Ein Anästhesist auf Abwegen
Gestern Nachmittag war ich nahe daran die Operation meiner Tochter abzusagen. Dabei war ich doch eigentlich so glücklich, das wir einen Termin für die Operation beim besten Berliner Augenarzt hatten, der sie mit seinem Team auch schon vorher bestens versorgt hat. Termine sind da kaum zu bekommen. Nicht weil es um das große Geld geht, sondern weil einfach zu viele Patienten sich um die wenigen guten und fleißigen Ärzte drängeln.
Dabei hatte der Nachmittag eigentlich so gut angefangen. Meine Tochter hatte mich als Begleitperson bei dem Gespräch mit dem Anästhesisten auserkoren und Mutter sollte mit zur OP, wobei ich aber auch da mit geduldet gewesen wäre. Als Zusatz.
Also taperten wir beide los. Das ambulante OP-Zentrum ist zwei Querstraßen weiter auf einem kleinen Hügel. Fünf meiner Kinder wurden in dem Krankenhaus geboren. Unzählige Kinder von meinen Freunden, aber das Haus hat nachgelassen. Sehr nachgelassen. Ärztliche Inkompetenz und Unwilligkeit retten auch die netten Ordensschwestern und das tolle Personal nicht.
Ich merkte schon wie mein Töchterchen, das sonst eher wie ein Wasserfall plaudert - von wem mag sie das nur haben - immer ruhiger und schweigsamer wurde. Als wir vor dem Gebäude standen, stockte ihr Schritt. Also haben wir uns erst einmal draußen auf die Bank gesetzt, wir hatten ja Zeit. Wir haben es noch mal durchgekaut. Das man gegen das Schielen was machen muss, das die Brille, abkleben und diverse Prismenfolien es eben nicht gebracht haben. Ich könnte dem Papst ein Doppelbett verkaufen. Sie hat sogar wieder gelacht.
Wir also rauf zu Anmeldung. Andere Kinder vor uns, auch Erwachsene. Nettes Personal. Wir hatten unsere Papiere ausgefüllt. Alles in Butter. Nun mussten wir nur noch mit dem Anästhesisten reden. Während wir warteten spielte meine Tochter in der sehr gut eingerichteten Spielecke.
Es dauert auch nicht lange. Ein Doktor X rief uns auf und führte uns in einen kleinen Besprechungsraum. Töchterchen war nicht begeistert, aber der Arzt brauchte noch einmal ihre Versicherungskarte und sie durfte sie in den Leser stecken. Ein wenig Blutdruckmessen, abhören, ein kurzer Blick in die Unterlagen und dann ging es los.
"Also ich mache bei Kindern ja immer eine Akkupunktur, damit die Fäden an den Augen nicht so kratzen." erläuterte mir der Doktor, nachdem er schon die dritte Änderung an der Bestellung für den Beruhigungsdrink machte. Erst waren es 9, dann 8 und jetzt 7 x irgendwas. Mein Vertrauen wurde sichtlich kleiner. Aber er wusste was er wollte. "Leider bezahlt das ihre Krankenkasse nicht." Er sah mich abschätzend an, und ich konnte ihn rechnen sehen. Aber für 25 Euro, die sie privat bezahlen können wir das natürlich trotzdem machen. Es ist sehr sinnvoll."
Wer mich kennt, weiß das aus meinen Augen zu diesem Zeitpunkt schon Mord sprach. Aber das Doktorchen kannte mich natürlich nicht. Siegesgewiss grinste er mich an. Ich habe meine Entscheidung in Bruchteilen von Millisekunden gefällt und zurückgegrinst und ins Hemd zum Geld gegriffen. Aber auf die Art wollte der kleine Nutterich dann doch nicht bezahlt werden. "Nein Sie müssen nur hier unterschreiben, ich lege ihnen für morgen eine Quittung hin."
Natürlich habe ich unterschrieben und war mit meiner Wut alleine. Die 25 Euro interessieren mich nicht. Er hätte auch fünfhundert haben können wenn es denn notwendig wäre. Allerdings hatte ich mit dem Augenarzt und Operateur schon alles notwendige abgesprochen. Der hatte mir Idioten erklärt, was genau er machen wird und ich habe brav so getan, also ob ich es verstanden hätte. Wenn ich dem einen Computer erkläre sieht der wahrscheinlich genauso blöd aus.
Nein, der miese kleine Anästhesist macht hier ein nettes kleines Nebenbeigeschäft und zwar eines der ganz sicheren Sorte. Ich hatte genau drei Möglichkeiten. Ich hätte ihm aufs Maul hauen und die Polizei wegen versuchter Erpressung rufen können. Ich hätte nein sagen können und riskieren das dieser Drecksack aus meinem süßen Töchterlein eine geistige Ruine macht, weil er seinen Nuttenlohn nicht gekriegt hat, oder ich musste gute Miene zum bösen Spiel machen.
Ich war feige, ich wollte nicht auf den OP-Termin verzichten. Das Risiko nein zu sagen, wäre ich nie eingegangen. Ich habe mich selbst geleimt. Vaterliebe war der Leim. Ansonsten ist es wahrscheinlich Mutterliebe auf die dieser "Arzt" setzt. Seine Leimruten sind unüberwindlich und gerade deshalb so gemein.
Ich habe die ganze Nacht überlegt ob ich nicht doch absagen soll. Ich war mir nicht sicher ob solch ein medizinischer Betrüger wenigstens sein Handwerk beherrscht. Bei mir standen alle Signale auf Rot. Es scheint gut gegangen, aber die Angst hat der Dreckskerl nie wieder gut machen.
Gäbe es ein Recht in Deutschland und nicht nur eine Justiz, dann dürfte dieser Kerl nie wieder an einen Patienten und würde wenigstens ein paar Jahre gesiebte Luft atmen. So wird sein Vorgesetzter meine E-Mail mit dem Hinweis auf diesen Artikel einfach übersehen, genau wie die Kassenärtzliche Vereinigung und die Staatsanwaltschaft.
Allerdings bin ich nicht so vergeßlich. Ganz und gar nicht.




















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