Rürup kassiert seine Belohnung ein
Wenn seine fiese, mitleidslose Visage auf deutschen Bildschirmen auftauchte, wusste jeder, was die Uhr geschlagen hatte. Immer ging es darum, ein paar soziale Errungenschaften madig zu machen und dafür zu sorgen, dass die Menschen, die dieses Land durch ihre Arbeit am Leben erhalten, zugunsten der Neoliberalen, der Faulen und Spekulanten schlechter gestellt wurden.
Der Name Hans-Adalbert (Bert) Rürup steht für die Spaltung unserer Gesellschaft in Arm und Reich, wobei Rürups hauptsächliche Aufgabe darin bestand, den Arbeitnehmern alle Sicherheiten aus den solidarischen Versicherungssystemen zu nehmen und sie dafür in die Scheinsicherheiten der Versicherungswirtschaft zu treiben.
Rürup hat zwar nichts anständiges gelernt, sondern sich nur in die Pseudowissenschaften "Wirtschafts- und Finanzwirtschaftslehre" geflüchtet, bei denen es eben nicht um Wissen, sondern um den Glauben an eine Religion geht. Innerhalb dieser Religion gelang es ihm, ohne sich je mit dem praktischen Leben auseinandersetzen zu müssen, sich in eine Professorenstelle zu retten. Auf ihn trifft der alte Witz nun vollständig zu.
Wer nichts wird, wird (Volks)wirt,
wer gar nichts wird, wird Bahnhofswirt,
und ist ihm dieses nicht gelungen,
so reist er in Versicherungen.
Als Prediger seiner falschen Religion ist er im Kreis der anderen Irrgläubigen zwar angesehen, was allerdings kein Maßstab ist. Noch angesehener ist er bei denen, denen er durch seine Irrlehre gute Geschäfte beschert. Natürlich darf niemand behaupten, dass Rürup schon in den frühen Neunzigern gekauft war, als er begann, die Bundesregierungen zu "beraten".
Rürup ist ein sehr einflussreicher Politikberater. Sein Schwerpunkt bildet die Rentenpolitik. Rürup ist insbesondere seit vielen Jahren Berater der Bundesregierungen in sozialpolitischen Fragen. Unter anderem war er 1992-2002 in der Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages Demografischer Wandel; 1996-1998 Mitglied der Kommission der Bundesregierung Fortentwicklung der Rentenversicherung, 1999-2001 Mitglied im Expertenkreis des Bundesarbeitsministers zur Vorbereitung der Rentenreform 2001, seit 2000 Vorsitzender des Sozialbeirats für die Rentenversicherung[2].
2000 folgte er dem Ruf in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (auch Rat der Wirtschaftsweisen), dessen Vorsitz er im März 2005 übernommen hat. Seit 2002 hat er den Vorsitz in der Sachverständigenkommission zur Neuordnung der Besteuerung von Altersvorsorgeaufwendungen und Alterseinkommen und in der Kommission für die Nachhaltigkeit in der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme, in den Medien auch als Rürup-Kommission bezeichnet. Ziel der Kommission ist es, Konzepte für die Beitragsstabilität von Renten- und Krankenversicherung zu erarbeiten.
Sieht man allerdings die Ergebnisse seiner Beratertätigkeit, dann wird schnell klar, wofür er die ganze Zeit gearbeitet hat. Alle seine "Erfolge" nützen der privaten Versicherungswirtschaft, und das Geld, das in diese Systeme geflossen ist, ist nun vermutlich genauso weg wie das Geld in den amerikanischen Pensionskassen.
Natürlich hat Rürup das kommen sehen. Man sollte einen Menschen, nur weil er idiotisch handelt, ja nicht für einen Idioten halten. Er wusste, dass der Crash kommen musste, wie es eigentlich jeder wusste. Er hat nur gehofft, sich rechtzeitig vom Acker machen zu können. Außerdem ist es ja nicht gefährlich, falsch oder gar bewusst falsch zu beraten. Dafür kann nach deutschem Recht niemand zur Verantwortung gezogen werden, und die Höhe eines Anfangsverdachtes auf Bestechlichkeit muss ein Vielfaches des Mount Everest betragen, bevor ein deutscher Staatsanwalt ermittelt. Der ermittelt lieber gegen Leute, die Rürup und die ganzen Wirtschaftsweisen für gekauft halten. Da kann der Anfangsverdacht sogar kleiner als klein sein.
Allerdings hat der Hans-Adalbert Rürup nicht rechtzeitig die Kurve gekriegt. Mit der Weltwirtschaftskrise ist klar, dass all das, wofür Rürup und das Gesindel um ihn herum stehen, ihnen direkt ins Gesicht explodiert ist. Ihre gesamte Irrlehre um die Kräfte des freien und ungezügelten Marktes hat sich als dummes Gerede von verantwortungslosen Spekulanten und Nichtskönnern entlarvt. Der Steuerzahler muss jetzt die Institute retten, denen Rürup seine Rente und den Riesterdreck zugeschoben hatte.
Das Geld ist weg - und nun möchte der Herr Rürup nichts mehr damit zu tun haben. Er wird ganz einfach Versicherungsvertreter.
Er sichert seine Altersbezüge durch private Vorsorge ab. Das kann man anstößig finden, wenn man bedenkt, dass AWD genau die Produkte vertreibt, die Rürup während seiner langjährigen Beratertätigkeit für wechselnde Bundesregierungen immer wieder empfohlen oder selbst entwickelt hat: die Riester-Rente für Beschäftigte und ihr Pendant für Selbstständige, die Rürup-Rente.
