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Wanderlustige Märchen, Verschwörungstheorien, urban legends - Teil 4 und Schluss
Augenzeugen- und Aussteigerberichte sind seit jeher einer der mitreißendsten und wirksamsten Bestandteile verschwörungstheoretischer Wandermärchen.
Daher reagierte die katholische Kirche geradezu elektrisiert, als sie 1885 das neueste On-dit über Leo Taxil, den Gründer und Organisator der französischen “Antiklerikalen Liga” (140 Ortsgruppen mit 17.000 Mitgliedern, plus 148 angegliederte Vereine) und Herausgeber der Zeitschrift “Antiklerikal” erfuhr. Von den enzyklikalen Mahnungen “Humanum genus” ergriffen, war der Lästerer und Spötter und nun Ex-Freimaurer und Ex-Freigeist als reuiger Sünder in den Schoß der Kirche zurückgekehrt, in ein Exerzitienhaus der Jesuiten eingetreten und begehrte, sich in ein Trappistenkloster zurückzuziehen. Das Begehren allerdings löste gemischte Gefühle aus. Rückzug ins Kloster? Ob er seine Feder und seinen Kampfgeist nicht lieber der Kirche zur Verfügung stellen wolle? Er wollte. Und ob er wollte! Noch im gleichen Jahr erschien Band 1 seiner dreibändigen “Vollständigen Enthüllungen über die Freimaurerei” mit - aber hallo! - Augenzeugenberichten über freimaurerischen Satanskult, Teufelsbeschwörung und schwarze Kunst.
Das wurde ein Bombenerfolg: Auflage allein nur der französischen Ausgabe über 100.000 Stück, eine vom Jesuitenpater Hermann Gruber besorgte deutsche Übersetzung wurde parallel von der frommen Paderborner Bonifacius-Druckerei und der Schweizer Buchdruckerei des Werkes vom heiligen Paulus in Umlauf gebracht, Übersetzungen in weitere Sprachen folgten.
Zur Belohnung wurde der erfolgreiche Verfasser Leo Taxil vom Papst persönlich in Privataudienz empfangen, fand Mitarbeiter und Epigonen und steigerte sich von Band zu Band. Hatte er einst in sündiger Vorzeit sein antiklerikales Publikum mit Erzählungen über “Die geheimen Liebschaften von Pius IX.” oder die “Ausschweifungen eines Beichtvaters” unterhalten, so malte er seinem frommen Publikum Bilder von orgiastischen Ausschweifungen in “palladistischen Satanslogen”. Potzblitz, da geht einem ja mehr als nur der Hut hoch vor ähh, Empörung!
Alsdann zum ähhh, Erbaulichen: Gleich 10.000 Abonnenten für den “Teufel im 19. Jahrhundert” in 200 erhebenden Fortsetzungen. Darin wurde die Teufelstochter Diana Vaughan vorgestellt, gezeugt vom Teufel Bitru, vermählt mit dem Teufel Asmodeus, deren Seele trotz alledem endlich vom missionseifrigen Taxil gerettet worden war. Die katholische Kirche erbebte vor Ergriffenheit, als sie die Nachricht von Miss Vaughans Bekehrung empfing. Highlights ihrer “Erinnerungen einer Ex-Palladistin”: Der Schwanz des Löwen des Apostels Markus (ihr Hochzeitsgeschenk), ein klavierspielender Dämon in Gestalt eines Krokodils, na und noch so einiges. Frisch bekehrt veröffentlichte sie eine Gebetssammlung mit dem Titel “Eucharistic Novena”, die Papst Leo XIII. sehr lobte, und spendete für fromme Zwecke - namentlich für einen geplanten antifreimaurerischen Kongreß -, wofür ihr der Kardinalvikar Parocchi im Auftrag des Papstes den Apostolischen Segen übermittelte.
Taxil veröffentlichte derweil das Buch “Der Meuchelmord in der Freimaurerei”, damit auch das Gruseln nicht zu kurz kam, und der französische Erzbischof Léon Meurin warnte auf 556 Seiten vor der Freimaurerei als “Synagoge Satans”. In seinem Buch teilte er mit, was selbst Taxil nie behauptet hatte: “Alles in der Freimaurerei ist von Grund auf jüdisch, ausschließlich jüdisch, leidenschaftlich jüdisch, von Anfang bis Ende.”
