gleich 1790 von der päpstlichen Kammerdruckerei veröffentlicht und in zahlreichen Übersetzungen über den Kontinent verbreitet. Geglaubt wurden sie von allen, die sich „sowieso schon so etwas gedacht hatten“.
Auch die Revolutionäre dachten sich so manches, und im Herbst 1793 wurde die „Verschwörung des Auslands“ aufgedeckt: Radikale Jakobiner hätten sich vom Ausland dafür bezahlen lassen, durch überzogene Maßnahmen die Revolution zu diskreditieren und die Republik zu Grunde zu richten. Natürlich wurden sie Madame la Guillotine zugeführt.
Im Rest Europas lief in diesen bewegten Zeiten etwas ab, für das Ralf Klausnitzer die treffende Bezeichnung „konspirationistische Kombinatorik“ geprägt hat. 1786 – es lag was in der Luft - veröffentlichte der Weimarer Regierungsangestellte Ernst August von Göchhausen ganz anonym bei Göschen in Leipzig (als Druckort aber war – versteht sich – Rom angegeben) die Schrift „Enthüllungen des Systems der Weltbürger-Republik“. Die Anschlussbände 1787, u.a. „Vollendeter Aufschluss des Jesuitismus und des wahren Geheimnisses der Freimaurer. Ans Licht gestellt von dem Herausgeber der Enthüllung der Weltbürger-Republik. Aus den Papieren seines verstorbenen Vetters“ betitelt, machten es ganz klar: Revolutionen sind angesagt, und das kömmt von der weltweiten Verschwörung von Freimaurern und Jesuiten.
Und siehe da, 1789 ist es soweit, die französische Revolution bricht aus. 1792 flieht der ehemalige Jesuit Abbé Augustin Barruel aus Paris nach England. Seit dem Jesuitenverbot in Frankreich 1764 und der päpstlichen Aufhebung des Ordens 1773 hatte er ein bewegtes Leben geführt, dennoch hatte er sich die französische Revolution zunächst noch erklärt mit dem Zorn Gottes, der durch die Aufklärung, den Sittenverfall und die Lauheit der Priesterschaft verursacht worden sei. Die erzwungene Emigration brachte das Fass zum Überlaufen. Angeregt von deutschen Publizisten wie z.B. Göchhausen, den Anti-Illuminaten-Kampfschriften sowie dem Schotten John Robison, kombinierte er deren Theorien ab 1797 in seinen vierbändigen „Mémoires pour servir à l’histoire du Jacobinisme“. Den Teil „jesuitische Verschwörung“ ließ er wohlweislich weg, aber davon abgesehen gelang es ihm, fast alle zu seiner Zeit grassierenden Verschwörungstheorien miteinander zu kombinieren. Das Werk wurde ein Renner und prompt rückübersetzt ins Deutsche.
Außer den Jesuiten fehlte bei Barruel allerdings eine weitere Standardfigur verschwörerischen Wirkens. Wir werden darauf zurückkommen, denn um die Ergänzung rankt sich eine eigene Verschwörungsgeschichte mit allen aufregenden Zutaten: Intrigen, Geheimdienste, Fälschungen, edle Helden, finstere Schurken.
In Anbetracht der allerorts dräuenden Gefahren ließ 1814 – der Wiener Kongress hatte gerade ausgetanzt – Papst Pius VII. die Jesuiten kraft der Bulle Sollicitudo omnium ecclesiarum wieder zu.
Auch in Spanien ging es hin und her. 1766 war man in der Hauptstadt beim Madrider Hutaufstand noch neumodischen Reformen eher abgeneigt, und es waren Jesuiten, die die aufständischen Massen beschwichtigten. Was ihnen von der Regierung allerdings schlecht gedankt wurde: Sie ließ die Jesuiten 1767 verbieten, da sie sie als Drahtzieher des Aufstands sah.
Nun hatten sich die Zeiten nachnapoleonisch gewendet. Die Bevölkerung Madrids fühlte sich modern, liberal und antiklerikal, und der absolutistisch-klerikale Aufstand kam aus der Provinz. Die Jesuiten ergriffen die Partei der aufständischen Carlisten, und die Gegenpartei, die regierungsnahen Cristinos, nutzte die Gelegenheit des kriegsbedingten Ausbruchs der Cholera, um zu verbreiteten, Mönche hätten die Brunnen vergiftet. 1835 ließ die Regentin Maria Cristina die Gesellschaft Jesu verbieten und eine Anzahl von Konventen schließen, um so die kirchenfeindlichen städtischen Massen zu beschwichtigen. Die aber begriffen das nicht als Beschwichtigung, sondern als Bestätigung ihrer Kirchenfeindlichkeit, und es kam zu einem bis dahin beispiellosen Klostersturm. Hunderte von Klöstern wurden niedergebrannt, und zahlreiche Ordensangehörige und Kleriker verloren ihr Leben. Was wiederum die Paranoia der katholischen Kirche ungemein beflügelte, denn die liberalen Kontrahenten der Carlisten waren schon im 18. Jahrhundert oft in Freimaurerlogen organisiert gewesen: „Just because you are paranoid doesn’t mean they are not out to get you.“ (Dass du paranoid bist heißt nicht, dass sie nicht hinter dir her sind). In der Tat. Aber nicht unbedingt aus den vermuteten Gründen. Und „sie“ müssen auch nicht unbedingt diejenigen sein, die verdächtigt werden, „sie“ zu sein.
(Fortsetzung folgt)
Teil 1
Tags für diesen Artikel: Antijudaismus, Antiklerikalismus, Antisemitismus, Deutsches Reich, Medien, Presse, urban legend, Verschwörungtheorien, Wanderlegenden, Wandermärchen
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