Rürup wird den Job als AWD-Chefökonom im April 2009 antreten. Dann hat er sein letztes Wintersemester absolviert und den Posten im Sachverständigenrat niedergelegt. Seinen Eintritt in den wegen seiner knallharten Geschäftspraktiken umstrittenen Konzern begründet er ungewohnt bescheiden als Chance. "Nach 40 Jahren in Universitäten und Wirtschaft wollte ich noch einmal etwas Neues beginnen." Auch Geld dürfte eine Rolle gespielt haben. Sein künftiges Einkommen wird sicherlich höher sein als das, was er als Professor, Berater, Redner und Beirat verdient hat. In einer marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaft ist das nichts Ehrenrühriges. Auch AWD-Chef Carsten Maschmeyer profitiert: Rürups Verpflichtung ist ein Coup und der erneute Versuch, sich und seiner Firma mehr Seriosität zu kaufen.
Wenn Rürup dem AWD zu Seriosität verhelfen kann, dann muss der Sinn des Wortes Seriosität zwischenzeitlich völlig umgedeutet worden sein. An Rürup wie dem AWD ist nichts seriöses. Beiden geht es darum, das Volk mit Privatversicherungen vollzustopfen, die niemand wirklich braucht und die ihre Versprechungen dann auch meist nicht erfüllen. Es macht keinen Sinn, hier im einzelnen Vorfälle um den AWD aufzuzählen. Jeder, der nach AWD plus Methoden googelt, bekommt sehr schnell einen guten Eindruck.
Wer sich den Tag noch mehr vermiesen lassen möchte, der mag auch nach MLP und OVB suchen. Aber die Angelegenheit AWD und Konsorten dürfte sich am Ende der Weltwirtschaftskrise von selbst erledigt haben. Der AIG werden noch viele Versicherer folgen, und wenn dann in Deutschland zugegeben werden muss, dass die Lebensversicherungen kaum noch Wert haben, ist diese Branche endlich am Ende. Wichtiger ist jedoch, was die Süddeutsche jetzt wohl auch zur Rechtfertigung des eigenen Tuns anmerkt.
Alles im Leben hat einen Preis, auch Rürups Jobwechsel wird einen haben. Bis gestern war er in der Politik und unter Journalisten anerkannt und gefragt. Immerhin gehört er zu den wenigen Wissenschaftlern, die nicht nur viel und gründlich arbeiten, sondern auch Kompliziertes pointiert, ja witzig erklären können. Rürups neuer Job dürfte diese Popularität beenden. Wer in der Politik lässt sich von einem Experten beraten, der sein Geld bei einem Versicherungsverkäufer verdient? Welcher Reporter wird einen solchen Verkäufer als unabhängigen Experten zitieren? Besonders schmerzlich aber dürfte es für Rürup sein, dass er durch seinen Abtritt denen Argumente liefert, die sein Eintreten für eine private Altersvorsorge immer schon für einen Dienst an der Versicherungsbranche gehalten haben.
Andersherum wird ein Schuh daraus. Jeder verantwortungsvolle Journalist, Politiker und Mensch musste schon lange erkennen, für wen Rürup arbeitete. Es wurde in der Blogwelt ja auch oft genug thematisiert. Aber die Qualitätsmedien hatten sich eben genau wie Rürup an den neoliberalen Ungeist verkauft, und die meisten sind heute noch in diesem Ungeist unterwegs und versuchen die Realität zu verdrängen.
Rürup hat nie gearbeitet. Er hat zwar locker Witze gemacht und sich über die amüsiert, deren Zukunft er zerstört hat, aber er war nicht kompetent. Bestenfalls ein guter Lügner für seine Religion, den Neoliberalismus in seiner ganzen Menschenverachtung. Dabei hat er gut für sich gesorgt.
Nun muss der von ihm angerichtete Schaden beseitigt werden. Alle Gesetze, die er verdreht hat, müssen wieder geradegerückt werden. Selbstverständlich ist dieser Sachverständigenrat sofort zur Gänze zu entlassen, und jeder Kontakt mit Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft muss unter Strafe gestellt werden. Rürup ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Die anderen sind ja nicht besser.
Im nächsten Schritt müssen die angeblichen "Wirtschaftsforschungsinstitute" aufgelöst werden, und Mittel für diese Vereinigungen dürfen nicht mehr als steuerlicher Aufwand dargestellt werden. Das gleiche gilt natürlich auch für diverse Stiftungen wie Bertelsmann, INSM und die viele Zukunftsräte, die nichts anderes wollen, als die Gegenwart und Zukunft der Bevölkerungsmehrheit zu zerstören.
Rürup sollte jetzt den Anlass bieten, mit all diesem hochsubventionierten Lügnertum aufzuhören. Und zwar sofort. In einem wesentlichen ersten Schritt müssen alle Einkommen, auch die aus Unternehmen, Handwerk und Gewerbe, auf Basis des EBITDA zu einem gleichen Satz mit den Kosten der sozialen Sicherungssysteme belastet werden. Gleichzeitig muss das EBITDA als Basis für die Besteuerung dienen. Wer sich zusätzlich privat versichern will, darf das gerne tun, aber es muss eine gesetzliche Versicherungspflicht für die solidarischen Versicherungssysteme eingeführt werden.
Dann hat der Fall Rürup wenigstens ein Gutes.



















Auszug von duckhomeRürup kassiert seine Belohnung einvon Jochen HoffWenn seine fiese, mitleidslose Visage auf deutschen Bildschirmen auftauchte, wusste jeder, was die Uhr geschlagen hatte. Immer ging es darum, ein paar soziale Errungenschaften madig zu ma ...