Das mit der “Synagoge Satans” stammte aus der Johannes-Apokalypse: “Und ich weiß, dass du von solchen geschmäht wirst, die sich als Juden ausgeben; sie sind es aber nicht, sondern sind eine Synagoge des Satans” (Offb 2,9) und: “Leute aus der Synagoge des Satans, die sich als Juden ausgeben, es aber nicht sind, sondern Lügner – ich werde bewirken, dass sie kommen und sich dir zu Füßen werfen und erkennen, dass ich dir meine Liebe zugewandt habe. ” (Offb 3,9). Der Ausdruck war von Papst Pius IX. in der Enzyklika “Etsi multa luctuosa” verwendet worden und ebenso von seinem Nachfolger Leo XIII. Das hatte ganz fatale Auswirkungen, denn das angesprochene Publikum blätterte natürlich nicht in der Johannes-Apokalypse nach, sondern fasste es so auf: “Aha, Synagogen sind des Teufels und Juden auch, wir hatten uns doch schon so etwas gedacht, aber schön, dass der Heilige Vater es noch mal so klar gesagt hat.” Und von Erzbischöfen bis zu Journalisten der katholischen Presse, alle plapperten das griffige Schlagwort nach. Halt, stopp! Taxil tat es nicht, und das ist ihm hoch anzurechnen.
Ungläubige wie Joseph Gabriel Findel hielten das ganze für “Katholischen Schwindel” und machten sich über “Die Germania und den Gockelhahn des Teufels Bitru” lustig. Es muss aber bemerkt werden, dass die Begeisterung, mit der die Enthüllungen in Frankreich, Österreich und Italien aufgenommen wurden, sogar noch größer war als in Germanien.
Für kirchenkritische Karikaturisten war die Affäre eine Gottesgabe:

Wie den braven Tirolern der Freimaurerteufel Bitru erscheint! In: Jugend, 1896. Weitere Karikaturen hier.
Wie den braven Tirolern der Freimaurerteufel Bitru erscheint! In: Jugend, 1896. Weitere Karikaturen hier.
Im September 1896 fand der von Miss Vaughan gesponsorte Kongress in Trient statt, 36 Bischöfe, 50 bischöfliche Delegierte und mehr als 700 interessierte Verehrer nahmen teil, alles wartete gespannt auf ihr Auftreten, allein: Die Dame erschien nicht. Dabei hatte Taxil ihr Erscheinen doch angekündigt! Ein Monsignore Gratzfeld äußerte gar Zweifel an ihrer Existenz, und das Publikum war gespalten. Da kletterte Taxil auf die Rednertribüne und riss das Ruder herum. Wie die “Historisch-politischen Blätter für das katholische Deutschland” berichteten (Bd. 118), rief er aus:
“Ich könnte Ihnen alles das beweisen, was sie gefragt haben. Das Material darüber habe ich in der Tasche, aber sie dürfen es nicht wissen. Sie sind zu neugierig, mein Herr! Sie wissen gar nicht, welches Unheil sie anrichten, wenn Sie öffentlich solch delikate Dinge behandeln. Der Dolch der Freimaurerei bedroht Diana Vaughan stündlich, also schweigen wir über solche Vorgänge, um die Heilige nicht zu gefährden. Einer Kommission von Vertrauensmännern werde ich die Beweise vorlegen, aber Ihnen nicht!”
Das hätte ein heutiger Verfassungsschutzbeamter vor Gericht nicht schöner formulieren können. Vielleicht nicht einmal halb so schön, aber V-Männer und V–Frauen sind ja auch eher keine Heiligen.
Als auch die Phantasie Taxils keine Steigerung mehr hergab, inszenierte er als krönenden Abschluss die letzte tolle Sensation. Für den Ostersonntag im Jahre des Herrn 1897 verschickte er Einladungen zu einer Pressekonferenz in der Geographischen Gesellschaft in Paris. Und was dort geschah, das möge uns Theodor Lessing, der Taxil persönlich gekannt hat, erzählen:
“Vor den Erschienenen trat er am 19. April 1897 zur grenzenlosen Überraschung der uneingeweihten Kleriker mit der lachenden Enthüllung hervor, dass er immer noch, wie in seiner Jugend, Freidenker und Kirchenfeind sei und lediglich ein zehn Jahre lang dauerndes Spiel mit dem Aberglauben und dem Fanatismus des Menschen gespielt habe. Alle Einzelheiten seiner Audienzen beim Heiligen Vater, seinen Verkehr mit den Bischöfen, die kleinen Züge des von den Jesuiten gewünschten und angebahnten Wunderschwindels, die Lebensgeschichte der Vaughan, alles gab er in behaglich-komischer und derb übermütiger Weise dem Gelächter preis. Der Skandal zitterte manche Jahre nach. Taxil hielt während dieser Zeit Vorträge über seine Erlebnisse mit der Kirche in den französischen Städten und gab eine Fülle spöttischer, derb-satirischer Schriften heraus, die das Motto tragen ‘Tuons les par le rire’ (Töten wir sie durch Gelächter!) und mit übermütigen Widmungen an die befreundeten Bischöfe oder gar an den Papst zum Danke für die ihm erteilten Segen versehen sind.”(Theodor Lessing: Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen, S. 87 ff.).
