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Wanderlustige Märchen, Verschwörungstheorien, urban legends - Teil 3
Was gehen Wandermärchen und Verschwörungsgeschichten uns an?
Verschwörungsgeschichten und die von ihnen inspirierten Hysterien und paranoiden Massenpsychosen sind Teil der abendländischen Geistes- und Kulturgeschichte und einige von ihnen haben auch politische Geschichte gemacht.
Die zeitgenössischen Variationen altehrwürdiger Geschichten sind in diese Tradition eingebettet. Ihre Konstruktionen und Topoi, ihr Rollenpersonal und ihre Requisiten, ihre Bühnenbilder und Horrorszenarien, ihre Leitmotive, Versatzstücke, Phantasiebilder und Argumentationsmuster stammen aus dem Fundus dieser Tradition. Man muss sie kennen, um den kreativen Anteil moderner Entwürfe würdigen zu können.
Alsdann stellt sich die alte Frage: Kann man aus den Geschichten und ihrer Geschichte lernen? Und die alte Antwort lautet: Nicht, wenn man sie nicht kennt. Also erzählen wir sie.
Ja, die Freimaurer-Weltverschwörung. Im protestantischen Milieu hob sie trotz der Enthüllungen Göchhausens nie so recht ab, obwohl Göchhausen und sein Zirkel, die „Gesellschaft patriotischer Gelehrter“, so konspirativ agierte wie in ihrer Phantasie der von ihnen imaginierte Feind, die freimaurerisch-jesuitische Verschwörung.
Undank ist der Welt Lohn, und so schrieb ein Mahner und Warner ein eigenes Buch über die Unbill, die er ob seiner Mahnungen und Warnungen erlitten hatte: „Geschichte meiner persönlichen Anklage des Freimaurer-Ordens als einer Verschwörungs-Gesellschaft bei dem Ministerium zu Berlin und meiner Behandlung als Verbrecher darauf“ etc. Gedruckt zu Schaffhausen 1858.
Dabei wäre der unglückliche Verfasser, der Dresdner Rechtsanwalt Eduard Emil Eckert, geradezu prädestiniert gewesen, ein zweiter Abbé Barruel zu werden, denn so wie jener die Revolution von 1789 als Werk der Freimaurer entlarvt hatte, so entdeckte Eckert die Freimaurer als Drahtzieher hinter den revolutionären Erschütterungen von 1848, genauer: Die deutsche Reichsverfassung von 1848/49 sei „vom engeren Maurerbunde den reinen Social-Demokraten dekretiert“ worden.
Und die Weltzentrale der Freimaurer war gleich vor seiner Nase im heimischen Dresden! Es ließ sich alles auch sehr hoffnungsfroh an: Ein Aktivistenkreis von eifrigen Gläubigen – genauer gesagt von gläubigen Eiferern – war schnell gesammelt, komplett mit einem bekehrungs- und publikationsfreudigen Ex-Freimaurer (Hermann Klencke: Gegenwart und Zukunft der Freimaurerei in Deutschland. Offener Brief zur Warnung und Rettung. Von einem Staatsmanne und ehemaligen Logenbeamten. Leipzig 1854), eine Zeitschrift wurde gegründet, eine 1a-Verschwörungsgeschichte wurde dem Parlament vorgetragen, die Regierung verbot Offizieren die Logenmitgliedschaft.
Und dann platzte die Blase. Eckert bekam einen Prozess an den Hals, seine Zeitschrift wurde verboten und sein Buch konfisziert. Er hatte sich eben das falsche Umfeld ausgesucht: Alles was geeignet war, die nach 1848 immer noch aufgeregten Gemüter wieder zu erregen, fand die Regierung überhaupt nicht amüsant. Damals wie heute bewies die erlittene Unbill dem verfolgten Weltretter natürlich nur, wie mächtig die Weltverschwörung sei, die von den Mächtigen vertuscht und von wohlfeilen Publikationsorganen verheimlicht werde. Um welche Verschwörung es sich gerade handelt, das allerdings ändert sich von Zeit zu Zeit.
Allein die katholische Partei hielt zu ihm, denn im Unterschied zu Göchhausen hatte Eckert klugerweise die Jesuiten nicht als Drahtzieher der Freimaurer ausgemacht. Und so übersetzte ein Abbé Gyr sein Werk ins Französische und ließ es 1854 in Liège (Lüttich) unter dem Titel „La Franc-maçonnerie dans sa véritable signification, ou son organisation, son but et son historie“ drucken. Eckert selbst flüchtete sich an den katholischen Hof nach Wien, wo ihm allerdings auch einiger Spott zuteil wurde. Der österreichische Polizeiminister von Kempen etwa nannte ihn das „Ichneumon“ (frei übertragen: das Schnüffeltier) der Freimaurerei.
Er starb ziemlich unbeweint und seine geistigen Nachfolger setzten ihn auf die Liste der von Freimaurern Ermordeten und da befindet er sich immerhin in bester Gesellschaft mit Gotthold Ephraim Lessing, Wolfgang Amadeus Mozart, Gustav III. von Schweden, Friedrich Schiller und Abraham Lincoln. Wie ein späteres Ichneumon, der österreichische Privatschuldirektor und Reichsratsabgeordnete Friedrich Wichtl, so schlicht bemerkte: „In der Freimaurerei ist es erlaubt zu töten“. Das wurde (und wird) noch häufiger behauptet, aber wie gesagt: Um welche skrupellosen Feinde es sich gerade handelt, das ändert sich von Zeit zu Zeit.
Nachhaltige Wirkung hatte Eckert jedoch schon um einiges früher. Sei es aus Mangel an Kreativität oder an Unverfrorenheit, sei es aus Mangel an fälscherischem Geschick, jedenfalls produzierte er keine Papiere à la „Monita secreta“, „Alta Vendita“ oder dem „Testament Peters des Großen“. Daher war er auf interpretatorische Kunstgriffe angewiesen, die man „Dechiffrierung à la Ichneumon“ nennen könnte, und das ging so:
In freimaurerischen Texten fand er Äußerungen, dass Aberglauben, Tyrannei und Falschheit vernichtet gehören. Eckert dechiffrierte:
• Aberglaube = Kirche,
• Tyrannei = Staat,
• Falschheit = Privateigentum
und veröffentlichte das „Magazin der Beweisführung für Verurtheilung des Freimaurerordens als Ausgangspunkt aller Zerstörungsthätigkeit gegen jedes Kirchenthum, Staatenthum, Familienthum und Eigenthum mittelst List, Verrath und Gewalt“ 1855-56 gleich in zwei Bänden.
Die Dechiffrierung war absurd: Die Freimaurer des 18. Jahrhunderts waren in ihrer überwältigenden Mehrheit nicht einmal Republikaner, sondern antiklerikal orientierte Anhänger des aufgeklärten Absolutismus - auch Ludwig XVI. und sein Bruder waren Mitglieder in Freimaurerlogen.. Und auch der gemächliche Schwenk zur Befürwortung konstitutioneller Monarchie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts machte sie nicht zu erschröcklichen Social-Demokraten oder gar wildblickenden und bombenwerfenden Anarchisten. Aber Absurdität hat noch keinen Verschwörungsmythiker von seinem Mythos abgebracht.
Eckert las, dass die Freimaurerbrüder, obwohl zerstreut über den gesamten Erdkreis, einer einzigen Bruderschaft angehören und ihrem gemeinsamen Ziel verbunden sind. Er dechiffrierte, die weltliche Herrschaft solle der geistigen Herrschaft der Freimaurerlogen unterworfen werden und schrieb, dass „der rechte, große, geheimnisvolle und unaussprechliche Ordenszweck der Freimaurer Wiederherstellung der alten Heidenkirche und ihre Erhebung zu einer theokratisch-politischen, einheitlichen Weltmacht mit Lebensgemeinschaft der Gläubigen“ sei.
Kaum 20 Jahre später wurde exakt die gleiche interpretatorische Technik auf den Talmud angewendet und siehe da! Mit dem gleichen Ergebnis: Weltherrschaft, Theokratie und was sonst noch so dazugehört. Was beim Talmud umso leichter ging, als die Dechiffrierung à la Eckert/Ichneumon in diesem Fall schlicht und ergreifend „Übersetzung“ genannt werden konnte. Was sich so bewährt hat, erfreut sich bis heute großer Beliebtheit, z.B. bei gewissen Koranauslegern. Aber das ist eine andere Geschichte.
Eckert wurde eine späte Würdigung zuteil durch den glücklosen General und ebenso glücklosen Putschisten Erich Ludendorff, aber den kriegen wir erst später, er ist Post-Weltkrieg I-Ware.
Der Taxil-Schwindel
Der arme Eckert war mit seinem Feldzug gegen die Freimaurerei also kläglich gescheitert. In der katholischen Kirche dagegen hatten Enthüller wie der Bischof von Grenoble, Armand-Joseph Fava, „der Hammer der Freimaurerei“, das Ohr höchster Stellen. Kaum hatte er 1883 ein Buch veröffentlicht, das von Hostienschändung über Satansdienst bis zu Meuchelmord keinen Vorwurf ausließ, da wurde von Papst Leo XII. 1884 die Enzyklika Humanum genus verkündet, die die komplizierte Welt auf einen einfachen Nenner brachte: Auf der einen Seite das Königreich Gottes auf Erden, die Kirche Jesu Christi (sprich: die Katholische Kirche), auf der anderen Seite das Königreich Satans. Die Freimaurer gehören, wer hätte das gedacht, zum „Reiche Satans und zu den höllischen Mächten. Sie sind beseelt von den trotzigen Geistern des Teufels, eine gottlose Sekte, Vernichter aller Religionen, die Partei des Bösen, eine unreine Seuche (impuram hanc luem), zu jeder Freveltat fähig, verwegene und durchtriebene Meuchelmörder. Es gibt nichts Verwerflicheres als ihre Grundsätze. … Sie sind von unbändiger Treulosigkeit und Verstellung, müssen deshalb entlarvt und ausgerottet werden“.
Das wirkte: 1885 platzte eine sensationelle und erhebende Nachricht in die Enklave des „römischen Gefangenen“, als der sich der Papst seinerzeit stilisierte.
Und das wird jetzt unser Cliff-Hanger bis zum nächsten Mal.
(4. und letzter Teil folgt)
• Teil 1
• Teil 2
Tags für diesen Artikel: antijudaismus, antiklerikalismus, antisemitismus, deutsches reich, medien, presse, urban legend, verschwörungtheorien, wanderlegenden, wandermärchen
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Kommentare
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#1
Alla
am
11/22/08 um 08:36
[Antwort]
Krass, bis ich mich da rein gedacht habe, hat es ein wenig gedauert :) Aber interessante Betrachtung!



















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