Frage eines kritischen Lesers: Ob die ganze Taxil-Geschichte nicht einfach zu schön sei, um wahr zu sein? Aber das ist sie! Isch schwör! Sie ist sogar auf Wikipedia nachzulesen! Und bitte sehr, manche glauben Taxil bis heute alles. Alles, außer der amüsierten Auflösung in der amüsanten Schlussszene. Einer der Gläubigen ist ein gewisser Jack Thomas Chick (abgekürzt JTC, andere behaupten, die Initialen stünden für “Jesus The Christ”), der die Fabeleien Taxils todernst nimmt und in Traktaten wie “Der Fluch Baphomets” unters Volk streut. Mit aktuellem Update, versteht sich:
Nebenbei bemerkt, Chick ist strikt antikatholisch, was ihn aber nicht hindert, sich auf den alten Medienhype der katholischen Kirche zu stützen. Aber warum auch nicht, der Katholik, Zisterzienser, Priester, Okkultist, Hochstapler, Rassentheoretiker und Frauenhasser Adolf Joseph Lanz, bekannter als Jörg Lanz von Liebenfels, “der Mann, der Hitler die Ideen gab”, störte sich ja auch nicht daran, Antikatholizismus und insbesondere Antijesuitismus vom Gröbsten zu propagieren und sich dem strikt antikatholischen und antisemitischen Politiker Georg von Schönerer anzuschließen. Im Unterschied zu Chick hatte Lanz den Taxil-Schwindel übrigens genau studiert und 1905 sogar ein Buch darüber geschrieben: “Der Taxilschwindel. Ein welthistorischer Ulk.”
Im gleichen Jahr veröffentlichte er ein weiteres Werk, und mit dem wurde er recht bekannt: “Die Theozoologie oder die Kunde von den Sodoms-Äfflingen und dem Götter-Elektron.”
Taxil kannte sein französisches Publikum und Lanz sein deutschsprachiges. Eine fesche junge weibliche Hauptperson wäre da überhaupt nicht gut gekommen, umso mehr zogen “Manneskraft”, “Herrenmoral” und “Die Rassenwirtschaftliche Lösung des sexuellen Problems” (Originaltitel! In echt!). Er gründete den “Neutempler-Orden” und konnte bald berühmte Mitglieder anwerben: August Strindberg, Alfred Kubin und manch andere. Finanziell wurde die Sache recht einträglich, die psychischen Unkosten dagegen waren hoch: Es scheint, dass er mehr und mehr begann, seinen Schwindel selbst zu glauben, bis er schließlich in Nibelungentreue fest von seinen Geisteskindern, den von ihm propagierten Ideen, überzeugt war: Berufsrisiko eines bierernsten Fabulierers.
Der Ritualmord-Schwindel
Der Schmerz der katholischen Kirche wegen der Taxil-Blamage hielt sich in Grenzen, denn längst hatte man einen anderen Hauptfeind ausgemacht. Jetzt fehlte nur noch ein richtig scharfer Aufhänger. Wieder spielten “Augenzeugen und Aussteiger” eine zentrale Rolle, zusätzlich kamen Akademiker zweiter Wahl in der Rolle als Experten hinzu, und schließlich wurde es bitterernst. Aber eins nach dem anderen.
Tags für diesen Artikel: antijudaismus, antiklerikalismus, antisemitismus, deutsches reich, medien, presse, urban legend, verschwörungtheorien, wanderlegenden, wandermärchen
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Ich bin ein ganz normaler Mensch der ab und zu hier mitliest.
Ich frage deshalb weil ich mal in einem Beitrag von Ihnen gelesen habe dass sie Muslima sind. Und dieser Fakt ist nicht ganz so unmaßgeblich, schliesslich fragt man sich welche Motivation hinter manchen Beiträgen steckt.
netter Artikel, ich wollte aber nur anmerken dass bei der HTML-Formatierung wohl was schief gelaufen sein muss, im Titel vom Browser erscheinen lauter Tags, denke die sollte da wohl eigentlich nicht hin..
MfG